Notizblog (8)

Schlimmer Verdacht: Erzählt die „Sendung mit der Maus“ Kindern Märchen?

Die „Sendung mit der Maus“ kann man auch nicht mehr gucken. In dem Programm, das für sich in Anspruch nimmt, auch eine Wissenssendung für Kinder zu sein, kam es neulich zu einem schwerwiegenden Fall von massiver Geschichtsklitterung – natürlich, war ja klar, im Namen der Wokeness.

reitschuster.de / Massive Geschichtsklitterung in der „Sendung mit der Maus“
Kritischer Journalismus (Symbolbild) Screenshot: reitschuster.de

Der Autor Kai Rebmann hat den Skandal dankenswerterweise aufgedeckt, im Blog des ehemaligen „Focus“-Journalisten Boris Reitschuster („Kritischer Journalismus. Ohne ‚Haltung‘. Ohne Belehrung. Ohne Ideologie“).

Es geht um einen Beitrag in der vorletzten Ausgabe der ARD-Sendung. Darin ermuntert eine amtsmüde Königin ihren Sohn, endlich zu heiraten. Gemeinsam treffen die beiden zahlreiche Prinzessinnen, die dem Prinzen aber allesamt nicht zusagen. Bei einem letzten Treffen verliebt er sich dann doch noch. Nicht in die schöne Frau, die vor der Tür seines Schlosses aufgetaucht ist, sondern in den schönen Mann, der hinter ihr zum Vorschein kommt: ihren Bruder. Die beiden Männer heiraten, das Volk jubelt, und die Königin kann endlich abdanken.

Königin krönt König und König Screenshots: WDR

Was die Kinder daraus lernen sollen, ist ja wohl klar, meint Kai Rebmann:

Gleichgeschlechtliche Liebe gibt es seit Menschengedenken und war schon im Mittelalter die normalste Sache der Welt!

Aber von wegen:

Dumm nur: Mit historischen Fakten hat all das nicht nur absolut nichts zu tun, es handelt sich dabei um eine massive Geschichtsklitterung. Denn gerade zu Hofe wurde bei der Vermählung von Prinzen – erst recht, wenn es sich um den Thronfolger handelte – rein gar nichts dem Zufall überlassen. (…)

Eine öffentliche gleichgeschlechtliche Hochzeit eines Thronfolgers – noch dazu unter dem frenetischen Jubel des Volkes – hat es nirgends und zu keinem Zeitpunkt der Geschichte gegeben. Was die ARD aber offensichtlich nicht daran hindert, unseren Kindern genau das weismachen zu wollen.“

Und das alles auf Kosten Ihrer Zwangsgebühren!

Rebmanns Empörung ist nachvollziehbar – und ansteckend, wie die über 200 Kommentare unter seinem Beitrag zeigen. Dabei hat er das ganze Ausmaß der Geschichtsklitterung, die die ARD hier treibt, nicht einmal im Ansatz beschrieben! Auch in zahlreichen weiteren Details weicht die Darstellung der „Sendung mit der Maus“ hier, wie Übermedien exklusiv enthüllen kann, von der historischen Wahrheit ab.

Das beginnt gleich am Anfang des Beitrags, wenn ein Eichhörnchen dem Kammerdiener eine Brezel zum Frühstück bringt. Ein Eichhörnchen, das dem Kammerdiener das Frühstück bringt – noch dazu eine Brezel – hat es nirgends und zu keinem Zeitpunkt der Geschichte gegeben.

Nager im Dienst

Weiters will die ARD die Kinder offenbar glauben machen, dass Menschen früher in ausgedehnten Brokkoliwäldern gelebt haben – ganz offensichtlich ebenfalls ein ideologisch motivierter Umerziehungsversuch: Bekanntlich bewohnten Königinnen und Könige immer schon ausschließlich Fleischberge!

Feierabend unter Riesenbrokkoli

Weitere historische Fehldarstellungen sind nur für Fachleute auf Anhieb erkennbar, was die Lügen nicht minder schlimm macht. Zum Beispiel gibt es, wie Königshausreiseexperten gegenüber Übermedien auf Anfrage bestätigten, keinerlei Belege dafür, dass der Adel tatsächlich in von Schwänen gezogenen Riesensuppenschüsseln um die Welt flog.

