Wochenschau (161)

Auch Deutsche mit Migrationsgeschichte unter den Nominierten

Der deutsche Regisseur İlker Çatak ist mit seinem Film „Das Lehrerzimmer“ für den Oscar in der Kategorie „Bester internationaler Film“ nominiert. Zwei weitere Deutsche können sich ebenfalls Hoffnung auf den Preis machen.

Fehlt Ihnen hier etwas? Erscheinen Ihnen die vermittelten Fakten unvollständig? Unabhängig von dem Nachrichtenwert, den die Information, wer die „anderen Deutschen“ sein könnten, für ein deutsches Publikum vielleicht hat, gebietet es einerseits die Chronistenpflicht, andererseits einfach die Höflichkeit, ebenso die „anderen Deutschen“ zu nennen. Also: Dieses Jahr sind zudem die Schauspielerin Sandra Huller für ihre fulminante Arbeit in „Anatomie eines Falls“ nominiert, außerdem konnte Japan den Film „Perfect Days“ des deutschen Regisseurs Wim Wenders erfolgreich als besten internationalen Film ins Rennen schicken.

Warum also dieser Einstieg? Nun ja, in dem ohnehin schon immer unbehaglichen Oscar-Berichterstattungs-Genre Unsere Deutschen in Hollywood! blieb tatsächlich İlker Çatak in den vergangenen Tagen so häufig unerwähnt, dass die seltsame Systematik in der Unsichtbarmachung des Regisseurs nicht nicht zu sehen war. Auf seinem Instagram-Account dokumentierte Çatak beispielhaft Artikel – von „Stern“ über ZDF – denen das Kunststück gelungen war, über seinen Film „Das Lehrerzimmer“ zu schreiben, ohne ihn als Regisseur zu nennen. (Einige Medien haben das mittlerweile geändert.)

İlker Çataks Instagram-Story zu Meldungen des ZDF und des "Sterns"
Screenshot: Instagram / İlker Çatak

Diese Nicht-Erwähnung ging so weit, dass statt seines Namens oft stellvertretend nur der Filmtitel auftauchte – während Huller und Wenders ganz selbstverständlich genannt wurden. In der Headline, im Teaser und auch in den Texten verschiedener Medien fanden sich dementsprechend Variationen von Hurra, Germany at the Oscars, nominiert sind Wim Wenders, Sandra Hüller und „Das Lehrerzimmer“.

Na, dann hoffen wir mal, dass sich „Das Lehrerzimmer“ eine Fliege binden kann.

Warum wurde der Name nicht vermisst?

Den Blick für das zu schulen, was systematisch übersehen wird, ist heute vielleicht eine der größten Herausforderungen für Medienschaffende. Denn die Frage ist doch: Was in den Dynamiken der Newsrooms, was in der Homogenität der Redaktionen, was in der Wahrnehmung der Autor:innen erzeugte diesen weißen Fleck der unwillentlichen Voreingenommenheit, in der ein deutscher Oscar-Nominierter mit einem nicht-herkunftsdeutschen Namen durchs Raster fällt? Warum wurde diese informationelle Leerstelle nicht erkannt, warum wurde dieser Name in der Auflistung nicht vermisst?

Diese Spannung zwischen einer Gesellschaft und ihren Minderheiten ist so präsent, dass sie auch im Mediensystem wirkt: Jemand wird nicht gesehen, weil er nicht als Teil der Mehrheitsgesellschaft wahrgenommen wird, wodurch sich unser Bild der Mehrheitsgesellschaft nicht ändert und er weiter ungesehen bzw. der Andere bleibt. Es ist der Kreislauf einer permanenten, gedanklichen Exklusion, die nicht über Ressentiment oder Feindlichkeit funktioniert, sondern subkutan, über die Wahrnehmung bzw. eben die Nicht-Wahrnehmung.

Erlauben Sie mir, diese Dynamik an einem kleinen gedanklichen Exkurs zu verdeutlichen: Stellen Sie sich vor, Sie kaufen in der Apotheke eine Packung Pflaster. Wie Sie der Packungsbeschreibung entnehmen können, sind diese „hautfarben“. An welche Farbe denken Sie bei dem Wort „hautfarben“?

