Die Nachbarn aus Gauland

Auf die Gefahr hin, dass ich langsam als AfD-Versteher missverstanden werde: Ich habe ein Problem mit der Empörung über Alexander Gauland und sein Nachbarschaftszitat.

Laut „Frankfurter Allgemeiner Sonntagszeitung“ hatte der stellvertretende AfD-Vorsitzende über den Fußballnationalspieler Jérôme Boateng gesagt:

„Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“

Die Empörung darüber ist riesig. Es heißt Gauland habe Boateng „rassistisch beleidigt“. Zweifelsohne ist das, was Gauland da benennt, Rassismus.

Boateng ist gebürtiger Berliner, gläubiger Christ, Sohn einer deutschen Mutter und eines ghanaischen Vaters. Der Grund, weshalb „die Leute“ ihn nach Ansicht von Gauland nicht als Nachbarn haben wollen, ist wohl seine Hautfarbe.

Dass es als Reaktion auf ein Zitat wie das von Gauland eine große Solidarisierungwelle mit dem Fußballspieler gibt, ist einerseits eine gute Sache: Menschen demonstrieren, dass die Form von Rassismus, wie sie Gauland „den Leuten“ unterstellt, nicht akzeptabel ist. Sie zeigen, dass „die Leute“ anders sind; dass einer wie Boateng inzwischen viel mehr für Deutschland steht als „die Leute“, wie sie Gauland beschreibt.

(In welchem Maße man Gauland unterstellen darf, er habe sich das von ihm beschriebene Ressentiment „der Leute“ zu eigen gemacht oder dafür wenigstens Verständnis geübt oder einfach geschickt mal wieder einen Medienwirbel mit halber Rückrufaktion ausgelöst, will ich hier mal offen lassen, weil es mir um etwas anderes geht.)

Die reflexhafte Reaktion, das sofortige „Wie kann der sowas sagen?“ verhindert aber die Debatte über eine Frage: Hat Gauland womöglich recht? Ist jemand, der ein Problem damit hätte, wenn bei ihm nebenan ein Mann mit schwarzer Hautfarbe einzöge, wirklich ein solch absurd unwahrscheinlicher Einzelfall, wie es die Reaktionen auf Gauland wirken lassen?

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat 2008 über Diskriminierungen geforscht. Teil des Projektes war eine persönlich-mündliche Befragung von 2.610 Menschen, repräsentativ für die deutschsprachige Wohnbevölkerung ab 18 Jahren.

  • Der Aussage „Menschen mit schwarzer Hautfarbe passen nicht nach Deutschland“ stimmten dabei 26 Prozent der Befragten ganz oder teilweise zu.
  • Fast genauso viele sagten: „Ich habe Angst, wenn mir dunkelhäutige Männer auf der Straße begegnen.“
  • Das Statement „Mit Türken möchte ich nicht in einem Haus wohnen“ kam auf eine Zustimmung von 50 Prozent.

Die Umfrage ist acht Jahre alt, aber ich möchte nicht wetten, dass das Ergebnis heute weniger beunruhigend wäre. Ich glaube, es gibt diese Deutschen, die Gauland beschreibt, und ich fürchte, es sind nicht so wenige.

Laut FAS sagte Gauland, die große Zahl der Fremden sei das eigentliche Problem. Als Überleitung zu Boateng fügte die Zeitung spitz hinzu: „Gauland geht sehr weit in seiner Auslegung des Fremden.“

Ja, das ist eine kleine Pointe angesichts des in Deutschland geborenen, christlichen Fußballspielers, aber die Frage ist doch: Gehört Gauland mit dieser vermeintlich sehr weiten Auslegung einer endlich fast ausgestorbenen Minderheit an? Das Viertel der Befragten, die noch vor acht Jahren in der Umfrage sagten, Menschen schwarzer Hautfarbe gehörten nicht nach Deutschland, lassen mich daran zweifeln. Und ich fürchte, viele nicht-weiße Frauen und Männer machen in diesem Land auch regelmäßig die Erfahrung, dass es keineswegs selbstverständlich ist, in Deutschland (oder gar als Deutscher) schwarz zu sein.

Die FAS hat dann in einem Rechercheüberschwang noch bei den tatsächlichen Nachbarn von Boateng nachgefragt, wie zufrieden sie denn mit ihm sind. Das ist originell, aber gar nicht erkenntnisreich. Natürlich ist so ein reicher Prominenter im reichen Prominentenviertel Grünwald ein angenehmer Nachbar. Es geht doch Gauland in seinem Zitat erkennbar nicht um den einzelnen Spieler Boateng, sondern um die Ablehnung von vermeintlich „Fremden“, in diesem Fall: Menschen mit schwarzer Hautfarbe. Genau das macht doch sein Zitat so abstoßend – er sagt, die Leute wollten „einen Boateng“ nicht als Nachbarn, meint aber „einen Schwarzen“ (gedacht natürlich auch in der Form des „N“-Wortes).

Und was hätte die FAS eigentlich geschrieben, wenn sich zwei oder drei Nachbarn beschwert hätten, weil sie ihn doof finden, einfach so, aus irgendwelchen Gründen oder aus Rassismus? „Gauland hat Recht“? Der Blogger Johannes Kram kritisiert auf Facebook den FAS-Artikel als „mindestens so rassistisch wie die Äußerungen selbst“:

Was soll / kann bewiesen werden dadurch, dass man Nachbarn befragt, ob Boateng tatsächlich ein normaler Mensch ist? Was wäre denn, wenn sie gesagt hätten, er wäre fies und abgehoben? Erst wenn Boateng das Recht hätte, ein Arschloch zu sein wie jeder andere auch, könnten wir in diesem Land in Sachen Rassismus-Verstehen einen Schritt weiterkommen.

Gaulands Äußerungen fielen offenbar im Zusammenhang mit der Diskussion um die Kinderbilder auf den „Kinderschokolade“-Verpackungen. Ein paar Leute mutmaßlich aus dem Pegida-Umfeld empörten sich, dass da Kinder mit offenkundigem Migrationshintergrund abgebildet sind. Die Reaktionen darauf waren voller Häme: Haha, seid ihr doof, das sind doch die Spieler unserer Nationalmannschaft!

Die Empörung über die Fotos von Nicht-blonden-nicht-weißhäutigen-Kindern auf der Verpackung war zweifelsohne rassistisch. Aber sind wir uns so sicher, wie viele Reaktionen nahelegten, dass diese Leute dann beschämt waren, als sie feststellten, dass es nicht irgendwelche Ausländerkinder waren, sondern unsere Nationalspieler? Dass sie nur mit irgendwelchen Migranten ein Problem haben, aber natürlich nicht mit Boateng und Gündogan?

Ich bin mir da nicht so sicher. Ich vermute, dass es in Deutschland immer noch genug Menschen gibt, die Gauland „die Leute“ nennen würden, die auch ein Problem damit haben, dass Leute, die Gündogan heißten oder wie Boateng aussehen, nun im Trikot der deutschen Nationalmannschaft auflaufen. Das ist natürlich gerade auch ein Teil der integrativen Leistung von Fußball, dass solche Rassisten mit diesen Widerspruch aushalten müssen: Dass ihr Team eines ist, zu dem Menschen mit Migrationshintegrund gehören, und zwar mit größter Selbstverständlichkeit.

Es ist gut, dass das so ist, und es ist auch gut, dass Leute das ausdrücklich feiern, wenn es nötig ist. Aber es ist gefährlich, so zu tun, als wäre das für alle schon selbstverständlich. Als müsste man einem Pegida-Typen nur sagen: „Das ist doch der Gündogan auf der Schokolade, der ist doch Nationalspieler“, und dann würde der sagen: „Ach, dann ist ja gut“ und nicht: „Das ist ja das Problem!“

Ich will – und das unterscheidet mich vielleicht von Gauland – diese Leute, die mit etwas Glück nicht mehr „die Leute“ sind, in keiner Weise verteidigen. Ich will schon gar nicht, dass wir Rücksicht auf sie nehmen. Aber es ist wichtig, dass wir nicht so tun, als gäbe es sie nicht.

Die wohlfeile Art eines Teils der Reaktionen auf Gauland riskiert das. Zu demonstrieren, dass diese Art des Rassismus nicht akzeptabel ist und vermutlich auch von einer Mehrheit der Deutschen nicht mehr akzeptiert wird, ist richtig. Sich vorzumachen, dass Gauland nur ein verwirrter alter Mann ist und alle anderen längst weiter als er, ist gefährlich.

„So sind wir alle nicht!“, schallte es Gauland entgegen. Wäre schön, wenn das stimmt.

105 Kommentare

  1. Stimme dem obigen Beitrag absolut zu. Möchte aber noch einen Aspekt hinzufügen: den des „Sich-Selbst-Versicherns“ und den der positiven Diskriminierung.

    1. Natürlich ist es vordergründig gut, dass sich Menschen solidarisieren. Es zeigt aber auch wie fragil wir als Gesellschaft sind. Schon ein dummer Kommentar reicht aus und gefühlt müssen alle aus ihren Löchern kriechen und Empathie für Boateng bekunden. Als wäre es nicht selbstverständlich, dass man offen und tolerant Mitbürgern gegenüber ist, die einen Migrationshintergrund haben. Innerhalb kurzer Zeit versichert man sich gegenseitig, wie toll und offen und tolerant „wir“ – in unserer Bubble – doch sind. Und dann kommen wir da hin, wo Dein Text (@ Niggi) beginnt: Man vergisst, dass Gauland nur ausspricht, was vermutlich leider immer noch viele denken. Und das ist verlogen.

    2. Ich will nicht darüber diskutieren OB Boateng ein guter Nachbar wäre oder nicht und aus welchen Gründen. Ich will mir darüber gar keine Gedanken machen. Ich will auch nicht so tun müssen, als würde ich extra in einen „Migrantenstadtteil“ ziehen müssen, um meine offene Lebenseinstellung zu bekunden. Ich will niemanden diskriminieren – auch nicht positiv. Ich hoffe, diese Vision wird in wenigen Jahrzehnten möglich sein. Dass wir überhaupt in diesen Kategorien sprechen und diskutieren ist das Tragische.

  2. Sehr richtig. Mein Vater hat mir zum Beispiel bis 2007 immer noch stimmt erzählt, dass er bei einer Operation mal einen schwarzen Anästhesisten abgelehnt habe. Inzwischen ist er zwar tatsächlich ausgestorben, aber was ich damit sagen will: Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass dieses Ressentiment natürlich noch da ist, und nicht nur bei denen, die Herr Gabriel als Pack bezeichnet hat, sondern durchaus auch bei Leuten, die ansonsten nicht weiter auffallen. Himmel, man muss sich ja nur mal eine Auswahl aus dem aktuellen Fernseh- und Kinoprogramm anschauen, um zu sehen, wie präsent und selbstverständlich Rassismus auch bei gebildeten und gut integrierten Menschen ist.

  3. nein, die Gefahr, Sie für einen AfD-Versteher zu halten besteht nicht. ;) Sehr wohl darf man Ihnen hier einen hellen Verstand bescheinigen.

    In meinem Blog (um Schleichwerbung zu verhindern bleibt der hier selbstverst. ungenannt) habe ich bereits gestern ähnliches hinterlegt.

  4. „Ich habe ein Problem mit der Empörung über Alexander Gauland und sein Nachbarschaftszitat.“
    Ich auch. Die Empörung über Gaulands Äußerung ist allzu vordergründig. Gauland muss sich allerdings fragen lassen, ob er wirklich so dumm ist, das nicht vorhersehen zu können. Ich vermute, dass er durchaus die Doppeldeutigkeit gesucht haben könnte. Neben Empörung durch Nichtverstehenwollen sichert sie ihm ja auch Zustimmung durch Nichtverstehen des genauen Wortlauts.

    „Hat Gauland womöglich recht?“
    Bis vor einiger Zeit hätte ich nicht geglaubt, dass es tatsächlich Leute gibt, die wirklich meinen, dass dunkelhäutige Menschen nicht Deutsche sein können. Das gilt selbst für die Almhüttenwirtin mit bayerischer Mutter und US-amerikanischem Vater und für ein dunkelhäutiges Mitglied eines AfD-Kreisvorstands (das gab es tatsächlich, zumindest zu Luckes Zeiten). Man muss die Tatsache zur Kenntnis nehmen, dass es Leute gibt, die Deutschland (allen Lippenkenntnissen und Assimilationsforderungen zum Trotz) nicht als Kulturnation, sondern als rein ethnisches Gebilde betrachten (wollen). In vielen Fällen mag ihnen nicht bewusst sein, dass das unweigerlich im Konflikt liegt mit jedem aufgeklärten Staatsbürgerschaftsrecht, das nun einmal schon lange dem Kind einer/s Deutschen die deutsche Staatsbürgerschaft zugesichert hat, auch wenn der andere Elternteil schwarz oder Araber war. Andererseits ist das ethnische Konzept bis vor 20 Jahren noch die Basis des deutschen Staatsbürgerschaftsrechts gewesen. Das Problem ist eine Realität und durch Lippenbekenntnisse des Gegenteils nicht aus der Welt zu schaffen.
    Andererseits gibt es auch unter den Empörten genug Leute, die nicht begeistert wären, wenn neben ihnen ein Schwarzer einziehen würde
    (den sie nicht aus dem Fernsehen kennen). Das Bewusstsein leugnet hier leicht das Unbewusste. Man sollte mit Vorsicht genießen, was Menschen an Edlem von sich behaupten. Manch einer ist nur so lange Antirassist, wie er seine rein altdeutschen Nachbarn damit ärgern kann.

    „Ich habe Angst, wenn mir dunkelhäutige Männer auf der Straße begegnen.“
    Diese Aussage liegt auf einer komplett anderen Ebene als die, dass Dunkelhäutige nicht Deutsche sein können, oder auch als tiefe Empörung über dunkelhäutige AfD-Mitglieder. Es wäre eine Fehlinterpretation, alle Leute für Rassisten zu halten, die diese Angst zugeben. Der Bürgerrechtler Jesse Jackson hat vor vielen Jahren davon gesprochen, wie beschämend es für ihn sei, wenn er nachts (in den USA) durch die Straßen gehe, Schritte hinter sich höre , sich umdrehe und dann erleichtert sei, wenn er einen Weißen erblicke. Ängste sind keine politischen oder rechtlichen Aussagen (können sich aber in solche verwandeln).

