Crime Porn und Irgendwasgesundes

Wenn Instagram irgendetwas belegen kann, dann gibt es eine ganze Reihe von Frauen, die es sich Sonntagvormittags mit einem Latte Macchiato und einer Schüssel Irgendwasgesundes auf dem Sofa gemütlich machen und lesen, wie ein salvadorianisches Bandenmitglied von seinen Kumpanen mit Macheten zerhackt wird: „Arme, Beine, Finger – alles ab. Bis er ohnmächtig wurde und verblutete. Alle Einzelteile.“

So erzählt es ein ehemaliger Auftragskiller im Interview mit „Stern Crime“, und das Heft ist ein knüllermäßiger Erfolg für ein gefühltes Nischenprodukt, den sehr aktiven Social-Media-Followern nach zu urteilen besonders bei Frauen, die das ästhetische und gut geschriebene Heft offenbar lesen wie sonst Krimis – für das wohlige Schauern.

"Stern Crime"

Ich kann das verstehen: Das Böse ist faszinierend und „Stern Crime“ spielt meisterhaft mit den sprachlichen und optischen Codes des Genres Krimi. Die Temperatur wird sofort eisig, wenn man das Filmplakat-artig gestaltete Titelblatt nur ansieht, und die Stimmung wird man das ganze Heft hindurch nicht mehr los: Man liest jeden Vorspann mit der Stimme von einem Typen im Kopf, der sonst in Filmtrailern für Horrofilme die Off-Texte spricht.

Die Geschichten sind in der Regel lang und gut geschrieben, was bei mir ganz persönlich heißt: mit Rhythmus, immer mit dem morbid-fatalistischen Unterton des Erzählers, der die Spannung nicht mehr aufbauen muss, weil ja jeder Leser weiß, dass da gleich eine Katastrophe kommt. Denn Spannung entsteht ja entgegen mancher landläufig oder von nicht ganz so guten Autoren vertretenen Meinung gerade nicht dadurch, dass man nicht weiß, was kommt.

Jeder Zuschauer von „Titanic“ wusste vorher, dass das dicke Boot sinken wird. Trotzdem war der Film spannend (habe ich gehört, denn ich gestehe an dieser Stelle, ich habe ihn nie gesehen). In „Stern Crime“ kommt in jeder Geschichte so viel Grausames vor, dass die Spannung garantiert ist. Bei der Hälfte des sonntagmorgendlichen Latte auf dem Sofa erzählt die Witwe vom Titel, wie unangenehm es ist, eine Leiche mit der Kettensäge in handliche Stücke zu sägen. Habe ich mein Früchtemüsli eigentlich schon ge-instagramt?

"Stern Crime"

Crime Porn war schon immer ein erfolgreicher Bestandteil jeder Art von Journalismus. Der New Yorker Pressefotograf Wee Gee wurde mit seinen Bildern von den Opfern der Mafia-Kriege zu einer Ikone seiner Kunst, und jeder Gerichtsreporter überall auf der Welt hat immer schon geschworen, eigentlich verkaufe sich das Blatt, für das er arbeitet, praktisch ausschließlich seinetwegen. Man muss sich fragen, warum es „Stern Crime“ erst seit einem Jahr gibt, vor allem, weil ja Verbrechens- und Verbrechergeschichten immer schon zur DNA des „Stern“ gehört haben (hier bitte einen nicht gekünstelten Witz über die Hitler-Tagebücher denken, mir fällt nur keiner ein).

Das Herzstück meiner Ausgabe ist aber gar nicht die Titelgeschichte, sondern ein 19 Seiten langer Bericht über die Vernehmung eines Serienkillers, das so meisterhaft geführt wurde, dass es als Musterbeispiel in der Polizistenausbildung eingesetzt wird. Eine starke Geschichte, wieder ein Blick in die Abgründe der menschlichen Seele, verstörend und faszinierend zugleich.

Gleichzeitig beantwortet es meine Frage von eben, weil auf der 20. Seite die meiner Einschätzung nach einzige ganze bezahlte Anzeigenseite jenseits der Umschlagseiten zu finden ist – und in „Stern Crime“ kann man tatsächlich schwer für irgendetwas anderes werben als für Krimis. Nur auf der Rückseite des Heftes wirbt ein Telefonanbieter. Insofern muss man Gruner & Jahr erstens zu ihrem Mut gratulieren, und ihnen zweitens Glück wünschen, es wäre ja schön, wenn ein immanent untaugliches Werbeumfeld mal Erfolg hätte, indem es einfach Leser fasziniert.

Und diese Leser wollen offensichtlich lesen: „Stern Crime“ ist voller langer, meist wirklich schön geschriebener Geschichten. Die Schwächen sind eher in den wenigen kurzen Formaten wie „Ein Polizist und sein Land“, wo in meiner Ausgabe ein Verkehrspolizist aus Myanmar etwas über, eben, sein Land erzählt. Ein Verkehrspolizist, egal woher, in „Stern Crime“, dem Killerspiel unter den Zeitschriften, ist ungefähr wie einer in „Grand Theft Auto“ – fast schon lächerlich normal.

"Stern Crime"

Ich bin einigermaßen fasziniert von dem Baukasten, bei denen sich die „Stern Crime“-Grafik bedient: Wahnsinnig filmisch – Tatorte sehen aus wie auf den Bildern, die sich Polizisten in Krimis an Pinnwände heften, Vignettierungen führen den Blick in die Fotos und die Bilder der Opfer der Titel-Witwe sind unter Eisschichten gefroren, was mit der Geschichte nur sehr bedingt zu tun hat (eine Leiche lag mal in einer Tiefkühltruhe, bevor sie einbetoniert wurde), aber einen tollen Effekt hat.

So sehr mich dieses Früchtemüsli und Verbrechensbeschau-geinstagramme irritiert: Wenn ich es tun würde, dann auch mit „Stern Crime“. Das ist schon ein schön böses Heft. Leider esse ich kein Früchtemüsli.

„Stern Crime“
Gruner & Jahr
4,80 Euro

5 Kommentare

  1. Ich befürchte, ich muss heute mal tatsächlich zum Kiosk spazieren.
    Früchtemüsli und Instagram spare ich mir aber.

  2. Immer wenn ich einen Artikel im Crime-Magazin lese, habe ich die Erzählstimme von Thilo Prothmann im Ohr: https://www.youtube.com/watch?v=_uZ8ucDUI3s

    In diesem schönen, lakonischen Duktus sind nahezu alle Geschichten geschrieben und das – finde ich – macht neben der ausführlichen Recherche den Flair dieser Zeitschrift aus.

  3. Ich denke immer an die Stimme von „Grissom“ aus : „CSI Dem Täter auf der Spur“ in der deutschen Synchronisation. Der Sprecher ist als Off-Stime in verschiedenen Kriminal-Dokus zu hören.
    Wer der Stimme ein Gesicht geben möchte: der junge, überzeugte 1. Offizier in „Das Boot“.

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