Wahrscheinlich an eine Art von Beige, oder? Nun ist diese Bezeichnung surrealer Nonsens, der spätestens als solcher auffallen sollte, wenn eine Schwarze Person sich ein „hautfarbenes“ Pflaster aufklebt, „hautfarbene“ Strümpfe kauft oder „hautfarbenes“ Make-up aufträgt. Diese Bezeichnung ist Ausdruck der selbstverständlichen Selbstwahrnehmung einer mehrheitlich weißen Gesellschaft, die einen hellen Hautfarbton dermaßen als ihr Normal verinnerlicht hat, dass sie sich der Absurdität gar nicht gewahr ist. Und obwohl ich das alles weiß, ist meine erste Assoziation bei dem Wort „hautfarben“ immer noch: beige. (Pflasterhersteller sind sich übrigens dieser Dissonanz inzwischen bewusst und bieten Produkte in unterschiedlichen Hauttönen an.)

So verhält sich das auch mit der Wahrnehmung, wer Deutscher ist und wer nicht. Rassifizierte Menschen in Deutschland werden nach wie vor nicht mit der souveränen Selbstverständlichkeit einer Einwanderungsgesellschaft als Deutsche registriert, sondern als Andere – und somit eben gar nicht. Und diese kognitive Konditionierung findet sich überall, dementsprechend auch in einem dpa-Newsroom, in Redaktionen und Verlagshäusern.

Immer wieder dieser bornierte Nachlässigkeit

Çatak schreibt in seinem Gastbeitrag in der Zeit:

Du kannst noch so viel leisten, aber neben anderen (echten) Deutschen, wirst du immer nur der Andere bleiben. Ob die Journalistinnen hier bewusst oder unbewusst vorgehen, spielt keine Rolle, denn wie oben schon beschrieben ist auch Ignoranz eine Form der Ausgrenzung, eine Form von Rassismus. Und ja, heute stelle ich mich mit breiter Brust hierhin und nenne das Kind beim Namen. Wir reden von Rassismus. Wir reden von Ausgrenzung und einer Deutschland-Fixierung, die in unseren Leitmedien, nicht irgendwelchen Provinzblättern, unsere Headlines und damit unseren Headspace bestimmt.“

Nicht-herkunftsdeutsche Namen nicht als mögliche Namen eines Deutschen wahrzunehmen, ist der beige Filter unserer Konditionierung. Hinzu kommt allerdings noch die bornierte Nachlässigkeit, wenn es darum geht, nicht-herkunftsdeutsche Namen richtig zu schreiben oder auszusprechen. Denn wenn İlker Çatak in diesen Tagen das Glück hatte, doch genannt zu werden, dann wurde er aber wenigstens falsch geschrieben. Ob im Kunstmagazin „Monopol“ oder auf Boulevardportalen.

İlker Çatak heißt der Mann, İLKER ÇATAK, Ida Ludwig Konrad Emil Richard, Tschibo Autobahn Tatort Adventsfest Kuckucksuhr, nicht Katak, nicht Catak. İlker Çatak. 

Es war schon bei den Namen der Opfer des rechtsextremistischen Anschlags in Hanau ein Problem – und es bleibt offenbar eine Herausforderung für Redaktionen: Sonderzeichen, wie beispielsweise das ç, das C mit der Cedille, das im Türkischen die sogenannte stimmlose Affrikate kennzeichnet, also ein „tsch“ wie in „tschau“. Hinzu kam die Multiplikation – und vielleicht auch Legitimation – der Falschschreibung durch eine dpa-Meldung. Die Meldung „Ilker Catak: In der Schule war ich ein Troublemaker“ wurde kaum abgeändert übernommen, wodurch nun in etlichen Stücken der Name Çatak in einem ganzen Text über Çatak durchgehend falsch geschrieben wurde, angefangen in der Headline. Eine der Ausnahmen: die taz, die auch bei den Opfern von Hanau bereits früh die richtige Schreibweise veröffentlichte und ohnehin sorgsam mit nicht-herkunftsdeutschen Namen umgeht.

Ganz ehrlich, wir können die Familienmitglieder des Hauses Targaryen aus der Serie „Game of Thrones“ aufzählen, angefangen bei Daenerys, werden nervös, wenn jemand „Gnotschi“ bestellt und nerven die Welt mit sinnentfremdeten Anglizismen, aber bei einem türkischen oder arabischen oder vietnamesischen Namen flüchten wir wie vom Licht verschreckte Nacktmulle vor den Vokalen?