  5. Ich glaube, Sie gehen Gauland hier auf dem Leim. Gauland ist klug genug, sich nicht selbst als Rassist zu outen, stattdessen schiebt er „die Leute“ vor. Trotzdem meint er die Aussage nicht rein deskriptiv, denn dann hätte man doch erwarten dürfen, dass er sich dazu irgendwie positioniert (findet er das gut, findet er das schlecht?). Gerade dieses unspezifische Geraune, dass „die Leute“ dies angeblich nicht wollen, macht die Sache meiner Meinung nach so perfide.

  6. Und das Gauland damit völlig wertfrei das Bauchgefühl seiner eigenen Wählerschaft beschreibt – und quasi seine Politik damit erklärt, finden Sie nicht irgendwie, naja rassistisch?

  7. Ich habe extra 3,99 € bezahlt, um diesen Artikel zu Ende lesen zu können.
    Da wird von der seriösen FAS eine Schlagzeile produziert, die durch den Inhalt nicht gedeckt ist, und alle, alle übernehmen es … ungeprüft.
    Wenige äußern Zweifel. Einer ist Niggemeier mit diesem Artikel. Ein anderer war der Deutschlandfunk heute mittag.

  8. Natürlich ist die schwarze Hautfarbe immer noch eine mehr oder weniger subtile Diskriminierung wert. Das erklären Schwarze oder Verbände von Schwarzen immer wieder mit Beispielen.
    Ich kenne viele Beispiele aus dem pädagogischen Primärbereich oder Kindergarten, wo die Kleinen, die sich ja noch ursprünglich und unverlogen äußern, Schwarze nicht anfassen wollen. Davon wiederum erzählen auch schwarze Eltern.
    Oder Zimmervermietung oder Arbeitsplatz oder….. genauso wie positive Diskriminierung bezüglich ihrer Sexualität. Auch in sog. Gutmensch-Kreisen. Ich kenne Ausländer in linken Alternativprojekten, die immer wieder die Situation erleben, dass sie, wenn ein Deutscher neben ihnen steht, stets übergangen werden als Ansprechpartner. Alltägliche Diskriminierung in linken Kreisen.
    In welcher Szene lebt jemand, der dies gar nicht mehr mitbekommen hat und nun anhand dieses rechten weißen alten Mannes Erkenntniszuwächse bekommt?`Das wundert mich aber doch.

    Gauland begibt sich gezielt oder schon unterbewusst dreist verankert in die Doppeldeutigkeit, die ihn offensichtlich schützt, siehe die ambivalente Diskussion. Aber wer glaubt denn, dass er eine wertfreie Diskussion über Schwarzenfeindlichkeit in Stadtvierteln anstoßen will, womöglich mit Solidarisierungsabsichten?
    Er nimmt die angeblichen Nachbarn als Zeugen für seine und der AfD Ansicht über verständliches Fremdeln der Deutschen gegenüber Überfremdung.
    Das ist demagogisch und dagegen ist jeder Prügel recht. In der ARD lief heute 5 Minuten Bericht über Provokationen im Europaparlament. So ist sie, die Strategie der Rechten und dazu gehört für mich dieses Gauland-Statement.
    Natürlich ist es anstrengend und lästig, dagegen immer die Stimme zu erheben, aber notwendig doch. Gauland hat nicht Recht, weil er eben nichts gegen Fremdenfeindlichkeit gesagt hat, sondern Fremdenfeindlichkeit transportiert hat.
    Und über bestehenden Rassismus und vor allem über den eigenen zu reflektieren, bleibt daneben doch noch die Zeit. Muss bleiben, wenn man glaubwürdig sein will.

  9. Daniel Pokraka kommentiert das – IMHO treffend – so:

    „Der Hinweis darauf ist nicht das Entscheidende an Gaulands Äußerung. Das Schlimme ist, dass er diesen Befund nicht zum Problem erklärt und dass er die latente bis deutliche Fremdenfeindlichkeit in Teilen der deutschen Gesellschaft damit legitimiert. Und das aus gutem Grund. Die Wählerschaft der AfD kommt ja zu einem großen Teil aus genau diesem Spektrum…“

    https://www.tagesschau.de/inland/boateng-121.html

  10. Werter Niggemeier,
    spricht mir aus dem Herzen.

    Die auf Spon nach zu lesenden Twittereien zum Fall fand ich völlig am Thema vorbei gehend.

    Denn natürlich hat Gauland recht.
    Den Roberto Blanco (sic!), den Boateng. Klaro. Diese gern als Nachbarn!
    Sie ja brav und berühmt!

    ( wobei ich überhaupt nicht so leichtfertig wäre. Vielleicht er ein Arschloch? Ich kenn den Boateng doch garnicht und verstehe nix von Fußball.
    Nur weil er berühmt ist?
    [ hierzu ein Satz über Herbert von Karajan, kann die Quelle leider nicht mehr finden: „Hier hat der Herrgott einem sehr großen Arschloch sehr viel Talent verliehen“])

    Um mich nicht falsch zu verstehen: der junge Mann scheint mir durchaus sympathisch.

    Aber richtig weit, sehr weit wären wir, wenn ein für alle mal feststünde:

    A. Es gibt viele ArschlöcherInnen

    B. Das ist vollkommen unabhängig von Nationalität, Hautfarbe, Geschlecht, Religion, Schuhgröße oder sexueller Orientierung. Oder sonstwas.

    C. Das dürfen die auch sein.

    D. Und ich darf sagen, wenn ich das finde.
    ***

    Kleine niedliche Anmerkung, auf Umwegen durchaus zum Thema gehörend:

    Ich arbeite erlebnispädagogisch im Wald mit Kindern und Jugendlichen.
    Zur Zeit der letzten Fußballweltmeisterschaft folgende Szene, von mir beobachtet, bevor die Gruppe losging.
    Paar Jungs, ca. 11 Jahre alt, kicken mit nem Stein rum.
    5. Klasse. Brennpunktschule, Migrantenanteil hoch.
    Sagt der kleine Türke: ey, ich bin Özil!
    Sagt der kleine Afro: und ich bin Boateng!

    Yo!, dachte ich.

    Und wir sind Deutschland!

  11. @Theo
    In dem Text sind jede Menge Klimmzüge drin.
    „Das Schlimme ist, dass er diesen Befund nicht zum Problem erklärt“
    Es ändert einen Befund zunächst nicht, wenn man ihn zum Problem erklärt.
    „..die latente bis deutliche Fremdenfeindlichkeit in Teilen der deutschen Gesellschaft…“
    Es ist fragwürdig, das auf die deutsche Gesellschaft zu begrenzen, auch wenn das Bedürfnis nach Homogenität in Deutschland und ähnlich gelagerten Nationen noch ein Stück größer sein mag als in anderen.
    Der Anteil schwarzer amerikanischer Frauen, die einen weißen Mann hatten, lag in den 1990er Jahren in den USA ungefähr so hoch wie der Anteil der Türkinnen mit einem deutschstämmigen Mann in Deutschland. Das Ganze nach Jahrhunderten des Zusammenlebens und Jahrzehnte nach Ende der Rassentrennung. Die faktische Segregation der Schwarzen ist dort in der Breite beinahe perfekt. Jeder, der gewarnt worden ist, bloß nicht im Schwarzenviertel spazieren zu gehen, kennt das. Einige prominente Ausnahmen und Statements ändern daran nichts.
    “ Inzwischen, und das ist das Problem, gilt es nicht mehr als gesellschaftlich unfein, eine rechtspopulistische Partei zu wählen.“
    Widerspruch zu oben, wo der Befund an sich noch das Problem gewesen sein soll. Der Befund war also doch OK, solange dieselben Wähler brav CDU oder SPD gewählt haben? Vertuschung als eigentliches Ziel? Das ist ja fast schon ulkig.
    Nicht nur Gauland scheint sich ein wenig in seinen Feinheiten und Finessen zu verstricken. Wenn es nur mal nicht sein geheimes Ziel war, solche doppelten Böden abzuklopfen und zum Klingen zu bringen!

  12. @C
    Natürlich beschreibt er damit das Bauchgefühl seiner Wählerschaft, und nicht nur das der AfD. deren Existenz er damit rechtfertigt, sondern auch das alljener, denen AfD, NPD und Konsorten zu schmutzig sind (was bedeuten würde, dass sie ehrlich sein müssten, um die zu wählen) und die stattdessen auf das Rassistenfischen der Altparteien mit Sprüchen wie „Kinder statt Inder“ und „Wer betrügt, der fliegt“ anspringen.

    Darüber sollten wir reden. Wir sollten mal richtig darüber nachdenken, wie wir hier zusammenleben wollen in Deutschland. Welchen Stellenwert
    Menschen mit Migrationsgeschichte haben. Wie unsere Gesellschaft aussähe, wenn wir alle nicht reinblütigen Deutschen ausbürgern und abschieben würden, Personalausweis hin oder her und wohin auch immer. Ob wir überhaupt eine Gesellschaft sind – oder sein wollen. Welche Hindernisse für Integration es gibt, auf der einen wie auf der anderen Seite. Wie wir fair mit Menschen umgehen wollen, die an Dinge glauben, für die sie nur deshalb nicht in die Psychiatrie müssen, weil diese Dinge Jahrtausende alt sind. Wie wir es schaffen wollen, dass alle Menschen hier zufrieden und sorgenfrei leben können. Wie wir das Zusammenleben so gestalten können, dass wir nicht bloß alle 2 Jahre 3 bis 4 Wochen lang während WM oder EM etwas gemeinsam haben, sondern auch die restlichen 101 Wochen dazwischen. Wie wir mit denen umgehen wollen, die daran kein Interesse haben – egal, welches Land den Pass ausgestellt hat, oder welches Einwohnermeldeamt.

    Darüber sollten wir reden. Eine Instanz, die bestens dafür geeignet gewesen wäre, um diese Diskussion anzustoßen, anzufüttern und in die richtigen Bahnen zu lenken, wäre der Journalismus. Wenn denn die meisten Journalisten nicht selbst in den Kreisen jener verkehrten, die mit den herrschenden Verhältnissen kein Problem haben, solange man in ihrer Straße kein Flüchtlingsheim errichtet oder sie mit Steuererhöhungen belästigt. Aber will man das von Leuten verlangen, deren Einkommen und Existenz an gehobenen oder gesenkten Daumen derer hängt, die kein Interesse an einer großen, offenen Diskussion über die sozialen Fragen des 21. Jahrhunderts haben? Glauben Sie, dass Lohnschreiber, die vom Gusto einer Dreieinhalbfachmilliardärin Friede Springer, Hundertfachmillionärinnen wie Isabella Neven DuMont oder Yvonne Bauer, Dreifachmilliardär Hubert Burda, 450-fach-Millionär Georg-Dieter von Holtzbrinck oder Milliardär Dieter Schaub anhängen, in ihren Werken solche Themen anfassen, ohne um ihren Job bangen zu müssen? Ist die größte Sorge der VerlegerInnen der soziale Friede in Deutschland? Wohl kaum. Weit weniger als der Platz in der Rangliste der reichsten Deutschen.

    Und genau deshalb reden wir auch nicht darüber, dass die Aussage von Gauland stimmt, ob und was daran bedenklich ist, wie wir alle das abstellen wollen etc. – und darüber kann man reden, selbst wenn der Verfasser der Worte genau das Gegenteil anstrebt -, sondern über den doppelt gelungenen Spin der Journaille: Indem diese Aussage als Beleidigung ausgelegt wird, lenken die Lohnschreiber von den wirklich wichtigen Fragen, wie ich sie oben unvollständig geschildert habe, ab und befüttern zugleich den Opferkult der Pegidisten und AfD-ler, den schon die Nazis damals gegen die Kommunisten genutzt haben, um Zulauf zu bekommen.

  13. @Preston
    Wer jetzt weinend zusammenbricht, weil er durch Gauland auf ein Thema gestoßen wird, dass er bis dato offensichtlich verpasst hat, der sollte sein Leben und seine meinungsmachenden Medien überprüfen und sich dann langsam weg vom Mainstream bewegen. Natürlich befeuert der diskrete Charme der Bourgeoisie die Vertuschungsmanöver und will nie genau hinsehen, was in der Realität wirklich abläuft. Der reflektierende linksliberale Intellektuelle denkt in großen Zügen über die Welt nach und hat meistens nicht die Zeit, genau zu beobachten, was in Quartieren, Schulen oder Betrieben wirklich los ist. Dort wo die fremdenfeindliche, homophobe Welt noch große Stützpfeiler hat.
    Deswegen sind jetzt auch so viele schockiert – ach so ist das mit der Realität. Da müssen wir ja Herrn Gauland dankbar sein für die Gesprächsanregung. Hallo, geht’s noch?

  14. Vielleicht warten wir noch auf die nächsten Zitate der AfD-Frontmenschen, die uns in unserer Entwicklung weiter bringen, zum Beispiel:

    Die Menschen hören Conchita Wurst gern singen, aber die Leute mögen halt keine Schwulen und Transen in ihren Familien haben.

  15. Andreas Müller:

    Einerseits unterscheiden sich ihre rabulistischen Fingerübungen von der üblichen rechten Rhetorik, andererseits ermüden sie aber auch auf Dauer.

    Daher kurz:
    Es ändert einen Befund noch nicht, wenn man ihn zum Problem erklärt. Richtig. Aber wer den Befund gar nicht erst als Problem erkennt, der ändert noch weniger – und muss sich, wie Gauland, nicht ohne Grund fragen lassen, ob er diesen Befund nicht sogar goutiert.

    Der Befund war auch nicht okay, als die gleichen Leute noch andere Parteien gewählt haben. Denn deren Programmatik und Spitzenpersonal deckte sich halt nicht mit entsprechenden Wünschen dieser Leute.

    Es ist fragwürdiger, diese Diskussion mit Verweis aufs Ausland zu verwässern, als gegen den Rassismus im eigenen Land anzugehen.

    Ich weiß nicht, was das Ziel von Gauland gewesen sein mag. Vermutlich das übliche AfD-Spielchen. Provozieren – abstreiten – Aufmerksamkeit erheischen. Im Kielwasser tauchen dann regelmäßig auch jene Leute auf, die mit spitzfindigen Relativierungen Gaulandsches Verhalten versuchsweise salonfähig machen möchten.

  16. Theo: Richtig.

    Interessant:
    So kommentiert die Junge Freiheit (deren Befund zu der weißen Mittelschicht übrigens richtig ist, leider) :
    „Opportunismus ist Menschenrecht

    Das sei „rassistisch“, schäumen Politik und Netz, wobei unsereinem etwas blümerant wird bei diesem mitunter eine Nuance zu schrill und allzu meutenbehaglich zur Schau gestellten guten Gewissen, denn ganz klar ist ja nicht, was Gauland nun tatsächlich gesagt hat und ob er nicht bloß einer journalistischen Spitzbüberei auf den Leim gegangen ist.

