Hör mal, wer da recherchiert

Wer Rukmini Callimachi von der „New York Times“ im Podcast „Caliphate“ mal dabei zugehört hat, wie sie dem sogenannten „Islamischen Staat“ nachspürt, wer Robin Amer in „The City“ von „USA Today“ durch Klassen- und Rassenunterschiede im Chicago der 90er folgte, wo der Müll und Schutt einer aufstrebenden Stadt irgendwohin muss und Macht und Korruption mitten in einem schwarzen Arbeiterviertel einfach eine illegale Mülldeponie entstehen lassen, der weiß, wie beeindruckend und fesselnd investigativer Journalismus klingen kann. Oder besser: könnte.

Denn seien es Filme, Serien, Bücher, Krimi, Sport, Essen, Trinken, Sex, langes Gerede oder kurze News: Obwohl es hierzulande inzwischen nun wirklich für jedes Genre Podcasts gibt (und wenn nicht, entstehen sie gerade), scheint der hörbare investigative Journalismus noch sehr ausbaufähig zu sein. Recherchen, in denen Reporter gegen Widerstände recherchieren, nicht berichten, sondern aufdecken, die landen hierzulande verhältnismäßig selten auf dem Ohr.

Ich meine zu ahnen, woran das liegt:

1. Leute

In den Credits von „The Caliphate“ stehen rund 15 Namen. Natürlich haben die nicht alle daran mitgearbeitet (wie das immer so ist: wenn etwas beginnt, Preise zu gewinnen, wächst auch die Liste derer, die es gewesen sein wollen). Aber: es ist ein Team. Und das sorgt für Vielfalt, Ideen, Feedback – und Power.

2. Geld

Das Minimum für einen investigativen Podcast ist jemand, der die Reporterin begleitet, und zwar mit dem Mikrofon. Das kann ein Reporter meist nicht selbst. Denn wer vor Ort recherchiert, der muss sich darauf konzentrieren, was es da zu sehen und hören gibt, welche Fragen man stellt, mit wem man redet – Reporter müssen an unendlich viel gleichzeitig denken. Es ist kaum machbar, in solchen Situationen (und auch danach, in der Redaktion) permanent „den Ton“ auch noch mitzudenken. Es braucht also mindestens eine zweite Person in der Recherche, und zwar von Beginn an.

3. Anwälte

Gesagt ist gesagt. Eine strittige Passage in einem Text geht über viele Tische, und wenn es heikel wird, auch die von Juristen. Falls dann doch mal etwas nicht passt, ist das online schnell geändert und die Zeitung wird ohnehin nur einmal gedruckt. Bei einem Podcast aber ist das nicht so einfach: Einmal veröffentlicht ist die Folge im Feed. Sie wird an Abonnenten ausgeliefert, sobald die ihr Gerät anschalten. Und wenn dann, was nur menschlich ist, im Eifer des Gefechts jemand etwas unsauber formuliert hatte, kann diese unsaubere Formulierung kaum noch aus der Welt geschafft werden.

4. Mikrofonangst

Wer gut recherchiert, ist nicht zwingend ein guter Host oder Sprecher. Wie locker, souverän, entspannt man am Mikrofon klingt, das lässt sich nicht einstudieren oder planen. Und gerade investigative Reporter haben manchmal auch so ihre Eigenheiten.

5. Planbarkeit

Ein guter Podcast braucht gar nicht so viel, aber ein bisschen Dramaturgie und ein roter Faden gehören dazu. Recherchen zeichnen sich nicht selten durch das Gegenteil aus. Sie sind absolut nicht planbar. Ob sie ins Leere laufen, wie lange sie dauern, was wann passiert: Wird es investigativ, weiß man das nicht. Ein Audio-Produzent muss das aber wissen. Er hat beim Aufnehmen die Schere schon im Kopf. Er muss planen können, wann er was tut, wohin er welchen Ton schneidet, welcher Text wann was ankündigt.

6. Und dann lockt da noch das Fernsehen

Wird es richtig groß, ist es immer noch attraktiver, gleich einen Film zu produzieren. Ob als Doku, als Serie, ob für Netflix oder einen öffentlich-rechtlichen, ist eigentlich egal: Bei Bewegtbild wartet das bessere Geld.

