Die Sprache der Ungehörten

Kein Druck von mir, aber wenn Sie sowieso vorhatten, ihren Kopf explodieren zu lassen, wäre diese Woche ein guter Zeitpunkt. Es ist fast egal, wo wir anfangen, aber Twitter ist vielleicht der angemessenste Ort, jene Plattform also, die mehr als jede andere dafür verantwortlich ist, dass Donald Trump das, was er findet, wenn er versucht nachzudenken, an die Öffentlichkeit verteilen kann – und gleichzeitig auch die Plattform, der er vorwirft, sie würde, ähem, Gedanken wie seine zensieren. Und die er deshalb zensieren will. Es gibt sicher eine Erklärung dafür.1)https://de.wikipedia.org/wiki/Dunkle_Triade

Auf Twitter also hat der Sohn des ermordeten Bürgerrechtlers Martin Luther King, Jr., Martin Luther King III aus Anlass der gewaltsamen Proteste nach dem Tod von George Floyd einen Tweet mit einem Zitat seines Vaters abgesetzt:

„Wie mein Vater Zeit seines Lebens erklärt hat, ist Randale die Sprache der Ungehörten.“ Natürlich dauerte es nicht lange, bis er von Massen weißer Männer erklärt bekam, dass sein Vater das ganz anders gemeint hatte und nur friedliche Proteste gute Proteste seien.

Man kann fest davon ausgehen, dass das auch die Haltung von Vizepräsident Mike Pence ist, der schon einmal extra 325.000 Dollar Steuergelder ausgegeben hat, um bei einem friedlichen Protest gegen Polizeigewalt gegen Afroamerikaner … oh nein, sorry, das war anders, er hat gegen den friedlichen Protest protestiert.

Vorbild Deutschland

Die Ungehörten müssen sich also bitte mehr Mühe geben, sich Wege auszudenken, auf denen man ihnen zuhört. Und ich hätte da einen Vorschlag, denn wie in diesen Corona-Zeiten üblich hat Deutschland einen vorbildlichen Weg gefunden, wie ansonsten überhörte, durch das System ihres Wertes beraubte Gruppen sich Gehör und Gewicht verschaffen. Zum Beispiel einen morgendlichen Newsletter.

Das King-Zitat von der Randale als Sprache der Ungehörten erklärt mir zumindest jene Riege der driftenden Alpha-Journalisten, die auf ihre alten Tage merkwürdig werden, pandemiebedingte Mund-Nasen-Schutzmasken zu „Maulkörben“ umdeklarieren und vor allem als Trigger für die Angst funktionieren, man würde selber irgendwann mal so werden.

Meine Arbeitshypothese ist, dass die Generation derjenigen, die vor dem Internet zumindest innerhalb der Parallelgesellschaft Journalismus wichtig wurden, im Moment des permanenten Kundenkontakts einen Realitätsschock erlitten haben, von dem sie sich nur langsam erholen. Man darf nicht vergessen, was für ein wunderbarer Resonanzraum die eigene Blase ist, sie tut ungemein gut und ich bin ein großer Fan. Jeder sollte eine Blase haben, in der er leben kann.

Aber die Lernerfahrungen sind nicht unbedingt übertragbar: In der Blase kann man einzigartige, besondere Meinungen vertreten und wird dafür geliebt und gelobt. Aber mach das mal draußen im echten Internet, dann ist aber was los! Die Default-Einstellung von Journalisten, einen besonderen Blick haben und für den auch noch gefeiert werden zu wollen, funktioniert eigentlich nur dann perfekt, wenn alle Leser (oder zumindest die, mit denen man Kontakt hat) auch Journalisten sind.

Strategie: einzigartige Doofheit

Nun ist es den meisten von uns nicht gegeben, einzigartig und dabei auch noch klug zu sein, und das auch noch andauernd, und außerhalb der eigenen Blase passiert es unweigerlich, dass einen jemand auf diesen Umstand hinweist. Auf Twitter wahrscheinlich sogar eher deutlich. Für Menschen, die bisher vor allem das Lob und die Bewunderung ihrer Peer-Group erfahren haben, waren Soziale Medien so, als hätte man plötzlich das Wasser aus allen Rohren des Hauses gleichzeitig in der Badewanne. Da war viel Scheiß dabei.

Die neue Lernerfahrung bringt neue Strategien. Einzigartig und klug geht nicht, Vernunft hat keine Reichweite, aber einzigartig und doof geht ganz gut! Das wäre doch eine Alternative für Deutschland, und der Sweet Spot dabei ist die Position des Klügsten unter den Doofen. Und jetzt kommt der Kracher: Diese Position haben wir Journalisten tatsächlich gelernt, so wie Jürgen Kohler Vorstopper.

Die Hälfte aller Fernseh-Talkshow-Hosts benutzt das als Technik, und zwar sehr bewusst. Mir hat mal ein sehr kluger, sehr berühmter und auch noch ziemlich sympathischer Talkshow-Gastgeber bei der Vorbesprechung der Sendung erklärt, wer in der Runde welche Positionen vertritt, und geschlossen mit: „Und ich stelle die Fragen, die sich der doofe Deutsche so stellt.“

Das ist eine Technik, und sie ist völlig legitim, so lange man sich die Antworten anhört.2)Es ist nicht meine Lieblings-Technik, aber okay Wenn man allerdings den Teil weglässt, den wichtigsten Teil jedes Gesprächs, das Zuhören, dann mag es zwar sein, dass man sich selbst nicht mehr ungehört fühlt. Man hat aber gleich eine Reihe neuer Ungehörter geschaffen.

Das vielleicht noch: Bitte explodieren Sie noch nicht, ich komme jetzt öfter.

Fußnoten   [ + ]

1. https://de.wikipedia.org/wiki/Dunkle_Triade
2. Es ist nicht meine Lieblings-Technik, aber okay

49 Kommentare

  1. Aha, wer meint, trotz weißer Hautfarbe etwas von Martin Luther King zu wissen, ist also ein „Whitesplainer“ und auf einer Ebene mit Mike Pence. Und was ein weißer über King sagt, ist nicht etwa falsch, weil er inhaltlich danebenliegt, sondern weil er sich als Weißer dazu nicht nicht äußern darf.

    Mann, Leute, mit dieser dämlichen Sprechort-Nummer macht man jeden öffentlichen Diskurs kaputt! Das ist das reinste kollektiv-ad-hominem.

  2. MLK hat doch völlig Recht – Menschen, die gehört werden, haben wenig Grund, zu randalieren. Nicht alle Menschen, die nicht gehört werden, randalieren, aber Menschen, die randalieren, werden üblicherweise anders nicht gehört.

  3. „(…) der Sweet Spot dabei ist die Position des Klügsten unter den Doofen“

    Die Relevanz dieses Satzes ist nicht hoch genug einzuschätzen! Meinungsführer, Influencer, 2-stufiges Marketing.