    Während umgekehrt doch ziemlich klar ist, daß gerade Angehörige des Juste Milieu dieser immer kunterbunter werdenden Republik ihre Kinder, so sie überhaupt welche haben, bevorzugt auf Schulen schicken, in denen die weiße Ethnie dominiert, derweil sie im Netz „Diversity“ und „Rassismus“ skandieren. Wer wollte sie darob schelten? Opportunismus ist das elementarste aller Menschenrechte.“
    https://jungefreiheit.de/debatte/kommentar/2016/unmanierlich/

  17. Für mich klang dieses Zitat eher wie eine Entschuldigung für all die Leute die hier mit Anfeindungen gekommen sind. Man hat sie sprachlich in eine große Gruppe zusammengefasst und dann ist es ja nicht mehr schlimm. Das ist aus meiner Sicht was Herr Gauland hier vor hatte.

  18. 19, Daarin:

    Sehe ich ähnlich. Man nimmt eine eigentlich gesellschaftlich geächtete Haltung als gegeben hin, verweist auf „die Leute“ (manchmal heißt es „die schweigende Mehrheit“ oder schlicht „das Volk“) und gibt sich „volksnah“.

    Es geht um Relativierung, auch im Sprachgebrauch. Wenn „alle“ so denken, dann ist es ja „normal“ in dem Sinne, dass „normal“ den Durchschnittsbürger definiert. Die gleiche Methodik wendet man an, wenn es um nationalsozialistische Begriffe geht. Die Nazi-Keule wird von Ultrarechten zunehmend gegen politische Gegner eingesetzt. Die Presse – gleichgeschaltet. Das Volk – zensiert, Maulkorb. Bundesregierung – Regime. (Etc. pp.)

    Vielleicht, so hoffen sie wohl, sind irgendwann die Begrifflichkeiten derart verwässert, dass im Grunde jeder ein bisschen „Nazi“ ist und somit das Ganze seinen Schrecken verloren hat. Zumindest in der Hinsicht bietet die extreme Rechte dann weniger Angriffsfläche. So wie doch angeblich „die Leute“ auch keinen „Neger“ als Nachbarn wollen. Ausgrenzung wird als normaler Alltag definiert – und, da keine Distanzierung erfolgt, somit hintenrum zur Norm.

  19. Lil, 20:

    Die AfD-Kommentare zum Tweet von Thomas Holl sind wirklich amüsant. Da wird den FAZ-Redakteuren wütend vorgehalten, Sie hätten gefälligst ein Tonband laufen lassen sollen. Als ob es sich um einen hinterhältigen Trick handeln würde.

    Dabei war es Gauland, der um Vertraulichkeit (=keine Tonaufnahme) gebeten hat – vermutlich aus gutem Grund: niemand kann ihn festnageln, notfalls lässt es sich hinterher einfacher dementieren.

  20. @Theo: Weiß man das, dass Gauland darum gebeten hat, kein Tonband zu benutzen? Wenn man bei einem Hintergrundgespräch mitschreibt, kann man ja auch aufzeichnen.

    Und die Verwirrung um das angebliche „Band“ und das in der Erklärung der FAS-Politikerredaktion merkwürdig doppelt und doppeldeutig gebrauchte Wort „Aufzeichnung“ („Beide Kollegen haben die Passage aufgezeichnet, ihre Aufzeichnungen stimmen überein.“) ist schon unglücklich.

  21. @ Kasimir
    „daß gerade Angehörige des Juste Milieu dieser immer kunterbunter werdenden Republik ihre Kinder, so sie überhaupt welche haben, bevorzugt auf Schulen schicken, in denen die weiße Ethnie dominiert, derweil sie im Netz „Diversity“ und „Rassismus“ skandieren.“
    Das Zauberwort dafür lautet „Montessori“. Bei mir um die Ecke gibt es einen solchen Kindergarten. Es ist eine Untertreibung, dass die weiße Ethnie dort dominiert, denn der Anteil der dunkelhäutigen und muslimischen Kinder dürfte bis auf ein Quotenkind hin oder her ziemlich Null sein: die Pädagogik ist ja so toll! Finanzielle Schranken sind auch viel schicker als schnöde Obergrenzen. Schon vor 13 Jahren, als es darum ging, meine Großen (nicht) dorthin zu schicken, habe ich gewitzelt, dass Montessoris wahre Attraktivität ein Tabuthema oder den Schwärmern vielleicht gar nicht bewusst ist: soziale Distinktion von der Plebs, vor allem auch von Einwandererkindern. Meine jüngere Tochter war später im katholischen Kindergarten nebenan, wo die Dominanz der weißen, christlichen Kinder ähnlich, das Bedürfnis nach bildungsbürgerlicher Distinktion aber viel geringer war. Mein jüngster Sohn ist nun wieder in dem städtischen Kindergarten, in dem auch seine ältesten Geschwister waren, und da ist die Lage mittlerweile eine ganz andere: die Hälfte oder mehr der Eltern spricht nach Aussage der Leiterin kein Deutsch, die selbst jugoslawische Wurzeln hat. Wir Eltern ohne nennenswerte Sprachbarriere sind im Elternbeirat unter uns. Die Menge der Eltern, mit denen wir sprechen (können), ist deshalb nicht repräsentativ. Wir und vor allem unsere Kinder haben keine ernsten Probleme in diesem Kindergarten und bisher keinen Grund, uns zu beklagen. Die meisten Eltern sind (wie überall) in erster Linie daran interessiert, dass sie und ihre Kinder ihr Leben auf die Reihe bekommen. Aber man kommt schon ins Grübeln, wenn eine Mutter als eMail-Adresse diejenige ihres Mannes angibt oder nach zwei Abenden ankündigt, dass sie nicht mehr kommen kann. Rein quantitativ ist die Entwicklung der letzten 13 Jahre dramatisch. Wenn das so weitergeht, werden die staatlichen Bildungseinrichtungen babylonisiert werden, die Privatisierung des Bildungswesens richtig Fahrt aufnehmen. Ein staatliches Schulsystem, das auch Kindern aus einfachen materiellen Verhältnissen eine gute Aufstiegsmöglichkeit bietet, also eine wirkliche soziale Errungenschaft im Gegensatz zu dem ganzen pseudolinken, narzistischen, distinktionsbürgerlichen BlaBla, könnte dann auch in Süddeutschland ins Rutschen geraten (Im Norden soll es, so hört man, schon ziemlich kaputt sein).

    @Theo
    „das übliche AfD-Spielchen“
    Das übliche Spielchen ist auch eine Multikulti-Seligkeit, die keinerlei praktische Grenzen (an)erkennen und jede Debatte unterdrücken will, damit die AfD und Feindseligkeit gegen Einwanderer und ihre Kinder selbst dann fördert, wenn sie als Individuen erkennbar und integriert sind (s. Boateng). Das erkennt man schon an den Parolen gegen die CSU oder einen grünen OB Palmer in Tübingen oder eine Sahra Wagenknecht, die hemmungslos mit AfD-Torten beworfen werden. Ich kenne einige Leute, die heute bekennen, dass sie künftig CSU wählen werden und das besser schon früher getan hätten. Die Parteien, die Merkels Kurs unterstützt haben, haben erst ansatzweise verstanden, welcher Aderlass ihnen bevorsteht. Gerade auch in München wird das verständlicherweise vor allem die bisher immer noch starke SPD treffen. Ihre Stammwähler merken, dass sich die Probleme in ihren Stadtteilen und ihren Schulen konzentrieren, und fühlen sich verraten. In Bayern wird die AfD nur moderat abschneiden, denn wir haben hier die CSU, einen bunten Strauß von bürgerlichen und konservativen Alternativen und eher wenig Begeisterung für den reinen Deutschnationalismus. Für Norddeutschland dagegen sehe ich schwärzer: staatlicher Zerfall plus eine giftige Überdosis AfD gegen die Merkeleinheitspartei. Das wiederum wird in Bayern den Sezessionismus auf die Tagesordnung setzen: wir lassen Sie einfach mit der AfD allein. Dann können Sie nach Herzenslust herummoralisieren gegen die Kreatur, die Sie genau damit gemästet haben.

  22. Stefan:

    Gauland hat Teile des Gesprächs von vornherein als vertraulich eingestuft, so viel ist ja bekannt und offenbar auch unstrittig. In solchen Fällen sind handschriftliche Notizen unverfänglicher als ein Tonband. Ich kenne keinen erfahrenen Spitzenpolitiker, der bei „unter 3“ ein Tonband mitlaufen lässt.

    Der Ausdruck „Aufzeichnung“ mag unglücklich gewählt sein. Aber so, wie sich die AfDler nun darauf stürzen, als ob das der Beweis für eine Fälschung sei, ist lachhaft. Zumal Gauland ja heute vor laufender Kamera noch mal eingeräumt hat, dass er das vielleicht doch so gesagt haben könnte – wohl den Fußballer kennend, aber nicht wissend, dass Boateng Deutscher sei und Christ. Ihm sei es darum gegangen, „dass Menschen in ihrem Heimatgefühl nicht von zuviel Fremden bedrängt werden wollen“. Insofern sei Boateng das falsche Beispiel gewesen.

    Das ist, wie Prantl heute angemerkt hat, die für Rassisten nicht unübliche Methodik. Zündeln und hernach behaupten, man habe es ja gar nicht so gemeint.

  23. Für mich sieht es sehr wohl nach einem „listigen Stück“ aus. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Name Boateng nicht von Gauland in’s Gespräch gebracht wurde. Und die FAS veröffentlicht das Interview doch -welch merkwürdiger Zufall- am Tag eines DFB-Länderspiels mit der maximalen Verbreitungswirkung. Alle Medien springen auf den Zug. Erinnert mich an das 2. Petry-Interview mit der Rhein-Zeitung.
    Dass Herr Lohse, der lustigerweise im Nachgang über sein eigenes Interview berichtet, als wenn es um einen 3. Journalisten ginge nicht gut auf die AfD zu sprechen ist, ist mir klar, seit Frau Petry ihm 2015 schon mal bei einem Interviewversuch in die Parade gefahren ist.

  24. Andreas Müller:
    Nun ist das Zitat ja ein gewollt bösartiges aus der Jungen Freiheit, aber ich habe es gewählt, weil der Ansatz des Artikels ja auch Kritik und Selbstkritik sein sollte (habe nicht alles lesen können :))
    Ich bohre gern nach bei der Selbstkritik. Wo ist der Rassismus, den wir dann nicht nur bei anderen beklagen oder wo läuft was falsch.
    Und es ist tatsächlich weniger der Rassismus als die soziale Distinktion . In der Liebe bleiben ja auch immer noch 98% beim gleichen Bildungsniveau. Seit Jahren.
    In einem klassischen Grünenviertel waren die Einwohner alle begeistert von einem Kindergarten, der ein integratives Konzept mit dem neben der Siedlung liegenden Obdachlosenheim für Familien entwickelte, wo sehr viele schwarze Familien lebten. Angemeldet haben ihre Kinder nur 2 Familien.
    Und es liegt m.E. nicht an der Hautfarbe.
    Da ich klischeehaft davon ausgehe, dass hier alternative Intellektuelle schreiben, wollte ich mal ein bisschen nachhaken, wo denn nun die Toleranz aufhört. Ich behaupte, beim Brennpunktstadtviertel mit den Brennpunktschulen auf jeden Fall – außer es ist Berlin-Kreuzberg.
    Aber ihr Wort „babylonisieren“ weckt sehr negative Gefühle bei mir.
    Führt jetzt aber zu weit.

  25. 28:

    Da schau her, die FAZ hat doch längst gesagt, dass sie den Namen Boateng ins Spiel gebracht hat, als Gauland darüber noch allgemein sprach. Gauland hat den Ball aufgenommen. Er wusste, dass Boateng ein Fußballer ist und einen Migrationshintergrund hat.

    Was ist nun listig daran?

    Gemein, der Boateng gilt nicht, weil er Deutscher ist und Christ? Also Gauland kannte ihn als Kicker, und wer ein Minimum Ahnung vom Sport hat, der weiß auch, dass nur ein Deutscher in der Deutschen Nationalmannschaft spielen kann. Hätte er Özil gesagt, wäre das zumindest ein Muslim – und damit wäre die Aussage Gaulands, neben so einem möchte niemand wohnen, okay?

    Oder besteht die List der FAS darin, weil sie das am Sonntag veröffentlicht hat? Hätte bei einer Sonntagszeitung und einem seit Monaten terminierten Länderspiel niemand drauf kommen können.

    Frau Petry hatte seinerzeit zugelassen, dass die Rhein-Zeitung ein Band mitlaufen ließ. Den Fehler wird sie nicht noch einmal machen.

  26. „also eine wirkliche soziale Errungenschaft im Gegensatz zu dem ganzen pseudolinken, narzistischen, distinktionsbürgerlichen BlaBla“

    das übrigens finde ich unteres Diskussionsniveau in klischeehaften unreflektierten Worthülsen, die außer einer lautstarken politischen Positionsbestimmung nichts an echten Inhalten rüberbringt.

  27. Ich unterbreche ungern die sich durch provokante Einsprengsel perpetuierenden, selbst bestätigenden und andere aufs Korn nehmenden Kommentare.
    Aber mir kam eine Szene in den Sinn, die ich 2002 erlebte, als ich bei einem Public-Viewing in irgendeiner deutschen Kleinstadt auf irgendeinem Parkplatz stand, um mir irgendein Spiel der WM anzuschauen.
    Ich war erstmals bei einem solchen Event dabei, hatte (und habe) nach wie vor keine große Ahnung von professionalisiertem Fußball und war durch die vielen lauten Anwesenden und ihr Verhalten einigermaßen verunsichert, dennoch hatte ich Spaß am, wie ich fand, guten Spiel. Hinter mir eine lautstarke Dame mit tätowiertem männlichen Anhang, die sich zu verschiedenen Spielsituationen ebenso prägnant wie fachkundig und lautstark äußerte; ich stolz, einiges, was sie kommentierte, auch gesehen zu haben – wie auch immer: Ich fing zaghaft an, mich in der Hitze des Augenblicks einigermaßen wohlzufühlen.
    Dann ein Fehler eines deutschen Spielers irgendwo vorne in der gegnerischen Hälfte und Konter-Chance des Gegners. Der Mann, der den Ball verloren hatte, war Gerald Asamoah, ein schwarzer Spieler, der mir zuvor schon als deutsche Besonderheit aufgefallen war; prompt rief es hinter mir: „Scheiß Ne…!“ und ähnliche Kommentare rundum. Mir war plötzlich zu heiß und; naja, meine Fußball- und Fußballfanvorurteile hatten sich eben gerade bestätigt… Ich war dann mal auf dem Heimweg.
    Schnitt.
    Zwölf Jahre später. Bei der WM 2014 bot sich mir eine ganz andere Stimmung. Public Viewing auf einem italienischen Campingplatz mit fast rein-deutschem Publikum und germanophil aufgeladener, größtmöglicher Begeisterung. Ich weiß nicht, ob Boateng einen Fehler machte, jedenfalls spielte seine Hautfarbe weder in meiner noch in der Wahrnehmung der übrigen umstehenden Zuschauer irgendeine Rolle. Ich dachte mir ja bis vor kurzem, wir seien auf einem guten Weg der Normalisierung dessen, was manche mit „Multikulti“, andere mit „Scheiß Ne…!“ etikettieren.
    Ich will mich eigentlich einer Prognose verweigern, aber ich fürchte, dass bei der kommenden EM solche Kommentare wie der von 2002 wieder wahrscheinlicher sein werden, dass die Stimmung kippt.
    Vielleicht ist Fußball der Seismograph für solche Entwicklungen und das Beispiel von Gauland deswegen gerade nicht aus dem Showbiz gewählt.
    Naja, war nur so eine Erinnerung, die mich gerade umtrieb.

