Ein falscher IS-Terrorist und der Fluch des neokolonialen Journalismus

Der IS verhalf einigen Journalistinnen und Journalisten zu beachtlichen Karrieren. Städte und Regionen im Irak und in Syrien, die von der Anti-IS-Koalition unter der Führung der USA mit lokalen Verbündete von den Extremisten gesäubert wurden, wurden innerhalb kürzester Zeit von westlichen Reportern überrannt. Hotels, Übersetzungsdienste und vor allem das lokale Fixer-Business boomten eine Zeit lang (Fixer sind einheimische Helfer, die Journalisten mit ihren Orts- und Sprachkenntnissen unterstützen).

Das Cover des „Caliphate“-Podcasts mit Rukmini Callimachi

Eine Journalistin, die diesem Trend folgte wie kaum eine andere, war Rukmini Callimachi, seit 2014 tätig für die „New York Times“. Bekannt wurde sie in den darauffolgenden Jahren vor allem durch ihren Podcast „Caliphate“, der sich auf den IS und islamistischen Extremismus fokussierte und innerhalb kürzester Zeit zahlreiche renommierte Preise einheimste, darunter den Integrity in Journalism Award des International Center for Journalists und einen Peabody Award (auch wir hatten „Caliphate“ in unserer Podcast-Kolumne aufgegriffen). Außerdem brachte Callimachis Arbeit der „Times“ eine Final-Nominierung für den Pulitzer-Preis ein. Die Journalistin wurde weltweit zur IS-Expertin mit Rang und Namen behandelt. Aufgrund ihres Erfolges saß sie fester denn je in ihrem New Yorker Büro, während ihre Arbeit und ihre teils fragwürdigen Methoden, die bereits damals bekannt waren, kaum hinterfragt wurden.

Mittlerweile hat sich das geändert. Seit einem Monat ist nicht nur der Mythos Callimachi erschüttert, sondern auch die Glaubwürdigkeit ihres Blattes – immerhin der berühmtesten Zeitung der Welt, das Flaggschiff des Journalismus.

Das hat hauptsächlich mit einem Mann namens Shehroze Chaudhry zu tun. Der Kanadier wurde vor allem durch Callimachis Podcast bekannt, und zwar unter dem Namen Abu Huzayfah. Dieser soll einst, so berichtete es auch die Journalistin, nach Syrien gereist sein, um sich dort dem IS anzuschließen. Huzayfah war einer von Callimachis IS-Protagonisten. Ein Terrorist und Mörder, der auspackte und dadurch Inneneinblicke in den kurzlebigen Terrorstaat gewährte. Doch nun stellte sich heraus, dass Chaudhrys Geschichte erfunden war. Im September wurde er von den kanadischen Behörden deshalb verhaftet und angeklagt.

Richtig gelesen: Es gibt keine Terrorvorwürfe gegen den Mann. Er wurde aufgrund seiner Hoax-Story in Gewahrsam genommen.

Warum Callimachi Chaudhry überhaupt Glauben schenkte, ist bis heute unklar. Bereits im Mai 2018 kritisierte die Fernsehjournalistin Diana Swain die Huzayfah-Story der „New York Times“ und vermutete, dass der Protagonist lügen könnte. Warum diese Lüge vom Faktenchecker-Team der „Times“ nicht aufgedeckt wurde, ist auch unklar. Allerdings hatte Callimachi zum damaligen Zeitpunkt bereits einen Ruf als Spitzenreporterin, die man nicht hinterfragen sollte.

Natürlich ist das Blatt nun massiver Kritik ausgesetzt. Die Kontrahenten von der „Washington Post“ kritisieren nicht nur den Umgang mit dem Fake-Protagonisten Huzayfah, sondern teils die gesamte Aufmachung des Podcasts. „The New Republic“ will Callimachi keine absichtliche Täuschung vorwerfen; allerdings seien bereits früh „einige Warnsignale bezüglich Huzayfahs Glaubwürdigkeit“ deutlich geworden. Das bekannte amerikanische Magazin erwähnt noch weitere kritische Punkte: Von Experten und Akademikern, darunter auch Syrern und Irakern, sei die Journalistin regelmäßig kritisch beäugt worden, unter anderem aufgrund ihres Umgangs mit Quellen, die sie nicht entziffern konnte. Der Grund hierfür ist einfach – und leider nicht untypisch: Wie viele andere weiße, westliche Reporter, die sich mit der Region beschäftigen, hat Callimachi keinerlei Arabischkenntnisse.