    Letztlich muss ich mir ja nur eine Position aussuchen, in der ich genügend Follower habe, damit ich von deren Geld überleben kann, die aber nicht so radikal ist, dass sie tatsächliche Kontroverse auslösen könnte (meist schlicht wegen Faktenmangel).

    Musste diesen Text zwar 3 Mal lesen, aber so langsam … echt gut!

  4. Willkommen zurück in der Ü-Kolumnisten-Riege, Herr Pantelouris! Sie haben mir gefehlt!

    Zusammen mit Frau El Ouassil wieder ein starkes Kolumnisten-Lineup!

  5. Den Realitätsschock gab es doch auch früher schon. Zwar war das eine ziemliche Hürde, einen Leserbrief zu verfassen, aber immerhin konnte man/frau schon einem/einer Jounalist*in so die Meinung sagen. Allerdings weiß ich nicht, ob die Leserbriefe tatsächlich den/die Journalist*in erreicht haben oder ob die nicht von irgendeiner subalternen Kraft zumeist formelhaft beantwortet und abgeheftet wurden. Und war hat darüber entschieden, welcher Leserbrief abgedruckt wird und welcher nicht? Andererseits, wenn der Leserbrief von einer „wichtigen“ Person kam konnte das durchaus berufliche Konsequenzen haben…

  6. Die Fußnoten haben mir gefehlt. Danke, dass sie wieder da sind.

    Die Dämlichkeit der Whitesplaining-Kommentare erinnert mich an den Tweet, den Stephen King unlängst abgesetzt hat: »No, coronavirus is NOT like THE STAND.« Retweet eines Erleuchteten: »And how the hell would you know?! Did you even read that book?«

  7. @ Michael Frey-Dodillet (#8):

    Muss schön sein, auf der moralisch richtigen Seite zu landen, indem man einfach nur ein Wort wie „Whitesplaining“ einstreut. Der Begriff mag eine gewissen Berechtigung haben, wenn ein Weißer einem Schwarzen erklärt, der Alltagsrassismus sei schon nicht so schlimm. Aber hier?

    Hier geht es nicht um persönliche Erfahrung, sondern um die Auseinandersetzung mit einer historischen Figur. Die Grenze verläuft nicht zwischen schwarz und weiß, sondern zwischen Leuten, die Ahnung von MLKs Denken haben und anderen. Und wie bei jeder historischen Figur gibt es abweichende Interpretationen und Vereinnahmungsversuche von verschiedenen Seiten.

    Nun dürfte sich Kings Sohn besser mit dem Werk sein Vaters auskennen als die Twitter-Besserwisser, die ihm widersprochen haben. Das liegt aber nicht daran, dass er schwarz ist und sie weiß, sondern dass er vermutlich alles von seinem Vater gelesen hat und sie nur ein paar Schlagworte kennen.

    Im Übrigen sehe ich da gar keinen Widerspruch: Dass Randale „die Sprache der Ungehörten“ sei, ist ja kein Postulat, sondern eine Analyse (mit einem gewissen Hang zur Underdog-Romantik). Ich kenne kein entsprechendes Zitat, aber King wird das schon so gesagt haben, wenn sein Sohn ihn damit zitiert. Ändert aber nichts daran, dass er Randale als politische Strategie ablehnte – anders als die Black Panther oder die Nation of Islam propagierte er zivilen Ungehorsam und Gewaltlosigkeit (und erzielte damit gewaltige Erfolge).

    P.S.: Eine treffende Kritik an Plünderungen aus linker Perspektive hat der auch für ÜM tätige Kolumnist Arno Frank für den Spiegel verfasst. Leider ist er weiß, deshalb ist sein Text wahrscheinlich wertlos (wenn nicht gar rassistisch): https://www.spiegel.de/kultur/proteste-in-den-usa-raustragen-ist-nicht-austragen-a-eace5297-8e18-41fa-ab62-e1e0e03d17b7

  8. Die Frage, ob man Plünderungen gut findet, ist ja eine andere.

    Bzw., man kann ja der Ansicht sein, dass Plünderungen falsch sind, da kein Schutz vor Polizeigewalt und struktureller Benachteiligung, aber trotzdem für Proteste gegen Polizei und Rassismus sein.

  9. @9: Vielleicht mal sich selbst fragen, wieso man von einem Wort so stark getriggert wird?
    Außerdem wieso Stephen Kings Sohn? Das war er doch selbst, oder?

    Weil es gerade passt, Stephen King heute:
    „Armed soldiers against peaceful protestors? With the president’s enthusiastic approval? Are you shitting me?“

  10. @ Mycroft (#10):

    Habe ich was anderes behauptet? Ich habe gar nichts gegen Proteste, und ich Verständnis dafür, wenn es auch mal kracht.

    @ Anderer Max:

    Das Wort „triggern“ regt mich noch mehr auf. Ich habe – im Gegensatz zu Ihnen – inhaltlich erklärt, was mich an dem Begriff stört. Wie wäre es denn, wenn Sie ihn inhaltlich verteidigten, statt irgendwas von „getriggert“ daherzuraunen?

  11. Also ich würde jetzt mich selbst fragen, warum mich selbst das Wort „triggern“ triggert. Triggern heißt ja quasi nur „einen Schalter drücken“. Dass bei Ihnen nun schon 2 Mal ein Schalter gedrückt wurde ist ja schwer widerlegbar, würde ich behaupten. Dass #8 das reingeworfen hat, um Sie (oder wen auch immer) zu triggern, bezweifle ich nicht. Es hat auch nichts mit dem Rest der in #8 steht zu tun, bzw. so gesehen wäre „No, coronavirus is NOT like THE STAND“ ja selbst bereits „Whitesplaining“, sobald es ein Afroamerikaner liest. Ich halte das Wort in diesem Zusammenhang auch für sinnfrei.

  12. Ergänzend vielleicht noch, da ich Das letzte Gefecht tatsächlich erst letztes Jahr gelesen habe: In dem Buch geht es nur sehr wenig um Rassismus. Die Radikalisierung der Gruppen nach der Seuche ist viel komplexer: Autoritarismus (böse) vs. „menschliche“ Demokratie. Auf der Autoritarismus-Seite finden sich dann viele kapitalistische Auswüchse, wie Hyper-Individualität, blinder Technikglaube (bzw. Spezialisierung ohne „das große Ganze“ sehen zu wollen) aber auch Gier und Neid, die letztlich auch zu Lagerbildung und Rassismus führen (Leider beleuchtet King viel mehr die gute Seite, was total langweilig und vorhersehbar aber vor allem unnötig religiös ist). […]

  13. @Kritischer Kritiker, #12:
    Sie nicht, aber der von Ihnen verlinkte Artikel.