  28. @theo,
    Es wäre nun ein Leichtes gewesen Gauland mit seinen Äußerungen zu konfrontieren. Das ist aber nicht geschehen, sondern die halbe Republik verdreht sich den Kopf was nun stimmen mag.
    Es existiert nicht die geringste Behauptung von Gauland gegenüber Boateng. Nirgendwo. Das FAS/FAZ-Interview kann man nirgendwo lesen.
    Es werden nur Behauptungen aufgestellt.

    Sie und Ihre steten absurden Thesen sind genau der Grund, warum ich mich gar nicht weiter äußern will. Ihr unreflektiertes radikales Gedankengut stößt mich ab. Sie sind für andere Gedanken nicht erreichbar. Alles was nicht in Ihr Hirn passt versuchen Sie zu konterkaieren oder Sie machen sich auf eine sehr perverse und äußerst unangenehme Art darüber lustig.

    Not my war.

  29. Jeder Weiße ist ein Rassist, ist keine neue aber lohnenswert zu diskutierende Erkenntnis. Nur hier Gauland dafür als Aufhänger zu nehmen finde ich unpassend, er hatte rein perfide Absichten.

  30. Lil,

    ich weiß gar nicht, was Sie wollen. Natürlich können Sie das Interview nicht lesen, weil Gevatter Gauland es ja nicht komplett veröffentlicht haben wollte.

    „Es existiert nicht die geringste Behauptung von Gauland gegenüber Boateng“

    Gauland selbst sagt doch nun, er habe über Boateng gesprochen. Aber das sollte nicht an die Öffentlichkeit.

    Lügenpresse gut und schön, aber wenn Sie nun schon ihren eigenen Leuten nicht mehr glauben wollen…

    Gegen solche „Perversionen“ schützen Sie sich wohl am besten weiterhin mit einem Aluhut.

  31. Möglicherweise tue ich ihnen unrecht, da ich nur den Anfang ihres Textes gelesen habe, aber ihr Einstieg erscheint mir doch recht abstrus.
    Sie schreiben, dass sie »ein Problem mit der Empörung über Alexander Gauland« haben und fügen einige Absätze später hinzu, dass sie sein Verhalten nicht normativ beurteilen wollen: »In welchem Maße man Gauland unterstellen darf, er habe sich das von ihm beschriebene Ressentiment „der Leute“ zu eigen gemacht oder dafür wenigstens Verständnis geübt oder einfach geschickt mal wieder einen Medienwirbel mit halber Rückrufaktion ausgelöst, will ich hier mal offen lassen, weil es mir um etwas anderes geht.«
    Nun setzt aber die Empörung zwingend die normative Beurteilung eines Verhaltens voraus, denn sie ist eine »von starken Emotionen begleitete Entrüstung als Reaktion auf Verstöße gegen moralische Konventionen« (Duden). So kann man z. B. über Gammelfleisch in einem Supermarkt empört sein, weil das Verhalten des Händlers den eigenen normativen Erwartungen nicht entspricht, aber man kann sich nicht über schlechtes Wetter empören (es sei denn, man glaubt an einen personalen Gott, der einen ungerecht behandelt – aber dann ist man wieder im Bereich der normativen Verhaltenserwartungen).
    Wenn sie zu seinem Verhalten keinen normativen Standpunkt beziehen, ihn also nicht kritisieren wollen, dann können sie über sein Verhalten natürlich auch nicht empört sein, das ist insofern trivial. Wenn sie nun aber darüber hinaus mit der Kritik von anderen an Gauland »ein Problem« haben, sie also kritisieren und zugleich die Relevanz deren normativen Standpunktes, der für jede Kritik unumgänglich ist, einfach verneinen, dann fordern sie sie damit schlicht zum Schweigen auf oder verlangen von ihnen eine Kritik ohne normativen Bezug, das heißt einen naturalistischen Fehlschluss.
    Dann brauchen sie sich aber auch nicht darüber zu wundern, dass man sie für einen »AfD-Versteher« hält, denn es ist ja gerade eine Eigenheit völkischer Parteien, aus einem durch die Herkunft determinierten, also dem Einzelnen vorgegebenen und seiner Kritik entzogen gedachtem, kollektivem Sein – sei es nun durch Abstammung (Ethnie) oder Kultur (Nation) bestimmt – ein kollektiv verbindliches Sollen, eine Politik abzuleiten. Der Sein-Sollens-Fehlschluss ist ihr Programm.

  32. @ Stefan Niggemeier:

    Gauland ist nach allem, was ich über ihn weiß, ein intelligenter und politisch erfahrener Zeitgenosse. Als solcher weiß er auch, dass in der menschlichen Kommunikation die Konnotationen einer Äußerung, die sich aus dem Kontext ergeben, eine wesentliche Rolle für ihr Verständnis spielen. Das gilt für die Politik in besonders hohem Maße: Politiker drücken sich oftmals sehr indirekt und vorsichtig aus, um nicht festgenagelt zu werden.

    Gedankenexperiment: Ein Politiker betont, dass es wichtig sei, dass integrationswillige und integrierte Menschen mit ausländischen Wurzeln angenommen werden, und dass der Umgang mit ihnen frei von Ressentiments sein müsse. Dann kommt so ein Satz wie der von Gauland, aber der Politiker sagt das mit erkennbarem Bedauern und erklärt beispielsweise, dass man da noch weiterkommen und gesellschaftspolitisch wirken müsse.

    In einem solchen Fall wird man den entsprechenden Politiker für so eine Aussage kaum als Fremdenfeind bezeichnen dürfen. Jedenfalls, wenn die Distanzierung von Ressentiments einigermaßen glaubwürdig ist.

    Im Fall von Gauland scheint ein solcher Kontext aber völlig zu fehlen. Vielmehr sieht der Kontext – jedenfalls laut FAS – so aus:
    „AfD-Vize Gauland sagte dieser Zeitung weiter, es gehe der AfD in ihrer Frontstellung gegen den Islam nicht um die Verteidigung des Christentums, sondern um die Abwehr des kulturell Fremden. ‚Wir wollen nicht das Christentum im religiösen Sinne verteidigen.‘ Die Wähler der AfD wollten aber, dass man für ‚ihr So-Sein‘ kämpfe, für alles, ‚was man von den Vätern ererbt‘ habe. ‚Das Christentum ist dafür dann eine Metapher.‘ Die große Zahl der Fremden sei das eigentliche Problem, so Gauland.“
    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/afd-vize-gauland-beleidigt-jerome-boateng-14257743.html
    (Gaulands Äußerungen, wie die ZEIT sie zitiert, gehen in die gleiche Richtung. )

    Wie wird man die Gauland-Äußerung in so einem Kontext verstehen? Nun, wohl kaum so, dass ihr Urheber die vermeintliche Tatsache, dass die Leute einen Schwarzen noch nicht einmal dann, wenn er ein Nationalspieler ist, als Nachbarn haben wollen, erschreckend findet und glaubt, man müsse einem solchen Rassismus entschieden entgegenwirken. Vielmehr wird man das so verstehen, dass Gauland für diese vermeintliche Einstellung des Volkes einiges Verständnis aufbringt und sie wenigstens neutral hinnimmt, wenn er sie nicht selbst teilt. Und dass die entsprechenden unterstellten Ressentiments „der Leute“ seiner Meinung nach nicht etwas sind, gegen das die AfD politisch mit Überzeugungsarbeit ankämpfen sollte, und wo sie Aufklärung betreiben sollte, sondern ein Faktum, das sie eben akzeptieren und in einem affirmativen Sinne (!) bei ihrer Politik berücksichtigen sollte.

    Das heißt aber: Es entsteht sehr stark der Eindruck, dass Gauland die rassistischen Ressentiments, die er dem Gros der Bevölkerung unterstellt („die Leute“), eigentlich gar nicht allzu schlimm findet und womöglich auf deren Grundlage sogar Politik machen möchte. Und deswegen ist die Empörung verständlich. Natürlich kann es sein, dass Gauland diesen Eindruck durch ein Versehen erweckt hat, und dass er die von ihm angenommene Einstellung des Volkes so unerträglich findet, wie man dies von einem Menschen mit Anstand und Integrität eben erwarten kann und auch erwarten muss; dann war er in seinem Verhalten aber sehr ungeschickt.

    Auch wenn das jetzt nicht direkt mit dem Thema zu tun hat: Man muss sich ohnehin fragen, ob Gauland nicht zu einem erheblichen Maß zum Zynismus neigt. Die Wikipedia (die zugegebenermaßen eine nur bedingt verlässliche Quelle ist) wirft ihm vor, als Staatssekretär an einer unfeinen politischen Intrige beteiligt gewesen und an Eides statt die Unwahrheit gesagt zu haben:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Aff%C3%A4re_Gauland

    Der Bundesverwaltungsrichter Dieter Deiseroth hingegen wirft Gauland eine Befürwortung des Krieges als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln vor, die auf eine Missachtung der ‚verfassungs- und völkerrechtlichen Grenzen militärischer Einsätze‘ hinauslaufe. „Ja, er plädiert sogar unter ausdrücklicher Anrufung der ‚Blut und Eisen‘-Regierungserklärung des preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck von 1862 für ihre Nichtbeachtung.
    Pikant und wohl auch disziplinarrechtlich relevant ist, dass ein Ruhestandsbeamter wie Dr. Gauland aus Gründen politischer Opportunität für die grundsätzliche Missachtung der Bindung an ‚Recht und Gesetz‘ (Art. 20 Abs. 3 GG) bei der Anwendung militärischer Gewalt plädiert und so zum permanenten Verfassungs- und Völkerrechtsbruch aufruft.“
    http://www.tagesspiegel.de/meinung/bruch-des-voelkerrechts/6962400.html

    Wie gesagt: Das ist natürlich eine andere Baustelle. Man fragt sich aber dennoch unwillkürlich, ob es da nicht doch Zusammenhänge gibt; ob man es hier nicht womöglich mit einem Mann zu tun haben könnte, dessen moralische Konstitution eben so beschaffen ist, dass er auch in einem Deutschland recht angenehm schlafen könnte, in dem ein schwarzer Nationalspieler nicht als Nachbar gelitten ist, und wo man Krieg für eine normale Fortsetzung der Politik hält…und womöglich auch nach einer eidesstattlichen Falschaussage.

    Übrigens: Die Aussage der Redakteure, dass ihre jeweiligen Aufzeichnungen übereinstimmten, habe zumindest ich persönlich nicht missverstanden. Es ist ja sehr unwahrscheinlich, dass zwei Interviewer, die als Team zusammen arbeiten, zwei separate Ton-Mitschnitte anfertigen.

  33. mal off-topic: Wie kommt es eigentlich, dass hier gefühlt nur meterlange Kommentare unter den Artikeln stehen? Funktioniert das noch als Diskussion? Mir ist´s echt zu lang, da könnte man ja fast mal über eine Zeichenbegrenzung nachdenken.

  34. Ich pendele noch immer zwischen Abo und nicht, und gerade der ausführliche Diskurs mit Erkenntniszuwachs passt mir. Breite und differenzierte Diskussion muss in dieser Zeit das Ziel sein, finde ich und nicht schnelle Kotzbrocken hinwerfen. Medien, in denen ein Artikel das Denken vorgibt und der Rest der Denker ein Ja oder Nein grummelt haben wir schon zu viel. Lieber langatmig und denkanstößig als kurzgefasst.
    Mir fehlt ja der Mitdiskutant Niggemeyer. In dem Fall bin ich wirklich interessiert, wie er zu dieser Betroffenheit gekommen ist.

  35. Die Tatsache, dass Gauland an der Spitze der Partei „dieser Leute“ steht, sagt ja alles. Es ist nur ein rhetorischer Kniff „seine Leute“ vorzuschieben. Der Shitstorm trifft ihn zurecht voll.

  36. @Cem: Ich hab gar kein Mitleid mit Gauland, und meine Frage ist auch nicht, ob ihn der Shitstorm zu recht trifft. Meine Frage ist, ob wir es uns mit diesem Shitstorm nicht verdammt einfach machen.

  37. „(…)denn ganz klar ist ja nicht, was Gauland nun tatsächlich gesagt hat und ob er nicht bloß einer journalistischen Spitzbüberei auf den Leim gegangen ist.(…)“

    Da sind eher die Journalisten dem Gauland auf den Leim gegangen. und das bei so einer simplen und altbekannten rhetorischen Figur. Man fasst es nicht.

    Gauland hat übrigens – bislang von ihm nicht widerrufen – in einem anderen Gespräch von einem Recht der Deutschen auf ihr „So-sein“ (was immer dieser Hilfs-Heideggerismus bedeuten soll) schwadroniert und das dieses Recht durch die „Ausländer“ (nicht ganz klar, wen er alles darunter fasst) infrage gestellt würde. Gauland war unter Roland dem Brutalst-Möglichen in die „Kinder statt Inder“-Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft maßgeblich involviert. Gauland ist derjenige im Afd-Vorstand, der innigsten Kontakt zu Höcke unterhält.
    Zählt man einfach 1+1+1 zusammen wird in der Summe Gaulands Absicht deutlich, zumal er als Medienprofi nicht ohne Grund den Namen Boateng in dem Zusammenhang droppt. Petry twittert dann in der Rolle des „good cop“. Das ist so offensichtlich…und so wirksam :-(.
    Weil dumme FAS-Journalisten click-geil über’s Stöckchen hüpfen. Nicht mal ignorieren…das wär’s gewesen
    Der alte weisse Rassist ist ’ne Nummer zu groß für diese Amateure. Ich fass‘ es immer noch nicht.

    btw: Der Befund – da hat @Stefan recht – ist leider korrekt. Ich brauch‘ aber keinen Gauland um das zu wissen.

