Aufmerksamkeitsökonomie

Harald Schmidt kann selbst nicht glauben, dass seine alten Spielchen noch funktionieren

Es muss um die Jahrtausendwende gewesen sein, zu einer Zeit, als Geld bei den Privatsendern keine Rolle zu spielen schien. Es gab ein großes Presse-Event, eine exklusive Location und jede Menge Attraktionen, aber für die meisten Journalisten hätte eine einzige schon gereicht: Harald Schmidt war da. Er stand draußen und war dauerhaft umringt von einem Pulk Presseleute, die er schon körperlich überragte. Auf irgendwelche Fragen oder Stichworte antwortete er mit geistreichen oder wenigstens bösartigen Pointen. Wir hingen an seinen Lippen. Er hielt Hof.

Viele Jahre später, 2011, habe ich noch einmal dieselbe Situation erlebt. Anlass war der 30. Geburtstag des „Traumschiffs“. Das ZDF hatte zu einer Presseveranstaltung an Bord der MS Deutschland geladen. Nach ein paar Ansprachen und Fotoaufstellungen verteilten sich die vielen prominenten Gäste über das Schiff. Die Berichterstatter konnten frei herumstromern und sich aussuchen, mit wem sie sich unterhalten wollten. Diesmal stand Harald Schmidt nicht, er saß in irgendeinem Aufenthaltsbereich, aber er war wieder der größte Anziehungspunkt. Eine Traube von Journalistinnen und Journalisten lauschte ihm, wie er erzählte und assoziierte, wie er sich über unsere dummen Fragen lustig machte und die Aufmerksamkeit genoß. Es war, soweit ich mich erinnere, wirklich sehr unterhaltsam, aber auch ein bisschen demütigend.

Sofortige Selbst-Entzauberung

Harald-Schmidt-Interviews haben bis heute oft diese Atmosphäre, dass er eigentlich Hof hält. Er gewährt eine Audienz, die Fragesteller werfen ihm ein paar Brocken zu und hoffen, dass er Pointengold zurückwirft. Dafür nehmen sie es in Kauf, von ihm gedemütigt zu werden; vielleicht lieben sie ihn auch gerade dafür.

Ausriss: „Spiegel“

Das Gespräch im neuen „Spiegel“ ist genau so. Es beginnt schon so.

SPIEGEL: „Herr Schmidt, Sie wurden als Fernseh-Talker berühmt, nun treten Sie als Herausgeber eines Buchs im Wiener Brandstätter Verlag auf, das dem Dichter Thomas Bernhard und dessen kulinarischen Vorlieben gewidmet ist. Warum?“

Schmidt: „Ich wurde als Litfaßsäule engagiert, hätte man früher gesagt. Heute sagt man wahrscheinlich: als Influencer mit Pensionsberechtigung. Wenn ich den Herausgeber mache, dann bittet der SPIEGEL halt um ein Interview.“

Schmidt hält nicht mal für eine Sekunde die Illusion aufrecht, dass in diesem Interview jemand über eine persönliche Leidenschaft oder aus einem echten Interesse redet: Es ist bloße kalkulierte Aufmerksamkeitsökonomie, und dass dieses Kalkül aufgegangen ist, beweist die Existenz des Artikels.

Man kann ihn für diesen Meta-Gag, die Entzauberung des Interviews gleich zu Beginn des Interviews, natürlich feiern, aber man kann sich auch wundern, mit welcher Bereitschaft und Lust sich sonst so stolze „Spiegel“-Redakteure hier im eigenen Blatt als bloße Erfüllungsgehilfen einer Marketingstrategie entzaubern lassen. (Und als Leser kann man sich natürlich fragen: Warum lese ich das dann?)

In welcher Sprache sprechen Sie heute?

Die „Spiegel“-Leute danken es Schmidt mit großer Ehrerbietung und betteln um Lob und Verachtung. Einmal leiten sie eine Frage mit den Worten ein: „Jetzt eine Monster-Frage, auf die wir ein wenig stolz sind …“ Später fragen sie unterwürfig: „Dürfen wir um eine ernsthafte Antwort auf die Frage nach Ihrem Impfstatus bitten?“ Kurz darauf zitieren sie Günther Jauch, er wisse bei Schmidt nie, ob er „in der zweiten, dritten oder fünften Meta-Ebene“ spreche, und fragen: „In welcher sprechen Sie heute?“

Was für eine rührende Vorstellung, dass Schmidt daraufhin Impf- und Ironiestatus angeben würde oder vielleicht sogar seine Antworten nachträglich durchsortiert in die, die man ihm glauben kann, die, die ironisch sind, ironisch ironisch oder ironisch ironisch ironisch.

