„Dr. Tod“ zeigt, dass Podcast-Übersetzungen eine ganz schlechte Idee sind

Es gibt kaum ein Genre im Medium Podcast, das so floriert wie True Crime. Auch bald fünf Jahre nach dem weltweiten Erfolg der ersten Staffel von „Serial“ lässt der Trend zum Nachrecherchieren und Nacherzählen von Kriminalfällen nicht nach. So hat sich das ganze Genre in den letzten Jahren ausdifferenziert, weit über die offensichtliche „Serial“-Kopie hinaus.

Die Bandbreite reicht von den journalistischen, teils investigativen, mehrteiligen True-Crime-Podcasts über reine Chroniken von Kriminalfällen bis hin zu raunenden Grusel-Nacherzähl-Podcasts. Erfolgreiche deutsche Beispiele für die Hörlust am echten Verbrechen sind „ZEIT Verbrechen“, „Dunkle Heimat“ von Antenne Bayern (hier von Marcus Engert für Übermedien rezensiert) und „Mordlust“ von funk.

Die gute Nachricht: Wer Fan des True-Crime-Genres ist, dürfte glücklich über das stark wachsende Angebot sein. Die schlechte Nachricht: Wer kein Fan ist – oder wie ich durch diese Angebotsüberflutung zum Nicht-Fan geworden ist – findet in diesem Einheitsbrei kaum noch etwas hörenswert Neues. Dafür steht auch der im August erschienene Podcast „Dr. Tod“. Er ist die deutsche Übersetzung des sehr erfolgreichen US-Podcasts „Dr. Death“ des Podcast-Netzwerks Wondery. Leider keine gelungene.

Wondery hat sich auf das Genre spezialisiert und bestimmt seit einiger Zeit maßgeblich mit, wie True Crime bei Podcasts gerade aussieht und klingt. Wer in die in diesem Jahr geschaffene Kategorie „True Crime“ bei Apple Podcasts schaut, sieht eine Armada von Wondery-Eigen- und Co-Produktionen. Leicht zu erkennen am schwarzen, düsteren Hintergrund mit schwarz-weißen Hauptmotiv und roten Versalien. Die Horrorfilm-Anmutung ist nicht unbeabsichtigt.

Zum Repertoire gehören die drei Flagschiff-Produktionen „Dirty John“ über einen betrügerischen Liebespartner, „Dr. Death“ über einen betrügerischen Neurochirurgen und „The Shrink Next Door“ über einen betrügerischen Psychotherapeuten. Dazu kommen Podcasts zu den Standard-Themen von True Crime: Vermisste Personen („The Vanished Podcast“), Serienmörder („Man In the Window: The Golden State Killer“), der Sektenführer und Mörder Charles Manson („Young Charlie“) und bekannte Kriminalfälle allgemein („Real Crime Profile“).

Wenn also jemand das Genre bis auf den letzten Bluttropfen ausweidet, dann ist es Wondery. Insofern ist es nur logisch, dass ein so großer, professionalisierter Player seine Produktionen gleich noch für verschiedene Märkte und Sprachen aufbereitet.

Aber nicht nur optisch hat Wondery mittlerweile eine fast schon genreprägende Handschrift gefunden, auch die Geschichten funktionieren meist nach bewährten Mustern. Hier mein Angebot für einen dauergültigen Teaser:

Triff Person X, die eigentlich als ganz vertrauenswürdig oder angesehen gilt. Hier ein paar erste Eindrücke. Aber das alles ist nur eine Fassade. Denn Person X ist ganz anders als sie scheint, ganz anders als du denkst: Eine Geschichte über Vertrauensverlust, Machtmissbrauch und sogar handfeste Verbrechen, mal mit weniger oder mehr Grusel- und Schockfaktor.

Die Produktionen von Wondery klingen so schablonenhaft wie ihre Podcast-Logos aussehen. Der Spannungsbogen ist schlabberig, weil er schon so oft gedehnt wurde. Die Wondery-Produktionen sind für mich das Paradebeispiel für die abgegriffene Schablonenhaftigkeit des ganzen Genres.

Dicht am Grusel

Schon der erste True-Crime-Mehrteiler „Dirty John“ 2017 von Wondery über den Betrüger John Meehan war eine oberflächliche Verbrechensgeschichte wie aus der Boulevard-Zeitung, bei dem die Lust am Sensationswert des Verbrechens häufig dominierte. Viel zu oft kippte dieser Podcast in Richtung Grusel-Unterhaltung, wenn er sich als Journalismus präsentierte. Das hat weniger mit dem Thema als mit der Umsetzung zu tun.

