Hauptsache, es brennt, mein Freund

Das Buch von Gabor Steingart: Die unbequeme Wahrheit
Cover: Penguin

Ich glaube nicht, dass Gabor Steingart sich für Jesus hält.

Das ist keine Selbstverständlichkeit, jedenfalls nicht, nachdem man sein neues Buch gelesen hat. Danach möchte ich nur ausschließen, dass er sich noch für einen Journalisten hält.

Steingart klingt in dem Buch wie der Prediger einer Freikirche. Doch es ist mehr als das. Er beschwört sie nicht nur, die Gemeinschaft, zu der er spricht, er formt sie auch, seine Gemeinde. Er weiht sie ein, in große, dunkle Geheimnisse; er verrät ihnen, was ihnen sonst keiner verrät: die Wahrheit. Sicher, zwischendurch macht er sich auch ganz klein und tut so, als spräche er auf Augenhöhe mit ihnen, mit uns, aber erkennt man nicht genau daran die ganz Großen, die Erhabenen?

Vielleicht nehmen wir mal „Prophet“ als Arbeitsgrundlage.


Das Buch beginnt mit einer Eingemeindung:

„Liebe Freundin! Lieber Freund!

Entschuldige bitte, dass ich mich so unmittelbar an dich wende. Aber nach allem, was wir gemeinsam durchlebt und durchlitten haben, sind die Gefühle des Vertrautseins stärker als die der Fremdheit. (…)

In deinen Augen spiegeln sich die dramatischen Vorgänge einer Zeit, die jetzt für immer die unsere ist. Ich sehe dich an – und erkenne mich selbst. Wir sind einander verbunden.“

(Nein. Und nein.)

(…) Immer wieder gibt es in der Weltgeschichte stolze Nationen, die ihre Zukunft verpasst haben, wie man einen Zug verpassen kann. Aus Unschlüssigkeit. Aus Trödelei. Weil man abgelenkt ist. Weil man in der Annahme lebt, das sei zwar ein Zug, aber noch nicht der eigene.

In so einer Nation leben wir beide. Wir stehen als Gesellschaft an der Bahnsteigkante, manche versteinert, viele verbittert, noch immer erschöpft von den Erregungszyklen der Pandemie. Du und ich mittendrin. Eine innere Stimme spricht, aber sie spricht undeutlich.

Womöglich fehlt dem Zug der Zugführer. Die Abteile wirken verhangen. Unsere Füße, bleischwer.

Schäme dich nicht deines Unbehagens, mein Freund. Du bist nicht allein. (…)

Öffne dein Fenster heute Nacht, mein Freund, und wenn du in die Stille hinaushorchst, kannst du hören, wie die tektonischen Platten unter deinem Leben sich verschieben.

Wir sind erst auf Seite sieben, und die wohlwollende, naheliegende Annahme an dieser Stelle ist, dass die Sprache des Vorworts halt etwas überpathetisch geraten ist. Alles ein bisschen drüber.

Doch, nein, mein Freund, das ganze Buch ist in dieser Haltung und diesem Tonfall geschrieben. 189 Seiten lang.


Steingarts Buch heißt maximal unoriginell: „Die unbequeme Wahrheit“, Untertitel: „Rede zur Lage unserer Nation.“ Es ist eine extrem düstere Beschreibung einer Bundesrepublik, die ihre Zukunft verspielt, weil sie nicht erkennt, wie sehr sie sich verändern muss. Steingart verspricht dem Leser im Ton der Endzeittrommler, sich nicht „im Ton der Endzeittrommler“ an ihn zu wenden.

Es lodert, glüht, knallt, pufft und stinkt

Am Ende entdeckt Steingart ein „magisches Dreieck der neuzeitlichen Transformation“, das auch das „Narrativ der künftigen Fortschrittsgesellschaft“ bilden soll: Es besteht aus Digitalisierung, Globalisierung und Ökologie.

Seine Thesen und Analysen sind inhaltlich nicht besonders außergewöhnlich oder interessant. Ich schätze, auch Steingart sind sie letztlich egal. Hauptsache, es brennt. Und das heißt: Es lodert und glüht und knallt und pufft und stinkt.

Andere benutzen Metaphern, um Zusammenhänge anschaulich zu erklären. Steingart benutzt Zusammenhänge, um Metaphern daraus zu machen.

Wenn man Glück hat, ist es nur ein einzelner Satz, der sich stolz in einem eigenen Absatz präsentiert und für einen Aphorismus hält. Wenn man Pech hat, durchzieht die Metapher das ganze Buch, und Steingart kommt nicht nur immer wieder auf sie zurück, sondern lässt sie von anderen Wörtern und Sätzen bestaunen und bewundern.

So viele Wörter für so wenig Inhalt

Das zentrale Bild ist wider Erwarten nicht das des womöglich zugführerlosen Zuges, obwohl Steingart auch daraus alles rausholt und immer wieder darauf zurückkommt. („… stehen wir beide spärlich bekleidet am Bahnsteig. Der Zeitgeist verwirbelt uns das Haar. Der Zug rollt lautlos heran. Und wir wissen noch immer nicht, ob wir einsteigen sollen. Eine Sitzplatzreservierung jedenfalls besitzen wir nicht.“)

Nein, das zentrale Bild des Buches ist das des „glühend roten Kerns der Volkswirtschaft“, jenem Ort, „wo der Kapitalismus ganz bei sich ist“ und wo „immer wieder neu die Antriebs- und Lebensenergien für ein System“ entstehen, „das nach Expansion strebt“.

Es ist also eine Reise zum Mittelpunkt der Erde, und auch wenn diese Metapher in keiner Weise dabei hilft, besser zu verstehen, wie das System funktioniert, ist sie doch ungemein produktiv in dem Sinne, dass sie Bilder, Dramatik und Wörter generiert; viele, viele Wörter, die oft inhaltlich überflüssig scheinen, aber Steingarts Gedankengänge in den schillerndsten und manchmal auch grellsten Farben ausdekorieren.

Manchmal beginnt es ganz putzig:

„Die Antwort findet, wer furchtlos mit Jules Verne und seinem Professor Lidenbrock ins Erdinnere stapft. Wir lassen die tradierten Ebenen hinter uns, mein Freund, zwingen uns, steil bergab zu gehen, in die Tiefe zu schauen, immer in der Hoffnung, zur geheimnisvollen Quelle unseres Wohlstands vorzudringen, von der wir nur das eine wissen: Im Nebel des Gegenwärtigen und im Getöse der Jetztzeit wird sie niemals zu finden sein. (…)

Doch wir wollen tiefer vordringen als die Stämme der Höhlenkundler und Archäologen, die – flankiert von Geologen und Toxikologen – bereits hier unten waren. Lass uns diese Expedition gemeinsam unternehmen, mein Freund. Lass uns wie Jules Vernes Professor, ausgestattet mit Chronometer, Nachtfernrohr und einer großen Strickleiter, ins Zentrum der Gegenwartsprobleme vordringen, das im glühend roten Kern unserer Volkswirtschaft zu Hause ist.

