Wochenschau (116)

Diese Gedanken, die ihm das Leben zur Hölle machen, und nicht nur ihm

Sonntagabend. Im französischen Sender TF1 läuft seit acht Uhr die Wochenendausgabe der Nachrichtensendung „Journal de 20 heures“, moderiert von Anne-Claire Coudray. In den letzten zehn Minuten ist der belgische Sänger Stromae zu Gast, beide sprechen über sein bald erscheinendes Album. Nach sieben Jahren künstlerischer Abwesenheit ist dies sein erstes offizielles Interview. Wir sehen einen Beitrag darüber, wie sich die Fans auf sein Comeback freuen, dann sprechen sie am Studiotisch über Inspiration, die Bedeutung des Albumtitels „Multitude“, über die eklektischen Einflüsse seiner Musik; es ist das übliche Künstlergespräch, da aber der Künstler interessant ist, ist es das Gespräch auch.

Dann stellt Coudray ihre letzte Frage des Abends: „Sie kämpfen auch seit sieben Jahren gegen das Unglücklichsein. Sie sprechen auch ungefiltert darüber. In ihren Liedern singen sie auch häufig von der Einsamkeit. Hat ihnen die Musik dabei geholfen sich von dieser zu befreien?“

Stromae beginnt seine Antwort zu singen:

J’suis pas tout seul à être tout seul
Ça fait d’jà ça d’moins dans la tête
Et si j’comptais combien on est
Beaucoup.

Ich bin nicht allein im einsam sein,
das ist schon mal raus aus dem Kopf, 
und wenn ich zählen würde, wie viele wir sind:
viele.

Bei „beaucoup“, viele, blickt er von der Journalistin direkt in die Kamera, und setzt seine Serenade fort:

Tout ce à quoi j’ai d’jà pensé
Dire que plein d’autres y ont d’jà pensé
Mais, malgré tout, je m’sens tout seul

Alles, woran ich schon mal gedacht habe
Viele andere haben auch schon daran gedacht
Es ist erstaunlich, aber trotzdem fühle ich mich allein

Die Kamera bleibt durchgängig auf ihm, ein Beat setzt ein.

J’ai parfois eu des pensées suicidaires, et j’en suis peu fier
On croit parfois que c’est la seule manière de les faire taire
Ces pensées qui me font vivre un enfer
Ces pensées qui me font vivre un enfer

Ich habe manchmal Suizidgedanken gehabt und bin nicht stolz darauf
Manchmal glaubt man, dass man sie nur so zum Schweigen bringen kann
Diese Gedanken, die mir das Leben zur Hölle machen
Diese Gedanken, die mir das Leben zur Hölle machen

Die Lichtatmosphäre im Studio hat sich verändert, während sich die Kamera subtil um Stromae dreht. In den dreieinhalb schnittlosen Minuten erscheint alles unwirklich, fast wie die cineastische Inszenierung eines Interviews. Die ohnehin schon artifizielle Situation innerhalb des Studios wird ästhetisch stilisiert, und es wirkt fast hyperreal, wie der Gast in seinem melodischen Monolog direkt aus dem Bildschirm in das Publikum hineinsingt, von seiner Depression berichtet, seine suizidalen Momente teilt.

Mit seinem Rezitativ durchbricht er eine imaginäre Wand, da wir uns im Non-Fiktionalen befinden, ist es nicht die vierte Wand. Nachrichtensprecher, Rapper, Sängerinnen, Influencer schauen die ganze Zeit direkt in die Kamera, sprechen das Publikum an. Und dennoch: Vielleicht ist es eine fünfte Wand, denn es ist, als habe er in den Genrekonventionen der Interviewsituation auf eine seltsame Art doch irgendeine diegetische Formgrenze mit seinem Blick und seiner Stimme zerschlagen und durch den Bildschirm unsere Hand ergriffen.

Vielleicht durchbricht er auch eine Wand des Schweigens über Suizid.