    @Anderer Max:
    Und das Wort, das mit N anfängt und sich auf Fliesenleger reimt, bedeutet auch bloß „schwarz“ oder „dunkel“.
    „Trigger“ nennt man aber auch den Auslöser für eine posttraumatische Belastungsstörung. Das Wort ist als Metapher also „doppelt problematisch“: auf andere angewandt heißt das: „Deine Aufregung basiert mehr auf Deinen psychischen Problemen als auf einer echten Bedrohung.“, auf sich selbst angewandt heißt das: „Ich beanspruche für mich dieselbe Rücksichtsnahme wie Menschen mit echten psychischen Problemen.“
    Fun-Fact: es gibt auch ein Wort, das mit N anfängt und sich auf Trigger reimt – DAFÜR ist die Metapher vllt. schon sinnvoll.

    Wer hat behauptet, dass „The Stand“ was mit Rassismus zu tun hätte? Es geht um eine Seuche, aber King – der weiße jetzt – sieht trotzdem ein paar Unterschiede zu Corona.

  14. Ich meinte natürlich nicht den Trigger im Bezug auf posttraumatische Belastungsstörungen.
    Trigger – Schalter. Interessant finde ich den Unterschied zwischen Triggern und Provozieren. Triggern ist immer passiv und passiert im Hirn des Empfängers. Eine Intention des Senders muss nicht vorhanden sein.

    Dass King einen Unterschied zur Corona-Realität sieht wollte ich mit meinem Post bestätigen, da weder 99,4% der Weltbevölkerung gestorben sind, noch sich die Überlebenden in Boulder und Las Vegas tummeln. Die literarischen Motive von 1978 sind andere, als die Realität in 2020 es hergibt.

  15. Nun, der Abzug an einer Feuerwaffe wird auch „Trigger“ genannt – wenn ein Wort (min.) drei verschiedene metaphorische Bedeutungen hat, von denen (min.) zwei negativ für (min.) eine der beteiligten Personen verstanden werden können, wäre es dann nicht einfach sinnvoller, ein anderes Wort zu verwenden anstatt sich zu rechtfertigen?
    Mal abgesehen davon, dass es nur von meinem Wohlwollen abhängt, ob ich Ihnen glaube, dass sie natürlich die harmlose Bedeutung gemeint haben. Oder vom Wohlwollen von dem, der sich „Kritischer Kritiker“ nennt.

  16. @ Mycroft und Anderer Max:

    Der Satz, ich solle mich mal fragen, warum mich das Wort so „triggert“, hat schon seinen ganz eigenen Therapeuten-Sound: Junge, Du hast da ein Problem, das solltest Du aufarbeiten!

    Nee, ich habe ein Problem mit Begriffen wie „Whitesplaining“, weil sie zwar wahnsinnig kritisch und reflektiert daherkommen, tatsächlich aber Ausdruck einer gefährlichen Weltsicht sind, die den öffentlichen Diskurs zerstört und letztlich den Begriff der Menschheit in Frage stellt.

    Wahrheit oder Unwahrheit einer Aussage werden hier nicht an ihrem Gehalt festgemacht, sondern an der Person des Sprechers. Nichts ist gegen den Satz einzuwenden: „Irgendwelche Deppen wollen ausgerechnet dem Sohn von MLK erklären, was sein Vater gemeint hat.“ In der Wendung „Weiße können einem Schwarzen nicht erklären, was MLK gemeint hat“, kippt das Ganze aber in einen autoritären Irrationalismus, der sich auf nichts stützt als auf gefühlte, moralische Überlegenheit.

  17. @Mycroft: Nur weil es jemand negativ verstehen kann, ist es ja nicht zwangsläufig falsch. Im Bereich direkter Beleidigungen (auf den Sie ja auch schon angespielt hatten mit dem Wort das sich reimt) bin ich ganz bei Ihnen, hatte ich auch früher schon mal gesagt in einem anderen Faden.
    Triggern heißt ja nicht mehr, als dass ein Schalter (in einem selbst) gedrückt wird, unabhängig davon, ob der Sender den Schalter drücken wollte, oder nicht. Im Falle einer Beleidigung ist die Intention des Schalterdrückens ja inhärent gegeben. Ob es in #8 Intention ist, ist sicher subjektiv. Die Grauzone dürfte allgemein recht groß sein.

    @18: „Therapeuten-Sound“ … Ich weiß…
    Ich sage das so, weil ich in den letzten Monaten dies selbst getan habe und naja, mir hat’s geholfen, meine „Trigger“ mal zu hinterfragen.
    Und inhaltlich bin ich auch bei Ihnen, dass ein Wort wie Whitesplaining nicht dem Diskurs zuträglich ist, wenn man es falsch (!) einsetzt wie in #8. Das Wort beschreibt ja einen realen Vorgang, der im richtigen Kontext ja auch seine Daseinsberechtigung hat.

  18. „@Mycroft: Nur weil es jemand negativ verstehen kann, ist es ja nicht zwangsläufig falsch.“
    Ja, das habe ich aber auch nicht bestritten. Insofern: *schulterzuck*

    Nebenbei, was brächte es, wenn jemand Ihnen z.B. sagt, warum ioi das Wort „Trigger“ „triggert“? Würden Sie dann aufhören, es zu verwenden? Wenn ja, warum hören Sie nicht direkt auf? Wenn nein, warum fragen Sie dann? Wenn Sie Ihre Entscheidung, das Wort in Zukunft nicht mehr zu verwenden, davon abhängig machen, wieso das Wort auslöst, was es auslöst, nach welchen Kriterien entscheiden Sie das?
    tl,dr: Ihre Frage ist etwas nervig.

  19. @Anderer Max, da Sie das Buch selbst erst letztes Jahr gelesen haben, müssten Sie doch Verständnis dafür aufbringen, dass in Ihren Beitrag #14 ne fette Spoilerwarnung gehört!? Ja, ist schon älter, ja, ich selbst hab’s schon gelesen, aber das nicht gerade dünne Buch lebt doch ein wenig von der Spannung, oder?

  20. Mann, Leute, mit dieser dämlichen Sprechort-Nummer macht man jeden öffentlichen Diskurs kaputt! Das ist das reinste kollektiv-ad-hominem.

    Das schon. Aber darauf beruht doch die ganze sog. „Identitätspolitik“.
    Rassismus in Reinkultur.
    Rassismus und Sexisums sind doch die Hälfte des Lebenselexiers unserer rotgrünen Nobilität. Ohne gehts nicht.

    Ohne könnte zum Beispiel die Frage auf den Tisch kommen, wer tatsächlich die Ungehörten sind. Was bliebe dann noch vom hier so viel gelobten Pantelouris-Artikel übrig?