Am Kraterrand stehen sie alle, die Klasse der Interpretierer und Schwadronierer, aber bis ins Innerste ist bislang niemand vorgedrungen, weshalb die Expedition für Entdeckernaturen wie dich nicht ohne Reiz sein dürfte.“

Ja, da scheint er uns und unserer Entdeckernatur zu schmeicheln, aber wer ist der Reiseführer, der uns zu diesem Punkt geleiten kann, an dem noch nie jemand gewesen ist? Nur Gabor Steingart.

Das ist keine unwichtige Funktion dieser Metapher: ihren Autor zu überhöhen.

Der tapfere Ritter Gabor

Gabor Steingart
Foto: Superbass / CC-BY-SA-4.0 (via Wikimedia Commons)

Steingart grenzt sich ab von der „Klasse der Interpretierer und Schwadronierer“, obwohl man ihn glatt für den Klassensprecher halten könnte. Er weiß es nicht nur besser, er traut sich auch mehr. Er hat den Mut, den es angeblich erfordert, diese Buch-Rede zu schreiben und die darin behaupteten „unbequemen Wahrheiten“ auszusprechen. „Unser Gespräch benötigt nicht viel deiner Zeit, wohl aber eine Extraportion Tapferkeit, und das von uns beiden“, schreibt er einmal an die Leserin und den Leser.

Das mit der Tapferkeit auf Seiten des Lesers kann ich nach der Lektüre des Buches nachvollziehen (wobei „Leidensfähigkeit“ ein treffenderer Begriff wäre). Unklar bleibt, worin konkret Steingarts Tapferkeit besteht, außer natürlich in dem Mut, sich mit seinem Metaphern-Geschwurbel lächerlich zu machen – doch davor fürchtet sich Steingart erkennbar seit vielen Jahren nicht mehr.


Eng mit der eigenen Überhöhung verbunden ist die Herabsetzung aller anderen, und damit geht es dann auch um mehr als nur die peinliche, aber letztlich egale Selbstbeweihräucherung eines eitlen Publizisten. In seiner Verächtlichmachung von Politik, Wirtschaft und Medien bricht sich ein ungehemmter Populismus Bahn.

Steingart unterstellt demokratischen Politikern pauschal, am liebsten diktatorisch regieren zu wollen. Die Regierenden feierten gerade, wie sich „wir Bürgerlein“ im Angesichte der Corona-Gefahr „als folgsame Untertanen erwiesen“ hätten: „Die Tür zum autoritären Durchregieren ist geöffnet, und niemand hat jetzt die Absicht, eine Mauer zu bauen“, behauptet er:

„Tagsüber spricht man [in den Staaten Europas] weiter von den ‚westlichen Werten‘, lobt Rechtsstaat und Demokratie, Reisefreiheit, Religionsfreiheit und mit aufgesetzter Fröhlichkeit auch die zu allen Zeiten lästige Meinungsfreiheit. Doch des Nachts träumt man im Berliner Regierungsbezirk, in Downing Street No.10 und im Élysée-Palast den chinesischen Traum, in dem das Volk als Masse auftaucht, die nicht gehört, nur geknetet werden muss.

In der Krise war Angela Merkel dichter bei Mao als bei sich selbst: ‚Wir sind verpflichtet‘, sagte der große Führer der Kulturrevolution, ‚das Volk zu organisieren.‘ Jetzt keine Diskussionsorgien, fügte eine gestrenge Kanzlerin hinzu.“

Die Formulierung ist von eindrucksvoller Perfidie: Merkel fügte ihren Satz den Sätzen von Mao hinzu.

In seiner Gier nach Aufmerksamkeit kennt Steingart keine Hemmungen. Er formuliert:

„In den Monaten der Pandemie hatte die Demokratie einen Aussetzer. Es war, als habe jemand die Pausentaste gedrückt. Das Problematisieren und das Zweifeln unterblieben. Das Demonstrieren war ohnehin verboten. Es gab scheinbar nur noch ein Land, ein Volk und eine Führung, (…).“

Ein Volk, ein Reich, ein Führer? Ein Land, ein Volk, eine Führung. Solche Pointen muss man erst mal machen wollen.

Steingart will.

„Es gibt, ich habe die Verantwortlichen davon sprechen hören, einen unheimlich anmutenden Plan, der im Kern darin besteht, möglichst viele von uns verschwinden zu lassen.“

Er meint damit die „digitale Disruption“, den Siegeszug der Künstlichen Intelligenz, die Entwicklung, dass Menschen und ihre Arbeitskraft im Wirtschaftsprozess zunehmend unwichtig werden. Aber Steingart formuliert es erst einmal als große Verschwörung, „möglichst viele von uns verschwinden zu lassen“, und man kann nun spekulieren, ob es ihm egal ist, dass er solche Sätze in eine Welt schreibt, in der sich ohnehin gerade Verschwörungsmythen in aberwitziger und gefährlicher Weise ausbreiten, oder ob ihn genau das dazu motiviert.

Sätze mit der Schlichtheit von Büttenreden

Größere Teile seiner Rede hätte er ohnehin problemlos auf der Kundgebung der sogenannten „Querdenker“ in Berlin am vergangenen Wochenende vortragen können.

Er spricht Sätze mit der intellektuellen Schlichtheit von Büttenreden. Bei jedem Absatz kann man sich anstelle eines Tuschs aufbrandenen Beifall und „Endlich sagt’s mal einer“-Rufe vorstellen:

„Deutschland hat Manager, die anderen besitzen Erfinder.

Hierzulande malt man Organigramme, woanders plant man die Mission zum Mars.“

Oder auch:

„Das Rattern der Notenpresse ist deutlich humaner als das Rattern der Maschinengewehre.

Der künftige Mensch wird nicht erschossen, nur versklavt.

Der neue Untertan muss nicht bluten, nur zahlen.“

Kein Seitenhieb auf Politiker ist Steingart zu billig oder zu unoriginell: Er schreibt von jener „Spezies Mensch, die sich ‚Volksvertreter‘ nennt, um, kaum im Amt, mit dem Limousinenservice des Deutschen Bundestags, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, dir zu entwischen.“ Er behauptet: „Kaum ist der Ausnahmezustand, den das Virus ausgelöst hat, beendet, spielt die politische Klasse wieder die alten Spiele. Sie streitet nicht, sie schachert, am liebsten um Posten.“

Über die Sozialdemokratie erzählt Steingart dem Leser: „Die linken Dealer sind unterwegs, um dir deine Angst wegzuspritzen. Dabei ist deine Angst jetzt das Wertvollste, was du besitzt. (…) Die Genossen sagen zwar immer, sie wollten in unserem Namen regieren und die Welt zu einem besseren Ort machen. Was man so sagt, wenn man verwirrt ist.“

Schuld sind immer die anderen

Auf dem Weg zum „glühend roten Kern“, auf der Suche nach der „Antriebsenergie“, die „auf geheimnisvolle Weise im Inneren des Gemeinwesens erzeugt“ wird, erwähnt er beiläufig noch: „Die meisten Politiker sind hier unten nie gewesen.“

Vielleicht ist das eine gute Gelegenheit zu erwähnen, dass Steingart im Zusammenhang mit dem „magischen Dreieck“ betonte, dass sich vor der Geschichte „schuldig“ mache, wer das „Geschäft von Verengung, Banalisierung und Dramatisierung betreibt“.