Erfolgreiche sind nicht wirklich deutsch, Erfolg aber schon

Das Othering, also Personen explizit zu den Anderen zu machen, kann in der Berichterstattung aber auch mit einer Überfixierung erfolgen. Dann nämlich, wenn aus dem Menschen mit Migrationsgeschichte, dem etwas Berichtenswertes gelungen ist, das Wunder von Deutschland gemacht werden soll. Der personifizierte German Dream, der das Märchen des sozialen Aufstiegs und der Chancengleichheit beweisen soll. Migrant:innen werden in dieser Vereinfachung zu Trophäen der sozialen Mobilität oder zu Maskottchen gelungener Integration gemacht – selbst wenn sie hier geboren und aufgewachsen sind. Das konnte man beispielsweise an der Berichterstattung rund um das deutsche Biontech-Gründerpaar Uğur Şahin und Özlem Türeci beobachten, das skurrilerweise nicht als Forschungserfolg, sondern gerne als vorbildliche und gelungene Integrationsgeschichte erzählt wurde. 

Und am Ende ging es dann doch immer um deutsches Befinden. Das Lob dieser beiden Erfolgsträger ist natürlich projiziertes Eigenlob, die beiden deutschen Forschenden in dieser Fiktion keine richtigen Deutschen, ihr Erfolg aber natürlich ein ganz toller deutscher. Wir kennen das ja, wenn etwas klappt, sind wir alle Deutschland und Deutschland ist der Erfolg. „Wir sind Papst!“ war die Schlagzeile der „Bild“ als Joseph Ratzinger 2005 zum Papst gewählt wurde. Was wiederum die publizistische Reaktion auf den Oscargewinn der deutschen Produktion „Das Leben der Anderen“ inspirierte: Etliche Medien riefen uns 2007 ein „Wir sind Oscar!”“ zu. Ach ja, und im September vergangenen Jahres waren wir alle Basketball-Weltmeister.

Die inspirierenden Aufstiegsgeschichten dienen als anekdotische Evidenz, die systemische Barrieren vergessen machen soll, auf die nicht-weiße Deutsche bei ihren Bemühungen um Inklusion stoßen. Diese Erzählung verschleiert allerdings, dass Menschen mit Migrationshintergrund den sozialen Aufstieg in Deutschland nicht dank, sondern häufig trotz der Strukturen schaffen. 

Es ist eine narrative Falle des Biografisierens, in die man als Person mit Einwanderungsgeschichte selbst tappen kann, in die ich selbst oft trete, weil diese Geschichte – richtig erzählt – für jeden funktioniert. Doch wenn man nur die eigene Wertigkeit beweisen will, um den Erfolg einer Einwanderungsgesellschaft zu belegen, um Rassisten und AfD-Lügen zu strafen, bedient man genau diese neoliberale Idee, nach der Menschen sich anhand dessen vergleichen lassen, was sie für eine Gesellschaft leisten. Man versucht mit Erfolg und Fleiß eine rassistischen Gesellschaft zu überlisten, zu überzeugen, aber handelt dabei nach der Logik der Rechten: Läuft es doch darauf hinaus, dass Respekt und Anerkennung sich erst verdient werden müssen, und dass es als Teil des Systems hingenommen wird, dass Menschen nicht-deutscher Herkunft mehr leisten müssen, um anerkannt zu werden. Man kennt das als respectability politics. Die Idee dahinter: wenn sich marginalisierte Menschen genügend anpassen, wird das Problem der Diskriminierung gelöst. Diese Politik verkennt jedoch das strukturelle Moment, das institutionalisierte Formen von Diskriminierung haben, ob in der Wirtschaft, in der Bildung, Politik oder im Rechtssystem. 

Medien müssen ihren Blick hinterfragen

Das ist der Grund, warum etablierte Medien mit umso größerer Selbstkritik ihre Wahrnehmungslücken reflektieren und sie bestenfalls schließen müssen. Die Kritik hier lautet nämlich nicht, dass diese Wahrnehmungslücke in Medienhäusern existiert, sondern dass es an Hybris grenzt, sich dieser nicht gewahr zu sein.

