„Dunkle Heimat“ zeigt, dass auch das sicherste Podcast-Rezept misslingen kann

dunkle Heimat - Podcastkritik

Eigentlich ist „Dunkle Heimat“ ein Wunder. Denn die Zutaten für diesen Podcast lauten so:

  • TrueCrime plus Storytelling
  • zwei der bekanntesten Kriminalfälle der Geschichte
  • ein üppiges Team
  • das Geld des größten Privatradios des Landes.

Und obwohl diese Liste klingt, als könnte das gar nicht schiefgehen, haben die Macherinnen und Macher genau das geschafft. Sie haben zwei Staffeln abgeliefert, die nichts bringen.

„Kann man hören, muss man jetzt aber nicht“, wäre da ein naheliegendes Fazit, und ich war geneigt, „Dunkle Heimat“ mit diesem Nicht-Urteil zu entlassen. Bis ich sah, wie die Macher ihr Produkt anpriesen: Inspiriert von „Serial“, „This American Life“ und einer Reihe anderer Riesennamen der Podcastwelt. Wer die Messlatte so hoch hängt, der muss sich dann auch an ihr messen lassen.

Die Fälle Hinterkaifeck und Nitribitt

In Staffel 1 versucht das Team, einem Sechsfach-Mord nachzuspüren. 1922 wurde auf einem Hof in Hinterkaifeck im bayerischen Niemandsland eine ganze Familie und ihre Magd erschlagen, und bis heute weiß man weder, von wem noch warum. In Staffel 2 geht es um Rosemarie Nitribitt, eine Frankfurter Edel-Prostituierte, die 1957 ermordet wurde. Beide Fälle sind berühmt, und „Dunkle Heimat“ verspricht, man könne ja vielleicht erfahren, wer denn nun wirklich die Mörder waren, wenn man diesen Podcast höre.

Es fehlt diesem Podcast an Struktur, an Klarheit, an Präzision. Er fasert mitunter unerträglich aus, kommt vom Stöckchen zum Hölzchen, und man verliert als Hörer nicht nur einmal die Orientierung.

Es fehlt ihm auch an Authentizität. Ein Erzähler, der merklich ein fertiges Skript abliest, aber vorgibt, all das raube ihm schier den Schlaf? Da helfen auch die unendlich vielen künstlichen „Ähms“ und vermeintlichen Nachdenk-Pausen nichts, das wirkt unecht von vorn bis hinten.

Es fehlt an technischer Sorgfalt, an Sanftheit und Ästhetik: Wir hören irritierend harte Musikblenden, plump eingebaute Geräusche, unüberzeugend gespielte Szenen und einen Host, der mitten im Sprechen ausgeblendet wird, so dass man ihn nicht mehr verstehen kann.

Woran es „Dunkle Heimat“ aber vor allem fehlt: Erkenntnisgewinn. Denn, man mag es kaum glauben: In fast zwölf Stunden stecken null Minuten, in denen neue, eigene Erkenntnisse freigelegt werden. Stattdessen wird – sehr fleißig zwar, aber eben doch nur – zusammengetragen, was andere herausgefunden haben. Und das wird fortwährend „Ermittlungen“ genannt.

Das große Einerseits-Andererseits-Feuerwerk

Woran es diesem Podcast hingegen so gar nicht fehlt, das sind die großen Versprechungen. Man sei „durch Zufall“ auf den Sechsfach-Mord in Hinterkaifeck gestoßen, erzählt uns im Opener Berni Mayer, dessen „Recherchen“ zu folgen dieser Podcast vorgibt. Aber wie groß wird der Zufall schon sein, wenn Wikipedia unter „Verfilmungen“ gleich sieben aufzählt, die Tat in mehr als einem Dutzend Büchern verarbeitet wurde, ins Theater kam und die Vorlage für den berühmt gewordenen Roman „Tannöd“ darstellt? Mayer treibt das trotzdem um, schließlich, so hören wir, wurde der Mord in „meiner Heimat Bayern“ verübt, und da ist es auch gar nicht so wichtig, dass es von seinem Geburtsort 75 Autominuten bis dorthin sind und das ungefähr so ist, als würde jemand aus Dresden die Stadt Leipzig als „meine Heimat“ begreifen.