  38. Wo ich mir unsicher bin, ist die Frage nach der richtigen Reaktion.
    Die Meinungen gehen auseinander: Sollte man der AfD nach all den theoretischen Erkenntnissen keine Bühne bieten oder doch alle Anstrengungen unternehmen, sie öffentlich zu demaskieren?

    Auch laut der Süddeutschen oben, wäre der öffentliche Ansatz falsch. Oder muss man diese Öffentlichkeitsarbeit anders gestalten?

  39. Soweit ich das überblicke, besteht doch Konsens, dass Gauland nicht explizit Boateng die Schuld dafür gibt, wenn es Menschen gäbe, die nicht in seiner (Boatengs) Nachbarschaft wohnen wollten, oder?
    In diesem Falle beleidigt er eigentlich gar nicht Boateng, sondern Fußballfans, weil er ihnen Rassismus und Heuchelei unterstellt (ob er meint, dass ersteres i.O. wäre, wenn letzteres aufhört, sei mal dahingestellt). Ergo empören sich die nicht-rassistischen Fußballfans, weil das auf sie nicht zutrifft, und die doch-rassistischen Fußballfans, weil sie lieber weiter heucheln. Zum Glück kann mir das egal sein, weil ich kein Fußballfan bin. *g
    https://apokolokynthose.wordpress.com/2016/05/31/gauland-disst-fussballfans/

  40. Soweit ich das überblicke, besteht doch Konsens, dass Gauland nicht explizit Boateng die Schuld dafür gibt, wenn es Menschen gäbe, die nicht in seiner (Boatengs) Nachbarschaft wohnen wollten, oder?
    In diesem Falle beleidigt er eigentlich gar nicht Boateng, sondern Fußballfans, weil er ihnen Rassismus und Heuchelei unterstellt (ob er meint, dass ersteres i.O. wäre, wenn letzteres aufhört, sei mal dahingestellt). Ergo empören sich die nicht-rassistischen Fußballfans, weil das auf sie nicht zutrifft, und die doch-rassistischen Fußballfans, weil sie lieber weiter heucheln. Zum Glück kann mir das egal sein, weil ich kein Fußballfan bin. *g
    https://apokolokynthose.wordpress.com/2016/05/31/gauland-disst-fussballfans/

  41. @Kasimir: das wollte ich jetzt nicht so platt formulieren. Aber ja.
    Oder vllt. wäre es einfacher, wenn man die Mannschaften nicht mehr nach Nationalität, sondern nach Konfession oder noch besser Sternzeichen sortierte. Nicht, dass immer nur Katholiken und Sunniten ins Finale kommen.

  42. @Kasimir: das wollte ich jetzt nicht so platt formulieren. Aber ja.
    Oder vllt. wäre es einfacher, wenn man die Mannschaften nicht mehr nach Nationalität, sondern nach Konfession oder noch besser Sternzeichen sortierte. Nicht, dass immer nur Katholiken und Sunniten ins Finale kommen.

  43. Wenn die Frage ist, ob wir es uns mit dem Shitstorm einfach machen, wäre meine Antwort: Nein.
    Denn erstens, ist die, wie ich finde, einzige demokratische, freiheitliche Reaktion auf Rassismus Widerspruch. Also muss man Gauland, als Demokrat widersprechen.
    Denn zweitens, ändert die These, dass Gauland sich „in breiter Gesellschaft“ befindet nichts daran, dass er selbst dazugehört. Sein Rassismus gehört kommentiert.
    Sein Rassismus? Ja, denn der Kontext, in dem Gauland spricht ist der des Politikers, der für Zustimmung politischen Einfluss verspricht. Wenn Gauland also meint, viele Menschen wollten Boateng nicht als Nachbarn, dann verspricht er damit implizit, dass das mit ihm als veratwortlichem Politiker auch nicht sein muss. Allgemeiner: Politiker sprechen immer um Zustimmung zu erlangen, besonders in einer Demokratie. Und zwar sowohl für ihre Beschreibung der Welt als auch für ihre politische Antwort auf die Fragen, die die so beschriebene Welt aufwirft.
    Zudem ist Rassismus verpönt in Deutschland. Rassistisches Gedankengut ohne negative Wertung von sich zu geben ist, wenn sie nicht anders kontextualisiert ist, immer problematisch.
    Und: Gauland ist ja auch in der Folge und zuvor als Rassist aufgefallen. Das wäre ein Punkt, den ich hier noch stärken würde. Der Shitstorm verhindert ein Stück weit, dass das rassistische Zürrückrudern nun untergeht. Wenn Gauland nun meint, Boateng sei „integriert“ ist das rassistisch, denn der Mann ist ja nicht integriert, sondern Deutscher. Ihn an seiner „Integration“ zu messen macht ihn zum Ausländer aufgrund seiner Hautfarbe. Das ist Rassismus. Ja, vielleicht geht der gerade unter.

  44. Der Shitstorm gegen Gauland erwächst ja nicht einfach nur aus seiner Behauptung, es gäbe in D. mehr oder weniger heimlichen Rassismus, sondern aus der impliziten Annahme, Gauland fände das _gut_. Was mich mehr als ein bisschen ärgert; wenn das so ist, dann sollte man das auch bitte belegen und nicht einfach unterstellen per Zirkelschluss: „Gauland ist rassistisch, weil er sich rassistisch äußerte. Die fragliche Äußerung ist rassistisch zu interpretieren, weil er rassistisch ist.“

    Mal angenommen, jemand von den Grünen sagt über einen schwulen Fußballer im EM-Kader: „Alle feiern seine Erfolge, aber nur, weil er sich nicht outet.“, würde man das als schwulenfeindlich interpretieren, oder als Kritik an Schwulenfeindlichkeit? (Rein statistisch müsste es min. einen Homosexuellen in der Mannschaft geben.) Wenn letzteres, worin unterscheidet sich diese Formulierung von Gaulands? Wenn ersteres, wie müsste man Kritik an Schwulenfeindlichkeit dann formulieren?

  45. @ Stefan Niggemeier:

    Machen wir es uns zu einfach?

    Zum einen kommt es natürlich auf den direkten Kontext an. Die Äußerungen fielen in einem Gespräch, in dem Gauland erklärte, dass es der AfD „um die Abwehr des Fremden“ geht.

    Zum anderen wird man die Äußerungen einer Person natürlich auch in einen Zusammenhang mit anderen Aussagen setzen, die sie schon getätigt hat. Die FAZ etwa hatte berichtet:

    „Nachdem der stellvertretende AfD-Vorsitzende Alexander Gauland in der Öffentlichkeit gefordert hatte, das Asylrecht ganz auszusetzen, schrieb der kommissarische Hamburger AfD-Landesvorsitzende Jörn Kruse ihm eine E-Mail und sprach darin von einem ‚asylpolitischen Amoklauf‘. ‚Früher habe ich Sie für einen seriösen Konservativen gehalten‘, schrieb Kruse, nun müsse er, Kruse, wohl umdenken. ‚Solchen Schwachsinn habe ich vorher noch nie von Ihnen gehört oder gelesen. (. . .) Ist die politische Grenze zur NPD gefallen? Haben Sie es nötig, am rechtsradikalen Rand zu fischen?‘, schrieb Kruse in der E-Mail, die der F.A.Z. vorliegt.“
    http://www.faz.net/aktuell/politik/fluechtlingskrise/afd-und-alfa-zur-loesung-der-fluechtlingskrise-13793937.html

    Wer angesichts einer solchen Vorgeschichte – und noch dazu in einem Gespräch, in dem er die „Abwehr des Fremden“ als Ziel der AfD benennt -, auf die angeblichen fremdenfeindlichen Ressentiments der Bevölkerung rekurriert, ohne sich klar und glaubwürdig von denselben zu distanzieren:, der muss sich nicht wundern, wenn der Eindruck entsteht, dass er solche Ressentiments gar nicht sonderlich schlimm findet (sofern er sie nicht sogar teilt). Man kann zugunsten Gaulands höchstens annehmen, dass er an dieser Stelle sehr unprofessionell war. Dabei ist es auch zweitrangig, wer nun das Beispiel Boateng von ihm selbst oder den Journalisten angesprochen wurde.

    Auffällig ist doch auch, dass Gauland nicht wenigstens im Nachhinein betont, dass er die (vermeintliche) Haltung „der Leute“ sehr bedauerlich findet; und dass er nicht erklärt, dass nach seiner Auffassung alle Parteien – die AfD eingeschlossen – an der Veränderung des angenommenen Ist-Zustandes mitzuwirken müssen.

    Gut, zugegeben, das klänge vielleicht auch nicht sehr glaubwürdig, wenn er damit jetzt im Nachhinein käme. Vielleicht ist das der Grund. Die alternative und m.E. näherliegende Erklärung lautet aber wie schon gesagt, dass Gauland mit den rassistischen Ressentiments, die er dem Gros der Bevölkerung attestiert, ganz gut leben kann. Und dass er meint, die AfD solle an derartige Einstellungen ruhig anknüpfen.

    Das Interview mit Hampel und vor allem den Artikel „Der Kampf gegen die AfD“ fand ich übrigens sehr gut; aber ich glaube, dass es in diesem Fall Gauland ist, dem Sie es zu leicht machen.

  46. Mycroft: Ich finde, das kann man so nicht beantworten, der Kontext fehlt.
    Sagt ein Physiker auf einer Pary zu einem anderen Physiker: Ein Molekül besteht aus Atomen.
    Das ist ein Affront auf der Beziehungsebene, obwohl die Sachebene stimmt. Also muss ich über den schwulen Kontext mehr wissen. Vielleicht ist es nur ein neidischer (schwuler?) Kollege, der es einem anderen ins Ohr flüstert? Oder gar eine eifersüchtige Frau, die ihn nicht abgekriegt hat? ;);) Nicht alle Arschlöcher sind gleich schwulenfeindlich und nicht jeder Zickenalarm feministisch. Es kann auch freundlich sachlich sein. Oder aber Kritik an Schwulenfeindlichkeit, was ich eher von den beiden Alternativen sehen würde.
    Nachsatz zu Gauland:
    Compact, das ideologische Rückgrat der Neuen Rechten macht heute sofort weiter: Boateng war ja durch die Infamität der FAS entstanden, ist ein Christ und man kennt ihn nicht näher, um Schlechtes zu sagen, aber untergegangen ist dabei Özil, der ist wahrhaft nicht duldbar , kein Beispiel für gelungene Integration, einer der lieber zum Islam betet als sich zu Deutschland zu bekennen.
    Schlussfolgerung: „Klare Ansage: Ich will eine deutsche Nationalmannschaft. Da können auch Leute mit Migrationshintergrund mitkicken, aber sie müssen sich zu Deutschland bekennen – das Mitsingen der Hymne ist dafür das Mindeste. An einer Schland-Mannschaft habe ich null Interesse. Lieber eine deutsche Elf, die kämpfend in der Vorrunde untergeht – als ein „Der Islam gehört zu Deutschland“-Team, das mit Allahu Akbar ins Finale tänzelt.“
    https://juergenelsaesser.wordpress.com/2016/05/31/oezil-gehoert-nicht-in-die-nationalelf-er-liebt-den-islam-nicht-deutschland/#more-8199

  47. 54, Kasimir

    Womit dann Elsässer und seine Freunde festgestellt haben, dass ihnen ihre Gesinnung bedeutend wichtiger ist als Patriotismus.

  48. @Kasimir: wieso ist der Satz mit dem Molekül und den Atomen ein Affront? Weil sich Physiker mit – „Ihh“- Chemie befassen? *verwirrt kuck*

    Das mit dem „Beten statt Hymne singen“ könnte auch von einem Christen kommen; umgekehrt gibt es sicher zig muslimische Fußballer, die textsicher mitsingen. Oder atheistische, die einfach nur den Mund auf und zu machen.
    Persönlich halte ich ein Lied für keine unzumutbare Hürde für jemanden, der ansonsten nur Fußball spielen muss, aber was die bei Compact daraus machen, ist ja etwas überzogen. Ist Ihnen nebenbei die Nonne auf dem Cover zum Thema „neue Christenverfolgung“ aufgefallen? Wieso sieht die so europäisch/hellhäutig aus? In Europa und Nordamerika ist Christenverfolgung doch wohl eher kein Problem.

  49. Ich bin Abonnentin, kann den Artikel aber nicht vollständig lesen. Frust.
    Beim Versuch mich einzuloggen schmeißt mich blendle freundlich raus.

  50. Mycroft

    das Beispiel ist aus Paul Watzlawick, Menschliche Kommunikation.

    Der Satz mit dem Molekül ist Basiswissen aus der 10.Klasse Gymnasium oder so. Wenn also ein Physiker das einem Kollegen sagt, ist die Information sinnlos, weil alle Physiker das wissen und er beleidigt den anderen damit: Du Vollidiot, du Nichtwisser, ….

    Kann man jetzt auf viele Ebenen übertragen…. legt Wert darauf, dass in der Kommunikation die Beziehungsebene die Sachebene mit bestimmt.

    :)

  51. @Kasimir: achsooooo
    Ist aber trotzdem was anderes; die Reaktion auf Gauland ist ja eben nicht, dass „wir“ wüssten, dass „wir“ ein Rassismusproblem hätten – dankeschön, Oberst Offensichtlich – sondern, dass „wir“ a) genau _kein_ Rassismusproblem hätten, und wer was anderes behauptet, beleidigt b) die mutmaßlichen Rassismusopfer, nicht „uns“.
    a) halte ich, wie Herr Niggemeier, für naiv, und b) für völlig abwegig.
    (Ich will jetzt nicht Herrn Gauland verteidigen, aber ich will mich auch nicht mit der fragwürdigen Gegenposition gemein machen).

  52. 60:

    Die Reaktion auf Gauland ist, dass wir im Gegensatz zu Herrn Gauland diesem Rassismus nicht mit eher wohlwollendem Verständnis begegnen.

    (Sollte der Mann als nächstes erklären, „die Leute“ fänden es ekelhaft, wenn sich Männer in der Öffentlichkeit küssen – lesen wir dann hier auch, dass er ja angesichts von Umfragwerten wohl Recht hat und er ja nur die Wirklichkeit schildert? Selbst wenn er dann noch hinterherschiebt, dass es schließlich Gründe für Homophobie geben würde?)