Und was für ein abwegiger Gedanke, dass Schmidt, mit ein bisschen Gut-Zureden der „Spiegel“-Leute, „ernsthaft“ antworten würde, ob er geimpft ist oder nicht. Das schillernde Spiel damit, dass er Raum für Spekulationen lässt, dass er damit kokettiert, womöglich nicht geimpft zu sein, ohne zu sagen, dass er nicht geimpft ist – das ist selbstverständlich die interessanteste, wenn nicht sogar die einzig interessante Position für ihn. Das Irre ist, dass die „Spiegel“-Leute die Bitte um eine ernsthafte Antwort nach seinem Impfstatus noch stellen, nachdem er ihnen genau diesen Trick vorher schon verraten hat. Auf den Vorhalt, dass er in einem NZZ-Interview ein Geheimnis um seinen Impfstatus gemacht habe, hatte er geantwortet:

„Ich habe den Kollegen gesagt: ‚Ich bin auf einem guten und vernünftigen Weg, 2G zu erfüllen.‘ Hinterher hieß es von vielen Seiten: ‚Wie meinen Sie das?‘ Da kann ich nur zurückfragen: Habt ihr schon mal den Namen Beckett gehört? Menschen dieser Geistesklasse kommentieren niemals das eigene Werk.“

Schmidt erklärt seine Tricks, und sie funktionieren trotzdem. Er scheint es selbst kaum glauben zu können, „dass die guten alten Spielchen noch funktionieren“. Es ist ein bisschen wie bei den amerikanischen Zauberkünstlern Penn & Teller, die die berühmte Routine, bei der verschiedene Bälle überraschend unter Bechern erscheinen und verschwinden, auch mit durchsichtigen Bechern aufführen, so dass man genau sieht, wie der Trick funktioniert. Was dem Reiz keinen Abbruch tut; es ist nur ein anderer Reiz.

Nihilistische Kunst

Immer wieder betont Schmidt im „Spiegel“-Interview, dass man keine seiner Aussagen für bare Münze nehmen kann. „Ich sage Sätze und gucke, was passiert.“ Für mich reduziert das erheblich den Reiz, seine Sätze zu lesen – und noch mehr, ihm Fragen zu stellen. Aber die „Spiegel“-Leute sind da schmerzfrei:

SPIEGEL: „Sie haben fünf Kinder.“

Schmidt: „Schreiben Sie einfach eine Zahl! Ich würde da niemals widersprechen.“

Wenn sie darauf die Frage anschließen: „Was frühstücken Sie an Tankstellen?“, kann realistisch nicht die Erwartungshaltung sein zu erfahren, was er an Tankstellen frühstückt. Irgendwie geht es darum, zu schauen, was jemand antwortet, der antworten kann, was er will. Es ist eine Art Tanz, eine Performance, von mir aus: nihilistische Kunst.
Sie „funktioniert“ aber – im Sinne der Aufmerksamkeitsgenerierung und inzwischen auch zunehmend als Markierung eines Phantomschmerzes für Leute, die meinen, dass Schmidt einer der letzten ist, der noch sagt, was man nicht mehr sagen darf, und dabei gern übersehen, dass alles, was er sagt, in diese dicke Schicht Uneigentlichkeit gekleidet ist.

Als mich am Freitagnachmittag meine Ratlosigkeit über dieses Interview zu diesem Tweet veranlasste:

… da gab es als Reaktionen nicht nur die übliche Mischung aus Zustimmung und Widerspruch. Sondern auch erstaunlich gehässige und hysterische Antworten, die mir unterstellten, ich wolle Schmidt canceln und einen der letzten Aufrechten mundtot machen wollen, weil mir seine Meinung nicht gefällt. Was als Unterstellung schon deshalb lustig ist, weil ich nicht einmal sagen könnte, was seine Meinung ist.

