Meine Woche mit …

Oliver Pocher, Instagrammer mit Instagrammer-Hass

Exklusiv für Übonnenten

Ich könnte jetzt spontan nicht sagen, was das Talent von Oliver Pocher ist. Okay, er kann schlagfertig sein, er kann mit Günther Jauch frotzeln, er kann über sich selbst lachen (vor allem im Sinne von: Er findet sich lustig). Er fühlt sich wohl vor Kameras und hat dort eine nicht immer kontraproduktive Furcht- und Hemmungslosigkeit. Er macht gerne Prominente nach (auch wenn der Witz dann häufiger darin zu bestehen scheint, wie schlecht diese Parodien sind).

Aber wenn mich jemand fragen würde, auf welchem besonderen Können der anhaltende – oder jedenfalls: immer wiederkehrende – Erfolg des Moderators und Komikers Oliver Pocher beruht, täte ich mich schwer. Irgendwie mögen erstaunlich viele Leute halt, was er macht. Das reicht ja auch.

Ich würde auf der Sache mit dem Talent nicht herumreiten, wenn das nicht der zentrale Punkt wäre, der Pocher seinerseits an Influencern so anhaltend empört. Er wirft vielen dieser Leute, die auf und von Instagram leben, zwar auch ihre Lächerlichkeit, ihre Dummheit und ihre Verantwortungslosigkeit vor (meistens zu recht). Aber was er ihnen am meisten übel zu nehmen scheint, ist ihr unverdienter Erfolg. Millionen Follower, ohne wirklich etwas zu können. Millionen Likes, ohne sich Mühe zu geben.

Es ist ein bisschen ironisch.

Eine Laudatio ist keine Fellatio

Oliver Pocher hat zwei Millionen Follower auf Instagram. Er betreibt dort zeitweise täglich ein Format namens „Bildschirmkontrolle“. In fünfzehnminütigen Videos arbeitet er sich an anderen Instagrammerinnen und Instagrammern ab.

Die Start-Frames von Pochers „Bildschirmkontrolle“ Alle Screenshots: instagram.com/oliverpocher

Ich habe mir das eine Woche lang angesehen, und vielleicht hilft es – zur Humorkalibrierung und als Erwartungsmanagement – gleich am Anfang einen Beispielwitz zu nennen. Wenn er mit vergifteten Glückwünschen einer Instagram-Gerda zu einer Million Followern gratuliert, schreibt Pocher dazu: „hier ist meine LAUDATIO (nicht verwechseln mit FELATIO)“. Ja. Tja. Jaha.

Jeden Tag steht Pocher in irgendeinem graubraunen Raum, vermutlich bei sich zuhause, vor seinem Smartphone. In der rechten Hand hält er ein iPad, auf dem er sich die Szenen aus irgendwelchen Stories bereitgelegt hat, die er dann etwas umständlich aussucht und startet, in die Kamera hält und kommentiert.

Gern äfft er die Leute, die er da zeigt, synchron nach oder antwortet ungefragt auf die Sätze, die sie an ihre ungesehenen Fans richten. Influencer: „Ich hoffe, ihr seid gut ins neue Jahr gekommen.“ Pocher: „Sind wir.“

Es ist schwer, angemessene Vergleiche für die Freudlosigkeit und Uninspiriertheit zu finden, mit der er das macht. Er ist wie Stefan Raab bei seiner siebentausendsten „TV Total“-Aufzeichnung, nur nicht so motiviert. Er ist wie Oliver Kalkofe bei seinem sechshundertsten „Mattscheibe“-Sketch, nur ohne Maske, Kostüme, Dialoge, Textideen und Schnitttricks.

Mit Brachialität gegen den Irrwitz

Dem Irrwitz dieser ganzen Influencer-…

18 Kommentare

  1. Top Format. Pocher zu begleiten war auch mal überfällig. Wenn er wenigstens mehr Witz als Beleidigungen benutzen würde, wäre es vielleicht unterhaltsam und nicht kontraproduktiv, aber da er sich keine oder kaum Mühe gibt, verbessert er nichts und ist für mich sinnbildlich das Substrat oder auch das Abziehbild eines typischen Meckerdeutschen, der zu allem eine Meinung hat, aber von kaum was eine Ahnung oder Kenntnisse. Da finden sich natürlich viele wieder. Außerdem auch traurig, dass Pocher mit solchen Aktionen zu den wenigen gehört, die das fehlende Verantwortungsbewusstsein vieler Influenzer kritisieren. Da kann es ruhig mehr Kritik geben, aber bitte maßvoll.