    Und ja, angesichts aller bisherigen Erklärungen Gaulands und seiner Parteifreunde zur Boateng-Causa leisten Sie mit ihrer Interpretation einen Beitrag zur Verteidigung Gaulands – wenn auch sicherlich ungewollt.

  53. Gauland sagte seinen Satz, nachdem er bewusst nach Boateng im Zusammenhang von „Fremd sein in Deutschland und Integration“ gefragt wurde. Hier frag ich mich zunächst: Warum meint denn die FAS, der gebürtige Berliner sei fremd und integrationsbetroffen? Er sagte es in einem „Hintergrundgespräch“, also nicht in einem Interview, der Kontext der Aussage ist daher verwischt. Es ist mir also unbekannt, wie sich das Gespräch weiter entwickelte, in welchem Kontext es zum Davorgesagten steht. Womöglich (könnte man in dubio pro reo vermuten) ging es in diesem Kontext auch um die Einordnung, wie G. zu den geschilderten Ressentiments steht, ob er sie bedauert, als Zeichen des Alltagsrassismus brandmarkt oder aber affirmiert. Zumindest würde man in einem normalen Gespräch entsprechende Nachfragen des Gesprächspartners hierzu erwarten. Hier offenbar nicht, als sei es eine jener spielerischen Schnellfragerunden, wie es sie in manchen Talkformaten gibt und kein Nachhaken vorgesehen. Mich lässt das etwas ratlos zurück.

  54. Es ist doch gar keine Frage, dass es in Deutschland diesen Rassismus gibt, den Gauland mit seinem Kommentar illustriert. Die Frage ist, wie er selbst dazu steht. Hat er das analysierend oder bekraeftigend (im Sinne seiner eigenen Position) gemeint? Wenn es ihm nur um eine Beschreibung ging, ist ihm nichts vorzuwerfen. Wenn er damit belegen wollte, dass das, was er ueber Schwarze denkt, sich mit der Meinung ‚der Leute‘ deckt, dann war die Ausssage rassistisch. (Ich kann das nicht abschliessend beurteilen, habe aber den Verdacht, dass er seine eigene (rassistische) Position hinter der ‚der Leute’verstecken wollte.) Leider wird der genaue Kontext – auch durch die nachgeschobenen Artikel der FAZ – nicht klar. Genau davon haengt aber der Wahrheitsgehalt der Headline ‚Gauland beleidigt Boateng ‚ab. Was mich seit gestern stutzig macht, ist ein anderer Fall. Die FAZ schrieb gestern: Erdogan droht Berlin (wegen der Armenien-Resolution). Im ganzen Artikel ist aber kein einziger Beleg dafuer zu finden, dass Erdogan ‚droht‘. Das ist schlicht eine uebertriebene, wenn nicht falsche Auslegung der FAZ. Erdogan hat bei Merkel nach allem, was die Zeitung selbst ausfuehrt, interveniert und darum gebeten, darueber nachzudenken, was mit der Armenien-Resolution ausgeloest werden koenne. Und das ist definitv nicht einer Drohung gleichzusetzen. Alle anderen Mainstreamblaetter haben den Sachverhalt dementsprechend wiedergegeben. Und daher kommt bei mir der Gedanke auf: Koennte es sein, dass die FAZ auch bei der Gauland-Schlagzeile haarscharf an der Wahrheit vorbeigeschrammt ist? Indem sie sich bei der Interpretation von Sachverhalten zu reisserischen Aussagen versteigt? Ich mache schon lange die Beobachtung, dass die FAZ Islam, Islamismus, Fluechtlingsthematik usw. als ‚Geschaeftsmodelle‘ nutzt, wenn nicht missbraucht, um ihre Online-Ausgabe zu puschen. Man muss sich nur die taeglichen Ausgaben anschauen. (Zu) viele Artikel und Kommentare kreisen um diese Themen. Teilweise skandalisiert und uebertreibt sie bei der Berichterstattung und nimmt derart AfD-nahe Positionen ein, insbesondere der Herausgeber Bertrand Kohler, dass ihr bei bestimmten Themen an die 1000 AfD- und pegidanahe Foristen Beifall klatschen. Ich bin inzwischen sehr gespalten bei der Beurteilung der journalistischen Arbeit der FAZ. Einerseits ist die Meinungsvielfalt in den Berichten und Kommentaren der Redakteure unuebersehbar und zu begruessen, andererseits positionieren sich Leute mit Gewicht wie Bertrand Kohler, Jasper v. Altenbockum und Reinhard Mueller sehr einseitig. Und besonders Kohler reitet seit Monaten eine aeusserst parteiische Kampage gegen Merkel wegen der Fluechtlingspolitik. Er begruendet das haeufg mit den Sorgen ‚der‘ Buerger, macht sich also ganz klar die AfD-Position zueigen und verallgemeinert zudem noch in unzulaessiger Weise. Eine erstaunliche Haltung fuer einen Top-Journalisten.

  55. Hat Gauland recht? Schrecklicher Verdacht: War Hitler Antisemit?

    Wenn man den Sprecher, seine Kontakte zum neo-national-völkischen Russland, wenn man die drei Tage vorher stattgefunden habenden Vorgänge zum Thema Kinderschokolade, wenn man tatsächlich Zeit, Raum und alles was noch beim Sprechen und Schreiben eine Rolle spielt, wenn man also jeglichen Kontext herausoperiert – ja, dann kann man wohl auch zu dem Schluss kommen, dass Gauland am Ende recht hat und wir ihn am Ende dankbar sein müssen, dass er die Doppelmoral vieler Deutscher zum Thema gemacht hat.

    In diesem Sinne, anderes Thema, hat übrigens auch Xavier Naidoo „recht“, denn im Grundgesetz war vorgesehen, dass sich das wiedervereinigte Deutschland eine neue Verfassung geben möge, was nicht passierte.

    Also, da sage ich nur: viel Spass mit diesen sich im völlig kontextfreien Raum bewegenden Sprechern, die durchaus recht haben können.

    http://i1.wp.com/www.publikative.org/wp-content/uploads/2014/10/antisemit.jpg?resize=500%2C340

  56. @61
    „Sollte der Mann als nächstes erklären, „die Leute“ fänden es ekelhaft, wenn sich Männer in der Öffentlichkeit küssen…“
    Ah nei, das woll’mer uns jetzt aber nit vorstll’n, ah pfui deifi aber au, beim Sedlmayr. Sowas arg’s dürfen wir dem Gauland jetzt nit unterstelln’n nur weil er über den Boadeng so unüberlegt daher g’redt hot.

  57. Bin schon überrascht, dass Stefan Niggemeier die Intention, die die (kolportierte) Aussage Gaulands offenbart, so ausblendet. Um dann genau jenen Verteidigungsreflex auszupacken, bei dem ich sicher war, dass der (nur) von Gauland selbst bzw. der AfD kommen würde: „Wir haben doch NICHT gesagt, dass es gut und richtig ist, Boateng wegen seiner Hautfarbe als Nachbarn abzulehnen. Aber DIE LEUTE denken halt so!“ Denn in diesem Kontext heißt „die Leute denken so“ eben, dass es ’normal‘ bzw. akzeptabel ist, so zu denken. Ist es aber nicht. Und dann ist auch egal, ob 20, 30 oder 80 Prozent der Deutschen tatsächlich so denken und ob Gaulands Aussage der Wirklichkeit nahe kommt, oder nicht. Weil es ihm eben nicht um eine soziologische Beschreibung von Alltagrassismus in Deutschland ging, sondern darum Rassismus dieser Art zu bagatellisieren. Wer das ausgerechnet bei Gauland & Co als Unterstellung oder Überinterpretation abtut, dem ist dann halt nicht zu helfen.

  58. @Theo, #61: gesetzt den Fall, er sagt, dass es Leute gibt, die was gegen küssende Männer in der Öffentlichkeit haben, dann hat er erstmal recht. Und dass es Schwulenfeindlichkeit gibt, hat weniger „Gründe“ als „Ursachen“, der Punkt ist, dass es nicht die Schuld der Schwulen ist, dass es Schwulenhasser gibt, genausowenig, wie es die Schuld von Afrodeutschen ist, dass Rassisten gibt, die Schuld der Juden, dass es Antisemitismus gibt, die Schuld von Mobbingopfer, dass es Mobbing gibt, etc. …
    Wenn Gauland behauptet, es sei die Schuld von Boateng, dass niemand neben ihm wohnen wolle, wäre dass eine Beleidigung Boatengs. Wenn er behauptet, die Schwulen wären selber Schuld, dass nur Heteroas einander öffentlich küssen können, ohne verprügelt zu werden, wäre das eine Beleidigung der Schwulen, wenn er behauptet, die Juden seien doch selber schuld, dass… klar, was ich meine?
    Man kann dann gerne lang und breit kritisieren, dass er nicht kritisiert, dass es Menschen gibt, die schwarze Juden mobben, die Männer öffentlich küssen, oder man kann grundsätzlich kritisieren, dass es XY-Feindlichkeit gibt, oder man kann kritisieren, dass man persönlich quasi per Sippenhaft zu den Schwulenhassern, Judenfeinden, Rassisten aka „die Leute“ gezählt wird.
    Zu behaupten, er hätte Boateng beleidigt, ist eine Nebelkerze.

    Mal ganz anders, angenommen, es gäbe Leute, die nicht neben Boateng wohnen würde – wie würden Sie das formulieren?

  59. Noch ein Niedlicher, aber mit tieferem Sinn.

    Heute wir so Kletter-Aktion mit Grundschülern.
    2. Klasse.
    Auf dem Gelände wo wir dies machen, wohnt ein alter Mann.
    Er Jäger. Hund. Gestock. Auto: Land Rover Defender.
    Hinten so Gestell, wo dann das tote Reh drauf liegt.

    Ich kenne den vom Sehen und Grüßen seit 10 Jahren.

    Diesmal war er bei seinem Morgenspaziergang mit Hund zufällig auf einer Höhe mit den Kindern.
    Bei denen lief so kleiner Afrodeutscher immer vorneweg.

    Der Alte, raunend, zu mir: “ Den hätte ich gern als Nachbarn.
    Den Gauland nicht.“

    Ich bekenne hier, von Beginn an, ein großer Begrüßer von Pegida und AfD gewesen zu sein.

    Ich meine HEH! Wenn ich zum Arzt geh, möchte ich, dass der mir die Wahrheit sagt!
    Dass es wahrscheinlich schon seit längerem da gewisse schwärende Wunden gab, von denen man jetzt endlich weiß, oder vermutet, oder jedenfalls versuchen kann raus zu finden, wo und warum und wem sie wehtun….

    Das zwingt uns Position zu beziehen.
    Es wärmt das langweilige, lauwarme Herz dessen, was unser Zusammenleben im Westen als Idee einmal heiß gemacht hat.

    Man nennt es Demokratie.

    Und dieses unangenehme Gefühl im Bauch nennt man:
    Politisierung!

  60. @Stefan Niggemeier: Ja gut, dass Sie sich nicht als Verteidiger Gaulands begreifen, war mir schon klar. Es geht mir um diese Beschränkung auf die rein wörtliche Aussage Gaulands, z.B. wenn Sie die Frage in den Raum werfen: „Hat Gauland womöglich recht?“ Die Frage ist natürlich berechtigt, als man zum Ergebnis kommen muss: Ja, ein zu großer Teil denkt wohl leider so. Aber Gauland ging es doch nicht darum, etwas zu beschreiben, was man dann anhand von Umfragen o.ä. als richtig oder falsch bewerten kann.

    Es gibt bei dieser Äußerung Gaulands doch einen Subtext und der lautet: „Hey, wenn ‚die Leute‘ halt nun mal so denken, wer will es Ihnen verübeln? So denken die Leute, der normale Bürger, das Volk eben, also genau jene, die wir als AfD vertreten. Und wir sprechen es aus – das, was sich das Volk denkt, aber nicht zu sagen traut.“

    Finden Sie nicht, dass das ziemlich eindeutig mitschwingt? Die Reaktionen auf Gaulands Äußerung mögen da oft nicht den richtigen Punkt treffen, aber man kann die Aussage in diesem Kontext doch trotzdem gepflegt zum kotzen finden, oder?

    Ich glaube übrigens, dass Gauland mit seiner Aussage auch ansonsten eher daneben liegt. Denn Alltagsrassismus dieser Art dürfte gegenüber prominenten Fußballmillionären, die in einer Villa in München-Grünwald wohnen, wohl deutlich weniger ausgeprägt sein, als eben gegenüber weniger gut gestellten Menschen.

  61. @Hanno#70: „Wer will es ihnen verübeln?“
    Ich. Ich verübele es ihnen.
    Aber aus argumentativer Redlichkeit kann man anders als man selbst denkenden Menschen nicht einfach einen Subtext unterschieben. Das ist bloß Krieg gegen Pappkameraden.
    Und nebenbei könnte man argumentieren, dass, wenn die Behauptung von Rassismus an sich schon Rassismus wäre, nur Rassisten über Rassismus reden.

  62. Nach einigem Nachdenken über die Angelegenheit bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass es nicht passen würde, wenn Gauland diese Boateng-Geschichte aktiv gesucht hätte, aus mehreren Gründen:
    – Gauland ist (im Gegensatz zu Höcke) zuvor nie aufgefallen mit rassistischen Ansätzen und er ist eigentlich kontrolliert unterwegs
    – es widerspricht unmittelbar nach dem Islam-Parteitag der Parteistrategie, wenn er auf plumpster Ebene äußerlicher ethnischer Merkmale argumentiert, während beim Islam die kulturelle und religiöse Identität in den Vordergrund gestellt wird
    – es ist nicht erfolgversprechend für eine Partei, die sich bei einem Potenzial von 20 bis 30 Prozent ansiedelt.
    Gerade der Volkssport Fußball zeigt, dass man allein mit der Hautfarbe zu wenig Zustimmung gewinnen und zu viel verlieren kann. So weit ist dieses Land längst, gottseidank. Das ist mindestens seit diesem tollen Video ausgerechnet von Xavier Naidoo klar, das auch rechts von der Mitte viel Sympathie geniesst:
    https://www.youtube.com/watch?v=sglBa9dRfv8
    Man kann also davon ausgehen, dass er mit dem Stichwort Boateng gekördert worden ist, was aber immer noch zwei Möglichkeiten lässt:
    – Gaulands Aussagen wurden bewusst zu seinen Ungunsten ausgelegt und gedreht
    – er hat sich verplappert und dabei Ressentiments offenbart, die ihm selbst vorher so nicht bewusst waren
    Auch eine Kombination von beidem ist natürlich möglich. Es ist für mich absolut klar, dass es innerhalb der AfD ein Spektrum gibt, das solche Ressentiments pflegt, aber Gauland hätte ich nicht dazu gezählt. In jedem Fall sollte man das als Bürger beobachten, denn es liegt nicht im Interesse dieses Landes, solche Ressentiments zu fördern. Schließlich ist absolut klar, dass Einwanderung von außerhalb Europas Fakt sein wird. Es kann nur um die Frage gehen, was für Leute in welchem Tempo willkommen geheißen werden. Wenn die AfD in der Breite anfängt, eindeutig rassistische Scheiße zu verzapfen und zu beklatschen, sind die linken Deppen, die auch jeden islamistischen Prediger noch verteidigen, das kleinere Übel. Dann wird die AfD (hoffentlich) im NPD-Loch verschwinden. Die Reaktionen sprechen allerdings bisher nicht dafür, dass ein Boateng-Bashing viel Begeisterung auslösen würde. Oder habe ich da etwas überhört?

