Der Deutsche Podcastpreis ist eine Fehlkonstruktion

Ja, es ist etwas in Bewegung. Verantwortliche in klassischen Rundfunkanstalten sehen in Podcasts endlich nicht mehr nur den bloßen Mitschnitt einer Radiosendung, sondern genau das, was sie sind: ein eigenes Genre. Spotify hat das gesprochene Wort zur zweiten, starken Säule neben dem gesungenen erklärt und pumpt zusammen mit anderen Anbietern Geld in den Markt. Die Medienseiten der Zeitungen staunen zunehmend nicht mehr nur über das Phänomen, sondern rezensieren – wie Übermedien – regelmäßig einzelne Reihen, selbstverständlich neben Features aus dem Hörfunk und vor allem TV-Produktionen. Deutschlandfunk Kultur hat sogar ein „Über Podcast“-Magazin gestartet. Podcasts sind da!

Nur der Deutsche Podcastpreis, der Mitte März erstmals verliehen werden soll, stört das schöne Bild.

Problematisch ist ausgerechnet ein eigentlich nobler Gedanke: das Prinzip der Crowd. Jede und jeder soll praktisch alles einreichen können. Der Preis ist offen für die ganze, facettenreiche Szene. Dann setzt sich eine „Crowd-Jury“ ran. Sie besteht „aus Personen mit ganz eigenen Erfahrungen und echter Expertise in der Audiowelt“. Mehr als 150 Mitglieder sollen es sein, eine Liste ist bislang allerdings nicht publiziert.

Zumindest das ist wie aus dem Lehrbuch: Die Produktionen werden aufgeteilt in sechs Kategorien, von „Bestes Talk-Team“ über „Beste journalistische Leistung“ bis „Beste*r Newcomer*in“. Dann aber kommt es zu Problemen, wie der Austausch hinter den Kulissen, aber auch offene Diskussionen einiger Jurorinnen und Juroren zeigen.

„Offengestanden überfordert mich die Auswahl ziemlich“, schreibt da eine Kollegin. „Hört ihr wirklich 700 x 5 Minuten Hörbeispiel?“ Eine Antwort aus der „Crowd-Jury“ gleicht einer Kapitulation: „Ich höre sie nicht komplett alle. Mir ging es jetzt nach den ersten 10 bis 20 Beispielen so, dass ich mit Hörbeispiel und Anreißer schon nach einer Minute einigermaßen einschätzen konnte, ob ein Podcast in meine engere Auswahl kommt.“

Realistischerweise bleibt der Jury genau das: Stichproben der einzelnen Produktionen, wenn überhaupt zwischen Job und Familie die Zeit ist, alle Einreichungen wenigstens für einen kurzen Moment anzuspielen und damit zu berücksichtigen. Wer immerhin das schafft: Chapeau!

Die nominierten eingereichten Podcasts von K bis M in der Publikumsauswahl

Ob das den Produktionen gerecht wird, muss aber dringend bezweifelt werden, zumal wenn die Jury nur Punkte abwirft, aber nicht über einzelne Produktionen streitet. Die Gefahr, einen Höhepunkt zu verpassen, der anderes überragt, ist groß. Gerade bei so vielen Einreichungen gilt es, Perlen zu fischen. Perlenfischer allerdings brauchen Ausdauer.

Außerdem darf sich plötzlich jeder stolz fühlen, der es geschafft hat, seine Datei hochzuladen. Denn: Sie alle gelten als nominiert. „Echt jetzt? Die ‚Nominierten‘ für den (neuen) Deutschen Podcastpreis sind in Wahrheit schlicht alle, die sich beworben haben?“, reibt sich da eine Kollegin, deren Herz an guten Audioproduktionen hängt, zurecht die Augen, als sie die gigantische Liste für das Publikumsvoting entdeckt. „Schade. Und schade, dass auch viele der BewerberInnen jetzt so tun, als wären sie ‚nominiert‘. Ich finde das unseriös, unnötig wichtigtuerisch und falsch – gerade in Zeiten, in denen Medienpreise in der Kritik stehen.“

Nach der Kritik ist der Hinweis, dies seien „alle nominierte Podcasts“, von der Startseite verschwunden. RTL.de feierte aber sogar gestern abend noch groß seine angebliche „Nominierung“:

RTL korrigierte das, aber der Podcastpreis freute sich über die Freude:

Der Podcastpreis ist mal als Preis aus der diversen, lange von Profis verkannten und zu Unrecht belächelten Community entstanden, ein Preis von leidenschaftlichen Menschen, die vor allem in ihrer Freizeit in Mikrofone sprechen. Nun setzen sich die Konzerne drauf. Die Amazon-Tochter Audible, Spotify, Axel Springer, öffentlich-rechtliche und private Sender professionalisieren den Preis. Das tut auch Not, denn der Deutsche Radiopreis hat Podcasts zu lange als Add-on begriffen und vor allem nur als Teil des Radios. Der Podcastpreis könnte diese Lücke füllen – wenn er es denn erst meinte.

So ehrenhaft der Versuch auch sein mag, unter dem Stichwort „Crowd“ alle zu umarmen: Engere Kriterien und eine Vorjury wären nur fair, um Brillantes verlässlich identifizieren und so tatsächlich allen eine Chance bieten zu können. Die Nominierten, erst recht die Prämierten, hätten es dann wirklich verdient.