  2. Anfangs fand ich Pochers Bildschirmkontrolle amüsant und erfrischend und nahm ihm seine Empörung über die mannigfaltigen Saudummheiten der jeweiligen „InfluencerInnen“ auch ab. Aber wie so oft bei ihm scheint er recht früh gemerkt zu haben, daß ihm das, je weniger sachlich er wird, umso mehr Aufmerksamkeit beschert, bis hin zu einer neuen eigenen Show beim Haussender.
    Es ist dasselbe Muster festzustellen wie bei den inszenierten Auseinandersetzungen mit Bobbele oder dem ehemaligen DSDS-Juroren:
    wenn am Ende ne Show und viel öffentliches Echo bei rauskommt, sind viele Mittel recht.
    Und das macht es immer wieder schwer, ihn und das, was er so macht, für wirklich glaubhaft zu halten.

  3. Sachhinweis: Laura Müller ist lt. Wikipedia nicht die Freundin, sondern die Frau von Michael Wendler. Heirat in 2020.

  4. Die mädels sind halt fashionlivestyleinfluencer, der pocher coronamoralinfluencer. Beide zielen sie auf doofe. Die einfach machen sollen, was sie sagen. In den schnee gehen oder eben nicht. Also beide fleischgewordene BILD. Gemeinsam haben sie den tiefen instinktiven glauben daran, dass aufklärung gescheitert ist. Die generation, auf die sie zielen, hat schnelleren und besseren zugriff auf das weltwissen als jede vor ihr. Sie wird intensiver beschult, belehrt und penetranter mit political correctness beschallt als je eine vor ihr. Sie macht aber nur, was einer sagt, den sie cool findet. Weil er oder sie millionen follower hat. Also die anderen dödel. Nun gehe ich mal davon aus, dass das alter derer, die mandymaddypeggyinfluencerinnen alles glauben, so zwischen 10 und 16 liegt. Schulbildung scheint dabei egal zu sein? So hat die primitive, einfallsfreie und krampfigwütende pädagogiknummer des pocher eine gewisse logik: die jungdödel sollen das halt auch sehen und raffen, und also denkt er, da muss man muss eben auf ihrem sprach- und denkniveau den holzhammerblues tanzen. Und wenn er dann vielleicht so eine von 10 vor dem kompletten hirntod gerettet hat, dann sind deren vorbilder in zukunft greta , drosten oder marina weisband oder vielleicht auch nur der lauterbach. Er kann es als böhmermann für rtl-fans ja wohl kaum selber sein wollen. Denkt er aber dennoch. Gemeinsam ist solchen inluencern der menschenverachtende glaube daran, dass junge menschen jemand brauchen, dem sie hinterherlaufen können. Es muss nur der richtige sein. Also zb er. Und wir reden nicht von vorbildern, wie man sie in dem alter haben soll. Die waren früher auch oft zweifelhaft, che guevara oder hohohotschimin, günter grass oder mandela. Aber diese generationen diskutierten die botschaft solcher moralvorturner dann doch auf recht hohem niveau. Heute wird von allen, auch den erwachsenen, nur noch erwartet, dass sie einfach den moralisch hochwertigen hinterherlaufen und nichts mehr diskutieren. Sich in lager der coolen guten begeben. Ob greta, drosten, pocher oder kosmetikmaddy: wähle deinen führer.
    ( weisband nehme ich mal aus, sie ist aber auch politikerin und millionenfach klüger als pocher, und würde sich wohl nicht als influencerin sehen wollen. Drosten wird begriffen haben, dass er aus der obererklärbärnummer im moment nicht raus kann, sein unbehagen ist ihm aber zunehmend anzumerken, was ihn ehrt.).
    Hör auf seine lehre. Lauf in seine richtung. Das ist natürlich im kern faschistisch.

  5. Danke für den Artikel. Tatsächlich ignoriere ich Pocher schon länger, und der Artikel hilft bei der gelegentlichen Selbstüberprüfung, ob diese Einstufung noch stimmt – ja anscheinend.

    Die Frage die mich mehr interessiert: Warum hat das so großen Erfolg, gerade bei Jüngeren? Ein paar Thesen dazu habe ich schon, dann kommt jedoch die Anschlussfrage: Wie ist es möglich die negativen Effektive der Muster (gegenseitige Prominenzmachung, Folgen) zu entzaubern? Hier bin ich überwiegend ratlos.

