Wochenschau (114)

Die Philosophie der Philosophie in Medien

Der Nihilismus-Experte und Technik-Philosoph Nolen Gertz schrieb am Freitag folgenden Tweet:

Analytische Philosophie: „Mit Hilfe von Modallogik und Systemtheorie habe ich nach Beantwortung von 33 theoretischen Einwänden gezeigt, dass die Intuition, dass der Tod schädlich ist, gestützt werden kann.“

Kontinentalphilosophie: „Tod tötet.“

(Übersetzung von uns)

Lässt sich damit vielleicht auch zusammenfassen, was der Vermittlungsunterschied einer Philosophie und einer populären Philosophie, wie sie Philosoph*innen im Fernsehen bestreiten, ist? Ehe wir diese Frage beantworten können, brauchen wir noch einen Namen. Einen Namen für ebenjene Akteure, jene Philosoph*innen im Fernsehen, um die es hier gehen soll.

Medienphilosophen? Philosophiedarsteller?

Mein erster Gedanke war: Wir nennen sie Medienphilosoph*innen. Da würde der Text aber gleich schon komplett falsch anfangen, denn Medienphilosoph*innen sind solche Philosophen, die sich vornehmlich mit Medien auseinandersetzen. Sie philosophieren bestenfalls nicht nur über sie, sondern auch im Austausch mit ihnen. Sie erforschen und erklären uns, wie Medien unser Denken, unsere alltäglichen Praktiken, unser gesamtes soziales Gefüge bestimmen. Der kanadische Philosoph Marshall McLuhan („Das Medium ist die Botschaft“) beispielsweise war ein Wegbereiter der Medienphilosophie – und hat in den 1960er- und 1970er-Jahren seine Ansichten auch in Film und Fernsehen zum Besten gegeben. Um ebensolche Medienphilosoph*innen soll es aber in diesem Text gar nicht gehen.

Daneben existiert nämlich noch ein anderer, spezieller Typus der – man könnte sagen: „klassischen“ – Philosoph*innen, die vornehmlich in den Medien philosophieren, aber eben nicht zwingend über sie oder gar im Austausch mit ihnen. Man kann jene bestenfalls als eine eigene Form von Public Intellectuals bezeichnen, eben: Philosophen in Medien.

Wen meint das genau? Philosophen, die auf verschiedenen Kanälen breit zugänglich, aber mitunter nur noch gelegentlich auf dem Campus zu sehen sind – und die aufgrund ihrer Medienkompatibilität eine größere Popularität genießen. Der prominenteste im deutschsprachigen Raum ist vermutlich Richard David Precht, die prominenteste vielleicht Thea Dorn. Svenja Flaßpöhler ist ebenso eine gutes Beispiel, im französischsprachigen Raum haben wir Bernard-Henri Lévy, gerade arbeitet sich auch Michel Onfray zum edgy Pandemiephilosophen durch die französischen Formate. International könnte man an Slavoj Žižek denken, nicht jedoch an Jordan Peterson, der ist Psychologe.

Richard David Precht und Svenja Flaßpöhler
Richard David Precht und Svenja Flaßpöhler philosophieren über Großes. Foto: ZDF / Juliane Eirich

Der Philosoph Markus Gabriel nennt Richard David Precht einen „Philosophiedarsteller“ – übrigens würden einige auch Gabriel als einen solchen bezeichnen – , was despektierlich klingt, aber zumindest wörtlich genommen zu einem interessanten Gedanken wird: die Philosophie in Medien darstellen.

Wie diese Darstellung des Philosophierens im Fernsehen erfolgt, ist vielleicht der Schlüssel zur Typologie dieser Art von Show-Philosophierenden und der Medienlogik dahinter. Die Kritik, die ich im Folgenden gegenüber diesen Protagonist*innen in unserer Medienlandschaft äußere, muss ich zugleich uneingeschränkt auf mich selbst beziehen. Denn alle Vergehen, derer ich sie überführt haben will, habe ich selbst etliche Male begangen – weswegen ich vielleicht umso besser verstehe, wie und warum sie passieren. Weil ich selbst unwillentlich manchmal eine Bullshitterin bin, kann ich erklären, wie es passieren kann, dass gebildete Menschen manchmal kompletten Quatsch erzählen.