Der Nachfolger „Dr. Death“ war 2018 international extrem erfolgreich – in den USA sowieso, aber auch als englischsprachiger Podcast in Deutschland. Der Erfolg sorgte dafür, dass der Podcast jetzt von Wondery in gleich sieben Sprachen übertragen wurde.

Es geht um den texanischen Neuro- und Wirbelsäulenchirugen Christopher Duntsch, der so gefährlich schlecht operierte, dass seine Kollegen früh zweifelten, wo bei ihm nun die Grenze zwischen Unwissenheit und Absicht verlief. Der Podcast spürt der fragwürdigen Karriere des Chirurgen nach, den Schicksalen seiner PatientInnen, den Beobachtungen seines privaten und professionellen Umfelds. Die Serie zeichnet schließlich das Bild eines Systemversagens, das Duntsch noch das Operieren erlaubte. Trotz aller Warnsignale und zu einer Zeit, als es eigentlich längst keinen Zweifel mehr über seine Gefährlichkeit geben durfte. Duntsch wurde schließlich zu lebenslanger Haft verurteilt, wegen Körperverletzung und schwerer Behandlungsfehler an 33 PatientInnen.

Spiel mir den Podcast von „Dr. Tod“

Im US-Original ist das alles durchaus packend durch die Medizinjournalistin Laura Beil erzählt. Nicht so sehr im Stil der rasenden Reporterin Sarah Koenig und als Live-Recherche wie bei „Serial“, sondern eher wie ein ausgeruhter Magazintext, der eine lange Recherche erzählerisch zusammenfasst. Handwerklich gut, aber etwas plakativ daueruntermalt von dramatischer Musik. Muss man nicht mögen, zeigt aber: Die Wirkmacht von Originaltönen und Musik ist neben der Detailtiefe einer der Vorzüge des Podcasts gegenüber der selben Geschichte als Text der selben Autorin.

Der erste wirklich ärgerliche Bruch zwischen dem amerikanischen Original und der deutschen Übertragung geschieht ziemlich früh, bei der Einführung der Erzählerin in der dritten Minute der ersten Folge:

Original: From Wondery, I’m Laura Biel. And this is „Dr. Death“. This is episode 1: Three Days in Dallas. I’ve lived and worked for more than twenty years as as medical journalist. Although I now write mostly for National magazines, I used to work for the Dallas Morning News. I’ve been in and out a fair share of the hospitals here. We got a lot of them.

Deutsch: Das ist die Geschichte von „Dr. Tod“ von Wondery. Folge 1: Drei Tage in Dallas. Diese Geschichte wurde ursprünglich von Laura Biel, einer Medizinjournalistin aus Dallas recherchiert und erzählt. Ich werde ihnen diese Geschichte an ihrer Stelle erzählen. Ich lebe schon seit über zwanzig Jahren in Dallas und arbeite dort als Medizinjournalistin. Mittlerweile schreibe ich für überregionale Magazine, aber begonnen habe ich bei der Dallas Morning News. Ich kenne die Krankenhäuser in Dallas in- und auswendig und davon gibt es einige.

Die Urheberin ist sogar in der Übersetzung genannt, sehr vorbildlich. Aber es ist schon sehr verwirrend, einerseits erst die deutsche Stimme von Laura Beil explizit als „Ich“ auftreten zu lassen, um dann nahtlos ins Erzähler-Ich der Reporterin im Original zu wechseln. Lebt die deutsche Stimme von Laura Beil auch seit zwanzig Jahren als Medizinjournalistin in Dallas?

„Dr. Death“ und „Dr. Tod“ sind inhaltlich nahezu deckungsgleich, die deutsche Version lässt nur einige kleinere Details weg. Die englischsprachigen Interviews sind sorgfältig mit einem Overvoice von passenden deutschen Stimmen versehen, der englische Original-Ton noch leicht hörbar im Hintergrund.