Er singt seinen letzten Ton und sein letztes Wort, „toi“, dich, das Arrangement verklingt. Schnitt. Wir sehen eine Totale. Er, die Moderatorin, der Nachrichtentisch, sie bedankt sich für das Geschenk, das er mitgebracht habe, er blickt sie an. Das Licht im Studio geht aus.

Ich sitze sprachlos da. Was war ich sehend?

Missbrauch einer Nachrichtensendung

In französischen Medien wurde am nächsten Tag wie elektrisiert von diesem Moment gesprochen, in französischsprachigen sozialen Medien ebenso (auch ich habe es beeindruckt geteilt). Der Auftritt hatte eine Wucht und Strahlkraft, die offenbar ein breites Publikum berührte wie beschäftigte.

An das große Gefühl des Staunens in mir schmiegten sich aber auch zwei kritische Momente. Erstens: Wie kann ich so undifferenziert abfeiern, dass eine Nachrichtensendung für die Promo eines im März erscheinenden Albums missbraucht wird? Zweitens: Warum stört mich die Nutzung von Nachrichtenformen in anderen Kontexten dermaßen, hier aber offensichtlich nicht?

Für die deutsche Serie „8 Tage“ zum Beispiel wurden falsche Titelseiten inszeniert, die den Anschein eines echten Meteoriteneinschlags erweckten. Es handelte sich um einen Werbe-Stunt des Pay-TV-Senders Sky, der damit Orson-Welles-mäßig pompös seine Weltuntergangserie bewerben wollte. 2009 wurde die Show „Schlag den Star“ für folgende Eil-Meldung unterbrochen:

ProSieben-Nachrichtensprecher Michael Marx musste hier als „Newstime“-Moderator im „Newstime“-Rahmen eine Alien-Serie bewerben, als sei es der Scoop des Monats.

Andererseits hatte es viel Sinn, dass die Ärzte die „Tagesthemen“ eröffneten, um so die Aufmerksamkeit auf die wegen der Pandemie eingeschränkte und von der Regierung vergessene Kultur zu lenken.

Elaborierte Inszenierung

Der Auftritt von Stromae war natürlich sowohl künstlerischer als auch kommerzieller Natur; die Frage ist, wieviel größer der kulturelle Nachrichtenwert ist als die Gefahr, als Primetime-Nachrichtenformat für die Bewerbung einer Platte zweckentfremdet zu werden. Und um Missverständnisse zu vermeiden: Es handelte sich um eine elaborierte Inszenierung, an der TF1 selbst mitgewirkt hat; der Sender wird als kreativer Mitgestalter unter dem Youtube-Video genannt. Yoann Saillon, der künstlerische Leiter der TF1-Gruppe, hatte sich die Szene mit der Einstellung ohne Schnitt ausgedacht:

Stromae hatte eine Idee im Kopf. Er wusste, wohin er gehen wollte. Er wusste, dass er keine Unterhaltungssendung machen wollte. Er wollte kein Konzert geben. […] Ich habe diese kleine Idee einer 2:40-Minuten langen Plansequenz vorgeschlagen, was eine riskante Wette war, da wir sowas noch nie gemacht hatten.

Die Idee war, wie er erläutert, bei der Grammatik des Nachrichtencodes zu bleiben, aber in die Welt des Singenden abzutauchen. Das geschah durch die Plansequenz und das „Licht, das sozusagen entsättigt wird, als wäre es eine Bewegung, ein Moment in der Schwebe, in Klammern, wo das Leben irgendwo für zwei Minuten und 40 Sekunden stillsteht und am Ende wieder beginnt, wenn das Interview natürlich endet.“

Auch war der Moment selbst nicht live. „Der Text wurde wirklich im Vorfeld bearbeitet, am Freitag, ohne zu viel von den Hintergründen  zu verraten“, erklärt Saillion. „Am Samstag haben wir ihn dann in einem Take gedreht.“ Der Eindruck, dass dieser Moment gerade in dem Moment passiert, in welchem wir ihn sehen, wurde zugunsten der Inszenierung  aufrecht erhalten.