Transparenzhinweis: Der Autor wurde auch in die „Crowd-Jury“ des Deutschen Podcastpreises eingeladen, hat sich aber dagegen entschieden (und unverschämterweise gar nicht abgesagt).

5 Kommentare

  1. Über die Einordnung meines Tweets als „Kapitulation“ ärgere ich mich. Auch, wenn ich grundsätzlich verstehen kann, dass die Menge des Materials überfordern kann (dazu später mehr): Ich persönlich will meinen Tweet nicht so verstanden wissen.

    Als Jurymitglied habe ich drei Wochen Zeit für meine Bewertungen und zu jeder Einsendung einen Beschreibungstext und ein etwa fünf Minuten langes Hörbeispiel vorliegen. Ich gehe jede Einsendung durch und sortiere zunächst aus, was schon auf den ersten Blick nicht preiswürdig ist. Das ist für die Juryarbeit übrigens kein außergewöhnliches Vorgehen: Auch Jurys, die über weniger Einsendungen entscheiden müssen, arbeiten oft mit einem Ausschlussverfahren zu Beginn: Wer ist überhaupt grundsätzlich preiswürdig? Den Einsendungen, denen ich nach Lektüre des Beschreibungstextes oder einem kurzen Reinhören ins Hörbeispiel keine Chancen einräume, hätte ich allesamt auch bei längerem Hören keine Punkte spendiert. Aber ich öffne tatsächlich jede einzelne Einsendung und schaue sie mir an.

    Die Beschreibung meines Tweets als „Kapitulation“ halte ich deshalb für unangemessen, auch wenn ich nach dieser ersten Auflage des Deutschen Podcast-Preises glaube, dass eine Nominierungskommission – ähnlich der beim Grimme Online Award – sinnvoll wäre. Eine Nominierungskommission wäre nicht nur ein gutes Mittel gegen die potenzielle Überforderung einzelner Jurymitglieder. Sie wäre auch eine Maßnahme dagegen, dass jeder beliebige Podcast behaupten kann, er wäre für den Deutschen Podcast-Preis nominiert. Die fehlende Unterscheidung zwischen „Einsendungen“ und „Nominierungen“ – was bei diesem Preis tatsächlich dasselbe ist – tut der Sache in der Tat nicht gut. Die Veranstalter des Preises haben die gesamte Liste zwischenzeitlich auch selbst als Liste „aller Nominierten“ kommuniziert. Schwierig.

    Es ist die erste Ausgabe des Preises, da sind Fehler vielleicht hinnehmbar, wenn man daraus lernt. Und meine Wahrnehmung ist zumindest, dass die Macher des Preises sehr offen der Kritik gegenüber sind, die auf sie einprasselt. Das ist doch eine Kultur, die wir uns immer wünschen. Insofern hoffe ich, dass auch dieser Übermedien-Kommentar von Daniel Bouhs eine Rolle spielt, wenn es um eine zweite Auflage des Preises 2021 geht.

    Ob ich als Jurymitglied aber fair mit den Einsendungen umgehe oder nicht, habe ich zu einem großen Teil auch selbst in der Hand.

  2. Vermutlich werden in den oberen Plätzen viele Pseudo-Podcasts zu finden sein, die sich gar nicht im Podcastplayer meiner Wahl abspielen lassen. Nicht, dass ich für guten Content nicht zahlen würde, aber bitte nicht eingekapselt in einem proprietären Dienst ohne Feed. Das sind dann letztlich nur Spotify-, Podimo- oder Sonstwas-Sendungen.

  3. @2: So siehts aus! Als ich meiner Nichte erzählt habe dass ich Podcasts mache, sagte sie is nicht so, weil es den nicht bei Spotify gibt… gab, weil is mir eigentlich egal.
    Wir sind übrigens nicht für den Preis nominiert, ich käme gar nicht auf den Gedanken ihn auch nur dort hin zu senden. Wahrscheinlich finden wir darum unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Oder eher aktuell nicht statt, da unser Server gehackt wurde und wir den erstmal absichern müssen.

    Was mir aufgefallen ist, ist das immer häufiger die Podcasts mit denen man versucht Geld zu verdienen oder Werbung für das eigene zu machen aufkommen. So richtige Hobbyprojekte werden aktuell weniger. Das finde ich etwas schade, war aber bei YouTube ja auch nicht anders.

  4. Ich glaube nicht, dass die Hobbyprojekte absolut weniger werden. Prozentual mag das sein, da die beruflichen auf den Zug aufspringen wenn er erstmal rollt (und die oft mehr Sichtbarkeit haben). Das ist doch das schöne am Internet, es ist groß genug um meinen Hobbypodcast genau so weiter zu machen, egal welche große Firma jetzt auch einen macht.

  5. Eine Merkwürdigkeit bei der „Crowd-Jury“ ist auch ihre wechselde Mitgliederzahl. Wenn man den DPP-Tweets glaubt, dann hat sich die Anzahl der Jury-Mitglieder zwischenzeitlich von 160 auf 180 erhöht, um sich dann auf 148 Mitglieder zu verringern. Die Gründe bleiben unkommentiert.

    (Ach ja – eine Liste mit den Jurymitgliedern wurde inzwischen auf der DPP-Website publiziert.)

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