Podcast-Kritik (93)

„Ausverkauft“: Viel Geld, Politik und ein kleines bisschen Fußball

"Ausverkauft": Der Spotify-Podcast zur Fußball-WM in Katar, in Zusammenarbeit mit "Der Spiegel", überzeugt unseren Podcast-Kritiker nicht ganz.

Selten wurde so kritisch und gleichzeitig so breitenwirksam über der Deutschen liebsten Sport berichtet: Die Fußball-WM in Katar sorgt dafür, dass medial gerade eher die politischen und kommerziellen Aspekte des Fußballsports im Vordergrund stehen – und der Sport nahezu zur Nebensache wird. Zumindest bis zum Anpfiff.

Der Spotify-Podcast „Ausverkauft“, eine Zusammenarbeit mit dem „Spiegel“, widmet sich den dunklen Seiten des Fußballs. Pünktlich zur Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. Die Herangehensweise der achtteiligen Serie könnte auch Nicht-Fußballfans interessieren. „Ausverkauft“ glänzt mit einer haltungsstarken, aber differenzierten Perspektive auf Kommerz und Politik im Profisport, schwächelt aber bei der Erzählweise und auditiven Umsetzung.

Für mich gibt es kein Dilemma bei dieser Fußball-WM in Katar. Ich werde sie nicht schauen. Ich habe kein Interesse am Fußball. Auch nicht alle zwei Jahre zu internationalen Turnieren, wenn auch diejenigen schauen, die sonst nicht schauen, und im nationalistischen Wir-Gefühl schwelgen.

Dennoch finde ich die mediale Diskussion um die WM in Katar in diesem Jahr bemerkenswert: Plötzlich bekommen Kommerzialisierung und Politisierung des Profi- und Leistungssports – nicht nur im Fußball – eine breite Aufmerksamkeit. Es ist ein kritischer Sportjournalismus, der weniger abfeiert und mehr hinterfragt. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass diese Perspektive medial nun so viel Raum bekommt, erst recht nicht im Fußball.

Weniger Fantun, mehr Haltung

An dieser Stelle startet auch „Ausverkauft“, indem es die aktuellen Widersprüche in den Blick nimmt: Warum ist diese WM ausgerechnet in Katar? Was hat das autokratische Regime davon und warum spielen so viele Akteure mit, trotz aller Skandale um Menschenrechtsverletzungen? Dabei geht es nicht nur um den „Ausverkauf“ bei dieser WM, sondern um die grundsätzliche Frage: Verkauft sich der Sport mitsamt seiner Ideale und Vorbildwirkung an Konzerne und Staaten?

Die kritische Perspektive des Spotify-Podcasts vertreten seine Hosts sehr glaubwürdig: Tuğba Tekkal ist Ex-Profifußballerin, Trainerin und Menschenrechtsaktivistin. Journalist Danial Montazeri aus dem „Spiegel“-Sportressort steht für die journalistische Perspektive des Nachrichtenmagazins. Abwechselnd präsentieren die Beiden im Podcast aktuelle Entwicklungen und ein Best-Of aus den (Spiegel-)Recherchen der vergangenen Jahre.

Beide Hosts blicken schonungslos, aber immer differenziert auf den Fußball: Auf Korruption, auf übertriebenen Kommerz, auf das laute Schweigen vieler Spieler zu Missständen und gesellschaftlichen Debatten. „Ausverkauft“ gelingt der Spagat, einerseits die Haltung der Hosts transparent zu machen und trotzdem ausgewogen berichten. Montazeri und Tekkal vermitteln hörbar, dass sich Freude und Kritik am Sport nicht ausschließen müssen.

Korrupte Systeme und zwielichtige Gestalten

Als Nicht-Fußball-Fan ist es diese Seite des Sports, die mich interessiert: „Ausverkauft“ ist ein guter Überblick über die größten Skandale und Aufreger im Fußball. Von der WM-Vergabe 2006 über das System Blatter und die „Football Leaks“, über Rekordgehälter für Fußballer bis hin zu Debatten um Investorengeld und Sportswashing. Der Podcast ist immer dann am stärksten, wenn die Hosts versuchen, das Erzählte mit ihrem persönlichen Zugang zum Fußball zu verhandeln.

„Deshalb reden wir über Arbeitsbedingungen und TV-Verträge, über Spielertransfers und Tote. Der Kitt, der das alles zusammenhält: Geld. Und der Höhepunkt dieser Entwicklung im Profi-Fußball, in der es um immer größere Summe und externe Geldgeber geht, ist die neue Macht der Golfstaaten im Fußball, die Macht von Katar und Saudi-Arabien.“

Mein Eindruck ist: Für gut informierte Fußball-Fans könnte es im Spotify-Format womöglich an Tiefe und wirklich neuen Erkenntnissen fehlen. Als Laie sind für mich die schnellen Nacherzählungen von diversen Skandalen mit vielen mir unbekannten Akteuren zwar nicht so zugänglich erzählt, aber dafür mit neuen Anekdoten und Aha-Momenten gespickt.

Ich vermute, „Ausverkauft“ richtet sich an die Zielgruppe zwischen den beiden Polen: An Fußball-Fans, die noch hadern, ob sie die WM schauen. Der Spotify-Podcast liefert das Gesprächsmaterial für die Diskussionen rund um die WM in Katar – egal, ob man sich entscheidet, die Spiele zu schauen oder nicht.