Wenn es Aufgabe der Massenmedien ist, eine Wirklichkeit abzubilden, dann tragen sie in ihrer Auswahl dessen, was sie abbilden, dazu bei, was wir als Wirklichkeit wahrnehmen. Wenn dabei aufgrund von strukturellem Rassismus bestimmte Menschen notorisch ausgeklammert und übersehen werden, bleiben sie auch einer Öffentlichkeit verborgen. So ändert sich unsere Vorstellung einer deutschen Gesellschaft nicht und so werden Menschen zu Fremden und Unsichtbaren gemacht. Unser Denken bleibt beige. 

Damit Massenmedien Menschen für uns sichtbar machen, müssen sie lernen, hinter ihren eigenen Blick zu schauen. 

P.S. Hat es Sie genervt, die ganze Zeit „Sandra Huller“ statt „Sandra Hüller“ zu lesen? Ach kommen Sie, das sind doch nur zwei kleine Pünktchen, das ist doch nun wirklich kein Weltuntergang, könnte ich nun sagen. Oder mich erstmal bei Sandra Hüller für die Falschschreibung zu Demonstrationszwecken entschuldigen. Bitte fühlen Sie doch mal dem Störgefühl nach, das Sie beim Lesen hatten – so fühlt es sich täglich an, wenn man z.B. Çatak heißt und stets Catak liest. Oder El Quassil statt El Ouassil

37 Kommentare

  1. Lesenswerter Artikel, wobei es sein kann, dass die zuständigen Redaktionen İlker Çatak vllt wirklich für einen Türken hielten, also Dummheit statt Bosheit? Was das Problem natürlich nur eine Stelle weiter verschiebt.

    „Hat es Sie genervt, die ganze Zeit „Sandra Huller“ statt „Sandra Hüller“ zu lesen?“
    Tatsächlich nicht, weil ich beide Namen hier zum ersten Mal bewusst wahrgenommen habe und ich dachte, sie hieß so.

  2. Und ich habe statt Huller ganz automatisch und unbewusst als Hüller gelesen, konnte mich deshalb gar nicht „aufregen“. Mist äh schade. :-)

    Namen falsch schreiben geht gar nicht.

  3. Es hatte mich früher immer geärgert, wenn im Spiegel (den las ich damals) regelmäßig Diakritika weggelassen wurden – außer natürlich in Namen westeuropäischer Herkunft, Französisch, namentlich. Da galt Falschschreibung wohl schon immer als ungebildet. So war Erdoğan Erdogan etc. Auf eine entsprech. Anfrage führte man allen Ernsten typografische Gründe an. Es sei zu schwer, İ, ı, ğ, ç, ș, ț, ł, đ, č, ń etc. zu setzen. Mittlerweile hat es sich etwas gebessert.

  4. Und ich dacht, es geht um den Punkt auf dem großen I.
    Fehlt der bei dem Kapitän der deutschen Herrenfussballnationalmanschaft auch?
    Sorry, ich schau halt lieber Fußball.

  5. Danke! Der höchst ausdifferenzierte Rassismus der Mehrheitsdeutschen: Wie peinlich, wenn Mutti französische Käsesorten und englische Nachnamen falsch ausspricht (Also, das Tii-Äitsch musst du aber können!) – wie anmaßend, arabische Vor- und polnische Nachnamen korrekt schreiben und sprechen zu sollen! (q oder k, sz, cz, ł, ja, meine Güte, dass kann sich keiner merken!)

    Schimanski, Schimanski kann man sich noch merken, das geht!

  6. @Mrs Claypool (#5):

    Der höchst ausdifferenzierte Rassismus der Mehrheitsdeutschen

    Im Englischen werden deutsche Namen gerne ohne Umlaute geschrieben („Muller“ oder „Mueller“ statt „Müller“). Im Russischen gibt es das stimmlose „H“ nicht, weshalb Hans dort meist mit einem „Cha“ (kyrillisch „X“) geschrieben wird („Chans“). In den mitteleuropäischen Sprachen fehlen skandinavische Sonderzeichen wie „Æ“ und „Ø“ und werden in der Regel zu „ae“ oder „ä“ bzw. „oe“ oder „ö“.

    Ist das nun Rassismus oder schlicht Transkription? Ich tippe auf Letzteres, aber Ersteres bietet natürlich mehr Empoerungspotenzial.