Natürlich kein Hypochonder

Größeren Erfolg hatte die „Welt“ mit einem Artikel, der das Interview unter der Schlagzeile „Entertainer Harald Schmidt hört bei Lauterbach ‚nicht mehr hin‘“ zusammenfasste – was eine gewagte Eindeutigkeit suggerierte. Viele, die das als Karl-Lauterbach-Diss feierten, hatten vielleicht übersehen, dass Schmidt dem Satz, das ihm „dieser rheinische Jammersound lästig wird“, hinzufügte: „Aber ich glaube, er hat mit allem recht.“ (Was natürlich auch wiederum Ironie sein mag.)

An einer Stelle sprechen die „Spiegel“-Interviewer darauf an, dass er früher ein „legendärer Hypochonder“ gewesen sei, worauf Schmidt antwortet:

„Aber wirklich nur, weil ich entdeckt hatte, dass es einen Markt dafür gibt. Ich bin natürlich kein Hypochonder.“

Ob all die Leute, die Schmidt dafür feiern, dass er mit seiner Meinung aus dem angeblichen Mainstream ausbricht, diese Stelle gelesen haben und sich fragen, ob er vielleicht nur gerade einen Markt bedient?

(Bevor Sie fragen: Ja, ich bin mir schmerzhaft der Ironie bewusst, dass ich mit diesen vielen Zeilen jetzt auch meine kleine Rolle in diesem Aufmerksamkeitsproduktionsspektakel gespielt habe.)


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19 Kommentare

  1. „Dieser Text ist zuerst im Übermedien-Newsletter erschienen. Wenn Sie uns abonnieren, bekommen Sie ihn jede Woche ins Postfach.“

    Ich hab zwar abonniert, aber ich würde gerne darauf verzichten, jede Woche diesen Text zu bekommen. Ein wöchentlich anderer Newsletter ist mir lieber. :D

  2. Hm, ich habe den Text nicht im Postfach.

    Kann aber gut damit leben, mir die Texte hier zu suchen, die ich lesen will.

  3. „Ich sage Sätze und gucke, was passiert.“ (Schmidt)
    Eigentlich ist das eine ganz gute Kurzdefinition für Troll: Er sagt Sätze und guckt was passiert. Die Sätze müssen jeweils einen gewissen Erregungswert haben. Eine Konsistenz zwischen den über die Zeit geäußerten Sätze muss hingegen nicht vorliegen, womit sich eigentlich eine Auseinandersetzung mit den Sätzen und der Person ausschließt.
    Wir werden aber noch lange darauf warten müssen, bis sich diese Erkenntnis gegenüber Schmidt und den anderen Trollen durchsetzt.

  4. Vielleicht sind diese Interviews auch wie eine nostalgische Zeitreise: Nochmal schauen wie das war, als Ironie, Sarkasmus, Zynismus hoch im Kurs standen und man am nächsten Tag darüber sprach, was er gestern Nacht wieder so gesagt hatte. Die beiden Interviewer klingen auch so begeistert, dass es ein Gespräch lang endlich mal wieder wie früher sein kann. Sagt natürlich auch alles, dass Schmidt damit früher reich wurde und es jetzt nur noch schrumpfende Zeitungen für lau haben wollen, wahrscheinlich aus Nostalgie? Richtig trist alles und genau so wie analysiert. Ein ähnliches Genre ist das wiederkehrende Frank-Castorf-Interview. Da ist immerhin manchmal noch ein Gedanke drin, dafür weniger Meta, ansonsten hoffen die Journalist*innen auch auf Aufmerksamkeit durch Sexismus, provokante Thesen und Rücksichtslosigkeit, die anarchisch tut. Auch trist.

  5. Ich habe da etwas die Befürchtung, Harald Schmidt ist von einem intelligenten Darsteller zu einem Intelligenzdarsteller mutiert.
    Hat sich das Handwerk verselbstständig?

  6. Don’t feed the troll!

    Wenn diese ganzen Altkoniferen ihre Rentnerenergie mal für was Nützliches einsetzen würden …

  7. Mich macht das sehr traurig, das ein von mir für einen Intellektuellen gehaltener Weltstar (in Deutschland) sich in seiner Rolle verheddert zu haben scheint, und die beiden Herren vom Spiegel das entweder nicht bemerken (wollen?) oder es sie nicht stört. Alles gleich traurig. Schmidt ist für mich nicht mehr relevant. Ja, ich weiß, warum schreibe ich dann diesen Kommentar? Auch traurig.

