Das können Sie nicht lesen

Eine der Fragen, die man wahrscheinlich beantworten sollte, anstatt Netflix zu gucken, lässt sich kurz zusammenfassen mit: „Was will ich eigentlich vom Leben?“ Aber, eben: Netflix! Die mentale Chipspackung im Reformhaus unseres Erwachsenseins.1)Ja, „Das Damengambit“ ist wirklich so gut. Und eine niemals endende noch dazu, was allerdings die interessante Nebenwirkung hat, dass man sich angesichts der unendlichen Auswahl nur dann wirklich auf die nächste Serie einlassen kann, wenn man eigentlich gerade dringend etwas wichtiges zu erledigen hätte. Wenn man gerade wirklich Zeit hat, ist die Entscheidung sehr schwer, was aus dem bodenlosen Angebot man jetzt gerade sehen will. Wer machen kann, was er will, steht vor der schwierigen Aufgabe, wissen zu müssen, was er will. Während man also vor der Frage „Was will ich eigentlich vom Leben“ wegläuft, scheitert man an der Frage: Was will ich eigentlich gerade streamen?2)Man guckt dann übrigens zum 37. Mal die „Big Bang Theory“, oder, wenn man auch Amazon Prime hat, zum 69. Mal „Friends“

Bei Netflix weiß man das offenbar, jedenfalls startet in einigen Regionen in Frankreich ein Test mit „linearem Fernsehen“ des Dienstes, also einem Kanal, auf dem einfach etwas läuft – also das, was wir früher Fernsehen genannt haben. Ein Programm, bei dem man sich nicht entscheiden muss, weil man sich nicht entscheiden kann.

Was wahrscheinlich nicht so verwegen ist, wie es klingt: Erstens hat „lineares Fernsehen“ immer noch eine Lawine Zuschauer, und zweitens erinnern sich die Älteren unter uns noch an das Phänomen aus der Zeit, als man Filme auf DVD zuhause hatte. Es gab darunter einige, die man nie angeguckt hat, an denen man aber hängenblieb, wenn sie auf RTL liefen, wo sie gefühlt alle 44 Sekunden von einer Minute Werbung unterbrochen wurden. Es ist total widersinnig, aber sie bekamen allein dadurch, dass sie im Fernsehen liefen, eine Art Dringlichkeit.

Wenn wir etwas immer machen könnten, machen wir es nie. Wenn wir etwas nur jetzt und in diesem einen Moment tun können, wollen wir es auf keinen Fall verpassen: Als sich im Laufe des Montags die Nachricht verbreitete, dass die Firmen Pfizer und Biontech offenbar einen Durchbruch bei einem Corona-Impfstoff erreicht haben, hatte die 20-Uhr-„Tagesschau“ die besten Montags-Einschaltquoten seit Monaten.

Offenbar funktioniert es immer noch so: Wenn etwas Großes passiert, wird um 20 Uhr die „Tagesschau“ geguckt, auch wenn heute natürlich jeder zu jeder Zeit alle Nachrichten der Welt sehen oder lesen kann. Wir wollen nicht machen, was wir wollen, wir wollen mit der Welt verbunden sein. Wir wollen Dinge gemeinsam mit anderen tun, genau so wie sie.

Was nebenbei die halbe Antwort auf die Frage von oben ist, die nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest.3)Also 21. Besser und kompletter hat sie neben Douglas Adams aber der Sozio- und Politologe Hartmut Rosa beantwortet: in seiner Resonanz-Theorie, die unfassbar klug beschreibt, was ich hier tölpelhaft zusammenfassen möchte als die Sehnsucht, im Leben Beziehungen zu erleben, in denen sich beide Seiten gegenseitig zum Schwingen bringen. Resonanz erzeugen eben. Es kann dabei selbstverständlich auch ein Netflix-Film sein, so lange er mir „etwas sagt“.

Aber darum geht es hier gar nicht, sondern um einen Teilaspekt der Resonanz-Theorie, einen Nebenarm, den Rosa in dem Buch „Unverfügbarkeit“ ausgeführt hat: Um Resonanz zu erzeugen, muss das Objekt zumindest höchstens halb verfügbar sein. Schnee zu Weihnachten ist ein Beispiel. Den können wir nicht beeinflussen, also wünschen wir ihn uns umso mehr.

