Dieser True-Crime-Podcast ist ein wahres Verbrechen für die Ohren

Ich habe diesen Text schon drei Mal begonnen und ihn jedes Mal wieder beiseite gelegt. Aber manchmal muss man das machen wie mit einem Pflaster. Also, schnell und schmerzhaft: „True Crime Germany“ ist furchtbar. Hier kommt alles zusammen, was durch den Podcast-Boom falsch läuft. Alles. Ja, wirklich alles.

Ich bin über diese Produktion beim Stöbern gestolpert, denn „True Crime Germany“ ist bei Spotify immerhin auf Platz 90 der Podcast-Charts. Das ist angesichts abertausender Produktionen gar nicht so übel, dachte ich. Und nachdem wir hier bei Übermedien mit deutschen True-Crime-Produktionen leider gar, gar, gar keine guten Erfahrungen gesammelt haben, war ich frohen Mutes und hoffte, eine Perle gefunden zu haben.

Was für ein Fehler. Dieser Podcast ist selbst ein „True Crime“, und zwar für die Ohren.

Monolog-Marathon

Begrüßt wird man bei „True Crime Germany“ von einer mahnend-bedrohlich-ernsten Männerstimme, die zu einem professionellen Sprecher gehört, der sonst vermutlich Werbung für herbes Bier oder zu scharfe Minz-Bonbons für Hochseefischer macht oder abgehalfterte Fernsehkommissare vertont.

Es folgt ein Musikintro, ganz gut gebaut, aber so abrupt runtergezogen, dass man als Hörer fast erschrickt über so viel unerwartete Dynamik. Die nachfolgende Begrüßung ist dann allerdings schon seeeehr gemächlich, und das war es auch mit jedweder Dynamik.

Ab jetzt reden meist zwei, manchmal drei oder vier Leute. Aber sie reden nicht miteinander, sondern irgendwie eigenartig nacheinander, der Reihe nach, zu lang, zu ausschweifend und unnatürlich. Man wirft sich hier nach mehrminütigen Monologen den Gesprächsball mit einem „Und XY erzählt euch jetzt Z“ zu, und wie man das jetzt nennen soll, weiß ich auch nicht; Gespräche sind es jedenfalls nicht. Erzählungen sind es auch nicht, Hörspiel-Szenen oder ähnliches gleich gar nicht. Es sind aneinandergereihte Monologe, auf die Spitze getrieben in Episode 40, wo von 21 Minuten Episodenlänge die Frau im Team ganze 16 Minuten lang vor sich hinredet – allein.

Nach fünf Minuten denke ich da noch: „Witzig, die trollen ihre Hörer ein bisschen.“ Nach sieben Minuten: „Okay, krass.“ Nach neun Minuten: „Sind die irre oder mutig oder was ist das?“ 15 Minuten später fällt mir auf, dass ich alles mögliche mache, aber nicht mehr zuhöre. Es geht einfach nicht. Ich habe mich gezwungen, wirklich, aber wer hier beim Hören nicht abschweift, der ist entweder Zen-Meister oder ein Android.

Raum für Spekulationen

Man muss den Machern zugute halten, dass es Versuche gibt, aus dieser Ödnis auszubrechen. Versuchsanordnung in Folge 37 zum Beispiel: Das ganze wie ein Hörbuch wirken lassen, also so ein bisschen sehr dramaturgisch lesen. Was eine bedrückende Erzählung sein soll, klingt dann leider wie ein psychopathischer Serienkiller mit Faible für altertümliche Ausdrucksweisen. Ein sehr entschleunigter Serienkiller natürlich, denn unter mehrminütigen Monologen macht man’s hier ja nicht.

Nicht besser wird das Ganze dadurch, dass das Strickmuster der „True Crime Germany“-Episoden stets ähnlich ist: Erst wird ein Fall nacherzählt. Dann folgen ein, zwei Erklärungen. Dann geht das wilde Spekulieren los. Niemand weiß irgendwas, und es wird auch ganz besonders oft betont, dass das so ist, aber der Mutmaßungen gibt es im Anschluss stets viele.

Als ich über „True Crime Germany“ stolperte, fiel mir noch etwas anderes auf. Nach 40 Episoden wurde die erste Folge neu veröffentlicht. „Reboot“ nennen die Macher das. Sie wollen das jetzt nach und nach mit mehreren Folgen machen und erklären es damit, dass diese alte Episoden nicht mehr ihrem Qualitätsverständnis entsprechen würden. Oho, denkt man sich. Sie werden doch nicht – doch schon fällt der vielsagende Satz: „Der Fall ist podcastfreundlich, er bietet viel Raum für Spekulationen“, und genau so wird es dann auch gemacht, denn es ist wirklich alles dabei, was der Spekulationszauberkasten zum „Yogtze-Fall“ zu bieten hat: italienische Mafia, Drogen, Wirtschaftsbetrug, verborgene Homosexualität, chinesische Mafia, alles kann, nix muss.