Es fängt bereits bei der Disziplin selbst und ihrer Darstellung in bestimmten Medien an. Denn das, was im Fernsehen als „Philosophie“ gesendet wird, ist selbstverständlich – ehrlich wertfrei und als Aussage auch banal – natürlich eine inszenierte Version davon. Der französische Philosoph Jacques Bouveresse schreibt in seinem Buch „La Demande Philosophique: Que Veut La Philosophie Et Que Peut-On Vouloir D’elle?“ („Die philosophische Nachfrage: Was will die Philosophie und was können wir von ihr erwarten?“):

Ich war immer davon überzeugt, dass die Philosophie sich im Wesentlichen durch das verteidigt, was sie tatsächlich tut, und ganz sicher nicht durch die völlig idealisierte Darstellung, die sie gewöhnlich von dem gibt, was sie tut.

Es existiert zweifellos einen Bedarf an philosophischem Content und der Philosoph, der sich gerne in Medien artikuliert, erfüllt diesen Bedarf. Der Begriff der „Nachfrage“ ist sowohl in seinem wirtschaftlichen als auch in einem Sinne des Bedarfs nach Antworten zu verstehen, des Nachfragens im Wortsinne. Bouveresse bemerkt:

Eines der Hauptprobleme, das sich der zeitgenössischen Philosophie stellt, scheint mir zu sein, dass man von ihr weiterhin erwartet, dass sie dazu beiträgt, die Sehnsucht nach dem Glauben zu befriedigen, die eines der Merkmale der heutigen Zeit ist, dass sie als Versorgerin von autorisierten Überzeugungen fungiert.

Für grundsätzliche Fragen und akutes Moralphilosophieren

Es gibt zwei Kategorien derartiger Philosophen in den Medien, die sich überschneiden und je nach (pandemischer) Situation – und aktueller Buchveröffentlichung – natürlich verschiedene Hüte aufsetzen können.

Kategorie 1 verhandelt grundsätzliche Fragen der Lebensführung. Precht zum Beispiel erwarb Popularität, als und weil er über ebensolche Fragen philosophierte: Was Liebe ist, wer man ist oder was man isst.

Die zweite Kategorie ordnet konkrete, aktuelle Ereignisse oftmals moralphilosophisch ein. Dorn, Flaßpöhler und auch Precht bedienen diese Nachfrage. Wie Außenreporter der Gegenwart berichten sie von den ganzen ethischen Uneindeutigkeiten, die ein Ausnahmezustand mit sich bringt – nur, dass sie statt der neuesten Entwicklungen Rousseau und Agamben zitieren.

In dieser Einordnung der Dinge werden sie allerdings zu Deutern, die in Phänomenen und Vorkommnissen unserer chaotischen Welt stets Zeichen für etwas Grundsätzlicheres erkennen und so medienkompatible Einordnungen anbieten können.

Deuten wir zum Spaß mal gemeinsam eine Alltagsbeobachtung: das Tragen von Masken. Sind sie ein Zeichen der Einschränkung der Individualität, der Freiheit oder des Sicherheitsempfindens, weil sie permanent an die Krisensituation erinnern? Sind sie Sichtbarmachung der Anonymisierung der Gesellschaft oder verdeutlichen sie nicht sogar den Umstand, dass wir im öffentlichen Raum immer schon Masken trugen, nur kann man sie jetzt sehen?

Sind sie Zeichen unser gegenseitigen Rücksichtnahme und Würdigung des Gegenüber? Höflichkeitsgeste oder zivilisatorische Errungenschaft einer solidarischen Gesellschaft, die zur bedingungslosen Fürsorge gegenüber Fremden in der Lage ist? Zeichen von Resilienz oder Lernfähigkeit eines Landes? Wichtig ist nach allerlei Überlegungen dieser Art noch zu betonen: „Ich stelle ja nur Fragen.“

Sie merken, Sie könnten etliche Deutungsangebote machen. Das Maskentragen ist, je nachdem, wie man es betrachten möchte, Zeichen für die kollektive Achtsamkeit einer Gesellschaft in Anbetracht einer gemeinsamen Herausforderung oder die alarmierte Wachsamkeit einer Gesellschaft in einer Bedrohungslage. Das Problem: Eine der beiden Lesarten ist lukrativer und kompatibler mit Medienlogiken.