Selbst meint er sich leider nie.


Medienkritik raunt bei Steingart natürlich dramatisch – bleibt aber bezeichnend unkonkret.

„Die Verlage, geprägt von Verlierermedien, die seit Längerem schon an Auflage, Anzeigenvolumen und Vertrauen verlieren, sympathisieren mit einer politischen Elite, die in den für sie relevanten Kategorien – Wahlbeteiligung, Mitgliederzahl und gesellschaftliche Akzeptanz – ebenfalls an Schwindsucht leidet. Man camoufliert, finassiert und narkotisiert gemeinsam, bis die Immunabwehr des Publikums schwindet.“

Welcher Leser würde an dieser Stelle ahnen, dass Steingarts eigenes journalistisches Projekt vom Axel Springer Verlag mit seinen Verlierermedien „Welt“ und „Bild“ gefördert wird?

Und dann steht da irgendwann dieser Satz:

„Komplexität hat sich für den medialen Verdauungsvorgang als nicht förderlich erwiesen, weshalb die Botenstoffe der Nachdenklichkeit im Vorweg ausgeschieden werden.“

Auch das, ahnt man, wünscht sich Steingart in irgendwelche Poesie-Alben.


Steingarts Buch soll eine „Rede“ sein, und so ist es auch formuliert (wenn man davon absieht, dass diese Ansprache vor jeweils einem einzelnen Leser gehalten wird). Aber er nennt es verstörenderweise immer wieder auch ein „Gespräch“. Und er tut das nicht nur bezogen auf eine Debatte, die das Buch anstoßen könnte, sondern schon auf den Text selbst.

Vielleicht ist es bezeichnend für die Selbstwahrnehmung Steingarts, dass er einen 189-seitigen Steingart-Monolog nicht von einem Dialog unterscheiden kann, zu dem auch ein Gegenüber etwas beiträgt, womöglich gar Widerspruch.

Ach was, Widerspruch. Steingart weiß, dass er und der von ihm imaginierte und direkt angesprochene Leser gleich ticken. Es ist nicht ganz klar, was diesen Leser, von den vielen Ahnungslosen und Verzagten unterscheidet, außer natürlich, dass er dieses Buch gekauft hat. Aber man kann (und muss) die folgenden Absätze gegen Ende des Buches wohl so lesen, als ob sie eine angenommene direkte Wirkung der Lektüre dieses Buches beschreiben:

„Deine Selbstertüchtigung ist schön anzusehen. Deine Furcht hat sich in Widerstand verwandelt, dein Missvergnügen in Mut. Du bist jetzt der, auf den du immer gewartet hast. Der Schalter, der dafür umgelegt werden musste, befindet sich in deinem Kopf. Ihn umzulegen, war keine leichte Übung. Aber es war und es ist die wichtigste Voraussetzung dafür, dass wir in den Zug Richtung Zukunft endlich einsteigen. Viele andere Nationen sind schon drin. Wir beide haben lange genug gezögert.

Du bist für mich der Pionier einer neuen Zeit, auch wenn du von dir bescheidener denkst. Aber schon die Ernsthaftigkeit unseres Gespräches zeigt mir, das du deine Entscheidung getroffen hast. Aus dir wird kein guter Untertan mehr. Deine Lippen wirst du nie wieder synchron zu den Worten eines Politikers bewegen. Du hast deinen Blick auf die Welt verändert. Du bist aus dieser existenziellen Krise als Souverän hervorgegangen. Dein Aufstand ist ein Aufstand des Denkens. Und es ist der Aufstand unserer Zeit.“

Ich wünschte, ich könnte das als bloßen Schwurbelrausch abtun, aber die Anmaßung, die aus diesen Worten spricht, ist mir unheimlich. Die von Steingart imaginierte Welt, in der Menschen ihre Lippen „synchron zu den Worten eines Politikers bewegen“, unterscheidet nicht sehr von der, die Corona-Leugner, Querfront-Anhänger, Verschwörungsmystiker, Rechtsradikale erzählen: von der Mehrheit des Volkes, das wie Schafe dumm und willenlos tut und glaubt, was von ihm verlangt wird.

Steingart gegen die Elite

Gabor Steingart, der gerade mit Unmengen Pathos ein neues schwimmendes Medien-Imperium namens „Media Pioneer“ aufbaut, inszeniert sich als Systemkritiker. Als Oppositionspolitiker gegen alle anderen – denn alle anderen sind in seiner Darstellung gleich, wenn man Sätze ernst nimmt wie: „Die Eliten verfolgen im stillen Einverständnis der unterschiedlichen Parteien ein ehrgeiziges Projekt: Sie wollen vom Volk ihre Souveränität zurück.“

Steingart versucht, sich als Außenseiter darzustellen, als schärfster Kämpfer gegen die Eliten, als ungefähr einziger aufrechter Verbündeter des kleinen Mannes – während er die Eliten Tag für Tag hofiert und sich von ihnen hofieren lässt. Er spuckt auf die traditionellen Medienkonzerne und lässt sich sein Start-Up samt Redaktionsschiff von Axel Springer mitfinanzieren. Er wettert gegen die Abhängigkeit des Journalismus von der Werbeindustrie und lässt sich im Verborgenen von der Industrie sponsern.

Was er tut, ist grotesk weit entfernt von dem, was er predigt, und vielleicht ist das ein Geheimnis seines Erfolges: Dass es da nicht ein paar kleinere Widersprüche gibt, sondern eine so offenkundige grundsätzliche Diskrepanz, dass er damit auf eine paradoxe Art durchkommt.


Es ist eine merkwürdige Mischung aus den leeren Phrasen eines Instagram-Motivationstrainers mit der Rhetorik dräuender Warnungen vor mächtigen Eliten aus Politik, Wirtschaft und Medien, die uns kleinhalten, unterjochen und vom Denken abhalten wollen. Zusammengehalten wird beides von der Beschwörung einer Gemeinschaft der (von Steingart) Aufgeweckten, die sich sowohl von den machthungrigen Eliten als auch der Masse der Ahnungslosen abgrenzt.