  8. @Mycroft #10: Bist Du auch bei den Leuten, die dummen Menschen irgendwelche Blockchain-Währungen andrehen oder NFTs verkaufen? Oder denen, die die Clickbaitstrecken in jedes Online-Medium reinmontieren? Die ersten bleiben anonym, werden reich (sofern sie die ersten bleiben, so ist das bei jedem Ponzi-Scheme) und haben nichts zu verlieren, die zweiten nennen es Arbeit und von irgendwas muss jeder leben. Auch die Clickbaiter machen das selten unter ihrem Namen und können den (noch nicht erarbeiteten) Ruf dadurch nicht verlieren. Schmidt gewinnt nichts und reißt mit dem Hintern das ein, was er jahrzehntelang mit den Händen (ok, eher nicht mit den Händen) aufgebaut hat.

  9. @#11 Es gehören immer 2 zum Spiel dazu und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die vom Spiegel so naiv wie die Crypto-Opfer sind. Die _müssen_ die Spielregeln einfach kennen. Deswegen sehe ich keinerlei Anlass für Mitleid. Abgesehen davon profitiert der Spiegel ja auch von solchen Interviews.

    Ich kann außerdem die Einschätzung nicht teilen, dass sich Schmidt mit dem Interview schadet. Sein Humor war immer schon trollig und zynisch. (Erinnert sich noch jemand an den Spruch über Bettina Böttinger?)

    Die Welt um ihn herum und mit ihr auch viele, die früher seine Fans waren, hat sich aber geändert und ich glaube, sein Opus wird in der Rückschau auch ganz ohne Interviews heute wesentlich weniger Freunde finden. Ob man das jetzt gut oder schlecht findet, ist dann wohl eine Frage der persönlichen Einstellung.

  10. Ich stelle mir gerade vor, Rezo oder Dagi Bee hätten gesagt „Ich sage einfach irgendwas und schau mir die Reaktionen an“.
    Friedrich März hätte schon eine PK über den Werteverfall der deutschen Ü30 Jugend gehalten.

    @12: Sie haben mit der retrospektiven Betrachtung seines Werkes sicherlich Recht. Das Werk ist erschreckenderweise auch echt nicht groß, was mich zur Frage führt, wieso der überhaupt Narrenfreiheit genießt. Die Sache mit den Spenden an Erika Steinbachs Verein müffelt auch so vor sich hin. Braucht den noch wer oder kann der endlich weg? (Gänssel Galltscha!)

  11. @11: Sagen Sie ja nix gegen Blockchain-Bitcoin-NFTs-Industrie-4.0-Digitalisierung. Wenn das erstmal alle machen, haben alle Arbeit und die heutigen Probleme verschwinden auf Knopfdruck.

    @13: Mein Wort des Tages: „Ü30-Jugend“. Herrlich. Danke dafür.

  12. Die Leute, die Schmidt interviewen, kriegen doch Geld dafür, oder? Im Unterschied zu den Clickbaitklickern?
    Nebenbei ist es doch gerade der Umstand, dass er seine Spielchen nicht verheimlicht, der Anlass dieses Artikels und das komplette Gegenteil von den Abzockern.

  13. Ich sag es mal so: Leichtigkeit in den Medien ist idR harte Arbeit.
    Zu wenig Mühe und sie mutiert zur Schnoddrigkeit.
    Und ceterum censeo: vergesst mir den Fred Feuerstein nicht. Dessen Genie macht einen beachtlichen Teil des HS Nimbus aus.

  14. Fred Herbert dann halt! ;)

    Aber Frank Gemein hat schon bisschen recht. Die Doofen waren ja auch nicht beide doof.

  15. Es handelt sich bei den aktuellen Schmidt-Interviews eher um eine journalistische sub-Form, nämlich um das Genre „Privataudienz“. Nach dem SPIEGEL auch in der WELT und jetzt sogar im STERN. Alle in der schicken Vitrine hinter der Bezahlschranke und zumindest für DIE WELT und den SPIEGEL (den STERN leiste ich mir nicht) lässt sich sagen: Sehr unterschiedlich und beide Male sehr unterhaltsam. Die Interviewer geben sich tüchtig Mühe und auch Schmidt leistet ganze Arbeit. Ein schönes Unterhaltungsformat mit klaren Rollen: Devote Höflinge, respektvoll vorbereitet und ein prächtig aufgelegter König. Bei der Planung dieser kleinen Tournee hätte ich zu gerne Mäuschen gespielt…

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