Schlüsselwort, zack, Gastbeitrag.

Eine aufmerksamkeitsökonomisch effiziente Technik ist, Schlüsselwörter zu Ein-Wort-Selbsterklärungen werden zu lassen. Man arbeitet etwa mit Begriffen der „Freiheit“ und der „Sensibilität“ einer Gesellschaft, evoziert die Fiktion der „Spaltung“, verhandelt verschiedene Denkschulen über „Gerechtigkeit“ und „Solidarität“. Hegel muss dann immer herhalten, zusammen mit Hannah Arendt werden Geländer verschmäht, Voltaire falsch zitiert, auch Ayn Rand noch ausgegraben und ein bisschen Levinas über alles gestreut (ja, auch ich bin schuldig).

Nehmen wir zum Beispiel die Idee einer „Infantilisierung der Gesellschaft“ im Zuge der Pandemie1)Ich möchte vorwegnehmen, dass ich weder auf die Arbeit von Robert Pfaller (dessen Buch „Erwachsenensprache“ lange vor der Pandemie erschien), noch Susan Neiman Bezug nehme, sondern das Beispiel der „Infantilisierung der Gesellschaft“ hier schlicht besonders gut veranschaulicht, wie dieses Zeichenlesen und -übersetzen funktioniert.: Man könnte argumentieren, es habe eventuell mit dem pandemisch bedingten Umstand zu tun, dass es mehr Regeln gibt, die wir aus nachvollziehbaren Gründen befolgen müssen – weshalb wir, so die Beobachtung oder der Vorwurf – „infantilisiert“ werden. Andersherum betrachtet, könnte man die bockige Trotzigkeit jener, die sich nicht an die Regeln halten wollten, ebenfalls als Produkt einer „sich infantilisierenden Gesellschaft“ lesen.

Je nachdem, wie man aufgestellt ist, kann man das Befolgen von Regeln oder das Ablehnen ebendieser in einer Gegenwartsdiagnose als mutmaßlich wahrnehmbare Infantilisierung präsentieren. Für ein Sachbuch reicht es vielleicht nicht, aber ein Gastbeitrag oder ein, zwei Auftritte in Shows mit „Spaltung“ und „Gesellschaft“ im Ankündigungstext – durchaus denkbar.

„Bäm, Zitatkachel.“

Das medienkompatible Philosophieren bedingt aber zusätzlich, sich auf eine abstraktere Ebene begeben zu müssen; um zu belegen, dass das besprochene Thema eigentlich ein Zeichen für etwas Tiefergehendes ist. Videospiele sind Zeichen für Realitätsflucht, Smartphone-Nutzung Ausdruck der Atomisierung der Gesellschaft, Selfies Symbole für den Narzissmus, ein Shitstorm das Schlüsselwort für mangelnde Resilienz einer Gesellschaft.

Wichtig bei dieser Zeichendeutung ist das Versprechen, substanziell zu sein, eine tiefgründige Wahrheit über das Wesen unserer Gesellschaft plötzlich, dank dieser Übersetzungsarbeit, sichtbar zu machen. Aber ab wann empfinden wir etwas als substanziell? Denn sind wir mal ehrlich: Herauszuarbeiten, dass erhöhter Medienkonsum während einer Pandemie Zeichen unseres Eskapismus ist, erfordert jetzt nicht direkt Raketenwissenschaft. Zugleich empfinden wir interessanterweise Raketenwissenschaft selbst gemeinhin nicht als tiefgründig, trotz ihrer enormen Komplexität. Aber das Konstatieren einer symbolischen Flucht während einer Krise, vorgetragen im Kreise andächtig nickender und lauschender Talkshowgäste, offenbar schon.