Doch ist es nicht so, dass in diesem Feld nun gar nichts passiert. 2015 geht der rbb im neunteiligen Podcast „Wer hat Burak erschossen“ einem ungeklärten Mordfall aus Berlin-Neukölln nach; 2017 zieht der NDR mit „Der talentierte Mr. Vossen“ nach und erzählt die Recherche zu einem Wirtschaftsbetrüger in literarischem Format. Auch zur Recherche rund um die „Paradise Papers“ ist 2018 ein Podcast entstanden. Und nachdem 2018 bei Staffel 1 des NDR-True-Crime-Podcasts „Täter unbekannt“ noch keine rechte Spannung aufkommen wollte, weil das Ganze sich dann doch zu steif, zu vorgelesen, zu sehr wie ein Hörbuch anhörte, wurde es 2019 in Staffel 2 ein wenig lebendiger und damit auch podcastiger.

All das sind isolierte, in sich abgeschlossene Staffeln. Es gibt aber auch ein paar Podcasts rund um Recherchen und mit Reportern, die fortlaufend erscheinen – und einige davon schauen wir uns heute hier mal genauer an.


BR: „Aufgedeckt – Der investigative Podcast“

Aufgedeckt - der investigative Podcast

Hier steckt der Anspruch schon im Namen. Und der wird eingelöst, wenngleich das keine allzu große Überraschung ist. Denn die Voraussetzungen sind einigermaßen traumhaft.

Der Bayerische Rundfunk hat ein eigenes Team gebildet, das mehr oder weniger frei von Sendeplänen recherchieren kann. Es heißt „BR Recherche“ und besteht aus sieben Reporterinnen und Reportern. An der jüngsten Recherche – zu Giftstoffen, die die Bundeswehr ins Grundwasser eingetragen haben soll – hat auch das Datenjournalismus-Team von „BR Data“ mitgearbeitet. Hinter „Aufgedeckt“ stehen also verhältnismäßig viele Menschen, die noch dazu auf das Know-How und die Produktionsbedingungen einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt zugreifen können.

Die Themen haben hohe Relevanz. Es geht um Kinder, die in den achtziger Jahren in Entbindungsheimen ihren Müttern geraubt wurden. Um die „modernen Sklaven“ der Ernte-Industrie in Europa. Um Medikamentenversuche an Heimkindern. Betrug in der Pflege. Wie es in deutschen Gefängnissen zugeht. Mieten. Steuerparadiese.

Immer dabei, und das ist eine Besonderheit, die manchen Hörer womöglich stören mag: ein Bayern-Bezug. Das Team hinter „Aufgedeckt“ findet seine Themen im Lokalen. Aber sie schaffen es jedes Mal, die großen Linien dahinter aufzuzeigen. Und, auch das oft eine Eigenheit des Lokaljournalismus: Das hier sind Recherchen, die etwas bewegen.

Die Recherchen erscheinen im Block, heißt: Drei Folgen zu den Giftstoffen der Bundeswehr. Drei zu den Entbindungsheimen. Vier zur Erntehelfer-Industrie. Eine Folge ist um die 20 Minuten lang, und zwischen den einzelnen Recherchen vergehen mal ein paar Wochen, mal ein paar Monate. Das macht es schwer, Hörer an sich zu binden. Man weiß schlicht nicht, wann etwas Neues erscheint und welches Thema wohl kommt.

Das muss kein Grund sein, „Aufgedeckt“ nicht zu abonnieren. Überraschung ist etwas Schönes. Man sollte es nur wissen.

Wenn es etwas zu kritisieren gibt an diesem Podcast, dann vielleicht, dass er sehr wie Radio wirkt. Länge, Format, Ansprechhaltung, Produktion – das ist alles sehr durchgeplant, sehr hochwertig, und nicht wirklich experimentell. Aber dass eine ARD-Anstalt das überhaupt tut – ein Team frei recherchieren lassen und eine Produktion in loser Reihenfolge dann veröffentlichen, wenn sie eben fertig ist – ist bemerkenswert und erfreulich.


SZ: „Das Thema“

Das Thema - Süddeutsche Zeitung

Dass es keine ARD-Umgebung braucht, um extrem gut zu klingen, zeigt der Podcast „Das Thema“ von der „Süddeutschen Zeitung“. Hier allerdings nimmt man die Hörer weniger auf eine Recherche mit, sondern fasst zusammen, womit sich Recherchen des Hauses beschäftigt haben.