Flugschüssel mit spekulativem Schwanenantrieb

Im Zweifel gezogen wird von fachkundigen Betrachtern auch, dass Prinzessinnen – zumindest im europäischen und vorderasiatischen Raum – in aufklappbaren, zwei Mann großen Früchten auf Melonenbäumen hausten und mit Lianen von Ast zu Ast schwangen. Die Wissenschaft ist hier noch nicht zu abschließenden Ergebnissen gekommen, aber die Zweifel sind groß genug, dass eine seriöse, der Neutralität und dem unabhängigen Bildungsauftrag verpflichtete Kindersendung, solche Darstellungen vermeiden sollte.

Prinzessin Tarzia von Melonien

Besonders perfide an der massiven Geschichtsklitterung, die die „Sendung mit der Maus“ hier betreibt, ist, dass sie ihren Beitrag auch noch mit Worten einleitet, die man gar nicht anders interpretieren kann als einen unmissverständlichen – und, wie die kritischen Journalisten von Boris Reitschuster entlarven: falschen – Hinweis darauf, dass die folgende Darstellung eine historisch korrekte Dokumentation sein soll. Sie lauten: „Es waren einmal.“

Und wenn sie nicht gestorben sind …

17 Kommentare

  1. Danke, Stefan, für dieses Juwel an investigativer Recherche. Da kann man mal sehen, was Reitschuster und Co. für Amateure sind. Die Sendung mit der Maus ist für mich jedenfalls gestorben. 😂

  2. wenn es nicht so traurig wäre… „massive Geschichtsklitterung“, ein Wahnsinn. Sollte man meinen. Noch vor ein paar Jahren hätte ich mich bloß achselzuckend-schmunzelnd über die Unseriösität der Populisten und die Naivität ihrer Leserschaft amüsiert. Aber ich merke, wie mir immer öfter das Lachen im Halse stecken bleibt. Mir macht das langsam echt Angst, mit welchem hanebüchenen Unsinn man mittlerweile einen digitalen Fackelmob organisieren kann. Gruselig. Ich weiß nicht wie man solche Leute jemals wieder erreichen will.
    Zumindest für einen Augenblick kann ich dann aber natürlich doch wieder darüber schmunzeln, wenn es wie hier so schön aufbereitet ist. „Ein Eichhörnchen, das dem Kammerdiener das Frühstück bringt – noch dazu eine Brezel – hat es nirgends und zu keinem Zeitpunkt der Geschichte gegeben.“ Sehr schön, aber… ich hätte vor ein paar Jahren befreiter darüber gelacht…

  3. Ja. Die Populisten um Tichy, Reichelt & Co. greifen jedes noch so kleine Detail, besonders gerne natürlich im ÖRR, auf, um die angebliche Wokeness und Verfaultheit vermeintlich zu dokumentieren und anzuprangern. Auch mir macht es Angst, wie viele Leute diesen Unfug unreflektiert übernehmen und auch noch weitertragen.

  4. Wenn man sich selbst bei Game of Thrones Sorgen macht, dass das ein völlig falsches historisches Bild vermittelt…

  5. Vielen Dank! Und dennoch fällt auf, dass Herr Niggemeier die Augen verschließt vor den wahren Absurditäten dieses öffentlich-rechtlichen Formats. Denn kaum ist der zugrundeliegende Einspieler beendet, taucht die namensgebende Maus auf, der ein blauer, recht stupide dreinblickender Elefant höchstens bis zur Schulter reichen soll.

    Man wundert sich fast: „Welche Gesellschaft soll das abbilden?!“

  6. Das ist das richtige Stilmittel für Reitschusters kranke Empörung und Feinseligkeit und (mutmaßlichen) Hass.

  7. Anstelle mich über die über die Ewig gestrigen aufzuregen habe ich mir zwei Minuten Zeit genommen und der Redaktion der Maus eine Mail geschrieben und mich für die Sendung bedankt. Wir brauchen mehr von solchen Sendungen die mit Stereotypen brechen und zeigen dass die Welt viel bunter und vielfältiger sein kann.

    Hat gut getan und kann ich weiterempfehlen ;-)

  8. Was hier völlig aus Acht gelassen wird, wie bitte konnten die das damals überhaupt filmen? Es gab doch gar keine Kameras!