  7. @Kritischer Kritiker

    Ist das jetzt schon Whataboutismus oder schlicht Ignoranz. Ich tippe mal auf letzteres, aber das Erste klingt vielleicht besser.

    Mit besten Grüßen

  8. @8,9
    Also wenn KK das mit dem „Empörungspotential“ mal weggelassen hätte, finde ich, dass alles davor in der Sache schon seine Berechtigung hat.
    Es ist nämlich eine völlig berechtigte Frage, wo Transkription anfängt und aufhört für Zeichen/Buchstaben, die in der deutschen Sprache nicht existieren.
    Also im Sinne des Artikels wäre es demnach selbstverständlich, dass wir in allen Sprachen, die auf dem lateinischen Alphabet basieren, die Sonderzeichen übernehmen und indirekt dürfte klar sein, dass Namen aus Sprachen, die andere Alphabete nutzen (z.B. Ukrainisch, Japanisch, Arabisch), so gut es eben geht transkribieren ins „deutsche Alphabet im engeren Sinne“ (also die 26 lateinischen Buchstaben + ä,ö,ü,ß) Ist das Konsens?

    Ich denke, die Frage ist nicht ganz so eindeutig und hat viel mit Kontext und Praktikabilität zu tun. Sie hat sich im Laufe der Zeit aber sicher eher dahingehend verschoben, dass die originale Schreibweise eines Namens im Zweifel eher zumutbar sein sollte.
    Also vor 20-30 Jahren wäre es noch deutlich aufwendiger gewesen, im PC die Sonderzeichen zu tippen, teilweise gar nicht möglich.
    In vielen Programmen hatte z.B. das deutsche „ß“ zu Problemen geführt, so dass man es automatisch als Doppel-s geschrieben hat.
    Heute gibt es da schon so einige Wege. İlker habe ich jetzt hier mit Copy/Paste hingeschrieben. WORD hat das gepunktete „İ“ als Sonderzeichen im Angebot. Aufm Handy taucht es bei mir jetzt aber beispielsweise nicht auf, wenn man das i lange gedrückt hält, sondern ironischerweise 5 andere Varianten (die französischen Accents, zwei Punkte, ein Querstrich). D.h. wenn ich eine Nachricht an İlker in Signal schicke, wäre es praktisch kaum möglich ohne zumutbaren Aufwand, das İ zu schreiben.
    Am Ende wurden ja hier aber große Medien kritisiert, an die man andere Ansprüche stellen darf und sollte.

    Aussprache ist nochmal so ein anderes Ding natürlich. In meinen Jahren in England war es für mich normal, dass niemand meinen Namen korrekt ausgesprochen hat, sondern als „Pieter Zeiffert“. Auch hier: jeder Quervergleich hinkt natürlich, aber sollte auch nicht reflexartig als Whataboutism abgetan werden.

    Zur anderen Seite der Medaille im Artikel: Die systematische Nichterwähnung von İlker Çatak ist gerade heraus eine Schande.

  9. @Klaus Wehling (#9):

    Es ist kein Whataboutism, sondern schlicht dasselbe Phänomen: Sonderzeichen, die in einem Sprachraum nicht verbreitet sind, fallen in der Transkription oft weg. Aus „Hüller“ wird in manchen Sprachen „Huller“, aus „Bjørn“ „Björn“ und aus „Çatak“ „Catak“. („El Quassil“ dagegen ist schlicht falsch.)

    Ein sehr altes Phänomen, wie man in Deutschland etwa an den hugenottischen Namen in Brandenburg und den polnischen im Ruhrgebiet sieht – die meisten haben im Laufe der Zeit ihre Sonderzeichen eingebüßt, oft hat sich auch die Schreibweise geändert („Schimanski“ statt „Szymański“). Oder, noch viel älter, biblische Namen wie „Michael“, ursprünglich auf Hebräisch „Mîḵāʾēl“.

    Wie stark so ein Umschreibung ausfällt, hängt natürlich davon ab, wie eng zwei Sprachen miteinander verwandt sind. Bei der Oscarverleihung wird Frau Hüller vielleicht ihre Ü-Pünktchen einbüßen, bei einem Filmfest in Peking ließe sich ihr Name nur noch lautmalerisch darstellen. Und Herrn Çatak ginge es da nicht anders.