In einem anschließend eingespielten „Interview“ mit einem Kriminalpsychologen (das klingt, als ob man es vom Lautsprecher eines Handys mit einem anderen Handy aufgenommen hätte) gibt der sich anfangs zwar Mühe, mit „alles Mutmaßungen!“ auf der Bremse zu stehen. Das aber hält weder die Podcasterin davon ab, ihn immer wieder Dinge zu fragen, die der Mann nicht wissen kann, noch den Kriminalpsychologen, das Spiel zehn quälend lange Minuten lang mitzuspielen.

Und so gibt es gegen Ende dieser neuen alte Episode einen in seiner ungewollten Ehrlichkeit fast schon tragischen Dialog: „Gibt es denn 2020 irgendetwas Neues zu dem Fall? – „Leider nicht.“

Paralysierende Phantasielosigkeit

Warum man das dann macht, warum man diesen Podcast so überhaupt macht, das ist mir auch nach vielen Stunden des Hörens unklarer denn je. „True Crime Germany“ ist ein einziges Nacherzählen, ein Zusammenfassen, aber ehrlich: Wikipedia und Zeitungsartikel durchlesen kann doch jeder selbst? Nun könnte man vermuten, dass man durch das Podcasthören im Vergleich dazu viel Zeit sparen kann. Doch es ist, im Gegenteil, Zeitverschwendung. „True Crime Germany“ ist so lieblos produziert, dass man schon nach wenigen Minuten vergessen hat, was einem da gerade erzählt wurde.

Es ist die vollkommene Abwesenheit von gestalterischer Phantasie, die mich wie paralysiert vor meinen Lautsprecher sitzen lässt. Habe ich mich bei meiner letzten Begegnung mit einer deutschen True-Crime-Produktion noch darüber geärgert, wie plump man ein Käuzchen oder eine Turmuhr irgendwo reinschneiden kann, so sehne ich das bei „True Crime Germany“ fast schon herbei.

Mancher mag einwenden: Podcast darf alles, Podcasts sind eine freie Form, die sollen besser nicht zu professionalisiert sein, und dann noch irgendwas mit Entschleunigung. Ich sage: Nein. Ich sage einfach Nein. Es gibt nur eine Sache, die ihr eigener Selbstzweck ist, und das ist die Kunst. Und dieser Podcast könnte nicht weiter entfernt von jedwedem künstlerischen Anspruch sein.

All das wäre nur halb so wild, wirklich, wenn da Leute einfach ein Hobbyprojekt für sich und ein paar Fans machen würden. Aber der Anspruch, der vom „PodRiders Netzwerk“ formuliert wurde, macht diese Sichtweise unmöglich. In der Selbstbeschreibung heißt es: „Der Podcast über die größten und schockierendsten Verbrechen in der deutschen Kriminalgeschichte. Ob mysteriös, grausam oder spektakulär – spannend ist es immer.“ Das stimmt erstens nicht, und zweitens muss man auch nicht auf alles gleich „Netzwerk“, „Label“ oder sonst ein Modewort draufpacken, nur weil Peak Podcast ist.

„More of the same“ kann nicht der Weg sein, mit dem die Gattung Podcast, in der immer noch so unendlich viel Potential steckt, gesund wachsen kann. Doch leider haben die Macher von „True Crime Germany“ gerade mit dem Gegenteil begonnen. Sie machen jetzt „True Crime Austria“.


Podcast: True Crime Germany

Episodenlänge: quälend lange 30-60 Minuten

Offizieller Claim: Der Podcast über die größten und schockierendsten Verbrechen in der deutschen Kriminalgeschichte.
Inoffizieller Claim: Warum nur!?

Anspieltipp: Episode 39, 17 Minuten 20 Sekunden. Da knurrt jemandem aus dem Team der Magen. Es ist die einzige Sekunde, die mich irgendwie mit diesem Podcast verbunden fühlen lässt.

5 Kommentare

  1. Ich freue mich ja über jede Podcast-Kritik, und so ein Verriss liest sich natürlich immer amüsant. Also: Danke dafür. Aber muss es so oft True-Crime sein? Außer der Erkenntnis, dass es in diesem Genre eine Menge Mist gibt, scheint mir da nicht viel rumzukommen.

  2. Das, lieber kritischer Kritiker, will ich gern schnell beantworten: Für mich war’s das jetzt für mindestens eine ganze Weile erstmal mit dem Genre :)

  3. Dafür dass es wahrscheinlich eher ein Hobbyprojekt ist von Leuten die auch nicht nach staatlicher Unterstützung für ihren Aktivismus rufen ist es vielleicht nicht so schlecht.

  4. @LHAC: Und deshalb schreiben die in die Bio ihres „Podcast-Netzwerk“ auch so bescheiden: „Konzeption + Produktion + Beratung | Business: hello@podriders.de„, ja? Weil man das so macht, wenn man ein Hobby-Projekt ist? Come on. Die wollten dick einen auf „Netzwerk“ machen plus ein paar Businesskasper-Schaumwörter hinten ran, um auf der Welle mitzuschwimmen. Mit angeblichen 3 Millionen Hörern prahlen (wie gemessen eigentlich?), aber bei Gegenwind gleich „Mimimi alles nur Hobby“ anstimmen. Wem’s in der Küche zu heiß ist, der sollte nicht Koch werden, ganz einfach.

    In diesem Text hier stimmt jeder Satz. Traurig, dass denen das bisher noch keiner gesagt hat offenbar.

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