Insbesondere durch die direkte Ansprache im Singular ergibt sich immer wieder ein sektenartiger Ton. Zum Beispiel hier:

„Liebe Freundin, lieber Freund, ich spüre eine Verbundenheit, die sich schon daraus ergibt, wie wir gemeinsam aus großer Sorge und in tiefer Einsamkeit aufbrechen. Die Mehrheitskultur in diesem Land hat wieder von der Schönheit der Erkenntnis auf den Lärm der Zerstreuung umgeschaltet.“

Oder hier:

„Gerne möchte ich mit dir sprechen, und zwar so deutlich, wie schon lange niemand mit dir gesprochen hat. Es handelt sich um eine Ruhestörung, aber eine, die uns beiden guttun wird. Es geht darum, die Erst- und Einmaligkeit dieser Ereignisse für unser Leben besser zu verstehen, die aufkeimende Mutlosigkeit zu bekämpfen und das Festival der Apokalypse, das Regierung und Robert Koch-Institut in unseren Köpfen veranstaltet haben, ohne weitere Zugabe zu beenden.“

Es funktioniert auch im Plural:

„Lieber Freund und liebe Freundin, ich spreche von Gleich zu Gleich zu euch, als Bürger unter Bürgern, wissend, dass wir für diese Bürgerlichkeit zuweilen einen hohen Preis bezahlen.“

In einer Passage, die man als eine Art Manifest lesen kann, steht unter anderem der Punkt:

„Wir lassen uns das Staunen nicht verbieten.“

Wer uns das Staunen verbieten will, bleibt hier ebenso offen wie in Steingarts Begeisterungstweet darüber, dass sich das – in „Bild“ groß beworbene – Buch sofort gut verkauft hat. Steingart entnimmt dem die Botschaft: „Wir lassen uns das Selberdenken nicht verbieten.“

Immerhin sah sich Richard Gutjahr, der selbst bei „Media Pioneer“ mitarbeitet, zu Widerspruch genötigt:

Im Manifest-Teil des Buches schreibt Steingart:

„Wir sind Teil einer weltweiten Suchbewegung, und wer an dieser Suchbewegung teilnimmt, sei umarmt als Schwester und Bruder im Geiste.

Überall dort allerdings, wo uns die Ausschließlichkeit begegnet, wo uns das harte Gesicht der alternativlosen Wahrheitsverkünder anschaut, das glühende Augenpaar derer, die das Feuerwasser der Religion getrunken haben, werden wir eindeutig.“

Das muss man auch erst einmal schaffen, einem Buch den Titel „Die unbequeme Wahrheit“ zu geben, im Buch immer wieder „Wahrheiten“ zu verkünden – und vor Wahrheitsverkündern zu warnen.

Kurz vor Schluss des Buches treffen zwar die beiden wichtigsten Metaphern, der glühend rote Kern und der führerlose Zug, beinahe zusammen, aber Steingart hat dem Leser nichts mehr zu bieten als diese hohlen Phrasen:

„Du selbst musst mit deinem Wagemut und deiner Innovationskraft in den glühend roten Kern unserer Volkswirtschaft vorstoßen. Dein Proviant seien Bildung und Erfindergeist. Wir als Gesellschaft – und das heißt du und ich – müssen wieder etwas wagen. Die Tür zum Zug in Richtung Zukunft steht schon offen. Lass uns einsteigen, mein Freund.“

Ganz ehrlich: Ich weiß nicht, ob das noch derselbe Zug vom Anfang ist, ob der Zugzielanzeiger plötzlich funktioniert oder wir das Gleis gewechselt haben oder sogar den Bahnhof.

Aber vielleicht muss man auch einfach dankbar sein, dass Steingart es dann doch nicht schafft, den hohen Ton von der Revolution konsequent durchzuhalten. Und dass der große Zukunfts- und Untergangs-Prophet dann doch nur klingt wie ein kleiner schmieriger Metaphern-Händler.


Ganz am Ende, schon in der Danksagung, erwähnt Steingart noch, dass man sich die Rede auch als, nun ja, Rede anhören kann. Gehalten natürlich von ihm selbst. Es gibt eine „elegante Vertonung“. Steingart fügt hinzu: „Hier gewinnt der Text eine tiefe Eindringlichkeit.“

Ich möchte mir das nicht einmal vorstellen.


Gabor Steingart: Die unbequeme Wahrheit. Rede zur Lage unserer Nation.
Penguin, 16 Euro

51 Kommentare

  1. Deswegen war Herr Niggemeier eine Woche nicht auf Twitter aktiv.
    Eine Minute lesen und fünf Minuten Kopfschütteln kostet Zeit!
    Hier die erste Rezension bei Audible:
    „Herr Steingart hat wirklich den Zahn der Zeit getroffen. Er spricht einem aus der Seele und es ist Zeit aufzuwachen. Es muss sich was ändern in diesem Land. Danke für dieses tolle Hörbuch.“
    Verfasser: Amazon Kunde
    Ein Schuft…

  2. Nachtrag:
    Ich habe mir eine Hörprobe angetan. Steingart spricht sein Buch mit dem Duktus eines Vaters, der seinem kleinen Kind am Bett eine Gute-Nacht-Geschichte erzählt.
    Sagenhaft!

  3. Diese Hörprobe habe ich auch gehört.

    Eins muss man Steingart lassen: Sprachlicher Duktus, Stimme und Inhalte passen zueinander.

    Dass das dann alles auch noch mit gesundem Menschenverstand zusammenpassen soll, wäre dann auch wahrlich etwas zu viel verlangt.

  4. Um ganz ehrlich zu sein ärgert es mich sehr wenn ich erst auf den Link klicken muss um zu erfahren, dass ich diesen Artikel nicht kostenlos lesen darf…
    Kann man solche Artikel nicht irgendwie kennzeichnen?
    Das würde den Frust beim potenziellen Leser komplett vermeiden und ein Abo mit Sicherheit wahrscheinlicher machen.
    Oder anders gefragt, was ist denn das Argument dafür, solche Artikel (oder die kostenlosen) nicht im Link zu kennzeichnen?

  5. #2
    Wenn »Amazon Kunde« das schreibt, muss ich diese Preziose altmännischen Hasenfußschaffens natürlich sofort kaufen. Was sind schon 20.000 Zeichen oberflächlicher Niggemeiertext gegen diese zweieinhalb profunden Zeilen!

    PS: Immer wenn ein Alternativbesorgter »aufwachen« röhrt, schlafe ich sofort ein.

  6. Der Titel des Buches ist übrigens dem Klimakrise-Klassiker „An Inconvenient Truth“ von Al Gore sehr sehr ähnlich… Einer von beiden ist ein echter Vordenker, der die Welt hätte verändern können. Der andere schwadroniert vom „Selberdenlen“ und kupfert doch nur ab.