    @Peter Sievert (#10):

    Sie hat sich im Laufe der Zeit aber sicher eher dahingehend verschoben, dass die originale Schreibweise eines Namens im Zweifel eher zumutbar sein sollte.

    Das glaube ich auch. Je einfacher es einem die Programme machen, Sonderzeichen zu verwenden, desto mehr werden sich „korrekte“, also nicht-transkribierte Schreibweisen verbreiten. Die Transkription stammt aus einer Zeit, in der die Auswahl von Sonderzeichen an der Schreibmaschine oder im Setzkasten ziemlich begrenzt war. Aber, wie sie ja feststellen: Ganz trivial ist es bis heute nicht. Das „n“ mit Akzent bei „Szymański“ musste ich auch aus einem anderen Text kopieren. Word hat, anders als beim Café-E, immer ein Loch ins Wort gesetzt.

    In meinen Jahren in England war es für mich normal, dass niemand meinen Namen korrekt ausgesprochen hat, sondern als „Pieter Zeiffert“.

    Jupp. Im englischsprachigen Raum heiße ich entweder „Dschän“ oder „Ih-en“. Finde ich völlig in Ordnung. Andersherum gebe ich mir Mühe, Namen wie Wałęsa oder Nguyen-Kim korrekt auszusprechen, kann aber für den Erfolg nicht garantieren.

  10. Türken und Chinesen wüssten das ü in Hüller zumindest auszusprechen, eine Hürde, an der viele müttersprachlich Englischsredende scheitern würden.
    (Den Namen ganz wegzulassen, kann natürlich trotzdem nicht die Lösung sein…)

  11. Nachtrag zur Transkriptionspraxis: Da es im Türkischen ja kein „ä“ gibt, habe ich gerade mal gegoogelt, wie die Hurriyet Lothar Matthäus schrieb – und siehe da, sie schrieb „Matthaeus“.

    @Mycroft (#12):

    …an der viele müttersprachlich Englischsredende scheitern würden.

    Ich vermute, es kommt irgendwas Richtung „Jullar“ dabei heraus.

  12. Schreibe „Ilker Tschaltak“, dann spricht es jeder auf deutsch richtig aus. Ilker heißt übersetzt „der erste Mann“.

  13. KK und die Abwehrreflexe, ungemein unbequemer Vertreter der „Wird man ja wohl…“, eine sehr ranständige Meinung, lediglich von geschätzten 15 – 20 Millionen Toitschen gedeilt…

  14. @Earl Offa:

    Wie wär’s mal mit nem Argument statt mit dümmlichen Beleidigungen?

  15. Schwerpunkt des Artikels war nicht die Schreibweise, sondern das komplette Unterlassen des Namens des Regisseurs in den Headlines, oder irre ich da?
    Es leben in Deutschland nur vergleichsweise wenige Mongolen oder Han-Chinesen, aber sehr viele Menschen, deren Vorfahren aus der Türkei stammen. Außerdem werden fast alle Printerzeugnisse nicht mehr im Bleisatz hergestellt, richtig? Man könnte also diesen Menschen, die beträchtlichen Anteil am Nachkriegswirtschaftswunder hatten, mal etwas entgegenkommen.
    Es macht auch einen riesigen Unterschied, ob Oma Käthe den türkischen Namen falsch ausspricht, oder die großen Medien des Landes ihn entweder gar nicht nennen, oder unter ferner liefen falsch geschrieben.

    All diese Alibiargumente sind eigentlich nur beredtes Beispiel für das, was Frau El Ouassil meiner Meinung nach ausdrücken wollte.
    Bei KK scheint sich da auch ein rechte Obsession zu entwickeln.

    LG
    Frank

  16. @Jan: wir wissen nicht, ob Matthäus das stört, aber das hieße im Umkehrschluss ja, dass dt. Medien Namen mit diakritischen Zeichen nur dann richtig schreiben müssten, wenn ihre Träger Deutsche wären, und das kann es eigentlich auch nicht sein.

    @Frank Gemein:
    „Schwerpunkt des Artikels war nicht die Schreibweise, sondern das komplette Unterlassen des Namens des Regisseurs in den Headlines, oder irre ich da?“
    Das scheint mir auch so zu sein, aber weil diese Kritik anscheinend auch unstrittig ist, gibt es darüber auch keinen Streit in den Kommentaren.