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Solange der Film, der mich zum Schwingen bringen soll, immer für mich bereit steht, macht er es mir wahrscheinlich zu einfach und verdirbt dadurch den Moment der Begehrlichkeit, den es braucht, um in eine Beziehung zu treten. Lineares Fernsehen hingegen ist wie mit jemandem zur Schule zu gehen: Man sucht sich die Mitschüler nicht aus, aber es kann schon sein, dass da gute dabei sind. Man ist dem Schicksal halb ausgeliefert; für die Resonanzbeziehung, die man sich wünscht, muss man sich einlassen und strecken – und das ist vielleicht schon ein Teil des Erfolges. Wie das Leben an sich bietet Netflix eine Unmenge an großartigen Möglichkeiten, aber auch die Zumutung, uns zumindest für den Moment für eins und gegen alles andere entscheiden zu müssen.

Die echte Gefahr wird aber sein, dass Netflix höchstwahrscheinlich jetzt schon besser weiß, was uns gefallen wird als wir selbst. Das ist also vielleicht die beste Antwort auf die Frage von oben: Ich will in meinem Leben nach linearem Fernsehen und Streamingdiensten mindestens noch ein Geschäftsmodell allein dadurch zerstören, dass ich unberechenbar bin.

Fußnoten

Ja, „Das Damengambit“ ist wirklich so gut.
Man guckt dann übrigens zum 37. Mal die „Big Bang Theory“, oder, wenn man auch Amazon Prime hat, zum 69. Mal „Friends“
Also 21.

5 Kommentare

  1. Der Trend zum linearen Stream ist ja nicht so neu, siehe z. B. prominent Rocketbeans TV oder auch die YT Kollektive, die ihre alten Inhalte in Mix-Dauerschleife zeigen. Oder Zap de Spi0n oder so.
    Letzlich kann man sich das ja nur erlauben, wenn man genug Content hat. Daher auch die Kollektive, es geht nur um Zweitverwertung (Früher Wiederholung genannt).
    Die Tagesschau um 20 Uhr Geschichte liest sich zwar sehr romantisch, halte ich aber für falsch. 20 Uhr ist ja keine zufällige Zeit. Die Tagesschau wird zu 20 Uhr produziert, die Kinder sind im Bett, Geschirr ist gespült, etc. Wenn es dann interessante News gibt, zappt man halt mal um 20 Uhr auf ARD. Mir würde vergleichsweise mal die View-Statistik für die Web-Tagesschau am vergangenen Montag interessieren. Wenn die im selben Montags-Ausmaß stieg, wie die der linearen Tagesschau wäre die „Gruppenkuscheln“ Theorie ja schon widerlegt und man könnte zu dem Schluss gelangen, dass Content König ist.
    Auch der letzte Absatz mit dem Netflix Algorithmus … Netflix wertet aus was wir gucken und empfiehlt dem entsprechend. Obendrauf kommen Recommendations für Eigenproduktionen, die ich überhaupt nicht sehen will. Was heute 97% Übereinstimmung hat mit meinem Konto kann morgen schon bei 85% liegen, wenn ich nur einen Content schaue, der nicht exakt in mein bisheriges Verhalten passt. (An der Stelle, probiert mal selber aus: Klickt mal auf eine chinesische Liebesserie, wie Meteor Garden und schaut euch danach die Empfehlungen an).
    Außerdem tendiere zumindest ich dazu, Dinge zu schauen, die ich eigentlich gar nicht schauen wollte, weil alles was ich schauen wollte schon geschaut wurde. In meinem Fall bin ich mit allen SciFi Sachen durch, aber weil ich z. B. Away geschaut habe bin ich anscheinend in die Beziehungsdramen-Bubble gerutscht. In der Bubble gucke ich dann nicht mehr so viel, aber daraus werden mir wieder neue Empfehlungen generiert – Irgendwann komme ich bei Western an (Mit Firefly wäre das schneller gekommen).
    Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass jeder Netflix Account umso generischer wird, je länger er existiert, weil man mehr Content aus unterschiedlichen Blasen schaut.
    Und klar haben auch Netflix und Co. erkannt, dass Community Building wichtig ist, um den Hype zu befeuern. Das geht linear besser, als individuell, weil halt alle gleichzeitig rudelgucken. Event-Charakter.
    Mich wundert eh, warum es noch keine „Launch-Events“ gibt bei den großen Stream Plattformen. Kleine Landingpage mit Chatfunktion einrichten, über die man zusätzlich Werbung ausspielt, Profit.
    Youtube macht das m. E. schon sehr gut mit der Live-Stream Funktion und dem Ankündigungs-Feature.
    Ich meine die Zukunft von Plattformen wie Netflix liegt nicht im eigenen Angebot, sondern eine Plattform für Studios bereitzustellen. Die können sich dann um Aufmerksamkeit battlen, ähnlich wie bei Youtube nur für professionelle Produzenten.
    Die „prime time“ war nie weg, man hat sie online nur noch nicht richtig monetarisiert.