  7. „Titanic“ macht ja manchmal satirische Texte, wo große Teile eines Buches völlig problemlos in den sonstigen erdachten Irrsinn passen. Bei Gabor Steingart können die dann 100% von ihm verwenden und brauchen es nur collagieren :-D Das kannste Dir nicht ausdenken, Steingart ist der Satire um Längen voraus.

  8. Auweia. Stellt sich die Frage: Ist Steingart inzwischen ernhaft durchgeknallt, oder betreibt er nur PR für eine sehr dumme Zielgruppe? Und lacht sich ins Fäustchen, das Freundchen.

  9. „Garbor Steingart, der Xavier Hildmann unter der Journalisten“ … ach verdammt, in Sachen Metaphern kann ich dir, Freund Gabor, leider nicht das Wasser reichen :-/

  10. früher, als ich noch jünger und abgeklärter war, hätte ich wohl einfach gesagt: jedes Land hat die ›Intellektuellen‹, die es verdient. Aber dieser Zynismus ist mir in den letzten Jahren irgendwie abhanden gekommen. Alterserscheinung, vielleicht? oder einfach die Wut auf solche Freunderl, die die Debatten aus Eitelkeit und bräsiger Selbstüberschätzung immer schamloser Niveaulimbo tanzen lassen? Ich habe mich ja aus beruflichen Gründen immer wieder mal mit der ›kulturkritischen‹ Publizistik der 1920er und 1950er Jahre beschäftigt. Da gibt’s haufenweise Mist, aber einen solchen Schwachsinn wie den zitierten findet man selbst da nicht eben häufig. – Richtig fassungslos macht einen allerdings dann, dass ein solches Machwerk unterm Dach der Bertelsmänner publiziert wird, die doch immer den Bildungsstandort Deutschland retten wollen.

  11. @Frank Reichelt (#2): Oder einfach Urlaub :-)

    @Michael (#6): Auf Twitter und Facebook weisen wir immer darauf hin, wenn ein verlinkter Text hinter der Paywall ist. (Wenn nicht, dann nur aus Versehen.) Auf unserer Seite selbst fehlt dieser Hinweis tatsächlich. Das hat weniger strategische Gründe als designerische. In ein paar Wochen gibt es da aber ein paar Änderungen, dann sollten auch Artikel hier entsprechend gekennzeichnet sein.

  12. @ azertarcheologue (#12):

    Ich habe mich ja aus beruflichen Gründen immer wieder mal mit der ›kulturkritischen‹ Publizistik der 1920er und 1950er Jahre beschäftigt. Da gibt’s haufenweise Mist, aber einen solchen Schwachsinn wie den zitierten findet man selbst da nicht eben häufig.

    Ja, ein Oswald Spengler würde wohl in Tränen ausbrechen, müsste er so etwas lesen. Was hatte der für einen intellektuellen Aufwand betrieben, um seinen Schwachfug vom „Untergang des Abendlandes“ zu begründen! Und heute: Ein Schwadroneur sondergleichen, der sich über Schwadroneure echauffiert. Züge, die durch rotglühende Kerne in Richtung Zukunft aufbrechen. Wenigstens Karl Kraus hätte sein Vergnügen daran.

    Fairerweise müsste man aber zugestehen, dass es auch auf der linken Seite nicht gerade bergauf geht. Carolin Emcke ist keine Hannah Arendt und Richard David Precht kein Theodor W. Adorno. Allgemein geht es recht seicht zu in unserer denkfaulen, meinungsstarken Zeit.

    Wobei der Gabor anscheinend in einer eigenen Liga spielt. Dieser Coaching-Seminar-Erfolgssprech, serviert mit inhaltslosem Heroismus an Metaphernsalat – es ist so widerwärtig und skrupellos, dass man es fast schon wieder bewundern muss.

  13. „Der Titel des Buches ist übrigens dem Klimakrise-Klassiker „An Inconvenient Truth“ von Al Gore sehr sehr ähnlich… Einer von beiden ist ein echter Vordenker, der die Welt hätte verändern können. Der andere schwadroniert vom „Selberdenlen“ und kupfert doch nur ab.“

    Dass Al Gore ein Schwadronierer ist, sehe ich auch so.
    Aber wie kommen Sie darauf, Steingart wäre ein echter Vordenker, der die Welt hätte verändern können?

  14. Vielleicht reicht sein Mut und der seiner Freunde so weit, die Reise des Professors dann auch wirklich mal 1:1 nachzustellen? Beim Crowdfunding dafür würde ich glatt mitmachen. Muttechnisch und wahrheitsverkündungsverdorben reicht es bei mir allerdings nur für den Kraterrand. Wenn sie der Stromboli (der war‘s doch, oder?), voll beladen mit bahnbrechenden neuen Erkenntnissen wieder ausspuckt, dann kaufe ich mir das Buch und lese es durch. Deal?

  15. Mal wieder so eine Zielgruppensache, oder?
    Geraune über Geraune verkauft sich gerade gut.

    Mich schockiert (naja) ein wenig, wie „die Politiker“ über einen Kamm geschoren werden. Als Adressat Berliner Bundespolitiker zu nehmen, ok, aber was ist mit den Zigtausenden Lokalpolitikern in Kleinstädten, auf dem Land? Alles Eliten, die man bekämpfen muss?
    Ich glaube für die gehört so ein Steingart, der es sich leisten kann, mal eben ein inhaltsloses Buch zu veröffentlichen eher zur „Elite“.

    Einmal mehr habe ich den Eindruck, dass man in Berlin sein muss, um das irgendwie überhaupt zu durchdringen, was er meinen könnte.

    Irgendwie quillt da auch die Angst vor den Rezos, also einer neuen Generation von Journalisten durch die Zeilen. Ich meine, das Buch wird ja die Wenigsten unter 30 überhaupt ansprechen. Ist das vielleicht auch der Versuch, sich selbst noch irgendwie Relevanz zu verleihen in dem Wissen, dass bald ganz andere Leute die Meinungsspalten dominieren werden? Bzw. eben nicht mehr Spalten, sondern in Formen, die ein Steingart selbst nicht versteht?

    Die Tapferkeit von der er redet ist vielleicht auch nur Ausdruck des eigenen Unverständnisses, wie Medien sich wandeln, gewandelt haben. Wer nur einen Hammer hat, etc.
    (Zynisch könnte man sagen: Früher sind die Leute würdevoll abgetreten, wenn sie gemerkt haben, nicht mehr auf der Höhe der Zeit zu sein. Aber das stimmt halt auch nicht.)

    Ich will hier auch nicht Instafluencer hochleben lassen oder so. Aber in jüngeren Zielgruppen dürfte die Steingart’sche Relevanz überschaubar sein. Da werden Medien und Meinungen ganz anders konsumiert. Nur als Feststellung, keine Lobhudelei.