Ignorant und ruchlos

Tatsächlich stehen die jüngsten Entwicklungen für ein größeres Problem. Sie beleuchten ein Problem, das schon lange existiert: das Verhalten und die Arbeitsmoral privilegierter, westlicher Journalisten, die sich im Globalen Süden bewegen und mittels fragwürdiger Methoden ihre Karriereleitern errichten. Oft gehen sie ignorant und ruchlos vor. Callimachi war dafür leider bereits vor dem aktuellen Skandal ein gutes Beispiel.

Im Mai 2018 veröffentlichte die „New York Times“ als Sensation die sogenannten „ISIS Files“ über die inneren Strukturen des IS in Irak und Syrien. Der Datensatz, der bis heute online ist, besteht aus mehr als 15.000 Seiten interner Dokumente, die der Terrorgruppe zugeordnet werden. Viele dieser Dokumente sind Geburtsurkunden, Gerichtsentscheidungen, Vermerke über Landdispute und allerlei Ähnliches, das den bürokratischen Alltag im Schatten der Schreckensherrschaft verdeutlichen soll.

Dass diese Dokumente es in die Büroräume der „Times“ nach New York geschafft haben, war kein Zufall. Es war nämlich Rukmini Callimachi persönlich, die sie anschaffte und damit für eine Kontroverse sorgte. Sie reiste innerhalb eines Jahres mehrmals in den Irak und begab sich in jene Gebiete, in denen damals Kämpfe gegen den IS stattfanden. Kurz nachdem irakische Sicherheitskräfte Infrastrukturen unter ihrer Kontrolle brachten und IS-Kämpfer eliminierten, ging Callimachi, ausgerüstet mit mehreren Müllsäcken (!), in die betroffenen Gebäude und nahm wortwörtlich alles mit, was sie in die Hände bekam, hauptsächlich Dokumente und Festplatten.

All dies wurde nach New York gebracht und gemeinsam mit weiteren Journalisten und Übersetzern ausgewertet. Sowohl Callimachi als auch ihr Blatt rühmten sich nach der Veröffentlichung der „ISIS Files“ und erfuhren auch hierfür weitreichende mediale Beachtung.

Allerdings gab es nicht nur Anerkennung, sondern auch heftige Kritik. Der irakische Literat Sinan Antoon warf Callimachi die Plünderung irakischen Gutes vor. Dass die ergatterten Dokumente dem IS zuzuordnen sind, änderte seiner Ansicht nach nichts an der Tatsache, dass sie den Irakern zustehen und dementsprechend aufgearbeitet werden müssen. „Die Dokumente sind essentiell für die Geschichte des Landes und seiner Zukunft, und sie gehören den Irakern“, schrieb Antoon damals in einer Kolumne für Al Jazeera English. Das Wegschaffen der Dokumente sei nicht mit dem Völkerrecht vereinbar.

Antoon spielte auch auf die Erbeutung von Kulturgütern an, die in den letzten Jahrhunderten immer wieder stattgefunden hat. Es ist kein Geheimnis, dass zahlreiche Schätze aus Südamerika, Afrika oder Asien weiterhin in westlichen Museen ausgestellt sind, obwohl sie von Kolonialisten gestohlen und erbeutet wurden. Antoon brachte Callimachis Vorgehen damit in Verbindung. Ihre neokoloniale Manier sei nur eine Fortführung dieser einstigen Diebstähle.

Der Irak hat diese Erfahrung auch nach der US-Invasion im Jahr 2002 gemacht. Viele Kulturgüter gingen damals verloren – vor den Augen der amerikanischen Besetzer. Die US-Regierung selbst beschlagnahmte Millionen Dokumente und verschiffte diese in heimische Archive.

Auch die investigative Medienplattform „The Intercept“ veröffentlichte damals einen ausführlichen Beitrag, der sich Callimachi widmete. Darin wurde betont, dass in den letzten Jahren immer wieder Dokumente des IS von Journalisten und Analysten ausgewertet wurden. Callimachi sei allerdings die erste Journalistin gewesen, die einen derartig großen Datensatz einfach an sich genommen und außer Landes gebracht habe. Warum? Weil sie der Meinung war, dazu befugt zu sein.

Zum Vorteil der eigenen Karriere

Mehrere Forscher, die Callimachis Arbeit kritisieren, hatten eine Petition gestartet, in der sie die „New York Times“ dazu aufrufen, ihren Umgang mit den IS-Dokumenten zu überdenken und sie gegebenenfalls an den Irak zurückzugeben. Die Entfernung der Dokumente verstoße gegen internationales Recht. Der Zeitung wurde vorgeworfen, durch die Veröffentlichung der Dokumente unethisch gehandelt zu haben. Außerdem sei das Leben irakischer Zivilisten, deren Namen nicht unkenntlich gemacht wurden, durch die breite Bekanntmachung bedroht.