Der englische Philosoph Anthony Savile hat versucht zu analysieren, was es bedeutet, ein Kunstwerk als substantiell genug wahrzunehmen, als dass es den „Test of Time“ besteht. Er wollte ergründen, was Tiefgründigkeit ausmacht: Es sei eine Kombination aus einer enthaltenen, allgemeinen Wahrheit und eines Abstraktionslevels als Merkmale von etwas, das wir als „deep“ empfinden. Wahr und abstrakt trifft aber halt auch auf Geometrie oder Arithmetik zu. Warum twittern wir also nicht mit gleicher Begeisterung über das Tiefgründige mathematischer Formeln – oder packen diese in unsere Insta-Bio? Warum keine Zitat-Kacheln von Modellrechnenden, deren „Quote“ die Funktionsgleichung exponentiellen Wachstums ist? (N ( t ) = N 0 ⋅ a t – Michael Meyer-Hermann, 2021)

Savile schlägt vor, folgende Bedingung hinzuzufügen, die wir hervorragend auf die Aussagen der medialen Philosophen anwenden können: Ein als tiefgründig empfundenes Werk oder – in unserem Fall eine als tiefgründig empfundene Aussage – sollte den Menschen zum Thema haben. Noch genauer gesagt: die Beziehung des Menschen zu sich und zur Welt. Tiefgründige Erklärungen müssen also in der Regel eine Form haben wie: „Instagram existiert, weil der Mensch Angst vor dem Vergessenwerden hat“ oder „Der Erfolg der sozialen Medien ist ein Zeichen für die empfundene Einsamkeit des modernen Menschen“. Bäm, Zitatkachel.

Genau diese Art von Erklärungen wird der Philosoph in den Medien tendenziell anbieten. Da sein Trick darin besteht, eine aktuelle Begebenheit des Alltags (wie das Tragen von Masken, Abstandhalten oder Impfbereitschaft) zu nehmen, um sie zum Zeichen allgemeinerer kultureller Tendenzen (wie die Weigerung, seine Verantwortung als Erwachsener zu akzeptieren) oder sogar universeller Tendenzen der menschlichen Natur zu machen, werden seine Erklärungen den Kriterien von Savile nach eben als tiefgründig empfunden.

Ein weiterer Aspekt, warum wir glauben, jenen Philosoph*innen in den Medien zuhören zu müssen: ihre Feststellungen sind für uns auch ein Bestätigungsritual zur Selbstüberhöhung. Sagt ein Philosoph etwas, das ich auch schon mal oder stets gedacht habe, halte ich ihn für klug – und mich gleich mit. Je grundsätzlicher die Aussage und je größer die Sendezeit des Philosophen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass er irgendwann etwas ausspricht, das ich auch schon immer gedacht habe. Und wie gerne werden Äußerungen, die eigene Ansichten spiegeln, als „kluger Artikel“ und „unaufgeregte Analyse“ geteilt? Als klug empfinden wir oft Inhalte, die uns einfach recht geben.

Warum ist da problematisch?

Die Philosophie stößt sich besonders dann beim Denken im Fernsehen, wenn sie über gesellschaftspolitische Themen verhandelt, die so beklemmend konkret sind, dass sie beim medientauglichen Hochabstrahieren in eine vermeintliche Dialektik des Zeichendeutens ihre Auswirkungen nicht genügend verhandelt. Corona, Rassismus oder Antisemitismus zum Beispiel. Was zuerst kontraintuitiv klingen mag, kann man doch gerade dort philosophische Konzepte wie Ethik, Würde und Gleichheit vergegenwärtigen. Es liegt aber in der Philosophie selbst veranlagt, alles grundsätzlich in Frage zu stellen, um als solche zu funktionieren. Um das eigene Denken zu überdenken, mit dem eigenen Geist den eigenen Geist zu verändern und mit der Vernunft als Instrument vernünftiger werden.

Der erste Schritt zum Philosophieren, also das systematische Erlangen von Erkenntnis durch Anwendung unserer Vernunft, ist erstmal anzuerkennen, dass das, was wir meinen zu wissen, nicht selbstverständlich ist. Dass wir also alles hinterfragen müssen. Das „ich stelle ja nur Fragen“ wird in einer Medienlogik um einen zweiten Schritt erweitert: Der oder die Philosophierende soll eine Einschätzung abgeben. Gerade das Hinterfragen wird medial besonders gerne zelebriert.