Das Format ist also weniger ein Dabei-Sein bei der Recherche, aber dem Podcast liegt oft eine Recherche zugrunde.

Das Ganze ist sehr fließend, sehr unaufgeregt, sehr angenehm produziert und hört sich wirklich schön an. Erklärende Teile, Hintergründe, Einordnungen gehen nahtlos über in Sprecherteile mit O-Tönen, die wiederum nahtlos übergehen in Gespräche zwischen Laura Terberl und dem jeweiligen Gast. All das ist zurückhaltend, aber sehr passend mit Musikbetten und Audioverpackung zu einem gut durchhörbaren Paket verschnürt, das einmal pro Woche geliefert wird und um die 30 Minuten lang ist.

Man merkt schnell: hier macht sich jemand nicht nur über den Inhalt Gedanken, sondern auch über die Form, die Dramaturgie.

„Das Thema“ wird so zu einer Mischung aus monothematischer Magazinsendung und langen Experteninterviews (wobei die Reporter und Redakteure der SZ die Expertenrolle haben). Die thematische Bandbreite ist beachtlich: von neuer Vorhersage-Software für die Polizei über die Frage, ob Atomenergie ein Comeback erlebt, bis hin zu Vorwürfen sexueller Belästigung im Profisport oder dem Tod zweier UN-Ermittler.

Auch hier wäre es eigentlich schön, man würde mehr von den Recherchen zu hören bekommen. Dass sich das bei den gebauten, magazinartigen Strecken so nicht ohne weiteres machen lässt, ist klar, aber vielleicht wächst bei den Entscheidern im „Süddeutsche“-Hochhaus hier auch ein bisschen Mut, sich mehr zu trauen im Hör-Bereich. Die Vorzeichen stehen jedenfalls gut.


„Welt“: „Insider“

Welt Insider

Der Wert dieses „Welt“-Podcasts liegt darin, einmal die Leute, die Stimmen, die Charaktere hinter der Marke „Welt“ erfahrbar zu machen. Insofern lässt einen dieser Podcast schon ein wenig zum „Insider“ werden, aber eher für das Innenleben der Redaktion, weniger für deren Recherchen. Hier geht es mehr um Selbstdarstellung, und das ist durchaus auch positiv gemeint: Wer will, dass Menschen Journalismus vertrauen, tut auch gut daran, zu zeigen, wer die Menschen dahinter sind. Wem das reicht oder wer sich für solche „Einblicke in den Maschinenraum der ‚Welt‘-Redaktion“ (so steht es in der Selbstbeschreibung) interessiert, der wird hier bestimmt einigermaßen glücklich.

Nach meinem Geschmack zündet das Versprechen aber nicht so richtig, und das liegt unter anderem auch daran, dass der „Welt Insider“ dann mitunter doch ein etwas ungeordnet wirkendes Nacherzählen ist, ein Reden über die Arbeit. Man bekommt leider nur sehr selten wirklich etwas aus dieser eigentlichen Arbeit zu hören.

Auch dramaturgisch wirkt das Ganze mitunter etwas schleppend. Mehr Fragen, mehr Diskussion, mehr miteinander sprechen und einander widersprechen, weniger abfragen und Stichworte für Monologe liefern, das täte dem „Insider“ gut. Leider bremst er sich schon zu Beginn stets selbst aus. Die Teaser am Anfang sind zu lang. Die Einleitungen in die Themen zu wenig pointiert. Und es gibt zwar Begrüßung und Anmoderation, an die wird dann aber ein vorproduziertes Gespräch geschnitten. Mit anderen Worten: Man moderiert sich selbst an, nach dem Prinzip: „Darüber habe ich mit XYZ gesprochen und das hören wir jetzt.“

Das wäre im Radio vorbildlich, weil es nicht so tut, als wäre man Live. Ein Podcast aber ist etwas nicht-Lineares, niemand glaubt hier, er könnte live dabei sein. Im Podcast nimmt so ein Vorsetzer nur Tempo raus und erzeugt beim Hörer das Gefühl, nicht bei einem guten Gespräch dabei zu sein sondern etwas „Altes“ geliefert zu bekommen. Das ist schade, denn wenn Reporterinnen und Reporter dort zu Gast sind, sind ihre Themen in der Regel nicht nur sehr spannend, sondern auch sehr relevant.