Technisch lässt die Übersetzung von „Dr. Tod“ also wenig Wünsche offen: Alle Zutaten des Originals sind gut erhalten und mit Mühe übertragen, zumindest für sich allein betrachtet. Es gibt trotzdem kleinere Fehler. Beispielweise wird das Prinzip „Occam’s Razor“ wird im Titel der Episode 3 etwas eigenwillig mit „Occams Rasierer“ übersetzt. Das Wortspiel mit „Ockhams Skalpell“ dürfte im Medizin-Kontext der Serie wohl eher im Sinne der Podcast-Erfinderin gewesen sein. Ohnehin scheint mir im Deutschen die Übersetzung „Ockhams Rasiermesser“ weitaus verbreiteter.

Patient erfolgreich übersetzt, aber alle Emotionen amputiert

Aber „Dr. Tod“ scheitert nicht an den Grundlagen einer guten Übersetzung. „Dr. Tod“ scheitert daran, die Wirk- und Sogmacht des Originals ins Deutsche zu übertragen. Die Nuancen. Und für mich sind es eben die Nuancen, die Details, die Zwischentöne, die Podcasts ausmachen.

So ist mir die deutsche Stimme der Reporterin fast immer zu distanziert, zu förmlich und dann wiederum an den falschen Stellen um Lockerheit und Emotion bemüht. Dasselbe gilt für die Stimmen der Interviewten. Das ist weniger ein Scheitern der Schauspieler als des Konzepts: Schauspieler lesen einen Text. Sie können meiner Meinung nach nur daran scheitern, all die Nuancen in der Stimme einer erfahrenen Medizinjournalistin abzubilden, die über ihre eigenen Recherchen in diesem Bereich spricht.

Deswegen wirkt „Dr. Tod“ auf mich wie die deutschen Synchronisationen erfolgreicher US-Reality-TV-Formate. Dort lebt das Original auch von echter oder wenigstens echt gut konstruierter Unmittelbarkeit. In der Übersetzung wird dann eine künstliche Ebene eingezogen, die immer Abstand schafft.

Ich glaube deswegen nicht, dass sich erzählerische Podcasts in Ich-Form wirklich gut übersetzen lassen. Ähnliche Schwierigkeiten hatte ich auch im vergangenen Jahr mit „Schmutzige Geschäfte“ – der deutschen Version des US-Podcasts „Swindled“: Eine zwar vermeintlich genaue, aber eben steife, sterile Übersetzung, die dem Originalmaterial jede ursprüngliche emotionale Wirkung raubt. Da hilft dann die bedrohlich wummernde Soundkulisse des Originals auch nicht mehr, um mich als Hörer noch zu packen.

Durch die Übersetzungen mutiert der Podcast „Dr. Tod“ unfreiwillig und unvorteilhaft zum Hörbuch: Auch hier liest mir jemand Drittes einen fremden Text vor. Das ist ganz nett, das Medium und seine Prämissen sind aber anders. Die Übersetzung schafft neue künstliche Distanz zwischen meinen Ohren und der Geschichte sowie ihren Akteuren. Und das zerstört für mich eine der Stärken des Mediums Podcast: Die Nähe, die Unmittelbarkeit zwischen mir und den Erzählenden, den Beteiligten, der Geschichte. Dann doch lieber das Original.


Podcast: „Dr. Tod“ von Wondery
Erscheinungsrhythmus: bisher vier Episoden auf Deutsch, wöchentlich (US-Original: 6 Episoden + 4 Bonus-Episoden)
Episodenlänge: 30 bis 50 Minuten

Offizieller Claim: Von Wondery, dem Netzwerk hinter dem weltweit größten Hit-Podcast, kommt DR. TOD, eine Geschichte über einen charmanten Chirurgen, 33 Patienten und ein rückgratloses System.
Inoffizieller Claim: Der wenig gelungene Versuch, mit verhältnismäßig wenig Aufwand einen erfolgreichen Podcast in andere Sprachen zu übersetzen

Wer diesen Podcast mochte, sollte auch hören: Ernsthaft: das englischsprachige Original „Dr. Death“. Ironisch: die True-Crime-Satiren „A Very Fatal Murder“ und „This Sounds Serious“. Fürs Gewissen: eine der beiden Staffeln des weitaus journalistischeren „In The Dark“.

Ein Kommentar

  1. Großes Lob für die regelmäßigen Rezensionen und Empfehlungen der Podcasts! Immer angenehm sachlich, falls angebracht anerkennend, aber auch nachvollziehbar und mit Belegen kritisierend. Sehr schön, qualitativ wirklich ein gutes Gegenstück zum „Bahnhofskiosk.“

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