  2. In langjährigen Selbstversuchen haben meine Frau und ich herausgefunden, dass wir eine Sendung aus dem linearen TV, die wir auf Festplatte aufnehmen (z.B. um die Werbung überspringen zu können), nur anschauen, wenn wir dies noch am gleichen Abend tun.
    Sonst verwandelt sich die Festplatte in die Grabkammer der nie geschauten Filme, und die Chance ist höher, dass es wieder mal im TV kommt und dann weggeguckt wird. Wenigstens kann man danach den Film beruhigt von der Festplatte löschen.

  3. 1) In der Tat. Mir ist auch aufgefallen das die Serie sich trotz Binge-Faktor relativ lange in den Top10 hält. Vermutlich gibt es noch mehr wie mich die (kein Bezug zu Schach, aber) sich das Ende schon dreimal angesehen haben.

    2) Da würden mir auf Anhieb bessere Beispiele einfallen, aber ok.
    Von Wiederholungen im TV mal abgesehen hab ich das glaub auch „nur“ zweimal gesehen.

    3) Das Handtuch zu heiß gewaschen?

    Übrigens: Ja, hab auch ungesehene DVD in meiner Sammlung.
    Das Problem war damals aber das ich mehr wollte und Empfehlungen gefolgt bin obwohl ich an den Titeln kein echtes Interesse habe. Die Emotion was da dran hängt ist etwa die selbe wenn man durch den Katalog bei Netflix blättert.

    #1 Zum linearen Streaming möchte ich nicht zurück. Hatte mich da, dank Festplattenrekorder, ja auch schon vor ca. 15 Jahren von getrennt.
    Was allerdings den unschönen Nachteil hatte das ich nur durch viel Zufall auf gutes, neues gestoßen bin.

    #2 Hatte ich glaub nur bei Serien, ist man mal 3 Folgen in Rückstand kann man den Timer direkt löschen.

  4. Ich habe erst jetzt durch diesen Artikel gecheckt, dass das kein Witz war mit Netflix und linearem Fernsehen …
    Hatte die Meldungen immer mit „Ja, ja … ha, ha“ abgetan. War wohl in irgendeiner Bubble gefangen ;-)

  5. Die Serie „The Queen´s Gambit“ ist auch deshalb so gut und empfehlenswert, weil die Macher sich viel Mühe bei der realistischen Umsetzung der Schachszenen gegeben haben. Die Züge stammen aus echten Meisterpartien, der Habitus am Brett und die händische Ausführung der Züge wirkt routiniert, als hätten die Schauspieler nie etwas anderes gemacht.
    In der Regel rufen die Schachszenen in Fernseh- und Spielfilmen bei Insidern Kopfschütteln und mitleidiges Gelächter hervor. Das Brett steht verkehrt herum, auf dem Brett sind Fantasiestellungen zu sehen oder es werden sinnlose Züge gemacht.
    Hier ist alles perfekt, die Serie ist in der Schachszene in aller Munde und Beth wird von allen geliebt!

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