    Deshalb immer schön auf die Hautfarbe verweisen und gleichzeitig gegen Rassismus kämpfen. Das bringt ein publizistisches Perpetuum Mobile, das niemals aufhört sich zu drehen.
    Aber was rede ich eigentlich, die alten weißen Männer, genauso wie die toxischen weißen Männer verstehen das sowieso nicht, dass es keine Rassen gibt.

  21. @22: Scheiße, hab‘ ich nicht drüber nachgedacht, stimmt. Wegen Mangel an Relevanz #14 gerne löschen … Sorry, ernsthaft.

    @21: Stimmt auch. Nervig heißt wiederum nicht unberechtigt, aber das haben Sie ja auch gar nicht bestritten … wir drehen uns im Kreis, beenden wir das.

    @23: Wie will man etwas gegen etwas unternehmen, ohne es zu benennen? Dass dunkelhäutige Menschen systematisch benachteiligt werden, lässt sich ja durchaus belegen (und nein, ich stelle Ihnen keine Links zusammen).
    Wer sind denn die „tatsächlich“ Ungehörten, von denen Sie sprechen?

  22. @24, Anderer Max: Ist doch klar für einen von vielen, wer die wirklich Ungehörten und Diskriminierten sind – die vielen, vielen armen Würstchen, die nicht mal mehr sexistisch und rassistisch sein dürfen, ohne dass jemand sich darüber beschwert. Zu denen dieser eine sich ja auch zählt.

  23. #25 Mr Re

    Ah, der Klassiker: Leute mit anderer Meinung sind einfach nur wütend, dass sie nicht mehr rassistisch sein dürfen. Das muss es sein!!11 Sie brillianter Kopf.

  24. Nö, der Klassiker ist es, von der schweigenden Masse zu faseln, die gar nicht gehört werde und im Gegensatz zu denen, denen angeblich zu viel Aufmerksamkeit geschenkt wird von den Eliten, wirklich diskriminiert sei.

    Ansonsten siehe 27 – welche andere Meinung denn? Schreiben Sie es doch mal aus.

  25. @Kritischer Kritiker: Eine Verabsolutierung der Sprecherposition macht einen vernünftigen Diskurs unmöglich, da würde ich Ihnen zustimmen. Aber die Sprecherposition ist auch nicht unwichtig. Es macht eben einen Unterschied, ob sich eine Weiße oder ein Schwarzer zu den Riots äußert. Das heißt imho nicht, dass Weiße dazu gar nichts sagen könnten/sollten/dürften. Aber vorher mal kurz die Sprecherposition abchecken und überlegen, inwiefern das jetzt sinnvoll ist, sich zu äußern, finde ich nun keinen überzogenen Anspruch.

    Im konkreten Fall gab es m.A.n. zwei Ebenen:
    1. Weiße erklären dem Sohn von MLK, wie der zitierte Ausspruch seines Vaters gemeint war.
    2. Weiße erklären Schwarzen, wie sie protestieren sollten.
    Beides hat mindestens ein Geschmäckle, und ich finde es nicht falsch, das als Whitesplaining zu bezeichnen.

  26. Dem Sohn von MLK zu sagen, was sein Vater gemeint hätte, ist dreist. Auch mit vertauschten Hautfarben wäre das so.

    Was die Unruhen betrifft, kommt es nicht mehr darauf an, was man darüber sagt? Einige Weiße sagen: „Richtig so!“, andere: „Falsch so!“, die dritten: „Bringt Euch nichts!“ und die vierten: „Das setzt Euch ins Unrecht!“ Ist das alles „Whitesplaning“? Wenn ja, was wäre keines? Wenn nicht, welches nicht?

  27. @ Earendil (#29):

    Ich halte es da mit Habermas: Was zählt – bzw. zählen sollte –, ist der „zwanglose Zwang des besseren Arguments“. Egal, wer es ausspricht. Das wäre das Ideal einer demokratischen Öffentlichkeit. Stellen wir uns zwei Wissenschaftler vor, die zu MLK geforscht haben und nun einen Disput austragen; eine ist schwarz, der andere weiß. Sollte die Wahrheitssuche der beiden dadurch beeinflusst werden, dass der Weiße der Schwarzen nicht widersprechen darf, weil sie schwarz ist?

    Das wäre, ganz gegen Ihre Intention, keine Aufwertung der „schwarzen Stimme“, sondern eine Abwertung: Was man so unter Schutz stellt, dass es keinen Widerspruch erfahren darf, nimmt man nicht ernst – ganz so, wie man ein Kind nicht ernst nimmt und trotzdem zu allem nickt, was es sagt. (Ähnlich wie gerade im Streit um Achille Mbembes Haltung zu Israel, aber das ist ein anderes Thema.)

    Natürlich ist das Habermas’sche Ideal angesichts der vielfältigen Machtgefälle in der Gesellschaft nicht verwirklicht. Rassismus spielt da eine große Rollen. Trotzdem ist es zu einfach, dieses Machtgefälle in Weiß vs. Schwarz aufzulösen: Weder „die Weißen“ noch „die Schwarzen“ bilden eine Einheit.

    Auch die Rednecks in den Trailerparks sind ziemlich „ungehört“ (woran Trump leider andocken konnte), während Oprah Winfrey oder Barack Obama zu den prominentesten Stimmen der USA gehören. Auch werden massenweise Schwarze Opfer von Kriminalität, die von Schwarzen begangen wird (was wiederum soziale Ursachen hat, aber eben nicht in einer Rechnung aufgeht, die schwarz als gut und weiß als böse identifiziert.)

    Was Ihre 2. Ebene betrifft: „Weiße erklären Schwarzen, wie sie protestieren sollen.“ – Das ist eine leere Abstraktion. Was erklärt denn „der Weiße“: „Bleib‘ zuhause, oder wir erschießen dich“? Oder: „Fernseher plündern unter dem Banner des Protests schadet der Sache“? Ersteres werden unzählige Weiße von sich weisen, letzteres vertreten unzählige Schwarze genauso. Überhaupt sind die Proteste inzwischen international und „Rassen“-übergreifend. Welchen Sinn macht hier also die Aufteilung in Hautfarben statt in Argumente?