  63. @Mycroft: Tja, dann lassen Sie es halt. Wenn Sie das dem selbst denkenden Herrn Gauland in seiner oder Ihrer Redlichkeit nicht unterstellen wollen. Wie ich in #66 schon sagte: Wer diesen Kontext oder Subtext ausgerechnet bei Gauland & Co als Unterstellung oder Überinterpretation abtut, dem ist dann halt nicht zu helfen.

  64. @Hanno: 1. wieso plötzlich Gauland _und Co._?
    2. ich meine mit „Subtext“ was völlig anderes als „Kontext“. Kontext ist das, was sonst noch gesagt wurde. Subtext ist das, was nicht gesagt wurde.
    Bei Gauland gehen offenbar viele davon aus, dass hinter dem Boateng-Spruch ein „und das finde ich gut!“ gehört. Kann ja sein, aber wenn das nicht am Kontext oder anderen Aussagen Gaulands (und nur Gaulands) belegt werden kann, ist das „gefühlter Subtext“, nichts konkretes. Man widerlegt seine Gegner mit Argumenten, nicht mit Gefühlen. Gefühle sind immer angreifbar mit noch mehr Gefühlen.
    3. ich lehne Subtext als Argument generell ab, nicht nur bei Gauland.
    4. anstelle über Rassismus – und wie schlimm der ist – zu reden, wird darüber geredet, dass jemand über Rassismus redet, und wie schlimm _das_ ist. Kommt mir so vor, als wäre in unserer Gesellschaft nicht etwa Rassismus tabuisiert, sondern das Reden über Rassismus.

  65. 71, mycroft:

    Eine Aussage, vor allem die eines Politikers, sollte man nicht ohne dessen Intention lesen.

    Andernfalls, und ich übertreibe natürlich, hätte man
    „Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!“
    auch als rein nachrichtliche Information einstufen können
    sowie
    „Wollt ihr den totalen Krieg?“
    als schlichte Meinungsumfrage.

  66. Sie müssen sich da glaube ich, einen anderen Sparringspartner suchen, dem Sie den Unterschied zwischen Kontext und Subtext erklären können. Und wenn Sie meine Wahrnehmung von Gaulands Äußerung, egal ob mit Sub- oder Kontext nicht teilen wollen, dann kann ich damit gut leben.

    Übrigens: Da fällt mir gerade dieses Wahlplakat der NPD ein. Da war doch damals deren Vorsitzender Udo Voigt auf einem Motorrad sitzend mit dem Slogan „Gas geben!“ abgebildet. Es wäre sicherlich argumentativ total unredlich, der NPD etwas anderes zu unterstellen, als dass sie mit diesem „lockeren Spruch“ im ganz wörtlichen Sinn auf das rasante Hobby ihres Vorsitzenden hinweisen wollte. Sie können das ja mal intellektuell durchspielen, ob dieser Slogan irgendeinen Kontext oder vielleicht doch eher einen Subtext hatte.

  67. „Es gefällt mir, wie Mycroft die Rechtschreibung beherrscht und die Satzzeichen richtig setzt.“

  68. @Kasimir: Danke
    @Hanno: die Aussage, es werde _zurück_geschossen, bedeutet, dass jemand anderes zuerst geschossen hätte. Wenn dies nicht zutrifft, ist die Aussage falsch und vermutlich gelogen (da man sich selten im Unklarem ist, ob man beschossen wird, nicht, weil falsche Aussagen immer Lügen sind). Die Wahrheit ist immer die erste, die im Kriege stirbt, wenn ein Krieg also um 5:45 beginnt, ist sie seit 5:45 tot.
    Und „wollt ihr den totalen Krieg“ war keine Meinungsumfrage, da sie keinem repräsentativen Bevölkerungsquerschnitt gestellt wurde, sondern einem ausgewählten Publikum. Der übliche t.t. für solche Fragen lautet mWm „rhetorische Frage“, aber das wissen Sie vermutlich. Bitte nicht beleidigt sein. Und das Problem war ja nicht die Frage, sondern die Antwort.
    Das „Gas geben“-Plakat kann ich mir 1:1 als Eulenspiegel- oder Titanic-Titel vorstellen. Wenn die NPD ihre Verarsche selbst erledigt, bitteschön. Manchmal ist es wirklich schwerer, _keine_ Satire zu schreiben.

  69. :)

    Mycroft, ich unterstütze aber Hanno und Theo.
    Ich wollte dir zeigen, dass es einen Subtext gibt.

    Wenn ich in diesem Thread und Zusammenhang sage: „Es gefällt mir, wie Mycroft die Rechtschreibung beherrscht und die Satzzeichen richtig setzt.“

    meine ich im Subtext: Dieser Depp sagt inhaltlich doch gar nix aus, was relevant ist.

    Desgleichen hat der andere Satz einen Subtext, der aber unterschiedlich interpretiert werden kann:
    1. Auch wenn Mycroft eine Vollidiotin ist, sollte man sie hier ungestört reden lassen.
    2. Jeder hat hier bei übermedien ein Rederecht. Dadurch, dass ich das nun aber extra betone, spreche ich es Mycroft im Kern aber ab.

    Ich hoffe, ich habe gute Beispiele für meine Annahme eines Subtextes in jeder Aussage getroffen und meine es zwar ernst, aber humorvoll.
    Und das Beispiel ist natürlich keine Aussage über das reale Mycroft.
    Zur Klärung interessiert mich: Warum danke?

  70. @Kasimir: sehen Sie jetzt, welches Problem man mit Subtext hat? Der Subtext, den man im eigentlichen Text verpackt, kommt nicht bei denen an, die man erreichen will, da diese da einfach den Subtext wahrnehmen, den sie gerne hören möchten, weil er ihnen schmeichelt, in ihren Vorurteilen bestätigt oder einfach das Argumentieren erleichtert.

    Warum danke: entweder, weil meine Rechtschreib- und Zeichensetzskills dem Durchschnitt überlegen sind und ich mich freue, dass das mal jemand merkt, oder, weil ich ein zynischer Mistkerl bin, der Ihnen in ironischer Weise einen reinwürgen will. Sie dürfen sich den Subtext aussuchen, der Ihnen am besten gefällt. *g*g

    Jedenfalls habe ich bei Ihnen zumindest grammatikalische Neutralität erreicht. Das gelingt mir nur selten.

  71. Natürlich hat man mal mehr oder weniger Probleme mit Subtexten.

    Man kann sie aber nicht ablehnen. Wenn jemand Ihnen sagt, wie toll Sie sind und dabei süffisant lächelt, dann torpediert er seine mündliche Aussage – das heißt er bringt ihnen 2 Botschaften oder eine paradoxe Botschaft rüber. Das können Sie nicht ignorieren.
    „3. ich lehne Subtext als Argument generell ab, nicht nur bei Gauland.“
    Ich meine, das können Sie gar nicht in der Praxis. Und die Politik wie andere gesellschaftliche Institutionen wie Schule sind voller Aussagen mit Subtexten. Genau das führt ja zu Schwierigkeiten in der KOmmunikation – wie Ausländer, die oft Ausländerfeindlichkeit wahrnehmen, festgemacht manchmal am Subtext.
    Mein letzter Rat: Halten Sie sich von der Liebe fern – der Fallstricke wären zu viele mit Ihrer Ansicht. :):) Im übrigen entscheide ich mich für zynischer Mistkerl – ist die interessantere Variante.
    Gut, ich habe fertig.

  72. *süffisant grins* Wenn ich mich auf Körpersprache beziehe, beziehe ich mich auch auf eine Sprache, also eine Kommunikationsform. Was jetzt bei Gauland passiert, ist das genau nicht; statt: „Er hat was gegen Boateng, dass erkennt man an seinem fiesen Grinsen und seinem Ausländer-raus-Tätu (nur echt mit teutscher Rechtsschreibung)“ wird gesagt: „Er hat was gegen Boateng, weil er sagt, dass ‚die Leute‘ was gegen Boateng hätten. Selbst, wenn wir einräumen, dass manche Leute wirklich etwas gegen Boateng haben, kann er nur meinen, dass er selbst etwas gegen Boateng hat, denn schließlich hat er was gegen Boateng.“ Und das ist ein Zirkelschluss: entweder, man bezieht sich explizit auf _andere_ Anzeichen, dass er was gegen Boateng hat (andere Aussagen, sein Verhalten, seine Körpersprache meinetwegen), und schlussfolgert daraus seine Boatengfeindschaft, oder, man belegt, dass genau diese Aussage boatengfeindlich _ist_, und nicht bloß „gemeint sein kann“, und schlussfolgert davon ausgehend auf Gaulands allg. Boatengfeindlichkeit. (Sein komisches Herumdrucksen NACH der Shitstorm-Eröffnung würde ich nebenbei als Hinweis nehmen, dass er den Spruch nicht ganz neutral meinte, aber irgendwie bringt das niemand von Ihnen aufs Parkett, von daher bin ich mal wieder zu nett für diese Welt…)
    Achso, als zynischer Mistkerl halte ich die Liebe natürlich für eine Erfindung der pralinenerzeugenden Industrie; alternativ suche ich nach Menschen, die Subtext für ähnlich nervig halten wie ich.

  73. Dieser Subtext muß wohl so eine Art Nazi-Sonar sein.

    Ich hatte die AfD bisher eher für so eine Art Neokommunisten gehalten, weil Grenzen dicht machen und Schießbefehl, das kennt man ja schon.

    Herr Niggemeier, kann ihr Artikel bitte auch für Nichtabonennten freigeschaltet werden? Ich hätte ihn gerne zu Ende gelesen.
    Dankeschön in freudiger Erwartung.

  74. Armes Mycroft,

    auch noch zu nett für die Welt – und das ohne Subtext ein wahrlich schweres Los. Ich habe es nicht erwähnt, weil ich es so offensichtlich finde. Bis jetzt gehe ich davon aus, dass hier die Dummen nicht schreiben. :)
    Ich halte die Aussage nicht automatisch für boatengfeindlich sondern dass der rassistisch gemeinte Nachsatz dem medialen Grundsatz der Deutschalternativen folgt, wo es geht zu zünseln und das Thema Fremdenfeindlichkeit auf jede Sahnetorte als Häubchen zu plazieren.
    Aber dazu wurde ja schon überall was gesagt. Ich glaube, dass Gauland deswegen keine klare Distanzierung gebracht hat, weil er sie zum grundsätzlichen Thema der (von ihm und der AfD unterstützten) Rassismuspolitik (Nachbarn) nicht machen will und bei Boateng einfach nicht mehr wusste, was er genau gesagt hat.
    Ich habe meine Beiträge oben nicht mehr gelesen, aber für mich war das eine rassistische Aussage im Gesamtkontext. Boateng finde ich da relativ unerheblich.
    Wenn Hitler 1936 gesagt hätte: Die Leute finden einen Juden bei den Olympischen Spielen gut, aber sie wollen einen Juden nicht als Nachbarn haben …..
    Gut,das war jetzt nur noch ein Nachsatz. Egal.
    An die Macher: Ich fände es übrigens gut, wenn es technisch machbar wäre, wenn auf der Startseite ein kleines Fenster wäre, wo die letzten 10-20 Kommentarhinweise ständen. Dann sieht man, wo sich etwas getan hat – ganz angenehm, wenn man Kommentare schreibt.

  75. Sehr geehrter Mitmensch Kasimir: gem. #82 war Ihre Schule eine Institution voller Aussagen mit Subtext. Das muss sehr angenehm für Sie gewesen sein; eine Argumentation wie „Ich habe es nicht erwähnt, weil ich es so offensichtlich finde.“ ist demnach wohl ein valides Argument für Notennachverhandlungen gewesen. Auf Einwände wie: „Sie hätten trotzdem schreiben müssen, dass 2*4=8 _ist_.“ konnten Sie dann immer entgegnen, dass das ja Ihr Subtext war.*g Auch für Beziehungskrisen muss es praktisch sein, auf Einwürfe wie: „Du hast gesagt, Du liebst mich/trägst den Müll runter/willst Kinder!“ mit: „Du hast meinen Subtext wohl nicht verstanden, Dummerchen.“ antworten zu können.*g*g Hachja, ein bisschen beneide ich Sie.*g*g*g

    „Die Leute finden einen Juden bei den olympischen Spielen gut, …“ Wenn Hitler 1936 das gesagt hätte, hätte dieser Satz geendet mit: „… aber ich nicht.“ Es gab daher nur eine „Halbjüdin“ im dt. Olympiateam.

  76. Wenn Hitler das gesagt hätte, hätte man da bestimmt einen rassistischen Subtext wahrgenommen, jetzt sagen Sie das, ergo wollen Sie für rassistisch gehalten werden.

    Doch, jetzt haben Sie mich überzeugt: Subtext ist ein prima Argument. ;-)

  77. Wenn Hitler das gesagt hätte, hätte man da bestimmt einen rassistischen Subtext wahrgenommen, jetzt sagen Sie das, ergo wollen Sie für rassistisch gehalten werden.

    Doch, jetzt haben Sie mich überzeugt: Subtext ist ein prima Argument. ;-)

  78. Dem ist meine Drift ins Absurde geschuldet. Sollten wir die Kaffeeplauschecke beenden – vielleicht wollen ja andere sich was sagen? :)

  79. Ich bin mittlerweile davon überzeugt, daß das alles nur Theater ist, um uns von den anstehenden Klassenkämpfen abzulenken.

    Die „große Erzählung“ ist zurück

    2. Juni 2016

    Die Welle sozialer Kämpfe, die sich zurzeit weltweit ausbreitet, lässt die antimarxistischen Intellektuellen, die die „große Erzählung“ des Arbeiterkampfs und der sozialistischen Revolution für überholt erklärt haben, in einem recht kläglichen Licht erscheinen.