(Für die zweite Staffel ist die Antwort nach dem Zugang übrigens noch unterwältigender: Einer der Gesprächspartner aus Staffel 1 hat nicht nur ein Buch zu „Hinterkaifeck“ geschrieben, sondern auch eins zum Mord an Rosemarie Nitribitt. So einfach kann’s gehen.)

Und so hören wir Berni Mayer zwei lange Staffeln dabei zu, wie er fortwährend staunt, sich freut und ein großes Einerseits-Andererseits-Feuerwerk zündet. Kaum ein Wort kommt so oft vor wie „vielleicht“. Er findet ausnahmslos jeden Gesprächspartner ganz wunderbar und einen idealen Experten. Leider können diese Gesprächspartner mitunter nicht einmal ihre Antworten in Ruhe geben, weil ihnen reingequatscht wird oder oder sich der Fragesteller lieber selbst beim Referieren und Spekulieren zuhört, statt einfach nur eine Frage zu stellen.

„Dunkle Heimat“ betont oft, man wolle sich von Fakten leiten lassen, unaufgeregt und nüchtern bleiben. Doch es ist ein einziges Vermuten, Meinen und Glauben. Freundliche, überdeutliche Hinweise der interviewten Experten verfehlen jede Wirkung. Da antwortet ein renommierter Profiler auf das ihm zuvor präsentierte große Spekulieren: „Das meine ich jetzt nicht böse, aber da muss man sich von frei machen.“ Ein Statistiker empfiehlt: „Sie dürfen sich weder als Befrager noch als Journalist von Emotionen leiten lassen – das spielt überhaupt keine Rolle“. Man denkt sich als Hörer: „Endlich sagt’s ihm mal jemand!“, nur um wenig später hören zu müssen, Berni Mayer sei mittlerweile „so besessen von dem Wunsch, neue Fakten zu finden, Fakten zu schaffen (!), dass ich das Offensichtliche gar nicht mehr auf dem Schirm habe.“

Experte A sagt so – Mayer ist begeistert. Dann sagt Experte B etwas ganz Anderes – und Mayer ist erst ganz überrascht, dann aber erneut begeistert. Dann aber kommt Experte C … Diese Gestolper durch die Theorien anderer wird als Methode angepriesen: „Ich sammle alle Theorien und spiele sie gegeneinander aus. Die, die dann am Ende noch übrig bleibt, müsste ja die Wahrscheinlichste sein.“

Man möchte schreien, doch schon folgt die nächste Irritation: „Ist das so einfach? Funktioniert das so?“, zweifelt der Sprecher an, was er uns eben noch verkaufen wollte. Diese Pseudo-Zweifel sind müßig, sie suggerieren Fortschritt, wo man sich nur im Kreis dreht – und sie kommen in „Dunkle Heimat“ gleich im Dutzend vor.

Mäandernde Selbstbetrachtung

Und so sind auch die jeweils letzten Kapitel der beiden „Dunkle Heimat“-Staffeln kein großes Finale, kein logischer oder überraschender Punkt, auf den alles hinführt, sondern einfach nur eine minutenlange, schleppende, mäandernde Selbstbetrachtung. „Was hat diese Reise mit mir gemacht?“ fragt Berni Mayer sich und damit leider auch uns in Staffel 1, und erklärt – ungefragt – am Ende von Staffel 2, was er „vielleicht noch am ehesten gelernt“ hat. Nur, Überraschung: Um den Host geht es hier gar nicht! Der interessiert den Hörer gar nicht. Der hört zu, weil ihm „Ermittlungen“ zu zwei Mordfällen versprochen wurden.

Fast ein Jahr wurde an diesem „Fall“ gearbeitet, erfahren wir in Staffel 1. Wenn nach einem Jahr Arbeit so gar nichts Neues rauskommt, dann ist das gar nicht so wild, aber es müsste doch wenigstens thematisiert werden. Ein schlichtes „Ich hatte viel Spaß“ reicht da nicht.

Berni Mayer hat nicht alleine „ermittelt“, es gab ein Team. Das wäre für den Podcast gar nicht wichtig. Gern würde man einem Reporter bei einer Recherche folgen. Doch ständig hört man irgendwelche anderen Stimmen aus dem Off, nie mit Beiträgen zur Sache, stattdessen mit Sätzen wie: „Ja, für mich bitte mit Milch“, so dass man sich fortwährend fragt: Wer ist das plötzlich? Warum höre ich das?