Hier sind wir wohl an einem Knackpunkt dessen, was Philosoph*innen zu Philosoph*innen in den Medien macht. Wenn sie nach ihrer angebotenen Betrachtung der Welt, die nur auf eigener Beobachtung, dem Hinterfragen von allem und eklektischem Deuten basiert, nach ihrer Meinung zur Wirklichkeit gefragt werden, wie unterschieden sie sich von einem Kommentator? Einem Chronisten? Einer Meinungsjournalistin?

Das führt mich zur Eingangsfrage, wie man Philosoph*innen typologisieren könnte, die Philosophie in den Medien, wie gesagt wertfrei, darstellen.

Denn wenn wir davon ausgehen, dass die Philosophie versucht, durch die Prüfung der eigenen Aussagen und das Denken über das Denken zu hinterfragen, zu bekräftigen oder zu widerlegen, ob und dass ihre Aussagen tatsächlich etwas Tiefgründiges über die Wirklichkeit beinhalten, dann müsste zu allem eine Meinung zu haben beziehungsweise diese artikulieren zu können das Gegenteil davon sein. Genau das aber ist es doch, das den Philosophen in den Medien offenbar als solchen nicht nur auszeichnet, sondern sogar überhaupt erst qualifiziert. Um diese Protagonisten des Ideenmarktes nun also treffender benennen zu können: „Medienphilosophen“ ist falsch, nur „Philosophen“ ist nicht genau genug, „mediale Philosophen“ klingt verkehrt, bliebe vielleicht ein Vorschlag: Sie sind „Meinungs-Philosophen“.

Fußnoten

Fußnoten
1 Ich möchte vorwegnehmen, dass ich weder auf die Arbeit von Robert Pfaller (dessen Buch „Erwachsenensprache“ lange vor der Pandemie erschien), noch Susan Neiman Bezug nehme, sondern das Beispiel der „Infantilisierung der Gesellschaft“ hier schlicht besonders gut veranschaulicht, wie dieses Zeichenlesen und -übersetzen funktioniert.

26 Kommentare

  1. Könnte sein, dass beim Ausdruck ( t ) = N 0 ⋅ a t einige nicht unwesentliche typographische Fehler aufgetaucht sind?

  2. Die Formulierung: „Warum ist da problematisch?“ klingt jetzt schon sehr precht-mäßig.

    Aber ja, so gesehen braucht man keine Philosophie – man braucht tiefgründige Analysen, die einem/r Recht geben. Die machen glücklich, und Glück ist der Sinn des Lebens. q.e.d.

  3. Precht ist eigentlich nur nebenbei Philosoph, promoviert hat er als Germanist. Flaßpöhler dagegen ist promovierte Philosophin. Als dritter im Bunde hätte sich noch Wolfram Eilenberger angeboten – aber der hat in letzter Zeit nicht gegen PC-Regeln verstoßen, also war er vermutlich nicht bös‘ genug*.

    Finde, Frau El Ouassil trifft viel Wahres, macht aber ein bisschen denselben Fehler, den sie Precht und Flaßpöhler vorwirft: Sich über den Dingen zu wähnen und deshalb nicht in den Dingen zu sein (frei nach Adorno). Mir fehlen konkrete Argumente.

    Prechts Arbeit reicht – soweit ich sie kenne – von lehrreicher Philosophie-Vermittlung für Laien („Wer bin ich, und wenn ja…“) über ziemlich kluge Auseinandersetzungen mit Zeitfragen (Tier-Ethik oder KI-Kritik) bis zu ressentimentgeladener Dampfplauderei (Impfen). Ist das alles dasselbe und gleichermaßen substanzlos?

    Flaßpöhler betreibt ebenfalls Philosophie-Vermittlung als Journalistin, dampfplaudert manchmal als Talkshow-Gast, schreibt aber auch Bücher mit Substanz – über die man sich streiten kann, die aber von der hier behaupteten Beliebigkeit weit entfernt sind.

    Natürlich vertreten beide Meinungen. Und begründen sie mal mehr, mal weniger gut. Aber das würde ich verteidigen: Mein Haus-Philosoph Adorno hat gegen die „bloße“ Meinung gewettert. Aber hier geht es um argumentativ begründete Meinungen. Und die sind Voraussetzung für jede intellektuelle Auseinandersetzung. Die analytische Philosophie dagegen ist eher der Versuch, Humanität durch Mathematik zu ersetzen.