    Dabei fällt mir auf, dass ich mich an mehr negative Kritiken von Social-Media-„Formaten“ und Boulevardjournalismus hier erinnere. Das passt natürlich zu Übermedien, halte ich auch für wichtig und lese ich grundsätzlich gern. Gelegentlich würde ich mich auch über ausführliche positive Kritiken freuen, nicht nur bei Podcasts (da habe ich sie in Erinnerung). Mein Vorschlag: Walulis bei bei funk.net https://www.funk.net/channel/walulis-1031 oder auch „Walulis Daily“, dort habe ich viele unterhaltsame und wohl auf Kurz-Video-Formate-gewöhnte Seher:innen Infos- und Medienkritiken gesehen, z.B. auch über Pocher: https://www.funk.net/channel/walulis-1031/oliver-pocher-so-poebelt-er-sich-zum-erfolg-walulis-1689008 (und dann noch mit eigener Infrastruktur erreichbar). Da hätte ich Hoffnung, dass eine Kritik von Übermedien durchaus positiv ausfallen könnte. Ist es ein wirksamer Ansatz von Entzauberung, mit ähnlichen Schnitten und unterhaltsamen, stark verkürzten (Wort)Bildern zu arbeiten?

  6. Er ist wie Stefan Raab bei seiner siebentausendsten „TV Total“-Aufzeichnung, nur nicht so motiviert. Er ist wie Oliver Kalkofe bei seinem sechshundertsten „Mattscheibe“-Sketch, nur ohne Maske, Kostüme, Dialoge, Textideen und Schnitttricks.

    Schön formuliert. Die Zahlen kamen mir überschlagsweise ein bisschen hoch vor, deshalb hab ich danach gesucht: Stefan Raab hat laut Wikipedia nach 2303 Folgen aufgehört, und Oliver Kalkofe ist gerade bei etwas über 300.

    Ich sekundiere den Vorschlag Walulis, weil das wenigstens Formate sind, die ich im Gegensatz zu Pocher regelmäßig schaue und ich kannte ihn schon, als er noch direkt im Fernsehen Parodien gemacht hat. Wäre interessant, wie Stefan Niggemeier den Kanal kritisiert. Walulis hat mittlerweile auch ein merkwürdiges Ausstrahlungsformat was so halb in der ARD-Mediathek ist und er wirbt in den YouTube-Videos dafür, dass einige Inhalte exklusiv in der Mediathek sind. Ich weiß nicht ob das interessant ist und Leute in die Mediathek lockt oder eine komplette Nullnummer ist.

  7. @ErwinZK:

    Ja, dem Walulis seine Videos kann man sich anschauen. Auch nicht ganz unproblematisch, weil er jedes noch so ernste Thema zwanghaft auf lustig bürsten muss (anscheinend ist die Zielgruppe ohne Dauerbespaßung nicht zu bekommen) – aber es ist um Längen klüger und reflektierter, als das pocher’sche Rumpelstilzchentum.

  8. @ERWINZK
    Suchen Sie doch spaßeshalber auch mal nach „Hyperbel“, Übertreibung als rhetorisches Mittel.

  9. „Pocher beleidigt Instagrammer“ – beste Schlagzeile seit „Mario Barth wirft Dieter Nuhr Niveaulosigkeit vor“. Bei sowas kann es eigentlich nur Gewinner geben.

    Schön anzuschauen ist es sicher nicht. Aber wer Schlammcatchen, 2girls1cup oder das Sommerhaus der Stars mochte, wird auch daran Gefallen finden.

  10. Das war eigentlich keine Kritik an der Übertreibung, vielleicht hätte ich das anders schreiben sollen. Ich kann nur nicht vorbeigehen, ohne das nachzuprüfen, wenn mir eine Zahl unplausibel vorkommt. Und ich dachte vielleicht freut sich ja noch jemand über die Einordnung.

    Ich wollte hier nicht gleich den ersten Text der Kolumne damit miesmachen, sorry. Weitermachen.

  11. Was Oliver Pocher nicht verstanden hat (oder vorgibt nicht verstanden zu haben) ist aus meiner Sicht: Influencer ersetzen mit ihren Stories Fernsehsendungen. Wer sich früher vielleicht Reality-Dokus, Zwei bei Kallwass (hieß das so?) oder Berlin Tag und Nacht angesehen hat, der schaut heute Influencer:innen zu, was die tagsüber so machen. Man sitzt am Handy, hat grad nichts zu tun und schaut mal rein, hört ihnen zu, es ist einfach eine neue Form der Unterhaltung.
    Ich denke es geht vielen Zuschauern:innen nicht mal darum, einem Idol zu folgen oder die Produkte zu kaufen, sondern es geht darum, sich Zeit auf eine Art zu vertreiben. Früher hat man halt nachmittags auf Pro7 rumgezappt, dann waren alle bei YouTube und jetzt gibt es quasi Insta-Fernsehen. Es ist einfach ein neues Unterhaltungsformat, das (meistens) keinem weh tut.