  28. „Stellen wir uns zwei Wissenschaftler vor, die zu MLK geforscht haben und nun einen Disput austragen; eine ist schwarz, der andere weiß. Sollte die Wahrheitssuche der beiden dadurch beeinflusst werden, dass der Weiße der Schwarzen nicht widersprechen darf, weil sie schwarz ist?“

    Wenn es bei der Forschung um nachprüfbare Fakten geht, dann dürfte es keinen Disput geben.
    Einen Disput kann es also eher darüber geben, was MLK in irgendeiner Situation, zu einer Aussage, was auch immer, gemeint haben könnte.
    Und ja, da dürfte der Weiße der Schwarzen gegenüber eher weniger widersprechen, weil er eben nicht die gleichen Erfahrungen gemacht hat, wie sie Schwarze alltäglich erleben.
    Ihr Beispiel ist also eher ein Argument gegen Ihre These und zeigt sehr schön, dass es eben doch und immer eine Rolle spielt, wer was in bestimmten Situationen sagt.
    Was eigentlich auch intuitiv völlig leicht zu erfassen ist.
    Nur bei der Rassismusdebatte soll es plötzlich anders sein?
    Ach nee, bei sexuellen Übergriffen wird den Frauen ja auch von dem einen oder anderen Mann erklärt, dass sie es nicht so verbissen sehen sollen. Was natürlich auch Quatsch ist.

  29. @ Micha (#32):

    Natürlich führen Historiker oder Sozialwissenschaftler ständig Dispute über Leben und Werk historischer Persönlichkeiten. Die „nachprüfbaren Fakten“ sind oft tief in den Archiven begraben, Texte sind auslegungsbedürftig, Quellen widersprechen sich. Ein guter Teil der Arbeit besteht darin, sich in der Auseinandersetzung mit Kollegen der Wahrheit zu nähern. Und bei MLK soll ein Teil der Experten plötzlich von dieser Auseinandersetzung ausgeschlossen sein, weil sie die falsche Hautfarbe haben?

    Das wäre, als würde man über die Erforschung der Arbeiterbewegung sagen: Eine Juristentochter darf einem Arbeitersohn auf diesem Gebiet nicht widersprechen, weil es der Juristentochter an Erfahrung mit Fabriken mangelt. Das wird albern. Wissen geht nicht in Erfahrung auf – schon gar nicht, wenn der Forschungsgegenstand seit 50 Jahren tot ist.

    Ich habe in meinem Studium viel zu Auschwitz gearbeitet. Durfte ich das, so als Goi? Wie kann es sein, dass ich von meiner Lektüre Albträume hatte? Ich wäre doch von den Nazis gar nicht verfolgt worden. Und wenn ich mich jetzt mit einer Jüdin über Auschwitz unterhalte – weiß sie notwendigerweise mehr über die Herren Höß, Liebehenschel und Baer als ich, nur weil sie Jüdin ist?

    Diese ganze Sprechort-Geschichte setzt (unbewusst) voraus, dass Menschen zur Empathie unfähig sind. Dass sie nur beurteilen können, was sie am eigenen Leib erfahren haben. Wobei dieser „eigene“ Leib gerne auf alle Leiber gleicher Hautfarbe ausgedehnt wird – als teilten eine schwarze Rechtsanwältin mit Villa in L.A. und ein schwarzer Arbeiter aus den Coltanminen im Kongo denselben Erfahrungshintergrund, während ein Weißer nicht einmal dann mitleiden könnte, wenn er den Mord an Floyd direkt beobachtet hat.

    Ich bin übrigens ein großer Fan von MLK – er hat für die Überwindung der „Rassen“-Schranken gekämpft, während der heutige Mainstream-„Antirassismus“, indem er unüberwindliche Erfahrungsgrenzen postuliert, an deren Zementierung arbeitet. Aus „I have a dream“ wird „I have a Nightmare“.

  30. @Micha:
    „Wenn es bei der Forschung um nachprüfbare Fakten geht, dann dürfte es keinen Disput geben.“
    Es geht aber auch um die Frage, welche Proteste gerechtfertigt sind und welche nicht.
    „Einen Disput kann es also eher darüber geben, was MLK in irgendeiner Situation, zu einer Aussage, was auch immer, gemeint haben könnte.“
    Nun, wenn die Situation „bei Kings zuhause beim Abendessen“ ist, ist ein Mitglied der Familie automatisch kompetenter als irgendwer anderes. Einschließlich anderer Schwarzer.
    „Und ja, da dürfte der Weiße der Schwarzen gegenüber eher weniger widersprechen, weil er eben nicht die gleichen Erfahrungen gemacht hat, wie sie Schwarze alltäglich erleben.“
    Wobei jetzt? Zur Frage, was MLK mal gesagt hat und wie er es gemeint hat, oder zur allgemenineren Frage, inwieweit Gewalt gerechtfertigt sei?
    Das sind zwei grundsätzlich unterschiedliche Fragen.

    Der reine Hinweis: „Plündern ist illegal!“ ist natürlich eh‘ bescheuert – die einen wissen das und machen es nicht, die anderen wissen das und machen es trotzdem.

    „Ihr Beispiel ist also eher ein Argument gegen Ihre These und zeigt sehr schön, dass es eben doch und immer eine Rolle spielt, wer was in bestimmten Situationen sagt.“
    Angenommen, jemand wäre Eigentümer eines Geschäftes, dessen Scheiben eingeworfen würden – hat der mehr oder weniger dazu zu sagen als die Person, die die Scheiben eingeworfen hat?

    „Ach nee, bei sexuellen Übergriffen wird den Frauen ja auch von dem einen oder anderen Mann erklärt, dass sie es nicht so verbissen sehen sollen. Was natürlich auch Quatsch ist.“
    Ja, komisch, dass Sie das erwähnen – sind Sie pro Amy oder pro Christian Cooper? Nicht verwandt oder verschwägert.

  31. @Kritischer Kritiker: Ja, Habermas‘ zwangloser Zwang des Arguments ist eine gute Utopie. Und natürlich sollte das allgemeine Ziel emanzipatorischer Politik aller Art eine Welt sein, in der die Sprecherposition keine Rolle mehr spielt und nur noch das beste Argument bzw. die umfassendsten Befriedigung aller Bedürfnisse zählen. (Wissenschaft und Politik wird ja auch in der besten denkbaren Gesellschaft nicht identisch sein, das nur am Rande.) Aber wir leben nunmal nicht in Utopia, sondern im Hier und Jetzt. Die real existierenden Verhältnisse einfach zu ignorieren und so zu tun, als seien wir schon in einer Situation, in der nur das beste Argument zählt und alle gleichermaßen sich äußern können, bringt uns der Utopie keinen Schritt näher.

    „Diese ganze Sprechort-Geschichte setzt (unbewusst) voraus, dass Menschen zur Empathie unfähig sind.“
    Nein, aber sie erkennt an, dass auch der Empathie Grenzen gesetzt sind. Ich kann mir z.B. zwar erzählen lassen, wie es ist, schwanger zu sein, ich kann dazu was lesen, kann dabei sein – und weiß dann trotzdem nicht richtig, wie sich das anfühlt.

    „Wissen geht nicht in Erfahrung auf“
    Richtig. Aber Erfahrung auch nicht in Wissen. Sie können sich viel mit Rassismus beschäftigen – und wissen am Ende trotzdem nicht, wie sich z.B. ein Schwarzer im Angesicht einer Polizeistreife fühlt.