Eine werblich motivierte Kunstnachricht

Es sollte keine Unterhaltung werden, kein Konzert, kein klassischer Auftritt. Es ist eine Performance geworden, deren gestalterisches Gewicht eine kulturelle Würdigung in den Abendnachrichten legitimiert, auch wenn sie Promointentionen verfolgt. Betrachten wir es ein wenig wie Musikvideos: Sie sind Werbung für den Song, man schaute sie vier Minuten lang, um dann die Single oder das Album zu kaufen. In diesem Sinne waren MTV oder Viva Dauerwerbesender für die dort vorgestellten Künstler und Künstlerinnen, gleichzeitig war diese tägliche Schleife an visualisierter Musik auch ein Form von Popkulturnachrichten, die einen Überblick über die Ästhetiken der Gegenwart bot, als Montage zeitgenössischer Musik. Die dort gezeigte Werbung war eben auch Musikvideo, Kurzfilme, Bewegtbildkunst.

Diese Gleichzeitigkeit ist nun auch bei Stromaes „L’enfer“ passiert, eine werblich motivierte Kulturnachricht, die aber eine derart besondere Form fand, dass sie in der laufenden Aufzeichnung eine journalistischen Formats selbst zu einem eigenen, sich selbst bewerbenden Musikvideo werden konnte.

Durch diese Form wurden typische Promogespräche und Marketing-Interviewsituationen fast einer gewissen Absurdität überführt, indem die gängigste Frage an einen Musiker nach der Kraft der Musik mit einer Arie beantwortet wurde. In der Oper ist die Arie die Form, in welcher der lyrische Seelenzustand besungen wird. Was für ein Aufbruch eines Interviews also, in welchem so delikate, teilweise in ihrer Existenzialität unendlich abstrakte Fragen plötzlich mit der Form beantwortet wird, die einem ein Gefäß für die überlaufenden Empfindungen gibt: einem Lied.

Wie disruptiv es sein könnte, wenn jeder Kunstschaffende, Sportler oder Politiker, der nach einem Scheitern des eigenen Lebens gefragt wird, wie er sich den nun fühle, einfach über den Schmerz singen dürfte! Anlässlich des Vorschlags der Autorinnen Mithu Sanyal und Simone Buchholz und des Autors Dmitrij Kapitelman, eine Parlamentspoetin zu ernennen, sagte Alexander Kluge im Interview: „Es würde den Gesetzen gut tun, wenn sie auch gesungen werden könnten.“

Kunst, die sein Leben ist

Stromae veranschaulicht mit seinem Auftritt auf einfache wie einnehmende Weise die Balance eines sich inszenierenden Künstlers, der die Übergänge und Überlagerungen zwischen Realitäten, Wirklichkeiten und Inszenierungsformen erahnen lässt; dass seine Kunst nicht nur ein Produkt ist, das sich vom „echten“ Leben unterscheidet, sondern Kunst, die sein Leben ist. Durch die artistische Überhöhung des Interviews zu einer musikalischen Performance, auch noch mit einem der intimsten Themen, die man besingen und künstlerisch aufarbeiten kann, Lebenswille und Todessehnsucht, nutzte Stromae die ritualisierten Formzwänge des zu Berichtenden und schuf etwas auf sehr delikate Art Hybrides. Es sind Nachrichten, es ist Werbung, es ist ein Auftritt, es ist Jacques Brel.

Die Kunstversion eines PR-Interviews, das in seiner artistischen Verdichtung die Artifizialität „echter“ Interviews veranschaulicht und erst in seiner Ansprache und seinem Thema durch die Inszeniertheit Wahrhaftigkeit ermöglicht.

Und wenn diese Erkenntnis einen ästhetischen, politischen, gesellschaftlichen Wert hat, dann ist sie tatsächlich eine Nachricht beziehungsweise eine Berichterstattung wert. Das gesamte Segment, in dem die Neuerscheinung eines Albums eben auch tatsächlich in der Form der Abendnachrichten und als Scoop mit Neuigkeitswert präsentiert wird, würde im Rahmen der deutschen Nachrichtengestaltung vielleicht nur bedingt funktionieren, weil hier Kulturnachrichten immer noch einen anderen, geringeren Stellenwert haben als Politik und Wirtschaft. Es war von ironischer Besonderheit, dass die Ärzte in den „Tagesthemen“ auftauchten, um auf die oftmals vergessene Systemrelevanz der Kultur hinzuweisen, sowohl in Politik als auch im „harten“ Journalismus.