  17. @Florian Blechschmidt
    Und „Schloss Bellvü“ „tschäselong“ oder „de Mäsjär“?

    Ne, is eh klar.

  18. Eigennamen einzudeutschen ist Kappes, aber nach und nach werden Fremdwörter der deutschen Rechtschreibung angepasst:
    Picknick, Büro, Dränage (ja, ich weiß), Allüren, Keks, Püree usw…

  19. @Frank Gemein (#18):

    Bei KK scheint sich da auch ein rechte Obsession zu entwickeln.

    Sagen wir, ich habe mich gestern mitreißen lassen, weil ich das Thema interessant fand und mich eingelesen habe.

    Mein Einstieg bezog sich allerdings gar nicht auf den Artikel, sondern auf Kommentar #5, der Transkription als „ausdifferenzierten Rassismus“ bezeichnet hatte. Da ich das für „Concept Creep“ mit dem Rassismus-Begriff halte, habe ich Argumente und Beispiele genannt, um Transkription als globale Praxis zu beschreiben.

    Keineswegs wollte ich etwas gegen die Verwendung der „ursprünglichen“ Schreibweise einwenden – im Gegenteil: Ich finde es gut, dass man das inzwischen in der Regel mit vertretbarem Aufwand hinbekommt. Und das fehlende Medien-Interesse an Herrn Çataks Film ist/war tatsächlich eine Sauerei.

  20. wichtiger und notwendige Diskussion.
    Allerdings möchte ich darauf hinweisen,dass bei der damaligen oscar Nominierung des Films „Werk ohne autor“ in vielen Überschriften der name des Regisseurs ( FLORIAN HENCKEL VON DONNERSMARCK) ebenfalls gefehlt hat. Von daher bin ich mir nicht sicher ob dies wirklich ein blinder Fleck ist oder gängige Praxis nur den filmtitel in der Überschrift zu verwenden statt den Namen.

  21. vielleicht spielt es ja auch eine Rolle, das „das Lehrerzimmer“ in der Rubrik „bester fremdsprachiger Film“ nominiert wurde und nicht in der Rubrik „beste Regie“.
    ich las noch nichts über die Befindlichkeiten der Schauspieler*innen, die an diesem Film beteiligt waren, oder aber Drehbuch, Ausstattung, etc…, die ja gemeinsam die Qualität eines Filmes ausmachen.
    das Wim Wenders namentlich genannt wird hängt wohl eher damit zusammen, das es sich ja scheinbar um einen japanischen Beitrag handelt, der einen bekannten deutschen Regisseur hat.
    Ich kann da keinen offenen oder versteckten Rassismus erkennen, sondern nur eine merkwürdige Interpretation durch den Regisseur und Frau quassil.

  22. Wirklich klasse Kommentar zu einem wichtigen Thema. Vielen Dank!

    Nur am Rande: Tatsächlich sind mir die fehlenden ü-Punkte über Hüllers Namen gar nicht aufgefallen. Aber eher, weil ich mit dem Namen nicht so vertraut bin. Das ist allerdings ein wirklicher Nebenaspekt. Aber klasse Demonstrationsbeispiel für den Artikel.

  23. @Mick (24)

    Wie schon unter #2 geschrieben fiel es mir auch nicht auf, trotz oder weil ich großer Hüller-Fan bin, und somit unterbewusst dort wo das „u“ ist automatisch ein „ü“ gelesen habe. :-D

    Ach ja, eine grandiose Schauspielerin!

  24. @Isa (#23) Es geht nicht nur um die Überschriften, auch Teaser und Body (Text insgesamt), wo der Name nicht genannt wurde.

  25. Hi TM (#25) – habe die Kommentare erst nach meinem Kommentar gelesen und bin auf deinen gestoßen. Musste lächeln, dass es nicht nur mir so ging. Deine Theorie bezüglich Unterbewusstsein macht durchaus Sinn. Ich bin mit dem Namen vertraut, hatte mehrere Artikel gelesen, weil sie mich als Künstlerin interessiert. Trotzdem fiel es mir partout nicht auf.