  16. Zitat: „Immer wieder gibt es in der Weltgeschichte stolze Nationen, die ihre Zukunft verpasst haben, wie man einen Zug verpassen kann. Aus Unschlüssigkeit. Aus Trödelei. Weil man abgelenkt ist. Weil man in der Annahme lebt, das sei zwar ein Zug, aber noch nicht der eigene.“ Ist Steingart mal auf die Idee gekommen, dass nicht die „Nation“ ausTrödelei den Zug verpasst hat, sondern dass er selbst auf dem falschen Bahnsteig steht und der Zug (samt Nation) auf dem anderen abgefahren ist? Das kann natürlich in seinem Weltbild nicht sein – und so steht er weiterhin auf dem Bahnsteig und wartet.
    Und zu der in #2 zitierten Aussage des „Amazon-Kunden“, wonach „Steingart den 2Zahn der Zeit getroffen hat“ kann man nur sagen: Kein Wunder hat man dann Zahnweh.

  17. Gefährliches antidemokratisches Geschwurbel. Jeder der mit der Regierungspolitik im groben übereinstimmt – also die Mehrheit der Bevölkerung – wird als nicht selbst denkender Mitläufer bezeichnet.

    Daher kommt ja auch das Gerede von der angblichen „Merkel-/Coronadiktatur“ bei vielen Leuten. Den die Wählerstimmen der Mehrheit zählen ja alle nicht – das sind von den Mainstreammedien verführte, Leute die nicht selbst denken und die ja auch eine andere Meinung hätten, wenn sie den nur so aufgeklärt und auf dem gleichen Wissensstand wie der Autor oder der geneigte Leser wären.

    Damit entfernt man sich aber vom demokratischen Diskurs.

  18. Irgendwie ist jetzt doch das Forscher-Interesse geweckt, was da im rotglühenden Kern der Volkswirtschaft los ist und wohin diese ganzen Züge fahren.
    Aber wenn ich es richtig verstanden habe: Das Buch gibt darüber nicht wirklich Aufschluss.

    Es enthält nur eine vage Sehnsucht nach Veränderung. Das ist ja durchaus zeitgeistig. Ich fürchte, das rotglühende Ziel der Änderung liegt gesellschaftlich irgendwo in der Vergangenheit. Technologisch, volkswirtschaftlich, soll der Ballast der neueren Probleme bitteschön gelöst werden, damit sie die Regression der zugfahrenden „Nationen“ nicht stören.

  19. „Damit entfernt man sich aber vom demokratischen Diskurs.“

    Ja, allerdings tun man das auf beiden Seiten.

    Genauso, wie viele von denen, die da in Berlin mitdemonstriert haben, vermutlich wirklich nicht bereit sind zu akzeptieren, dass die Mehrheit die ergriffenen Maßnahmen durchaus im Großen und Ganzen mitträgt, wird andersherum aber auch nicht akzeptiert, dass es auch Gründe geben kann, das nicht so zu sehen und das auch zu äußern. Da wird auch jeder, der auch nur ein paar Fragen stellt, zum verantwortungslosen Verschwörungszusammenspinnter abgestempelt.

    Nur ums klarzustellen: Weder war ich in Berlin noch habe ich irgendein Verständnis für Menschen, die sich mit den dort erwartungsgemäß mitmarschierenden Demokratie- und Denk-Feinden gemein machen. Ich habe aber Verständnis dafür, dass man auch als Demokrat das Handeln demokratisch gewählter Regierungen mal kritisch sehen darf, ohne gleich die Demokratie abschaffen zu wollen.

  20. Wie immer: Widerspruch ist auch nur eine Meinung.
    Keiner verbietet irgendwem, irgendwas kritisch zu sehen oder Fragen zu stellen. Im Gegenteil, die Leute sind ja Samstag demonstrieren gegangen und stellen überall ihre Fragen.
    Auch das Fragenstellen kann jedoch diskursverhindernd sein:
    https://www.zeit.de/kultur/2020-08/fragen-verschwoerungmythen-unterstellungen-kritik-diskurs-manipulation

    Und ich bin auch der Meinung, dass es durchaus dumme Fragen gibt, siehe die Diskussion dort unter’m ersten Kommentar.

  21. @14 Kritischer Kritiker
    Zitat: „Wenigstens Karl Kraus hätte sein Vergnügen daran.“
    Nein, hätte er nicht.
    Erstens hatte er nie Vergnügen und zweitens hätte er das Buch niemals gelesen, weil es viel zu offenbarer Unsinn ist.

  22. @19 llamaz: Da stimmt schon vieles, aber die Punkte von @21 Bazooka Joe sind eben auch wahr. Demokratie heißt eben auch immer, dass man die Minderheitenmeinungen zulassen und ertragen muss.
    @21: Wieso schafft es aber dann diese Bewegung nicht, sich klar gegenüber den Spinnern abzugrenzen? Ich selber habe an Demonstrationen zu Artikel 13 teilgenommen, auch da gab es Übernahmeversuche durch interessierte Kreise und es standen merkwürdige Redner auf der Bühne. Es wurde aber auch sehr deutlich, wer in dieser Bewegung warm empfangen wurde und wer nicht. Die Querdenker kriegen das nicht hin.

    „Da wird auch jeder, der auch nur ein paar Fragen stellt, zum verantwortungslosen Verschwörungszusammenspinnter abgestempelt.“ Das ist meine Erfahrung nicht. Das Prädikat „Spinner“ verdient man sich entweder durch die Qualität der Fragen, oder weil man ausschließlich Vertrauen in etablierte Institutionen unterminieren will, um dann eine eigene, ganz andere Agenda umzusetzen („Das wird man ja wohl noch fragen dürfen!“). Es gab durchaus relevante und gut begründete Kritik zu Dauer und Umfang der Massnahmen, sowohl zu den Restriktionen als auch zu den Wirtschaftsbelebungsversuchen. Das hat zum Beispiel dazu geführt, dass Verbrenner nicht extra gefördert wurden (hier dürften sich die Grünen gefreut haben), aber auch die Lufthansa mit Steuergeld gerettet wurde (hier eher nicht so). Es gibt also alternative Willensbildungsformen, die es auch erlauben, sich effektiv abzugrenzen. Vielleicht bleiben dann aber auch nur noch 10000 Menschen übrig und man müsste sich der eigenen Bedeutungslosigkeit stellen.

    NZZ fragt heute: „Was, wenn am Ende «die Covidioten» recht haben?“ Ohne das gelesen zu haben(PayWall): Ja, dann müssen wir in die Analyse gehen und schauen, was man daraus lernt. Aber die Ablehnung der Demokratie als ganzes kann doch nicht die Lösung sein.