    Momentan liegt das Zentrum der weltweit aufflammenden Klassenkonflikte in Frankreich. Auch diese Woche gehen die Streiks und Demonstrationen gegen das El-Khomri-Gesetz weiter. Die damit verbundenen Arbeitsmarktreformen wurden letzten Monat unter dem Ausnahmezustand, den Präsident François Hollande nach den Terroranschlägen 2015 verhängt hatte, durchs Parlament gepeitscht.

    Am Dienstag begann ein unbefristeter Streik bei der Staatsbahn SNCF, ab Donnerstag legen auch die Beschäftigten der Pariser Bahn und Metro die Arbeit nieder. Bei der zivilen Luftaufsicht soll ab Freitag gestreikt werden, sodass der Flugverkehr in weiten Teilen des Landes zum Erliegen kommen könnte. Zuvor gab es bereits Streiks mit Hunderttausenden Teilnehmern, u. a. bei Ölraffinerien, und Massendemonstrationen mit über einer Million Teilnehmern. Es kam zu Zusammenstößen mit Polizeikräften, die zuvor im Rahmen des Ausnahmezustands unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung mobilisiert worden waren.

    In den USA, wo die Herrschenden und ihre Propagandisten die Existenz unterschiedlicher Gesellschaftsklassen seit jeher leugnen, traten letzten Monat Zehntausende Beschäftigte des Telekommunikationssektors in den Streik. Die Gewerkschaften sind fieberhaft bemüht, diesen Kampf abzuwürgen. Zuvor hatte sich bereits im Bundesstaat Michigan, der traditionellen Heimat der amerikanischen Autoindustrie, Widerstand gegen die Bleiverseuchung des Trinkwassers in Flint und die Zerstörung des öffentlichen Bildungswesens in Detroit herausgebildet. Das Anwachsen antikapitalistischer Stimmungen äußert sich auch in der großen Unterstützung für Bernie Sanders, den Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten, den viele für einen Sozialisten halten.

    Diese und zahlreiche weitere Kämpfe weltweit entfalten sich vor dem Hintergrund einer hartnäckigen Wirtschaftskrise, einer immer akuteren Kriegsgefahr und dem Sinken des Lebensstandards großer Teile der Bevölkerung.

    Diese Entwicklung wird unweigerlich eine tiefgreifende politische und theoretische Umorientierung unter breiten Schichten in Gang setzen und die Vorstellungen untergraben, die seit einem halben Jahrhundert vorherrschend waren. Von besonderer Bedeutung sind dabei die Ereignisse in Frankreich, denn der französische Streik vom Mai/Juni 1968 stellte einen wichtigen Wendepunkt in der Nachkriegspolitik dar.

    Dieser Generalstreik, der größte in der Geschichte Europas, erschütterte den gaullistischen Staat in seinen Grundfesten und ließ den Sturz des Kapitalismus zu einer konkreten Aufgabe werden. Auf den Generalstreik in Frankreich folgte von 1968 bis 1975 eine weltweite Welle von Erhebungen, bei denen die Frage, wer die Staatsmacht ausübt, unmittelbar gestellt wurde. Diese Periode war gekennzeichnet von der massiven Bewegung der britischen Arbeiterklasse gegen die Tories, Streikbewegungen in Italien und Lateinamerika und dem Kampf der vietnamesischen Massen gegen den US-Imperialismus.

    Aufgrund der Verrätereien des Stalinismus, der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften konnte der Kapitalismus diese Stürme überstehen und sich in den darauffolgenden Jahrzehnten wieder stabilisieren.

    Breite Teile der Intelligenz, die erschrocken und demoralisiert auf diese Kämpfe reagierten, wandten sich nun schroff gegen den Marxismus. Vordergründig machten sie zwar die Arbeiterklasse für den Verrat ihrer Führung verantwortlich, in Wirklichkeit aber wurden sie von ihrer Furcht vor der Arbeiterklasse selbst getrieben. Im Angesicht einer nahenden Revolution verzichteten sie auf jedes linke Gehabe und warfen sich der herrschenden Klasse in die Arme.

    In Frankreich war dieser Prozess besonders klar ausgeprägt. Hier ging er mit theoretischen Konzeptionen einher, die schließlich als Postmoderne bekannt wurden. Diese philosophische und politische Tendenz ging von der Prämisse aus, dass die große Welle revolutionärer Kämpfe, die mit der russischen Oktoberrevolution 1917 begonnen hatte, einem vergangenen und mittlerweile überwundenen Zeitalter angehörte.

    Jean-François Lyotard fasste die Bedeutung des Begriffs „Postmoderne“ 1979 in seinem Werk „Das postmoderne Wissen“ zusammen. Die Postmodernisten nahmen laut Lyotard eine ungläubige Haltung gegenüber Metaerzählungen ein. „Die erzählerische Funktion verliert ihre Funktoren, ihren großen Helden, ihre großen Gefahren, ihre großen Reisen, ihr großes Ziel.“

    Ein Jahr später formulierte André Gorz den gesellschaftlichen Inhalt von Lyotards Position auf plumpere Weise. In seinem Buch „Abschied vom Proletariat“ erklärte er: „Alle Versuche, die Grundlage der marxistischen Theorie vom Proletariat zu finden, sind Zeitverschwendung.“

    Worin bestand die „große Erzählung“, die Lyotard ablehnte?

    Es war die „Erzählung“, die allen voran Marx und Engels im Kommunistischen Manifest vorbrachten: dass die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften die Geschichte von Klassenkämpfen ist, und dass die Proletarier nichts zu verlieren haben als ihre Ketten.

    Es war die prophetische Anklage gegen das kapitalistische System in Marx‘ Das Kapital:

    „Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, welche alle Vorteile dieses Umwandlungsprozesses usurpieren und monopolisieren, wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse. Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert.“

    Es war die Charakterisierung des Staats von Friedrich Engels in seinem Werk Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats, dieser sei nur ein Instrument der herrschenden Kapitalistenklasse zur Unterdrückung und Unterwerfung der unterdrückten Klassen:

    „Da der Staat entstanden ist aus dem Bedürfnis, Klassengegensätze im Zaum zu halten, da er aber gleichzeitig mitten im Konflikt dieser Klassen entstanden ist, so ist er in der Regel Staat der mächtigsten, ökonomisch herrschenden Klasse, die vermittelst seiner auch politisch herrschende Klasse wird und so neue Mittel erwirbt zur Niederhaltung und Ausbeutung der unterdrückten Klasse.“

    Und es war die Erklärung des russischen Revolutionärs Wladimir Lenin, die auch nahtlos auf die heutige Zeit der Kriege übertragen werden könnte:

    „Der Imperialismus ist die Epoche des Finanzkapitals und der Monopole, die überallhin den Drang nach Herrschaft und nicht nach Freiheit tragen.“

    Doch vor allem richtete sich der Unmut der Postmodernisten gegen den Revolutionär, der die Perspektive des Marxismus in Wort und Tat am gewandtesten ausdrückte: gegen Leo Trotzki, der in seiner Theorie der Permanenten Revolution erklärt hatte: „Die sozialistische Revolution beginnt auf nationalem Boden, entwickelt sich international und wird vollendet in der Weltarena.“ In seiner Geschichte der Russischen Revolution definierte er die Revolution als „gewaltsamen Einbruch der Massen in das Gebiet der Bestimmung über ihre eigenen Geschicke“.

    Kurz zusammengefasst lehnten die postmodernen Theoretiker und die kleinbürgerlichen Gesellschaftsschichten, deren Interessen sie artikulierten, die Auffassung ab, dass die Gesellschaft in Klassen gespalten ist, dass der Staat ein Instrument der Klassenherrschaft darstellt, dass die objektive Logik der ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung verstanden werden kann, dass der Kapitalismus die Menschheit in eine Katastrophe führt und dass es die Aufgabe der Arbeiterklasse ist, unter der Führung einer revolutionären Partei dieses überholte System im Weltmaßstab zu stürzen und eine neue Gesellschaft auf der Grundlage der Gleichheit vorzubereiten.

    Entgegen den Verlautbarungen der antimarxistischen Theoretiker, der Marxismus sei tot und begraben, durchlebt eine neue Generation von Jugendlichen, Studierenden und Arbeitern nun die „große Erzählung“ des wirtschaftlichen Zusammenbruchs, der sozialen Polarisierung, des Kriegs und der Diktatur. In den nächsten Monaten und Jahren werden Millionen die großen Werke des Marxismus studieren und sich daran orientieren, um die großen Aufgaben zu lösen, vor denen die Arbeiterklasse nach wie vor steht.

    Andre Damon

  80. Ich glaube auch, dass diese Denkrichtung die richtige ist und es vermehrt Anzeichen für diese Entwicklung gibt. Sie wird aber nicht mechanisch sein und es bedarf eines breiten Diskurses breiter Schichten um den Weg. Und das sehe ich nicht so optimistisch.
    Was meint“ In den nächsten Monaten und Jahren werden Millionen die großen Werke des Marxismus studieren …“
    Zuvor steht das Aufbrechen rechter Positionen und das dumpfe Bauchgeschrei unreflektierter „Wutbürger“, das auf eine sehr stille bürgerliche Mittelschicht trifft. Das macht mir große Sorgen.

  81. Aus meiner Sicht zeigt sich hier wieder mal, wie wenig unsere Medien mit den prototypischen Argumentationshebeln von rechts sind.

    Fußball-Nationalspieler mit Migrationshintergrund bieten seit Jahren ein präsentes Beispiel für gelungene Integration und sind deshalb Nationalisten ein Stachel im Fleisch.

    Die Dogmatiker lehnen jede Migration und Integration ab, müssen aber Indifferente davon überzeugen, dass Integration unmöglich ist. Also braucht es Strategien und Botschaften, die dieses Beispiel entwerten oder madig machen.

    Deshalb fluten die verdeckten Agitatoren seit Jahren Fußballforen mit speziell zugeschnittener „Kritik“ an Spielern mit polnischen, türkischen, schwarzen oder nordafrikanischen Wurzeln.
    Deshalb wird bei diesen Spielern sich penentrant wiederholende Klage über fehlende Hymnensangesfreude geführt.
    Deshalb solcher Spieler muss die Entscheidung für die DFB-Elf immer ausschließlich opportunistisch begründet gewesen sein und identitäre Gründe nur vorgeschoben.
    Deshalb wurde es nach dem WM-Gewinn in diesen Kreisen populär, von der Überlegenheit der blonden Spieler zu schwadronieren. (Kein Witz)
    Deshalb sah sich die Front National permanent zur Kritik an der „durchrassten, unfranzösischen“ Equipe tricolor berufen.
    Das ganze ist ein zentraler Faktor der Wahrnehmung von Migranten, an dem ein Gauland arbeiten muss, auf ähnlicher Ebene wie Sarrazins volkswirtschaftlich unproduktiven Gemüsehändler, die nur kopftuchtragende Mädchen in die Welt setzen und keinen Respekt verdienen.

    Dass Gauland sich nicht versehentlich in diese semiotische Kampfzone begeben hat, zeigt sein aktuelles Nachlegen:

    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/afd-vorsitzender-alexander-gauland-ueber-deutsche-nationalelf-14267672.html

    Und Boateng ist dafür die perfekte Projektionsfläche. Allgemein als sanfter, friedfertiger und sehr zivilisierter Typ bekannt, wie ihn eigentlich Schwiegermütter lieben. Noch dazu ein Weltklassespieler, der sportlich und im Auftreten einen gar nicht überschätzbaren Beitrag zu Deutschlands (Fußball-)Erfolg und Ansehen beigetragen hat.

    Da ist es sehr wichtig, ihn auf den schwarzen Mann zu reduzieren, den man nicht im Haus haben will. Wo kämen wir denn da hin, wenn wir die mindestens 80% hochgradig integrationswilligen „Fremden“ wahrnehmen und wertschätzen würden? Und zulassen würden, dass ohne aversive Emotionen wahrnehmbar würde, wie sehr wir von den Migranten z.B. im Fußball profitieren?

    …Horrorvorstellung für die Gaulands unseres Vaterlandes.

    Deswegen finde ich es auch richtig, auf den konkreten Fall einzugehen und klarzustellen, dass mir dieser Schwarze als Nachbar wesentlich willkommener wäre, als jeder Gauland-artige, autochton Depigmentierte. Das erreicht durchaus auch als Botschaft auch diejenigen, die bei der Vorstellung erst mal zusammenzucken.

  82. Symboltroll,
    danke für die Infos. Bin fußballunbewandert und deshalb hat mir Ihr Kommentar was gebracht.

  83. Die zitierte Aussage des Rechtspopulisten Gauland ist auch bei sachlicher Betrachtung und ohne Berücksichtigung naheliegender Implikaturen nicht weniger als der Versuch, Rassismus zur gesellschaftlichen Normalität zu erklären.

    Ich frage mich besorgt, wie man jenseits sympathisierender Taktiererei auf die Idee kommen kann, mittels verschwurbelter Gedankenspiele krampfhaft nach unverfänglichen Interpretationen zu suchen, gipfelnd in der ausgesprochen naiv anmutenden Frage:

    »[…] Hat Gauland womöglich recht? Ist jemand, der ein Problem damit hätte, wenn bei ihm nebenan ein Mann mit schwarzer Hautfarbe einzöge, wirklich ein solch absurd unwahrscheinlicher Einzelfall, wie es die Reaktionen auf Gauland wirken lassen?«

    Ähm … Nein, kein Einzelfall, Herr Niggemeier, aber eben auch nicht die Normalität, die Gauland zu suggerieren versucht. Und genau darum geht‘s. Dass es Rassisten gibt, ist beileibe nicht neu, dass sie beanspruchen, „das Volk” zu sein, schon.

    Mag sein, dass es ein Fehler ist, der AfD überhaupt immer wieder zu soviel öffentlicher Aufmerksamkeit zu verhelfen. Der noch größere Fehler wäre m. E. aber, die von Gauland & Co. beschworene Normalität des völkischen Denkens und die damit verbundene Ausgrenzung von Randgruppen und Minderheiten widerspruchslos hinzunehmen.

    Ich für meinen Teil bin jedenfalls froh, dass solche Botschaften noch vehemente Ablehnung hervorrufen. Gnade uns Gott, wenn das mal nicht mehr so ist.

  84. Als Immer-noch-nicht-Bezahler kann ich wohl keine Ansprüche geltend machen… aber nach 17 Tagen wage ich es doch, mal vorsichtig nachzufragen: Wolltet ihr die Artikel nicht nach einer Woche freischalten?

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