    Ihr selbst wäre es allerdings aufgefallen. ;-)

  26. @Mick (#26) – das Medium, welches hier als Beispiel für Überschriften verwendet wurde (ZDF heute) nutzt jedoch den Namen des Regisseurs in seinem Artikel. Leider ist er dort falsch geschrieben, dies ist jedoch nicht der Punkt.
    Bei anderen Beispielen (Die Zeit, Süddeutsche, Tagesspiegel, Berliner Zeitung, Deutschlandfunk Kultur, FAZ, Welt ) fehlt der Name in der Überschrift, wird jedoch im Text (häufig falsch geschrieben) erwähnt.

  27. @Isa (#23)
    Dann dürfte man aber auch Wim Wenders nicht explizit nennen, sondern auch nur seinen Film (Perfect Days), der ja in der gleichen Kategorie nominiert wurde.

  28. #28
    Wenn ich mich richtig erinnere, wurde im Artikel erwähnt, dass in einigen Texten aufgrund des Feedbacks dann nachträglich noch der Name eingepflegt wurde.
    Nochmal nachgelesen, jupp. Zitat: „(Einige Medien haben das mittlerweile geändert.)“

  29. @KK #22 und vorvorige –

    Ich hab’s verkürzt, daher wohl missverständlich plus perspektivisch unterschiedlich.

    Mein eigener deutscher Nachnamen ist z.B. im Spanischen kaum „korrekt“ auszusprechen, weil bestimmte Laute nicht existieren, diese Seite kenne ich, ebenso die Schwierigkeit der Transkription für z.B. den Pass, Ausweis, elektronischen Aufenthaltstitel usw.
    Es gibt aber – nehme ich beruflich täglich wahr – eine deutliche Unterscheidung der Motivation/ des Willens, einen Namen, ein Wort möglichst nah an der Herkunftssprache auszusprechen resp. zu transkribieren. Die Differenz der Bereitschaft, die zwischen nahen westeuropäischen und ferneren, gar asiatischen oder afrikanischen Sprachen liegt, zeigt m.E. durchaus rassistische Züge, womöglich ohne „böse Absicht“, aber dennoch.

    Und das NICHTnennen ist dann eben der Gipfel der Ignoranz.

  30. #28 „Einige Medien haben das mittlerweile geändert.“ Das ist gut möglich. Die von mir genannten haben jedoch in ihrem Quellcode den „data-publishdate=“2024-01-24“ oder „2024-01-23“ zu stehen. Dementsprechend glaube ich nicht, dass dies dort verändert wurde.
    Was nicht verwunderlich ist, da die meisten Meldungen von der Dpa sind und in der jeweiligen Zeitung nur abgedruckt wurden.
    Der Artikel von ZDF heute, welchen man findet wenn man auf den Link in dem hier geschriebenen satz „In der Headline, im Teaser und auch in den Texten verschiedener Medien […]“ geht, wurde nicht nur am 23.01 erstellt, sondern beeinhaltet noch einen Text über „Das Lehrerzimmer“ mit den Namen des Regisseurs sowie ein Video in dem die beiden (Hüller und İlker Çatak) erwähnt werden.

    Im übrigen wurde bei den Überschriften für die Nominierung des Oscars bei „Im Westen nichts Neues“ ebenfalls häufig nicht der Name des Regisseurs verwendet.

  31. Und ich wollte ernsthaft schon fragen: „Ist das ‚ü‘ auf Samiras Tastatur kaputt?“
    Super Idee mit dem so provozierten Störgefühl.

  32. #30
    Man darf alles.
    Ich habe auch nur die Vermutung aufgestellt, dass es möglicherweise „gängige Praxis“ bei dieser Berichterstattung ist, in den Überschriften den Filmtitel statt den Namen des Regisseurs zu nennen. Meine Annahme begründet sich auf meiner kleinen „Recherche“ über Berichterstattung bei (deutschen) Oscar Nominierungen. Ich finde dies ergibt auch viel mehr Sinn. In vielen Fällen möchte ich ja erfahren welcher Film nominiert ist um mir diesen vielleicht anzuschauen. Der Regisseur spielt deswegen in diesem Moment nicht so die große Rolle. Ich wette die meisten Menschen kennen die Regisseure eh nicht.
    Da kommen wir dann jedoch zum Wim Wenders. Ich denke sein Name ist in Deutschland so bekannt, dass er deswegen genannt wird.

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