Der Werther-Effekt

Neben den medienethischen Fragen der Vermischung zwischen PR und Bericht, Werbung und Journalismus, die sich hier irgendwie in einer kommerziellen Kunst verschränken, kommt inhaltlich noch eine weitere Dimension hinzu: das Thema des Songs – Suizid.

7,3 Millionen Menschen haben das Interview im linearen Fernsehen gesehen, weitere Millionen in den sozialen Netzwerken und in der Mediathek des Senders, der hier auch eine besondere Verantwortung trägt, was die Thematisierung von Suizid angeht.

Bei der medialen Verhandlung und Abbildung von Suizid wissen wir, dass es die Gefahr gibt, zur Nachahmung zu inspirieren; wir kennen dies als den „Werther-Effekt“. Ein Romantisierung des Suizids finden wir zum Beispiel in der Serie „13 Reasons Why“. Demgegenüber kennen wir den „Papageno-Effekt“, wenn durch eine verantwortungsvolle Berichterstattung Suizide verhindert werden können.

Wie verhält es sich bei dem Lied „L’enfer“? Die Poetik des Gesangs verwischt nicht das Elend, das mit den bleiernen Gedanken einhergeht. In seiner Offenlegung könnte das Lied eine ähnliche Wirkung haben wie der Song „1-800-273-8255“. Dieses Stück des amerikanischen Hip-Hop-Künstlers Logic handelt von einer Person, die sich an die amerikanische Nummer zur Suizidprävention wendet. Einer im Dezember veröffentlichten Studie zufolge wird das Lied mit einer höheren Anzahl von Anrufen dort und einem Rückgang von Suiziden in Verbindung gebracht.

„L’enfer“ wäre eine öffentliche Auseinandersetzung mit Suizid, die tatsächlich den Papageno-Effekt haben könnte. Pierre Grandgenèvre, ein Psychiater an der Universitätsklinik Lille, der sich auf Suizidologie spezialisiert hat, ist der Ansicht, dass diese Präsentation hilfreich sei, weil über es noch eine Tabu sei, über solche Gedanken zu reden, „weil es Werturteile gibt“.

Empathie für den Schmerz

Eine Entstigmatisierung von Depressionen und Suizidgedanken und des Sprechens darüber sind eine akute gesellschaftliche Herausforderung, um Hilfe für Betroffene einfacher verfügbar machen zu können. Grandgenèvre sagt:

Es gibt viele Möglichkeiten, dieses Leiden zu verringern, aber dazu muss man darüber sprechen. In Worte zu fassen hilft auch, bestimmte Dinge zu durchbrechen.

Stromae könnte als Identifikationsfigur und Idol eine Form der Empathie für den Schmerz erzeugen, die es auch Nichtbetroffenen ermöglicht zu verstehen, was Menschen mit suizidalen Gedanken durchmachen. Das könnte ebenfalls zur Entstigmatisierung beitragen.

Ein treibender Faktor und ebenso Quelle der Hoffnungslosigkeit ist die schweigsam machende Scham, die beim Denken dieser Gedanken empfunden wird. Das Lied gibt der Unvertreibarkeit dieser Gedanken eine Form, die Betroffenen bestenfalls tatsächlich hilft, sich mit dem Schämen weniger isoliert zu fühlen.

Man muss also, ohne die ökonomischen und journalistischen Kräfte hinter der Inszenierung zu ignorieren, anerkennen: Stromae hat am Sonntagabend mit seiner Kunst vor einem Millionenpublikum kurz das Tor zur inneren Hölle vieler geöffnet.

4 Kommentare

  1. Ich schließe mich #1 voll und ganz an. Genau wegen solcher Artikel bin ich sehr gerne Übonennt! Merci!

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