Die Kritiker fürchteten, dass die „ISIS Files“ einen Präzedenzfall darstellen könnten, mit der Botschaft: Man kann als westlicher Journalist in Kriegsländer reisen, sich dort jedweden Materials bedienen und es sogar widerrechtlich für sich beanspruchen, ohne mit irgendwelchen Konsequenzen rechnen zu müssen – zum Vorteil der eigenen Karriere.

Dass es Callimachi vor allem darum ging, dafür sprechen auch jüngste Berichte. Das US-Magazin „The Conversation“ berichtet von einem ehemaligen Kollegen, der behauptete, Callimachi würde oftmals ihren lokalen Fixern den Zugang zu ihren Redakteuren verwehren. Stattdessen würde sie sich als „Heldin ihrer Berichte“ darstellen. Mehrere Times-Kollegen von Callimachi bezeichneten ihren Umgang mit Fixern, von denen meist die komplette Story abhängt, als „neokolonial“.

Außerdem habe Callimachi oftmals nicht auf die Warnungen von Kollegen und Fixern hören wollen. Stattdessen riskierte sie deren Leben für Drehbücher, die fertig in ihrem Kopf existierten, und hörte ausgerechnet auf jenen Mann, der nun womöglich ihre Karriere zerstört hat: Shehroze Chaudhry alias Abu Huzayfah. „Sie wollte nur das, was im Einklang war mit den wilden Geschichten dieses Typs in Kanada“, meint etwa Derek Henry Flood, ein ehemaliger Kollege von Callimachi, in einem aktuellen Interview mit der „Times“. Kurz nachdem Chaudhrys Lügenkonstrukt zerfiel und er verhaftet wurde, kündete die „New York Times“an, alle Episoden des Caliphate-Podcasts überprüfen zu wollen. Callimachi blockt derweil viele ihrer Kritiker auf Twitter.

Was mit den erwähnten „ISIS Files“ passiert, ist weiterhin unklar. Callimachi und ihre Kollegen behaupteten nach der Kritik vor zwei Jahren, die betroffenen Dokumente wären von den irakischen Sicherheitskräften ohnehin vernichtet worden. Außerdem hätten viele Iraker allem Anschein nach kein Interesse an den Dokumenten, da man nicht unnötig mit dem IS in Verbindung gebracht werden wolle.

Doch auch das Narrativ, dass solche Güter vor der Zerstörung geschützt und deshalb außer Landes gebracht werden mussten, ist nichts Neues. Ähnlich argumentierten das British Empire und andere Mächte, als sie den Globalen Süden und die sogenannte Dritte Welt ausplünderten und um viele ihrer Kulturschätze brachten. Kolonialmächte bedienten sich derselben Rhetorik, und tun dies teils bis heute noch. Für die „New York Times“ ist ein Ende der Debatte allerdings noch lange nicht in Sicht.

12 Kommentare

  1. Ach Gott, auch Claas Relotius wurde mit Preisen zugeschüttet.
    Es ist immer ein Problem, wenn Journalisten nur noch Propagandisten der eigenen Befindlichkeit sind.
    Aus dem guten alten „Sagen, was ist“ ist ein „Ich erkläre Euch Doofen die Welt, wie ich sie gern hätte“ geworden.
    Das gilt für Journalisten jeglicher Couleur.
    Im übrigen halte ich es für grenzwertig, im Angesicht des islamischen Terrors von Paris und Dresden nicht etwa das dröhnende Schweigen der deutschen Politik und Medien zu thematisieren, sondern diesen Artikel rauszuhauen.

    Medien besser kritisieren?
    Da muss Übermedien aber noch viel üben.

  2. @ Andreas:

    Und warum halten Sie das für grenzwertig? Was hast das Herausbringen dieses Artikels mit den Anschlägen von Paris oder Dresden zu tun bzw. der Berichterstattung dazu zu tun?

  3. @Andreas:
    „Es ist immer ein Problem, wenn Journalisten nur noch Propagandisten der eigenen Befindlichkeit sind.
    Aus dem guten alten „Sagen, was ist“ ist ein „Ich erkläre Euch Doofen die Welt, wie ich sie gern hätte“ geworden.
    Das gilt für Journalisten jeglicher Couleur.“

    Kann es also sein, dass Sie Journalist sind?