    *Okay, das ist gemein. Habe noch die SPON-Wutbürger*innen-Kolumne von Stokowski gegen die beiden im Kopf, die Flaßpöhler quasi rechte Identitätspolitik vorwarf. El Ouassil argumentiert viel klüger – sie kritisiert, statt zu denunzieren. (Der Infantilitäts-Begriff bei Pfaller hat übrigens viel mit der Sensibilitäts-Kritik bei Flaßpöhler zu tun.)

  4. #KK
    „Finde, Frau El Ouassil trifft viel Wahres, macht aber ein bisschen denselben Fehler, den sie Precht und Flaßpöhler vorwirft: Sich über den Dingen zu wähnen und deshalb nicht in den Dingen zu sein (frei nach Adorno).

    Ja witzig, raten Sie mal wer noch.

  5. Stokowski unterstellt Precht wie Flaßpöhler, sie kämen „bei ihren Überlegungen mit absolut präziser Treffsicherheit am rechten Rand bürgerlichen, antiemanzipatorischen Denkens raus.“ Das ist absurd, das ist ahnungslos, das ist Hetze. Auch wenn (oder gerade weil) sie im PC-Gewand daherkommt.

    El Ouassil argumentiert, wie gesagt, ganz anders – aber sie wählt dieselben Angriffspunkte, und ich finde, sie hätte sich m.E. in irgendeiner Form von dem millionenfach geklickten Hass-Beitrag von Stokowski emanzipieren müssen.

    Tut sie nicht, schließt sich stattdessen im kleineren Medium „übermedien“ der Attacke an. Das ist mir zu einfach.

  6. Sicher sehr schlau. Bisserl viele Zitate („nehmen das Denken ab“). Sicher alles mehr oder weniger richtig, bisserl lang. Ich mag die lustige El Ouassil lieber.

  7. #8
    Besser als das Vorige, aber verläßt das Feld der Meinung eben auch nicht. Und als Stroh“frau“-Thema wird Frau Stokowski ins Boot geholt:
    Frau Ouassil hat sich also von einem „millionenfach geklickten“ ( das ist dann wohl schlecht ) „Hass-Beitrag “ ( das ist wieder Meinung ) „von Stokowski emanzipieren müssen.“ ( Das ist schon fast Mission ).
    Summasummarum: Kritisiert das, was Frau Ouassil eben nicht schreibt, ohne begründen zu wollen oder können, warum das statthaft sein sollte.

    Zumindest hat das sinnfreie name-dropping aufgehört. Das ist ein Plus.

    Ja Redaktion, ich steige hier wieder aus.

  8. @2
    Es muss natürlich N(t) = Nₒ ∙ aᵗ heißen.
    Ansonsten, also in Mathe-YT-Channels gibt es durchaus meme-hafte Kacheln mit berühmten Formeln wie e^(iπ) – 1 = 0 oder ein Wortspiel wie „using ℂ to solve a complex task“ als Videounterschrift und im Thumbnail ist dann „sin φ + i cos φ “ zu sehen.
    Ich bedaure, das hat einfach nicht so ein breites Publikum.

  9. @ #9

    Also, wer von Svenja Flaßpöhler behauptet, sie stünde „am rechten Rand bürgerlichen, antiemanzipatorischen Denkens“, ist entweder dumm oder fanatisch. Welches von diesen möglichen Urteilen über Frau Stokowski zutrifft, sei Ihnen überlassen.

  10. #11 Es geht ja nicht anders:

    Frau Stokowski ist hier die Strohfrau. Sie können den Beitrag von Frau Ouassil nicht qualifiziert kritisieren, ziehen also jemand anderes aus dem Hut, die Sie dann auch nicht qualifiziert kritisieren.
    Minus mal Minus soll da wohl Plus ergeben.