    (Gilt im Übrigen auch umgekehrt: Nur weil jemand schwarz ist, ist er nicht automatisch Rassismus-Experte. Und eine Schwangerschaft allein macht aus einer Frau keine Gynäkologin.)

    „Ich habe in meinem Studium viel zu Auschwitz gearbeitet. Durfte ich das, so als Goi?“
    Durften Sie. Was Sie aber trotzdem nicht machen sollten*:
    – Holocaustüberlebenden erklären, wie es sich im KZ, im Versteck oder im Exil so gelebt hat
    – Holocaustüberlebenden erklären, welche Wege des Widerstands moralisch geboten gewesen wären und welche nicht
    – heutigen Juden erklären, inwiefern sie sich wegen Antisemitismus Sorgen machen sollten
    – heutigen Juden erklären, was sie gegen Antisemitismus tun sollten

    *um mal von dem bescheuerten „dürfen“ wegzukommen. Natürlich „dürfen“ Sie auch alles machen, was ich hier aufzähle – ist ja nicht verboten. Es wäre halt nur weder sonderlich klug noch empathisch.

    „Und bei MLK soll ein Teil der Experten plötzlich von dieser Auseinandersetzung ausgeschlossen sein, weil sie die falsche Hautfarbe haben?“
    Ach so, die Weißen, die MLK jr. da auf Twitter geantwortet haben, waren alles MLK-Experten? Wusste ich gar nicht. (Und ja, in dem Fall würde man das anders betrachten.)

    „Auch die Rednecks in den Trailerparks sind ziemlich „ungehört“ (…), während Oprah Winfrey oder Barack Obama zu den prominentesten Stimmen der USA gehören.“
    Ja. Die Sprecherposition wird nicht nur von der Hautfarbe bestimmt; Klassenzugehörigkeit, Staatsbürgerschaft, Geschlecht, Wohnort und anderes mehr können da relevant sein, je nach Thema. Und zum Sprechort gehört dann auch noch der jeweilige Empfängerkreis. (Klingt komplizierter, als es meistens ist.)

    Oder nochmal kurz:
    „Trotzdem ist es zu einfach, dieses Machtgefälle in Weiß vs. Schwarz aufzulösen“
    Richtig. Und aus dieser Erkenntnis ist der – Triggerwarnung! – Intersektionalismus entstanden.

    @Mycroft:
    „Was die Unruhen betrifft, kommt es nicht mehr darauf an, was man darüber sagt?“
    Doch. Auch.

    „Ist das alles „Whitesplaning“?“
    Ja.

    „Es geht aber auch um die Frage, welche Proteste gerechtfertigt sind und welche nicht.“
    Eben. Und grade dazu dürfen Weiße auch gern mal die Klappe halten. („Dazu wird man doch wohl noch schweigen dürfen in diesem Land!“) Und ansonsten müssen sie zumindest damit leben, dass ihre Meinung als ähnlich relevant betrachtet wird wie meine Meinung dazu, was mein Nachbar in seinem Schrebergarten anpflanzen soll.

  32. @ Earendil (#36):

    Die real existierenden Verhältnisse einfach zu ignorieren und so zu tun, als seien wir schon in einer Situation, in der nur das beste Argument zählt und alle gleichermaßen sich äußern können, bringt uns der Utopie keinen Schritt näher.

    Habe ich nicht getan. Deshalb steht gleich unter der Erwähnung Habermas‘ ein „wäre“ – Konjunktiv des Irrealen. Ich sehe allerdings auch nicht, wie uns der Differenz-„Antirassismus“, wie Sie ihn vertreten, helfen könnte, aus dieser Lage je rauszukommen.

    (Gilt im Übrigen auch umgekehrt: Nur weil jemand schwarz ist, ist er nicht automatisch Rassismus-Experte. Und eine Schwangerschaft allein macht aus einer Frau keine Gynäkologin.)

    Genau. Das ist der Kern meines Arguments. Eine Weiße, die ihre Doktorarbeit über MLK geschrieben hat, kann einem schwarzen Teenager, der MLK bisher nur vom Hörensagen kennt, sicher einiges über ihn erklären. Genau das wird durch den Begriff des „Whitesplainings“ aber verschüttet – da scheint Ahnung von Hautfarbe abzuhängen.

    Ach so, die Weißen, die MLK jr. da auf Twitter geantwortet haben, waren alles MLK-Experten? Wusste ich gar nicht.

    Billig. Ich habe die Leute oben Twitter-Besserwisser genannt und mehrfach argumentiert, dass es mir nicht um den Quatsch geht, den die geschrieben haben, sondern um die Hautfarbe, an der das aufgehängt wird.

    Zu guter Letzt: Ihre Not-to-do-Liste bezüglich Antisemitismus ist eher moralisch als logisch. Wenn Sie oben schon zugestanden haben, dass eine Geburt eine Frau nicht zur Gynäkologin macht – warum sollte eine jüdische Abstammung dann jemanden zum Antisemitismus-Experten machen?

    Ich habe (als Nicht-Jude) in Göttingen Vorträge zur Kritischen Theorie des Antisemitismus gehalten. Dabei habe ich mich mit der Vorsitzenden der Jüdischen Kultusgemeinde angefreundet, die öfter im Publikum saß. Sie fand es interessant, was ich zu erzählen hatte, auch wenn wir uns nicht in allen Punkten einig waren. Später haben wir gemeinsam Aktionen gegen Antisemitismus organisiert. Den Vorwurf, ich hätte „Goisplaining“ betrieben, würde sie wohl komplett lächerlich finden.

  33. Nachtrag @Earendil:

    Mein Wissen über den Antisemitismus verdanke ich Juden wie Adorno, Moishe Postone und Jean Améry, aber auch Nicht-Juden wie Sartre und dem Adorno-Schüler Detlev Claussen. Trägt das Wissen um die Herkunft für die Erschließung der Texte irgendwas aus?

    Adorno war im Exil und Améry in Auschwitz – bei den beiden schon. Aber Postone und Claussen haben sich vor allem intellektuell mit dem Phänomen auseinandergesetzt, waren nie bedroht. Sie alle kommen zu ganz ähnlichen Analysen, trotz gänzlich verschiedener Erfahrungshintergründe.

    Analog dazu sind Texte wie die von MLK oder James Baldwin natürlich erfahrungsgesättigt. Man täte aber beiden Unrecht, wenn man sie darauf reduzierte. Es bedarf eben auch einer Menge Theorie- und Abstraktionsarbeit, um auf die Gedanken zu kommen, die sie publiziert haben. Und diese Arbeit können auch Weiße leisten – höchstens die Motivation mag eine andere sein: Unmittelbare Betroffenheit im einen Fall, mittelbares Interesse im anderen.