In „Dunkle Heimat“ wurde einfach zu wenig an jene gedacht, um die es geht: die Hörerinnen und Hörer. So ist es nämlich maximal einmal witzig und genau null mal charmant, dem Sprecher dabei zuzuhören, wie er technische Probleme mit Telefon-Gesprächspartnern hat. Es geht auch nicht an, dass all jenen, die einen O-Ton in tiefstem Bayerisch nicht verstehen, gesagt wird: „Für alle Hörer, die Probleme haben, das zu verstehen, bieten wir ein Transkript auf unserer Webseite an.“

Sich selbst zum Teil der Story machen

Was „Dunkle Heimat“ treibt, sind die Geschichten. Die waren schon da. Die sind wirklich passiert. Die kann man quasi gar nicht vermasseln. Der Podcast selbst aber tut für die Geschehnisse nichts, im Gegenteil. Und er weiß das sogar selbst:

„Ich glaub’, ich verliere den Fokus. Die Trennschärfe geht mir verloren. Aber Moment! Ich recherchiere in einem Mordfall! Bei dem eine ganze Familie mit unfassbarer Brutalität getötet wurde. Also hingerichtet! Ich bin es schon den Toten, aber auch allen Hinterbliebenen schuldig, hier genau zu sein. Sehr genau sogar.“

Das ist so viel Pathos und ein solch krampfhaftes Bemühen, sich selbst zum Teil der Story zu machen, dass es mit Storytelling nicht mehr viel zu tun hat.

Was kann man „Dunkle Heimat“ zugute halten? Geschichtsvermittlung. Man lernt man doch einiges über das Leben auf dem Land zwischen zwei Weltkriegen und über die Mentalität des Nachkriegsdeutschland in den Fünfzigern und Sechzigern. Und trotz der anstrengenden Inszenierung hört man Berni Mayer ganz gern zu, mit seiner milden, sanften Art zu reden.

Was man durchaus loben kann und muss: Dass so ein Projekt überhaupt gemacht wird. Zwei Staffeln. 12 Stunden. Als Podcast, nicht als Radioformat – und dann noch von einem Formatradio. Das ist gut. Jetzt müsste es nur noch gut sein.

6 Kommentare

  1. Cooler Beitrag, insbesondere, weil das Logo plötzlich böse guckt.

    Bei Hinterkaifeck finde ich btw., dass es da schon eine sehr verdächtige Person gibt, von allen bekannten oder auch unbekannten Verdächtigen ist sie die, die nicht nur Motiv und Möglichkeit hatte, sondern auch am ehesten das sehr ausführliche Nachtatverhalten durchführen konnte, ohne Angst vor Entdeckung zu haben.
    Mindestens eine Doku zu dem Thema druckst sich da sehr drumherum, ein Podcast, das sagt: „War höchstwahscheinlich diese Person.“ hätte daher ja, anderen Mängeln zum Trotz, einen Mehrwert.

  2. @ Mycroft:

    Cooler Beitrag, insbesondere, weil das Logo plötzlich böse guckt.

    Es gibt den Podcast-Jungen schon länger in einer freundlich-angetanen und in einer neutral-lauschenden Variante. Nun scheint er zum ersten Mal ernsthaft verstimmt.

  3. Nur ein Gedanke: ENDLICH SAGT’S MAL JEMAND!

    Ich hab mich schon gewundert, wie so viele Leuten alle diese Sachen nicht auffallen können…

    Jedenfalls: total gute Analyse. Danke!

  4. Ich habe mir jetzt die erste Staffel angehört, und muss sagen ich habe das Gefühl hier wird krampfhaft versucht die amerikanische (wahnsinnig erfolgreiche) Podcast-reihe „Serial“ von Sarah Koenig nach zu ahmen. Sogar die Musik Untermalung erinnert teilweise an das „Serial“-theme. Jedoch muss ich zustimmen: die Struktur von „Dunkle Heimat“ ist so gut wie nicht existent. Es ist furchtbar schade dass es trotz der offensichtlich guten Mittel nicht gelang, einen interessanten spannenden Handlungsbogen zu spannen.

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