Als Radsport-Fan konnte ich bei „Ausverkauft“ überraschend gut anknüpfen: Auch mein liebster Sport erlebt seit einigen Jahren eine neue Kommerzialisierungs-Welle, größtenteils getrieben vom Sportswashing, Konzernen und staatlichen Sponsorings. Im Fußball hat das alles eine andere Größenordnung: Die Fernseh- und Vermarktungsrechte, die Teambudgets – das hat im Radsport nach diversen Doping-Skandalen eine vergleichsweise niedliche Größenordnung. Für diese Beträge würde sich einzelne Profi-Fußballer nicht mal die Sportschuhe binden.

Schwächen beim Hörerlebnis

Auf der ästhetischen Ebene hat sich bei mir inzwischen eine gewisse Müdigkeit gegenüber den meisten Spotify-Produktionen eingestellt: Die erzählerischen Formate der Streamingplattformen wirken auf mich zwar solide formatiert und umgesetzt, klingen aber oft ähnlich. Sicherlich eine Frage von Hörgewohnheiten und Erwartungen.

Mich langweilt deswegen in der ersten Episode von „Ausverkauft“ das mittlerweile fast schon klassische Spotify-Intro:

„Hier ist ein Hinhörer… Das sind die Fragen, die sich ergeben… Dann haben wir auf der Suche nach Antworten gemacht… und das alles hier, das wird dann noch später im Podcast vorkommen…“

Ein Podcast-Einstieg, der zuverlässig funktioniert, aber deswegen auch erwartbar wird. Der Big Mac unter den Podcast-Intros sozusagen. Danial Montazeri und Tuğba Tekkal sind hörbar keine erfahrenen Erzähler*innen. Das ist kein Vorwurf an die beiden Hosts, eher an die Produktion: Relativ schnell geht durch hörbare Schnitte die schöne Podcast-Illusion kaputt, dass die Erzählpassagen der Hosts aus einem Guss sein könnten.

Der Umgang mit Einspielern und die Qualität der Audios lässt die Produktion hastig und wenig wertig klingen. Das hätte ich bei einer Kooperation von zwei so großen Medienhäusern wie Spotify und „Spiegel“ nicht erwartet. Und das kann auch das fette Musikbett oft nicht mehr kaschieren. Sehr lobenswert finde ich allerdings, dass bei „Ausverkauft“ viele englische Töne wirken dürfen und nicht durch ein Overvoice überdeckt werden. Die Töne sind elegant von den Hosts eingewoben, sodass beim Hören ohne Englischkenntnisse nichts verloren geht.

Starke Hosts, schwache Dramaturgie

Mein größeres Ärgernis: Wenn bei „Ausverkauft“ ständig und ausführlich angekündigt wird, wer welche Aspekten wie als nächstes beleuchten wird. Faustregel: Es ist nie gut, wenn explizit betont werden muss, dass „wir erstmal vorne anfangen müssen“ oder irgendwann der Zeitpunkt kommt, an dem jemand sagt, dass es „ab hier spannend“ wird.

Dann fühle ich mich als Hörer bevormundet für Fehlstellen, die in der Dramaturgie des Podcasts zu suchen sind. Wenn’s spannend ist, spüre ich das. Wenn wir erstmal vorne anfangen, weiß ich das durch die Chronologie. Als Hörer möchte ich nicht solche Regie-Befehle für meine Ohren, sondern einfach überzeugende Hör-Momente.

Zeitgleich kaschieren solche Überleitungen kaum, dass es sich bei „Ausverkauft“ eher um eine Sammlung von Aspekten handelt, und nicht um eine zusammenhängende Erzählung über mehrere Folgen. „Ausverkauft“ mäandert in seiner Anmutung dabei zwischen beliebten Podcast-Formaten wie True Crime, Recherche-Nachklapp und meinungsstarkem Kommentar-Format. Trotzdem wird es nie langweilig oder zu beliebig, weil der Spotify-Podcast dabei oft die richtige Mischung aus kuriosen Anekdoten und systematischer Analyse trifft. Das liegt dann vor allem an der Expertise von Tekkal und Montazeri, die mich bei der Stange halten. Vermisst habe ich in den bisher sechs Folgen ein echtes Gespräch zwischen den Beiden, in dem sie persönlich ihr Für und Wider zur WM diskutieren.

Mehr Differenzierung im Fußballjournalismus wagen

„Ausverkauft“ erklärt sehr gut, wie das sportliche Spektakel, die (mediale) Aufmerksamkeit und die Geldgeber zusammenhängen. Was passiert, wenn ein Profi-Sport immer schneller, teurer, größer werden muss. Wie ein sehr großes Sportereignis in einem sehr kleinen Staat landen konnte und trotz vieler Skandale stattfinden wird. Und welche Verantwortung sowohl Medien als auch Publikum dabei tragen. „Ausverkauft“ macht die Entscheidung für die WM-Zuschauer*innen nicht einfacher, aber die Debatte darüber gehaltvoller.


Podcast: „Ausverkauft“, von Spotify und „Der Spiegel“

Episodenlänge: bisher 6 von 8 Folgen, jeweils circa 35 Minuten

Offizieller Claim: Katar, Fußball und das große Geld

Inoffizieller Claim: Mein Club, meine Liga, meine Knete, mein Sportswashing

Wer diesen Podcast mag, hört … „11 Leben – Die Welt von Uli Hoeneß“ von Max-Jacob Ost und AudioNow ; „Sport Inside“ von WDR; „FRÜF – Frauen reden über Fußball“; „Players – Der Sportpodcast“ vom Dlf*

*Ich war an der Konzeption der ersten Staffel des Podcasts beteiligt, habe aber keinerlei Beziehung zum aktuellen Konzept oder der aktuellen Produktion.

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