Die Podcast-Kritik (17)

Ein deutsches Mini-„Black Mirror“ zum Hören

Eigentlich hätten die Vorzeichen für meinen Geschmack kaum besser sein können: „Backup – sag mir, wer du bist“ ist ein seriell erzählter Fiction-Podcast, thematisch ein bisschen Science-Fiction mit Technik-Dystopie, dazu eine überschaubare Staffel-Länge von fünf Folgen, jeweils eine gute Viertelstunde kurz.

Ich habe trotzdem lange gezögert, ob ich mich darauf einlassen soll – oder es besser ignoriere. Der Grund für meine Skepsis war der Absender: die Lufthansa. Uff. Ein „Branded Podcast“, ein Firmenpodcast, eine Auftragsproduktion eines Unternehmens. Das löst bei mir Abwehrreaktionen aus.

Nachdem ich „Backup“ gehört habe, kann ich aber Entwarnung geben: Ich bin positiv überrascht. Von einem soliden Hörspiel in Form einer Mini-Serie, die sich kritisch, spannend und unterhaltsam mit unserer Technik-Abhängigkeit und Technik-Naivität auseinandersetzt. Mit guter Besetzung. Und einem Klang, der der eigentliche Star bei „Backup“ ist.

Und die Firma, die alles bezahlt? Die spielt zum Glück im Podcast keine Rolle.

Natürlich ist „Backup“ keine Eigenproduktion der Fluggesellschaft, sondern wurde von Viertausendhertz Studio hergestellt, dem Auftragsproduktions-Arm des Berliner Podcast-Labels Viertausendhertz. Die Postproduktion übernahm ZDF Digital.

Für das deutschsprachige Hörspiel-Podcast-Angebot ist das doppelt ungewöhnlich: Bisher dominieren in diesem Bereich die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten mit ihren Hörspielen; private Anbieter tauchen kaum auf. Genauso ungewöhnlich ist es, dass ein Fiction-Podcast ein reales Unternehmen als Absender hat. In den USA sind solche „Branded Podcasts“ von und für Firmen oder Marken schon seit drei, vier Jahren deutlich gebräuchlicher.

Keine Dauerwerbesendung

Ich bin dennoch der Meinung, dass nicht wenige Vertreter dieser Podcast-Sorte das womöglich schlimmste Symptom des momentanen Podcast-Booms sind: Nicht jeder Podcast, den eine Marketing-Abteilung eines Unternehmens in Auftrag geben, haben und bezahlen will, sollte am Ende auch tatsächlich produziert werden – im Interesse des Publikums. Die schlimmsten Produktionen klingen für meine Ohren eher wie ein Dauerwerbespot, nicht wie ein Podcast für echte Hörerinnen und Hörer. Aber gut, ich bin auch grundlegend skeptisch gegenüber der These, dass Podcast-HörerInnen die idealen Werbeopfer seien und Werbeinhalte sehr bereitwillig konsumieren würden.

(Vorsichtige Spoiler-Warnung: Wer „Backup“ noch nicht gehört hat, liest ab hier auf eigene Gefahr weiter.)

„Backup“ ist ein ernstzunehmendes souveränes Hörerlebnis: In einer nicht allzu fernen Zukunft ist die Menschheit hypermobil und global unterwegs; der Verbrennermotor ist quasi verschwunden; selbstfahrende Elektroautos haben übernommen. Fast jeder Mensch trägt einen Knopf im Ohr, aus dem ein persönlicher Digitalassistent direkt ins Trommelfell spricht und auch, wie ein Babelfisch, fremde Sprachen simultanübersetzt. Auch Klara (gespielt von Marleen Lohse) trägt so einen Digitalassistenten namens Max (Nico Sablik) im Ohr, der ihr im Krankenhaus nach einem schweren Unfall hilft, sich wieder erinnern zu können. Denn Max hat aus allen Gesprächen und Erinnerungen von Klara ein Backup erstellt. Klaras Persönlichkeit und Charakter liegen also als Sicherungskopie in der Cloud – sie und Max müssen dafür angeblich nur ein paar Fragen durcharbeiten.

Währenddessen warnt Klaras sonst nicht so fürsorglicher Vater (William Cohn) seine Tochter noch am Krankenhausbett davor, dem Floh in ihrem Ohr allzu sehr zu vertrauen. Als dann auch noch eine Frau namens Mia (Barbara Stollhans) auf Biegen und Brechen versucht, in die Nähe von Klara zu kommen, ist das Dilemma perfekt: Wem vertraut Klara? Dem Vater aus Fleisch und Blut? Der künstlich digitalen Stimme, die ihr Leben in- und auswendig kennt? Der fremden Frau?