  4. Ich habe ja nichts dagegen, wenn der neokoloniale Aspekt der Geschichte so herausgehoben wird, denn um neokoloniales Treiben handelt es sich ja, u.a. im Irak, in Afghanistan und in Libyen.
    Aber eigentlich finde ich den Relotius-Aspekt und seine Auszeichnung mit Preisen interessanter:
    „Warum diese Lüge vom Faktenchecker-Team der „Times“ nicht aufgedeckt wurde, ist unklar“
    Gute Frage, nächste Frage: Wenn auch dieser Abu Dingsda seine IS-Rolle nur erfunden hat: wieviel am IS war überhaupt echt?
    „Verschwörungstheoretiker“ behaupten ja, es habe sich bei diesem IS zu einem erheblichen Teil um eine Fake-Show gehandelt und auch der Kampf gegen den IS sei nur Tarnung für einen Krieg gegen andere Gegner, zum Beispiel gegen Assad, gewesen. Erst die Russen hätten ernsthaft den sogenannten IS bekämpft und dann sei die Show ja auch schnell vorbei gewesen.
    Besteht die Chance, dass auch die schöne Geschichte von Twitter-Mädchen Bana Alabed irgendwann als Fake News offiziell enttarnt und Jens Bernert als mutiger Aufdecker mit Preisen geehrt wird?
    Schon 2017 war nämlich ziemlich bekannt, dass die Geschichte so nicht stimmen kann, aber Journalisten durften nicht Fake-News-Produzenten genannt werden, wenn sie sie nur weiterverbreiteten.

  5. „Wie viele andere weiße, westliche Reporter, die sich mit der Region beschäftigen, hat Callimachi keinerlei Arabischkenntnisse. “

    diese besondere betonung der hautfarbe der reporter ist vermutlich die versteckte behauptung, dass schwarze, westliche reporter im unterschied dazu meist sehr gut arabisch sprächen …

  6. @JAGBOE
    Knapp daneben. Es ist wohl eher in Abgrenzung zu arabisch-stämmigen westlichen Reportern gemeint, die im Gegensatz zu den Weißen in der Tat besser arabisch sprechen ;-)

  7. Die vielen, vielen arabischsprachigen Reporter in US-Medien, die quasi die IS-Berichterstattung monopolisieren…

    Die Aussage ist, dass die meisten westlichen Berichterstatter(m/w/d) kein arabisch sprechen. Da hätte man die Hautfarbe tatsächlich weglassen können.

  8. Wenn das SO formuliert wird, ist es eben zweideutig – entweder, es ist gemeint, dass westliche Reporter generell weiß und ohne Arabischkenntnisse sind, und die Reporterin eben auch, oder es ist gemeint, dass weiße Reporter UND westliche Reporter ohne Arabischkenntnisse sind, wie diese Reporterin.

  9. Hieß es nach Relotius nicht von Seiten amerikanischer Zeitungen, sowas könne dort nicht vorkommen, da fact checking dort viel intensiver und rücksichtsloser betrieben würde?

    Zum Neokolonialismus:
    „Doch auch das Narrativ, dass solche Güter vor der Zerstörung geschützt und deshalb außer Landes gebracht werden mussten, ist nichts Neues.“

    Ja. Und das ist zwar ein typisches koloniales Narrativ und als solches mit Übertreibungen und Lügen durchsetzt, aber es ist halt auch ein bisschen was dran! Etliches, was heute in Museen der Ersten Welt steht, würde, wenn es dort nicht stünde, heute nicht mehr existieren, und vieles andere wäre zumindest nicht öffentlich zugänglich.

    Ähnlich auch in diesem Fall: Würden die von Callimachi „entführten“ Daten überhaupt noch existieren, wären sie in irgendwelchen Depots irakischer Sicherheitskräfte verschwunden. Auch Herr Antoon wüsste heute nichts über ihre Existenz. Und durch die Veröffentlichung sind die Daten ja nicht weg, sondern können von jeder und jedem journalistisch und wissenschaftlich ausgewertet werden, natürlich auch von irakischer Seite.

    Viel problematischer ist hier doch, dass offensichtlich personenbezogene Daten ohne Redigieren und Schwärzen veröffentlicht wurden, und das bei Daten aus einem Kontext, der sensibler nicht sein könnte. Sowas ist einfach verantwortungslos, und das ist noch milde ausgedrückt.

Um kommentieren zu können, müssen Sie Übonnent sein.

Probeabo starten