  34. Ein Aspekt, um dem Geschwurbel (Machtgefälle & Co.) die Realität entgegenzusetzen.
    Wer die Macht hat kann man ganz gut daran erkennen, wer in von den Medien gehypt und wer gebasht wird, wen man kritisieren und wen man nicht kritisieren darf.

    „Toxische weiße Männer“ ist nicht nur zulässig, sondern wird gehypt noch und nöcher.
    Hat schon mal jemand was von „toxischen schwarzen Männern“ gehört? Kann sich jemand vorstellen, dass einer „toxische schwarze Männer“ sagt und nicht sofort an die Wand genagelt wird?

    Das gleiche für
    – „white trash“ vs. „black trash“,
    – „alte weiße Männer“ vs. „alte schwarze Männer“
    – bei Gewaltstraftaten
    mediale Darstellung vs. statistische Evidenz.
    https://pbs.twimg.com/media/EZfWalSUwAEZjQX?format=jpg&name=large

    Das war jetzt nicht für die Vorredner, sondern nur für mögliche stille Mitleser, um aufzuzeigen dass es neben der soziologischen Echokammer noch eine andere Welt gibt.
    Man nennt sie Realität.

  35. „Nein, aber sie erkennt an, dass auch der Empathie Grenzen gesetzt sind. Ich kann mir z.B. zwar erzählen lassen, wie es ist, schwanger zu sein, ich kann dazu was lesen, kann dabei sein – und weiß dann trotzdem nicht richtig, wie sich das anfühlt.“
    Ja, aber sie „dürfen“ trotzdem Medizin studieren und Gynäkologe werden. Oder eine Meinung zu Alkohol in der Schwangerschaft haben, OHNE studiert zu haben. Und, wenn man den Vergleich zu Ende denkt, als Arzt muss man keine der Krankheiten haben oder gehabt haben, die man behandelt.

    „Es wäre halt nur weder sonderlich klug noch empathisch.“ Für Empathie kann man sich eh‘ nix kaufen – ob eine Aussage klug oder dumm ist, hängt davon ab, wie viel Intelligenz darein gesteckt wurde. „Ihr hättet Hitler erschießen sollen.“ z.B. wäre im Nachhinein eine eher triviale Erkenntnis.

    „Ach so, die Weißen, die MLK jr. da auf Twitter geantwortet haben, waren alles MLK-Experten?“ Ich bin zwar kein MLK-Experte, habe aber gelesen, dass der berühmte Bürgerrechtler MLK jr. ist, und sein Sohn, der oben bei Twitter zitiert wird, MLK III. heißt. Und die bei Twitter sind vermutlich wirklich keine MLK-Experten, aber das war ja nicht der Vorwurf.

    „„Ist das alles „Whitesplaning“?“
    Ja.“
    Nun, dann ist _jede_ Meinungsäußerung zum Thema Whitesplaining. Nicht nur solche, in denen Rassismus verharmlost und geleugnet wird, oder bei denen einem ausgewiesenen MLK-Experte die Expertise abgesprochen wird (er hat ja nebenbei gar nicht gesagt, dass sein Vater Ausschreitungen gut gefunden hätte, er hat gesagt, dass sein Vater sagte, dass politische Verhältnisse dazu führen würden), oder solche, denen mehr oder weniger zu Recht unterstellt wird, sie wollten der Antirassismusbewegung schaden.

    Aber gut, wenn alle Positionen zum Thema (pro Gewalt, kontra Gewalt, indifferent, differenziert) Whitesplaining und daher unerwünscht sind, kann ich das Thema ja komplett ignorieren.

  36. @33: Was Sie aus einem Pantelouris-Artikel lernen, ist … interessant.
    Woher kommt eigentlich die Idee, dass man Straftaten, die im Namen einer Sache, die man selbst gutheißt, begangen werden, automatisch auch gutfinden muss?
    Ich finde z. B. die Plünderungen die im Rahmen der BLM Proteste auch scheiße, so wie vermutlich 99% der BLM Protester ebenfalls. Dass da auch eine Menge agent provocateurs unterwegs waren, ist jedoch auch belegt (was keine Ausrede sein soll, aber zum Gesamtbild dazugehört).

    „Interessant“ ist, dass David Dorn jetzt zum Märthyrer des amerikanischen Polizeisystems stilisiert wird. Und interessant, wie schnell Trump darauf reagieren konnte.

  37. @39, Einvervonvielen: Ich will gar nicht auf ihr Geraune eingehen, die wahre Macht hätten ja eigentlich andere als Weiße.
    Ich gehe nur auf die von Ihnen verlinkte Statistik ein.
    Die ist irreführend und selektiv. Sie lässt nicht nur weg, dass insgesamt 3 Millionen mehr Opfer von Gewalttaten in den USA Weiße waren als Schwarze (da ja die Mehrheitsbevölkerung halt auch weiß ist) und somit natürlich auch die absolute Zahl an interracial violence entsprechend höher ist, sondern auch, dass ca 60% der Opfer Weiße, aber auch 60% der Täter dieser Straftaten Weiße waren. White-on-white violence, wenn Sie so wollen. Und trotzdem sind mit Blick auf die gesamte racial group prozentual weniger Weiße Opfer als z.B. Schwarze. Die Statistiken (die man hier nachschlagen kann: https://www.bjs.gov/content/pub/pdf/cv18.pdf, Seite 13f.) besagen eindeutig *nicht* das, was Sie darin lesen wollen. So viel zum Thema Realität.

    In einem nächsten Schritt könnte man sich nun anschauen, wie Geschlechter und Altersgruppen verteilt sind, welche incidents überhaupt aufgenommen werden (Raubüberfälle vs. police killings vielleicht), was die Gründe sind… aber das würde Ihnen Ihre rassistische Mär verhageln.

  38. @Kritischer Kritiker:
    „Analog dazu sind Texte wie die von MLK oder James Baldwin natürlich erfahrungsgesättigt. Man täte aber beiden Unrecht, wenn man sie darauf reduzierte. Es bedarf eben auch einer Menge Theorie- und Abstraktionsarbeit, um auf die Gedanken zu kommen, die sie publiziert haben.“
    Da bin ich ganz bei Ihnen. Diese Gleichsetzung von Erfahrung und Expertise, die in gewissen Kreisen gelegentlich vorgenommen wird, finde ich auch falsch. Das sind erstmal zwei verschiedene Zugänge. (Die sich, wie in den genannten Beispielen, natürlich überlappen können – eigene Erfahrung ist ja nicht selten eine Motivation, sich mit etwas genauer zu beschäftigen und dadurch Expertise zu erlangen.)

    Ich kann mich nur mit dem gegenteiligen Extrem, den Zugang zu einem Thema über eigene Erfahrung zu negieren oder geringzuschätzen, auch nicht anfreunden. Sie würden sicher abstreiten, das zu tun, aber die Tendenz sehe ich hier schon.