    Das muss nicht intelligent sein und es muss auch keinen Sinn haben und man muss es auch nicht gut finden.

    Dass einige Influencer:innen ihrer Verantwortung nicht gerecht werden, die sie durch teils so hohe Followerzahlen haben, das ist ein Thema, dem sich Oliver Pocher (oder gerne auch jemand talentierteres) wirklich annehmen könnte. Ob die Bigotterie mit den „Geschäfts“-Reisen nach Dubai, das neue Geschäftsfeld Multi-Level-Marketing, die Schrottprodukte aus China, Ernährungs- und Diättips ohne die entsprechende Kompetenz zu besitzen etc.

    Aber ich hab das Gefühl darum geht’s ihm gar nicht vorrangig. Ob eine Gerda langweiligen Vorher-Nachher-Content macht oder Essen fotografiert – ja Mei, sich darüber aufzuregen – kann man machen aber Witz ist da nirgends zu finden.

    Dann hat er sich über die Kinder-Vermarktungs-Muttis auf Insta aufgeregt – ich finde das auch unsäglich, aber als er viel Gegenwind bekam, es ginge ihn doch gar nichts an wenn andere ihre Kinder in die Kamera halten, war es plötzlich der ehrenwerte Kampf gegen Pädophilie, den ihn und seine Frau antreibt. Ja klar, wer’s glaubt. Hier konnte sie sich dann endlich auch positionieren. Er macht sich über Instagrammer:innen mit Dior Taschen und Primark-Latschen lustig, seine Frau trägt parallel geschmacklose Balenciaga-Großdruck-Logo-Klamotten und bringt die uninspirierteste Lounge-Wear-Kollektion raus, die ich seit langer Zeit gesehen habe. Wie soll man die zwei ernst nehmen?

    So weit so gut, ich fand deinen Artikel zu Oliver Pocher klasse. Bleibt die Frage, wer feiert ihn so sehr? Meine Beobachtung: Menschen die überdurchschnittlich viele Lachsmileys verwenden, sehr schnell persönlich werden, sich daran erfreuen, wenn es Menschen, denen es vermeintlich besser geht, endlich mal an den Kragen geht, beeindruckend viele Schreibfehler machen und denken, der Oliver macht das alles im Kampf für den kleinen Mann. Denke so oder so ähnlich kann man das zusammenfassen ;)

  12. Meiner Meinung nach trifft Pocher einen Zeitgeist und bestätigt jene, die ähnlich Denken, dass es schon legitim sei, ständig auf diese Weise etwas zu meinen und zu beurteilen. Das scheint quasi ein Bauchpinselformat zu sein. Interessanter als Pocher ist da eigentlich, warum viele (oder immer mehr?) Leute diese Haltung einnehmen? Ich vermute als Kompensation von Ängsten und zu viel Verantwortung. Da tut es gut, auf andere zeigen zu können. Ein weiteres Zeichen, dass es gesellschaftlich gerade arg knirscht?

  13. Dieser Bericht ist so unnötig, wie die tägliche SPIEGEL-Kolumne über das DschungelCamp.

  14. Verstehe die Kritik an Pocher nicht. Ja, man kann die Wortwahl nicht gut finden und der Humor ist nicht jedermanns Geschmack. Aber aus meiner Sicht sind es die Inhalte die Zählen. Also das klar Stellung beziehen und das Verhalten dieser Leute einzuordnen mit teils drastischen Worten.
    Meines Erachtens kommt der Witz dieser Bildschirmkontrollen weniger aus den Kommentaren und mehr aus der unglaublichen ideotie der Protagonisten.
    Mir gefällts und ich bin auf diesen Artikel nur über einen Post von Pocher gekommen. Eine kleine Google suche später bin ich hier gelandet und habe dabei auch diverse Tweets von Niggemeyer aus der Vergangenheit gefunden, die sich abfällig über ihn äußern.
    Ich glaube Pocher ist einfach nicht jedermanns Geschmack und das ist auch ok so, ich finde aber an der inhaltlichen Auseinandersetzung mit Influencern/Instagramern kann man nichts kritisieren.

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