  9. @Preiselbauer:
    Magic – statt Silbersalz, das irgendwie mit Licht „reagiert“ (Kraft des Mondes und so) hatten die früher kleine Dämonen, die mit Bannflüchen und Peitschen gezwungen wurden, alles in Echtzeit mitzumalen.
    Klingonisch, war aber so.

  10. Ich muss zugeben, Sie hatten mich im ersten Viertel so gut wie drangekriegt, aber der Rest war dann doch zu eindeutig.
    Zudem muss ich zugeben, dass auch ich wohl von der oftmals toxizität der (A)sozialen Medien beeinflusst bin und bereits hin und wieder etwas nicht mit der nötigen Anfangsgelassenheit lesen kann.

    Zitate:
    „Das beginnt gleich am Anfang des Beitrags, wenn ein Eichhörnchen dem Kammerdiener eine Brezel zum Frühstück bringt.“
    Hahahahaha.
    „Flugschüssel mit spekulativem Schwanenantrieb“
    Klasse.
    „… und, wie die kritischen Journalisten von Boris Reitschuster entlarven: falschen – Hinweis darauf, dass die folgende Darstellung eine historisch korrekte Dokumentation sein soll. Sie lauten: „Es waren einmal.“
    Oh! Herrlich geschrieben.
    „Und wenn sie nicht gestorben sind …“
    War der krönende Abschluss.

    Aber so sind sie nun einmal, die Beißreflexe von Rechts.

  11. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, welche Preise „Die Sendung mit der Maus“ bisher bekommen hat. Aber eins ist sicher: sie war schon immer besonders und wird es hoffentlich auch weiter bleiben!!! Und wir alle wären gut beraten, öfter die Perspektive von den Stammkunden der Maus einzunehmen – erspart einem manches dusselige Gequatsche von Politiker*innen.

  12. Als wir die Sendung zusammen mit unserem Sohn gesehen haben, war mir schon klar, dass das in bestimmten Kreisen zu Schnappatmung führen würde und dass ich davon bestimmt noch lesen würde. Umso schöner, dass dies nun in Form einer gelungenen Replik auf Übermedien der Fall ist. (Die einschlägigen Webseiten, die sich über so etwas aufregen, lese ich nicht.)

    Ich fand es stark, was sich die „Sendung mit der Maus“ da getraut hat, wobei es schon auch traurig ist, dass man im Jahr 2024 in diesem Kontext überhaupt noch von „trauen“ sprechen muss. Den Machern der Sendung wird aber schon bewusst gewesen sein, dass es Beschwerden geben würde. Umso erfreulicher, dass trotzdem mal einen Beitrag jenseits von „Prinz heiratet Prinzessin“ gezeigt wurde. (Dass sich die Prinzessinnen in dem Beitrag alle ganz arg ins Zeug legen, um dem einen Prinzen zu gefallen und ihn heiraten zu dürfen, spiegelt allerdings auch kein ganz so modernes Frauenbild wieder. Irgendwas ist halt immer!)

  13. #Tobias: Die sich ins Zeug legenden Prinzessinnen waren sicher die nicht zum Zuge gekommenen „Bachelor“-Bewerberinnen, die hier eine zweite Chance witterten…

  14. Bei all dem Spaß habe ich aber das dringende Bedürfnis auf einen faktischen Fehler hinweisen: Es gibt, und gab nie, Riesenbrokkoli.

    Von kleinen Menschen, gelegentlich auch Zwerge genannt, sind die Geschichtsenbüchern immer mal wieder die Rede… ;D

  15. So sehr ich eine gute Glosse schätze und den Reflex gutheiße, Unsinn mit noch mehr Unsinn zu kontern, kann ich mir doch einen kleinen Hinweis nicht verkneifen; nämlich dass die Ansichten zur Homosexualität im Mittelalter keineswegs so uniform waren, wie man sich das vorstellt. Zieht man die Forschungen von Prof. Dr. van Eickel, Universität Bamberg (Die „Ehe für alle“ – schon im Mittelalter ein Thema?) zu Rate, stellt man fest: Sogar unter den mittelalterlichen Kirchenlehrern war manch einer fortschrittlicher als die neuen Rechten heutzutage.

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