    Der Ausgangspunkt war ja diese Passage von Herrn Pantelouris:
    „Natürlich dauerte es nicht lange, bis er von Massen weißer Männer erklärt bekam, dass sein [MLK III*] Vater das ganz anders gemeint hatte und nur friedliche Proteste gute Proteste seien.“
    Und Sie reagieren darauf in Ihrem ersten Kommentar, dass Weiße nun wohl gar nichts mehr über MLK sagen sollten.

    In Bezug auf Expertise würden Sie vermutlich anders reagieren. Wenn sich zum Beispiel zwei Virologen über SARS-CoV-2 unterhalten, würden Leute wie Sie und ich sich darauf beschränken, zuzuhören oder/und Fragen zu stellen. Leute ohne Expertise, die mit ihrem Halb- bis Nichtwissen dort mitreden wollen, werden zu Recht schräg angesehen. (Wenn Sie schon mal öffentliche Vorträge gehalten haben, ist Ihnen diese Spezies garantiert schon begegnet.)

    In Bezug auf einen Themenzugang durch Erfahrung soll das nun komplett anders laufen? Da soll es ok sein, wenn Weiße, denen dieser Zugang zwangsläufig fehlt, auch ohne sonstige Expertise** ihren Senf dazugeben, und der soll dann unabhängig vom Erfahrungszugang ebenso wichtig genommen werden?

    „Ihre Not-to-do-Liste bezüglich Antisemitismus ist eher moralisch als logisch.“
    Naja, das Ganze hat natürlich auch eine moralische Ebene. Aber die logische Komponente ist, nicht so zu tun, als könne man mit Expertise (und vielleicht Empathie) auch gleich die Zugangsebene der Erfahrung erlangen.

    *natürlich so, danke für die Korrektur, Mycroft
    ** Denn das war ja wie gesagt der Ausgangspunkt. Die Twitterkommentare waren ja nicht in der Art „ich bin zwar kein Schwarzer, habe mich aber intensiv mit MLK beschäftigt und würde daher einwenden…“.

    @Mycroft
    „Nun, dann ist _jede_ Meinungsäußerung zum Thema Whitesplaining.“
    Nein. Aber wenn ein Weißer zu den Riots sagt „falsch so!“, müsste man einwenden: „Schön, dass du sowas nicht nötig hast. Aber ist diese Aufforderung zur Gewaltlosigkeit aus deiner Warte nicht ziemlich billig und bequem?“ Und wenn eine Weiße dazu sagt „gut so!“, müsste man ebenso einwenden: „Es ist nicht dein Geschäft und deine Lebensgrundlage, das da zerstört wird, nicht deine Nachbarschaft, die verwüstet wird, du gehst auch nicht für die Randale in den Knast und es sind nicht deine gewaltfreien Mitstreiter, die du damit noch stärker der Gefahr von Polizeigewalt aussetzt!“ Wäre also nicht in beiden Fällen Klappe halten die bessere Lösung?

    Anders (rhetorisch) gefragt: Ist es denn nicht einsichtig, dass es einen Unterschied macht, ob ein MLK oder eine weiße Vorstadtweiße zu Gewaltlosigkeit aufruft? Und ebenso, ob ein Malcolm X zu gewaltsamen Aktionen aufruft oder irgendein weißer Revoltenromantiker?

    „Aber gut, wenn alle Positionen zum Thema (pro Gewalt, kontra Gewalt, indifferent, differenziert) Whitesplaining und daher unerwünscht sind, kann ich das Thema ja komplett ignorieren.“
    Können Sie (ist ja bekanntlich auch eine Seite weißer Privilegiertheit), müssen und sollten Sie aber nicht. Statt Schwarzen Ratschläge zu geben, wie sie protestieren sollen und wie nicht, könnten Leute wie Sie und ich ja darüber nachdenken, wie die Gründe für diese Proteste und auch Randale aus der Welt schaffen kann.

    Übrigens, @beide: Schön, dass Sie hier schreiben. Ist nämlich nett, tatsächlich mal zu diskutieren, und das hilft dabei, den offensichtlichen Quatsch zu ignorieren.

  39. @Earendil: zum Virologenbeispiel – wenn sich zwei Virologen intern über die Corona-Forschung unterhalten, wäre das ein Argument. Wenn sich zwei Virologen bei Twitter oder sonstwie öffentlich über die Konsequenzen und Maßnahmen unterhalten, ist das kein rein wissenschaftliches Thema mehr, und ich „darf“ mitreden. Maßnahmen, die politisch entschieden werden und mein Leben beeinflussen.

    „Wäre also nicht in beiden Fällen Klappe halten die bessere Lösung?“ Nein.
    Falls ich contra Gewalt bin: Vllt. habe ich ein Geschäft. Vllt. solidarisiere ich mich mit Menschen, die einen Laden haben.
    Falls ich pro Gewalt bin: Vllt. will ich ja mitmachen.

    „Können Sie (ist ja bekanntlich auch eine Seite weißer Privilegiertheit), müssen und sollten Sie aber nicht. Statt Schwarzen Ratschläge zu geben, wie sie protestieren sollen und wie nicht, könnten Leute wie Sie und ich ja darüber nachdenken, wie die Gründe für diese Proteste und auch Randale aus der Welt schaffen kann.“ Ach?
    Leider bin ich nur ein weißer Mann, keine weiße Fee. Sonst würde ich erstmal den kompletten Polizeiapparat austauschen.

  40. Leider bin ich nur ein weißer Mann, keine weiße Fee. Sonst würde ich erstmal den kompletten Polizeiapparat austauschen.

    Vielleicht sind Sie doch eine weiße Fee.
    Vielleicht leben wir wieder in einer Zeit, in der das Wünschen hilft.
    In Minneapolis wurden schon die Abstimmungen dazu durchgeführt, die Polizei wird aufgelöst. Stattdessen werden neue Konzepte für die Konfliktregelung eingeführt, man weiß bloß noch nicht so genau, welche das sein werden. In der Öffentlichkeit diskutiert man jetzt, wie das dann konkret ablaufen wird, in der schönen neuen Welt.
    https://twitter.com/EddieZipperer/status/1269951088964370432

    Anstatt zu diskutieren können die einfach mal den Blick nach Baltimore wenden und gucken wie das weiterging, als die dort die Polizei aus der Stadt vertrieben haben.
    Das Ergebnis kann jeder selber googlen.
    Nur so viel: Die Verbrechensrate hat sich geändert. Ich sage aber nicht, in welche Richtung.

  41. Apropos löschen: Ich rege nochmal an, den letzten Satz in #14 zu löschen, siehe dazu #22 und Einverständnis des Erstellers in #24.

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