„Die Zeit“: „Hinter der Geschichte“

Freunde der ZEIT: Hinter der Geschichte

Ein großes Haus. Eines der besten Investigativteams des Landes. Und leider ein sehr liebloser Podcast.

Das beginnt schon mit einer furchtbaren Audio-Verpackung. Es geht weiter mit einem fehlenden Moderator oder Host, denn den Job des Fragestellers übernehmen mal Redakteure, mal Autoren, mal der Textchef (der sich beim Reden vom Mikrofon wegdreht) – und was sie alle eint: Sie „poppen“ am Mikrofon. Will sagen: Es hört bei einer mittelmäßigen Tonqualität nicht auf.

Das ist schade, denn was die Reporterinnen und Reporter in den Gesprächen berichten, ist wirklich wichtig. Und es hat diesen ganz eigenen Charme, wenn Menschen frei zu einem Thema sprechen, in dem sie gut informiert sind. (Wer viele Podcasts hört, der weiß: Selbstverständlich ist das nicht.) Die „Zeit“ ist nicht nur eines der Häuser, das die Grundlagen für investigative Recherchen bieten kann, sondern erlaubt sich oft Themen und Zugänge, die selten geworden sind und die man sehr gern liest.

Und so wäre man gern auch intensiver in den Recherchen dabei. Man würde gern mehr erfahren, vom Innenleben der Reporter, von ihrem Handwerk, wie sich ihr Job anfühlt (oder hier: anhört). Das geschieht nicht, und den Grund dafür verriet der „Zeit“-Textchef, als er mal den Moderator gab, selbst: „… ohne jetzt zuviel zu verraten, die Hörer sollen den Text ja noch lesen.“

Dieser Podcast ist Werbung. Informative, mitunter unterhaltsame, solide, menschelnde Werbung, die keinem wirklich weh tut, aber eben Werbung. Er tut nur so, als ob er Journalismus wäre. Der Journalismus ist vorher passiert. Das ist nicht schlimm, nicht jeder will die langen Geschichten lesen, und so erreichen sie vielleicht auch noch Menschen, die sonst unerreicht blieben. Aber man weiß deswegen nicht so ganz genau, was „Hinter der Geschichte“ will: Für einen guten Podcast ist es nicht schön genug produziert, für guten Journalismus muss man am Ende doch das Heft oder den Text lesen.


„Puls“: „Die Frage“

Die Frage

„Ein Reporter, eine Frage, vier Wochen Recherche“ – die Beschreibung zu „Die Frage“ von Puls, dem jungen Programm des Bayerischen Rundfunks, klingt vielversprechend.

Doch die Titel der einzelnen Folgen machen schnell klar: Das hier geht in eine andere Richtung. „Muss ich mich besser ernähren?“, „Darf ich für Sex bezahlen?“, „Was ist dran an Esoterik?“ – es handelt sich hier um eine Art Erlebnisberichte.

Puls-Kolleginnen und Kollegen unterhalten sich über Erlebtes, Gelesenes, Gehörtes – und ja, auch Recherchiertes. Aber da sind selten die großen „Wow! Oho! Aha!“-Momente dabei. Zwar gibt es auch Episoden, die Fragen nachgehen wie: „Warum wird man radikal?“ oder „Wie gefährlich sind Fakes im Netz?“; die Themen sind nicht seicht, die Herangehensweise ist nicht läppisch. Die sind nur schlicht nicht für die Zielgruppe gemacht, die einen der oben genannten Podcasts hören wird.

Hier gibt es kaum einen Moment, unter dem nicht irgendein Musikbett liegt, irgendein Sound dazwischengeschoben wird oder irgendein Anruf noch schnell in das Gespräch zwischen Reporter und Moderator gedrückt werden muss. Das wirkt ein bisschen hektisch und unausgeruht, aber hey: Wer will schon ein ausgeruhtes Jugendprogramm?

[Der guten Ordnung halber: Ich bin selbst Reporter, arbeite investigativ, mache Podcasts und scheitere oft genug an den Punkten, die ich hier anspreche. Das müssten aber bitte andere kritisieren.]

Ein Kommentar

  1. Mit Interesse habe ich den Podcast von Lier und Rossberg gehört, zwei Berliner Polizeireportern. Auch sie berichten über Geschichten, die sie geschrieben haben, und auch welche, die sie nicht geschrieben haben.

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