    Ein Beispiel: Tatsächlich behauptet Frau Stokowski in dem Spon Artikel gar, nicht, Frau Faßpöhler „stünde“ am „am rechten Rand bürgerlichen, antiemanzipatorischen Denkens“.
    Sie schreibt,
    „Precht und Flaßpöhler gleichen sich darin, dass sie gern populistische Meinungen vertreten, ohne sich groß um Belege zu scheren, und beide kommen bei ihren Überlegungen mit absolut präziser Treffsicherheit am rechten Rand bürgerlichen, antiemanzipatorischen Denkens raus, egal, ob es um die Pandemie geht oder um Geschlechterrollen.“, was dann aber weitaus schwerer zu bestreiten wäre.
    Sie rechnen sich vielleicht nicht zum angesprochenen Lager, aber
    wenn Frau Stokowski schreibt
    „Wird schon was dran sein. Flaßpöhler wird im bürgerlichen, sich als liberal verstehenden Milieu mitunter als Intellektuelle gefeiert, weil sie noch nicht so lange dabei ist wie Richard David Precht und man sich gerne anhört, warum die jungen, woken Internetgören alle übertreiben.“ ,und ich das zusammen mit Mycrofts:
    „Aber ja, so gesehen braucht man keine Philosophie – man braucht tiefgründige Analysen, die einem/r Recht geben. Die machen glücklich, und Glück ist der Sinn des Lebens. q.e.d.“
    lese, dann scheint mir der ganze Popanz hier treffend beschrieben.

    Mir tut Frau Ouassil etwas leid. Denn das hat der kluge Artikel wirklich nicht verdient.

  11. Ähh, sorry, wenn ich etwas flapsig rüber kam, aber ich hatte den Artikel als Parodie gelesen.
    War das jetzt falsch?

  12. #13 Alles gut. Ich habe den Artikel zwar nicht als Parodie gelesen, finde aber, wie so oft, dass in der „flapsigen“ Bemerkung durchaus etwas Wahres zum Ausdruck kommt.

  13. Erstmal danke für den schönen Artikel Frau El Ouassil.
    Ich spreche jetzt einfach mal für den Pöbel (Arbeiterkind und selbst auch Arbeiter)

    Mal davon abgesehen dass die Qualität der Beiträge der genannten Philosophen anscheinend starken Schwankungen unterliegt, finde ich es dennoch enorm wichtig dass es die Philosophie in den Mainstream geschafft hat.

    In der Philosophie steckt so viel Lebenshilfe drin. Allein schon der Ansporn mal mehr über alles nachzudenken.
    Aber als „normaler“ Arbeiter hat man eher nicht die Zeit und Energie sich da tiefergehend zu informieren. Zumal auch der Zugang aufwändiger ist (Hinz und Kunz kennen eher keine Philosophen und müssten sich erst in die Materie einarbeiten)
    Es ist ja kein Zufall dass dieses Lebensratgeberzeug so gefragt ist.
    Wenn dann Philosophen daherkommen, und in einfachen Worten die philosophische Sichtweise auf verschiedene Themen aufzeigen, ist das doch wunderbar.
    Und wenn das ganze noch mit Zitaten gespickt wird kann es auch wunderbar das Interesse wecken: „Dieser Hegel sagt aber interessante Dinge, den werd ich mir genauer anschauen.“

  14. Hier das heutige Beispiel meines Liebingskanals, wo als Thumbnail ein berühmtes Integral angeführt wird als Teaser :-)
    https://www.youtube.com/watch?v=bIdPQTVF5n4
    Und mit der durchaus tiefgründigen Frage: „Wieso ist das kein elementares Integral?“
    Oder hier: Ein Podcast über die Konzepte der verschiedenen Unendlichkeiten in der Matheamtik.
    Meine These also: Diese tiefgründigen Fragen sind durchaus auch im Bereich der Mathematik vorhanden, nur nicht so sehr auf dem Radar der Medienschaffenden wie die Äußerungen der Philosophen.

  15. Ich lese die Bücher von Herrn Precht sehr gern, weil ich seine Gedanken verstehen kann. Das geht mir mit Philosophen selten so. Offenlegung: Ich bin 1979 im Philosophie-Grundkurs (das Sein, das Seiende und das Wasweißich-Ansich) von Dr. Schweiß (Hegaugymnasium Singen) spektakulär gescheitert! Umso erschütterter bin ich, dass RDP auch nur ein älterwerdender weißer Mann ist, der sich am Gendern abarbeitet wie ein AfDler am Flüchtenden.