  23. Seitdem seine geliebte Hillary Clinton die Wahl verloren hat, ist der arme Gabor ein paar mal falsch abgebogen.

    Ich finde die Sprache von Steingart sehr antiquiert, geschwollen, wie aus einem anderen Jahrhundert. Immer wenn Sprache so aufgeladen daherkommt, werde ich misstrauisch. Dazu passt, dass er sich an ein „bürgerliches“ Publikum wendet. Wenn Alt-Bürger sich andere Alt-Bürger vorstellen und zu ihnen reden, kommen meistens Substantive aus den 50er-Jahren vor und aus dem Französischen stammende Verben (will man hier die Brücke zum alten Adel schlagen?).

    Das Ärgerliche und womöglich auch Gefährliche an diesem Buch ist, dass der Autor aus Freude an der Opposition zu einem beobachteten „Mainstream“ genau jene Leute triggert, die demokratische Institutionen infrage stellen. Die Lust an der Apokalypse ist nämlich nicht unschuldig. Dafür genügt ein Blick in die Zeitgeschichte: Die rauschende Angst vor einem Euro-Zusammenbruch war einer der Treiber für die Gründung der AfD im Jahr 2013.

  24. „Was, wenn am Ende «die Covidioten» recht haben?“

    Die Frage würde ja voraussetzen, dass dort ein irgendwie benennbarer gemeinsamer Standpunkt vertreten worden wäre. Das war nicht der Fall.

    Ich bin mir fast sicher, dass die Maßnahmen an vielen Stellen überdosiert und dann auch noch an den falschen Stellen scharf und an den richtigen nicht scharf genug umgesetzt werden. Das war aber nicht der Standpunkt der Lauten, der Vernehmbaren unter den Demonstrierenden. Dort wurde wirres, aggressives Zeug in bräunlicher Färbung gebrüllt.

    Na ja, und wenn der moderat-kritische Standpunkt stimmen sollte, dann haben Politiker, Menschen in Ämtern, Fehler gemacht. Das passiert.

    Dann jedoch könnte der große Moment kommen, in dem medienkritische Seiten Mal Medien kritisieren und deren hysterisches Hyperventilieren. Wenn man dann nicht lieber wieder was über Cookies schreibt.

  25. Im Grunde bedient der Mann nur den dumpfen „Merkel-muss-weg“-Schreihals, der Stammtischparolen und einfache Botschaften liebt. Nur tut Steingart es in einer Weise, dass sich die Schreihälse nicht ganz so blöde vorkommen müssen, wie wenn sie einem Verschwörungstrottel wie Hildmann zuhören und und angesichts dessen Durchgeknalltheit noch einen Restfunken Unwohlsein verspüren. Viel fehlt aber nicht.

  26. @Bazooka Joe: Wollen Sie die gleiche Platte jetzt unter jedem Artikel auf Übermedien auflegen? Zur Erinnerung: Hier geht‘s nicht um Covid. Und jeder, wirklich jeder regelmäßige Leser der Kommentarspalten auf Übermedien kennt Ihren Standpunkt dazu inzwischen.

    Das verächtliche Schnauben über das Cookie-Thema sollten Sie sich im Übrigen verkneifen, denn hier steht ggf. das bisherige Finanzierungsmodell ganzer Branchen in Frage. Darüber jammern Sie doch im Covid-Zusammenhang selbst ausgiebig.

    Wenn Sie hier nicht lesen können, was Sie lesen wollen, dann gucken Sie doch mal woanders. Oder verfassen selbst einen medienkritischen Beitrag.

  27. @ Gastbeitrag:

    Ich kann den NZZ-Artikel problemlos ohne Paywall lesen, wenn ich einfach über Google nach ihm suche.
    (@ alle: Vielleicht sollten wir das bei Interesse aber lieber im Thread zu „Die Maskenpflicht als Drama bei ‚Spiegel‘ und ‚Zeit'“ diskutieren, wo sich ja eine grundsätzliche Debatte zum Thema entwickelt hat.)

  28. Wie die dpa-Kollegen kommt Herr Steingart, der offensichtlich dringend Freunde sucht, mit dem aber aus gutem Grund niemand befreundet sein will, ohne Allgemeinbildung aus: „Womöglich fehlt dem Zug der Zugführer.“
    Nee, vorn im Führerstand sitzt der Triebfahrzeugführer, vulgo der Lokführer. Ohne den geht’s nicht. Ohne Zugführer (früher Schaffner genannt) schon.
    Womöglich fehlen dem literarischen Schottersteinchen Schwellen, Befestigungen und Schienen auf seinem Weg in den Tunnel.

  29. #32 Vannay

    Der Kollege Bazooka Joe hat erkennbar nur auf #19 und dann auf #25 geantwortet und den Corona-Aspekt nicht selbst eröffnet. Im Buch geht es in der Tat auch um Gefolgsamkeit zu Zeiten Coronas.

  30. Anregung für Übermedien:
    Wie wäre es, wenn ihr ab und zu einen Artikel aus dem mittlerweile reichhaltigen Archiv tagesaktuell stellt, vielleicht einen mit kontroversen Diskussionen im Kommentarstrang. Dann kann man überprüfen, ob die Erkenntnisse noch gelten und was sich seitdem vielleicht verändert hat.
    Quasi eine Highlightauswahl.

  31. @34: Achso, na dann ist es ja ganz wesentlich, dass der Staffage auch hier nochmal erläutert wird, welch himmelschreiendes Unrecht den vernunftbegabten, evidenzbasierten Maßnahmen-Zweiflern geschieht und dass Übermedien doch endlich einmal darüber berichten möge. Ich Dussel, ich.

  32. @ Stefan Niggemeier (#35):

    Und wer hat den Artikel geschrieben? Lukas, der Lok(omotiv)führer! Ich bin ganz begeistert.

  33. Ich bin jetzt hin und hergerissen. Steingart ist nicht mein Fall (bzw. ist nicht meine Filterblase), aber irgendwie – und die Corona-Nicht-Debatte befeuert das nur – geht mir diese Polarisierung auf den Zeiger. Wenn Sascha Lobo das Regierungshandeln auseinandernimmt, das totale Digitalversagen, dann nicken wir und lachen, weil alles so wahr ist. Wenn dann jemand aus der anderen Ecke überall Versagen sieht und Untergang ist, dann schreiben wir ihn runter. (Hart gesagt: Wir grenzen aus. Zensur und Exil gibt es bei uns nicht, wir lassen auch großzügig demonstrieren, aber zugleich stellen wir einfach öffentlich klar, wer für die Mehrheit noch satisfaktionsfähig ist und wer nicht. Muss mal wieder Elias aus dem Regal ziehen…) Ach, es ist nur noch zum Abschalten.
    (Auf Spiegel auch eine vernichtende Kritik. Aber die spannende Frage ist ja nicht, was es mit dem Buch auf sich hat, sondern wie einer, der früher beim Spiegel war, innerhalb von zehn (?) Jahren so aus der peer group fallen konnte. Was sagt das über unsere Gesellschaft aus?)