Kein perfektes Hörspiel, dafür viel Herzblut

Unterwegs gibt es viele kleine Meta-Momente, die mich zum Nachdenken und Schmunzeln gebracht haben. So versucht der Digitaleinflüsterer Max mit folgenden Worten, das Vertrauen seiner verwirrten Besitzerin zurückzugewinnen: „Ich bin in deinem Ohr, ganz nah. Hör mich, Klara. Nimm meine Stimme wahr. Spürst du meine Worte, fühlst du, wo du endest und ich anfange? Fühlst du, wo ich ende und du anfängst? Wir sind eins, Klara!“

Vielleicht ist „Backup“ nicht die subtilste Anspielung auf unsere mittlerweile selbstverständliche Abhängigkeit von Technik und Internet. Aber ich fühlte mich noch am selben Abend ertappt, als ich beim Hören wieder nach meinem Smartphone suchte. Nur um dann festzustellen, dass ich es die ganze Zeit in der Hand hatte. Womöglich wäre der Sprachassistent und Einflüsterer Max auch ein guter Podcaster geworden und hätte mit Werbebotschaften in seinem Podcast sehr erfolgreich Geld verdienen könnte. Wo wir bei auch schon bei den Podcast-Nerd-Gags sind: In „Backup“ kommt ein Podcaster namens Tilo Jung Alt vor, der für das Format „Alt und Naiv“ ein Interview führt.

Es sind solche Kleinigkeiten und diese Detailverliebtheit, die der Podcast-Serie ihren eigenen Charakter geben und viel Leben einhauchen. Sie lassen sie auch weitgehend gelingen – obwohl sie nicht perfekt ist. Manche Dialoge wirken hölzern, was möglicherweise aber auch am irgendwie dauerironischen Image von William Cohn liegen könnte. Die Plot-Twists gegen Ende sind mühsam aufgebaut, gehen dann aber in der allgemeinen Hektik der letzten Folgen leider etwas unter.

Es sind viele kleine Kritikpunkte, die „Backup“ die Bestnote kosten – besonders, aber vielleicht auch unfairerweise, im Vergleich zu amerikanischen Fiction-Podcast-Vorreitern wie „Homecoming“ oder „Sandra“ von Gimlet Media. Ich weiß schon, dass „Backup“ der erste Versuch von Autor Hendrik Efert und dem Label Viertausendhertz in diesem Genre ist – aber beide US-Produktionen haben meine Hörerwartungen einfach dauerhaft verschoben.

Realistischer 3D-Sound statt Kammerspiel

Wobei ich „Backup“ gar nicht kleiner machen will, als es ist. Denn der Sound ist bombastisch, hart an der Grenze zur Opulenz. Der Podcast wurde binaural produziert, das ist abstrakt schwerer zu beschreiben und viel besser zu erleben: Jede Stimme, jeder Ton im Podcast hat eine räumliche Anmutung, wenn man ihn mit Stereo-Kopfhörern anhört. So gibt es Momente, die klingen, als würden sie hinter meinem Hinterkopf stattfinden und für den angenehm kribbeligen Effekt des Sich-Umdrehen-Wollens sorgen. Die einzige „raumlose“ Stimme ist Max, der Digitalassistent im Ohr, der im Vergleich zu den restlichen Stimmen so noch künstlicher und unnatürlicher wirkt. Außerdem hat „Backup“ einige Szenen an realen Orten in Berlin aufgenommen. Auch deswegen klingen die Atmosphären, Räume und SchauspielerInnen im Podcast so authentisch, was die Illusion der Handlung in einer nahen Zukunft natürlich bestmöglich unterstützt.

Fans des klassischen Hörspiels müssen jetzt stark sein: „Backup“ klingt deswegen insgesamt kantiger, mutiger und eben nicht wie 08/15-Hörspielproduktionen, bei denen mehr oder weniger talentierte SchauspielerInnen in einen schalltoten Raum mit Mikrofon eingepfercht werden, um schnell ein paar Zeilen aus einem austauschbaren Skript runterzubeten, bevor alles durch die Postproduktions-Maschinerie gedroschen wird. Das ist sicherlich eine Frage der Gewöhnung und Sozialisierung, aber ich kann solchen Kammerspielen im luft- und blutleeren Raum mit den immergleichen Figurenschablonen nur noch wenig abgewinnen. Dagegen ist die Mini-Serie „Backup“ ein gutes Gegengewicht, das hoffentlich bald mit einer zweiten, noch besseren Staffel ergänzt wird.

Und die Lufthansa als Auftraggeber hat sich mit dem Podcast nicht nur ein marketingtaugliches Prestige-Aushängeschild mit Gesprächswert geleistet, sondern kann seinen Fluggästen auch noch einen Zeitvertreib für die Reise anbieten.


Podcast: „Backup – Sag mir, wer du bist“
Episodenlänge: 5 Episoden, jeweils rund 15 Minuten

Offizieller Claim: „Sag mir, wer du bist“
Inoffizieller Claim: „Hey Alexa! Sag mir, wie es wäre, wenn du, Siri und Hey Google fest in mein Gehirn einziehen würdet“

Klingt wie: Eine deutsche Folge von „Blackmirror“ zum Hören
Geeignet für: Hörspiel- & Science-Fiction-Fans auf der Suche nach einem kleinen Hör-Projekt
Nicht geeignet für: Hörspiel-Traditionalisten

Wer diesen Podcast mochte, sollte auch hören:
Für das knappe Zeitbudget: „Homecoming“, „Sandra“ und „Motherhacker“ von Gimlet Media/Spotify
Für das tiefe Abtauchen: „Alice isn’t dead“; „Wolverine: The long night“

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