    Deshalb mag ich auch diesen Text von Frau Ouassil sehr. Er ist, um einen weiteren großen Philosophen der Neuzeit (21. Dezember 2021 um 17:40 Uhr) zu zitieren, eine » tiefgründige Analyse, die mir Recht gibt.«

  16. @ Frank Gemein (#13)

    Frau Stokowski ist hier die Strohfrau. Sie können den Beitrag von Frau Ouassil nicht qualifiziert kritisieren, ziehen also jemand anderes aus dem Hut, die Sie dann auch nicht qualifiziert kritisieren. Minus mal Minus soll da wohl Plus ergeben.

    „No one here gets out alive“ (Jim Morrison)

    „Doch, icke“ (KK)

  17. Naja, über die symbolische Bedeutung von Masken zu reden, wenn die tatsächliche Wirkung von Masken schon wichtiger ist, weil Corona ein paar Nummern zu konkret ist, um durch philosophische Diskussionen lösbar zu sein, gibt die Absurdität solche Talkrunden durch Überspitzung gut wieder, finde ich.

  18. Weil Svenja Flaßpöhler hier Thema in den Kommentaren war: es gibt einen aktuellen Podcast mit ihr, wo es in erster Linie darum geht, warum sie so viele Kontroversen auslöst.
    Ich für mich muss sagen, dass ich sie dort im Podcast wenig erhellend fand, eigentlich nur mit Binsen um sich werfend und zwar betonend, sich nicht als Opfer sehen zu wollen, aber immer nur als Opfer an der Sache vorbei argumentierend. Ich kann jetzt besser verstehen, was Frau Stokowski in dem Artikel meinte.
    Den SpOn-Artikel fand ich auch vorher schon nachvollziehbar, weil Svenja Flaßpöhler mir bis dahin nur mit dem Auftritt bei Lanz im Kopf war und ich echt nicht fassen konnte, was sie dort erzählt hat.
    Nach Margarete Stokowskis Artikel konnte ich den Auftritt dann besser einordnen und der Podcast hat zwar nichts kontroverses hervor gebracht, aber eben auch gezeigt, dass sie ihre Position nicht wirklich verteidigen kann, sondern zur Erklärung scheinbar immer Strohmänner nutzen muss.
    Wen es interessiert: es war im Podcast „Hotel Matze“.

  19. Ich finde diesen Artikel sehr klug. Was sagt das jetzt wohl über mich, unter demVorbehalt, dass ich an Weihnachten meiner Familie erklären musste, weshalb ich Precht nicht für einen Ernst zu nehmenden Philosophen halte? ;)

  20. In gewisser Weise stimme ich zu. Die Philosophie lebt von der Selbstkritik, diese findet sich bei solchen, ich übernehme einfach mal, „Meinungs-Philosophen“ kaum – sie vertreten in erster Linie ihre Meinung. Das sollte auch in Ordnung sein, das Problem habe ich dann jedoch mit diesen andauernden Zitaten und Thesen, die Philosoph XY mal aufgeworfen hat. Da steckt keine Essenz dahinter, wenn man sich damit begründet – wie hier gesagt, man kann die Zitate deuten, wie man will. Mehr als „das wurde bereits gedacht, und zwar auf diese Weise…“ ist dann bei Weitem nicht drin.
    Nietzsche wurde von den Nationalsozialisten immerhin auch gern zitiert, heute zitiert man ihn auch wieder – ich denke, hier kann man mir zustimmen, dass das alles sagt, was man darüber wissen muss.
    Philosophie lebt eben auch davon, sich allgemein zu halten – wer dann mit Freude zitiert, kann sich aus den Zitaten eigentlich alles drehen. Und wenn man an dem Punkt ist, kann man es auch gleich sein lassen. Stattdessen Werke aufwerfen, um besser zu beschreiben, was man meint und nicht, um dies zu legitimieren.
    Generell hat sie aber durchaus ihre Berechtigung in den Medien, auch wenn man sie hier natürlich mit Vorsicht genießen muss. Am Ende des Tages sind es jedoch mehr Debatten als wirklich philosophische Taten, die dort vollbracht werden – das sollte aber jedem klar sein, der sich auch nur ein bisschen auskennt.

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