  34. @Alexander

    Wer auch immer mit wir gemeint ist. Aber ich feiere Lobo nicht, nur weil er einen Iro hat und damit anscheinend ein Linker (?) ist, und ich kritisiere Covidioten nicht, nur weil sie angeblich rechts sind. Sondern Lobo sagt manchmal inhaltlich etwas, dem ich zustimme. Und bisher war Kritik an der Coronapolitik entweder selbstverständlich Teil des Diskurses, weil es nicht mal in der CDU, ja sogar nicht mal bei Spahn eine einzige Meinung dazu gibt, oder es war offensichtlicher Schwachsinn, den ich einfach nach dem xten Wiederaufwärmen nicht mehr hören kann. Bhakdi klingt auch nicht anders als Steingart.

    Und was soll das heißen, Corona-Nicht-Debatte, wo es seit März fast das einzige Thema ist? Leben Sie hinterm Mond?

  35. @Alexander: „Was sagt das über unsere Gesellschaft aus“? Vielleicht sagt es einfach aus, dass kaum jemand Lust hat, schlecht Geschriebenes zu lesen? Und dass es ausreichend viele Menschen gibt, die merken, dass solche Bahnsteigmetaphern sprachliche Grütze sind?
    Oder man konstruiert daraus die fiese Ausgrenzung eines kritischen Geistes durch den bösen Mainstream und den Untergang der Gesellschaft.

  36. Seit wann ist Steingart denn nicht-Mainstream?
    Ist das mal wieder so eine „Zack Puff Peng“ Aktion – Ich schreibe ein Buch mit „kontroversen“ Ansichten, ernte den wohlkalkulierten Widerspruch und bin auf einmal Mainstream-Opfer?

    @ Alexander:
    „Aber die spannende Frage ist ja nicht, was es mit dem Buch auf sich hat (…)“
    Ääh, doch?

    „aus der peer group fallen“
    Marketing? Jemand sucht sich eine neue Zielgruppe. Ich vermute mal, weil man gut in diese verkaufen kann.
    Ich finde, Gutjahr hat recht mit seinem Kommentar.

  37. @39 Ich glaube das sagt über unsere Gesellschaft eher wenig aus, sondern etwas über Sie.

    Wenn überhaupt, sagt es über unsere Gesellschaft aus, dass wir, zumindest die meisten von uns, Menschen die argumentieren und Beweise haben, gedanklich lieber folgen, als denen die hysterisch und völlig beleglos umher schreien. Das ist meines Erachtens ein gutes Zeichen.

    Ich für meinen Teil höre auch Stimmen, die nicht aus meiner Ecke kommen zu, aber die dürfen halt nicht so dumm daherkommen wie ein Fleischhauer oder so. Aber generell ist eine Idee erst einmal eine Idee.

  38. Naja,
    die Zeiten, als ich Sonntags nach dem Tatort ganz schnell zum HBF gelaufen bin um den montäglichen „Spiegel“ zu ergattern:
    Geschichte
    Zu dem Zeitpunkt jedenfalls gab es noch von mir geschätzte Spiegelleutchen wie Steingart; Aust; Broder u.v.a.

    Irgendwas stimmt mit mir nicht, vermute ich :D

  39. Steingart erinnert mich irgendwie immer an folgende Stelle bei Proust:

    „Gleichzeitig Feder und Blüte wie gewisse Meerespflanzen, fiel eine große weiße Blume, einer flaumigen Vogelschwinge ähnlich, von dem Haupt der Fürstin an einer ihrer Wangen herab, deren Linien sie mit koketter, verliebter und lebendiger Geschmeidigkeit folgte, und schien sie wie ein rosiges Ei in dem alkyonischen Frieden eines Eisvogelnestes umfangen zu wollen.“

  40. „Liebe Freundin! Lieber Freund!

    Entschuldige bitte, dass ich mich so unmittelbar an dich wende. Aber nach allem, was wir gemeinsam beim Lesen dieses Buches von unserem lieben Gabor durchlebt und durchlitten haben, sind die Gefühle des Vertrautseins stärker als die der Fremdheit. (…)

    In deinen Augen spiegeln sich die dramatischen Vorgänge im Bewusstsein eines (Ex)Journalisten , die jetzt für immer die unseren sind. Ich sehe dich an – und erkenne mich selbst. Wir sind einander verbunden.“

    (Doch. Doch.)

    „(…) Immer wieder gibt es in der Weltgeschichte stolze Journalisten, die ihre Zukunft vermasseln, weil sie glauben, sie sind ihrer Zeit voraus. Seher. Verkünder der Wahrheit. Führer für Schlafschafe, die erweckt werden müssen von einer sehenden Elite.

    So einem Buch begegnen wir beide. Wir stehen als Leser an der Bahnsteigkante, manche erstaunt, viele angeekelt, einige noch immer erschöpft von den Erregungszyklen seiner Newsletter und Ergüsse. Du und ich mittendrin. Eine innere Stimme spricht, aber sie spricht undeutlich.

    Womöglich fehlt dem Schreiber das Gehirn. Die Synapsen wirken blass. Denken unmöglich, lahmgelegt, bleischwer.

    Schäme dich nicht deines Unbehagens, mein Freund. Du bist nicht allein. (…)“

  41. @Mick
    An der Bahnsteigkante stehe ich nie. Ich finde, der Zugführer sollte stressfrei in den Bahnhof einfahren können. Naja, egal.
    Es gibt viele Bücher, alle kann man nicht lesen und manche Authoren muss man nicht beachten.

    Ja! diesem Sinne bin ich ganz ergeben,
    Das ist der Weisheit letzter Schluß;
    Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
    Der täglich sie erobern muß.
    Goethe

  42. Liebe Übermedienmacher,
    Ich schätze ihre Arbeit wirklich sehr.
    Aber bei manchen Themen frage ich mich, ob es nicht besser wäre, sie zu ignorieren.
    In diesem Fall das Buch von Gabor Steingart.
    Wie schlimm wäre es für diesen journalistischen Dünnbrettbohrer, wenn sein Buch einfach ignoriert würde.
    Auch die FAS in der Rubrik DIE LIEBEN KOLLEGEN widmet sich ausschließlich diesem Herrn und seinem Traktat.
    Und Stefan Niggemeier liest das Buch auch noch. Das verdient doch eine Erschwerniszulage- oder die Bitte, statt dessen etwas Schönes zu unternehmen und Steingart mit Nichtbeachtung strafen- was das Schlimmste für eitle Männer ist.

  43. Wieso ist der SPIEGEL eigentlich führend in der Kategorie „ehemalige Mitarbeiter, die mittlerweile in Richtung Rechtspopulismus/Elitenhass/Verschwörungsgeschwurbel abgebogen sind“?

  44. Während der Pandemie gab es Wählen in Bayern und es gibt bald Wählen in NRW.
    Soviel zur Pausetaste für die Demokratie.

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.