Bewusst lesen

Dieser bedrohlich bescheuerte Satz „Alles Private ist politisch“, der uns seit Jahrzehnten begleitet als Motto von nichtssagenden Schlaumeiern, hat inzwischen auch jeden Bahnhofskiosk erreicht. Es gibt eine ganze Abteilung von Zeitschriften, die Ratgeber sind für den gutwilligen Menschen, der bereit ist, grünökologischveganfairversifft zu leben.

„Green Lifestyle“ ist eines dieser Feelgood-Blätter; wer anders als Georg, der feministischer denkt als manche Feministin, könnte das Heft besprechen?

Nichts weniger als „Die Wirklichkeit“ hat sich daneben die zehnte Ausgabe von „Futur Zwei“, dem „Magazin für Zukunft und Politik“ aus der Redaktion der taz vorgenommen. Also etwas für Cordt, der schon immer der Zukunft hinterher läuft.

Wilhelm, der Nonkonformist, wird sich einschalten, wenn die Begeisterung mal wieder den Blick für die Wirklichkeit trübt.

„Futur zwei“

Von Cordt Schnibben

„Magazin für Zukunft und Politik“, Quartalszeitschrift, Ausgabe 10, 84 Seiten, 7,50 Euro.

Inhalt:  fünf Essays, zwei Interviews, acht kurze Texte, 14 Seiten Kulturtipps, ein brillanter Fotoessay von Anja Weber, die der Generation FFF damit dreizehn Gesichter gibt.

Gestaltung: ruhiges Layout, Fotos!

„Wir wollen eine Welt schaffen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat“, versprach Rudi Dutschke den jungen Deutschen, die in den Sechzigern alles anders machen wollten als ihre Eltern. Auf betrübliche Art ist das Wirklichkeit geworden, ohne dass man Dutschke und seine Mitstreiter dafür verantwortlich machen kann.

Greta Thunberg und ihre Mitstreiterinnen sind angetreten, das Chaos, „das die älteren Generationen angerichtet haben, nun aufzuräumen“. In einem sehr langen, sehr aufschlussreichen Interview mit Luisa Neubauer, der Sprecherin der deutschen Fridays-for-future-Bewegung, führen sie und ihr Interviewer Peter Unfried (nicht verwandt) das schöne Kammerspiel auf, wie die Tochter dem Vater die Welt erklärt und warum es der Tochter auf die Nerven geht, mit Rudi Dutschke, Che Guevara, Angela Davis und anderen Alt-Rebellen verglichen zu werden.

Der einzige Zusammenhang ist ein Gegensatz: Die jungen Polit-Rebellen von damals kämpften für eine flauschige Utopie, eine neue Gesellschaft voller Gleichheit, Gemeinsinn und Liebe – die jungen Klima-Rebellen von heute kämpfen für einen schmerzhaften Realismus, für eine Gesellschaft, die wissenschaftliche Erkenntnisse zur Grundlage ihres Handelns macht, für das solidarische Miteinander von Menschen, die ihre Freiheit nicht verstehen als das Ausleben von Bedürfnissen zu Lasten anderer. („Ist es nicht ein Zeichen von intoleranter Überheblichkeit, wenn man glaubt, im Namen ‚der‘ Wissenschaft zu sprechen?“ / Wilhelm)

Das Interview gehört zu den sieben langen Texten in dem Heft, die alle um die große Frage kreisen: Warum haben wir die Wirklichkeit zu lange verdrängt? Und die vier Unterfragen: Warum brauchen wir Schulkinder, um die Wirklichkeit zu erkennen? Warum haben wir die Mahnungen von Wissenschaftlern überhört? Warum erkennen wir unsere eigenen Fake News nicht? Wieso haben Medien als Gatekeeper versagt? („Und wie ist es mit der Frage: Geht es auch alles etwas kleiner, Leute?“ / Wilhelm)

„Eine wissenschaftliche Bewegung“ sei die „Paris-Generation“, sagt Neubauer ihrem Interviewer, eine Bewegung von Jugendlichen, die der Generation ihrer Eltern wie Lehrer entgegentrete, „radikal unradikal“. Ihren Gegnern gehe es darum, „Menschen vor dem Klimaschutz zu schützen“, aber in Wahrheit gehe es darum, „die Menschen durch Klimaschutz zu schützen“.

Nein, „Öko-Sozialismus“ wolle sie nicht, sagt Neubauer, sie wolle nur dazu beitragen, dass „Politik und Industrie den eigenen Selbsterhaltungstrieb entdecken“ – ein Ökoreformismus, der auf die Einsicht in die Notwendigkeit setzt.

Allerdings liegen die Konsequenzen einer Politik, die den Selbsterhaltungstrieb missachte, in der Zukunft, gibt Maja Göpel im zweiten großen Interview des Hefts zu bedenken, und darum habe die Protestbewegung ein großes Problem, das sie von anderen Rebellionen unterscheide.

Göpel ist Professorin für Nachhaltigkeitspolitik, Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen und deshalb, so kann man vermuten, erfahrener im Umgang mit der Verarbeitung politischer Frustrationen. Sie plädiert für eine politische Strategie der Verbote, „weil man die Kausalität zwischen der einzelnen Aktivität von Individuen und großen Umweltschäden oft nicht abbilden kann“. Gesellschaften „sind immer durch Regeln strukturiert“. („Aber haben wir nicht eher zu viel Regeln als zu wenig?“ / Wilhelm)

„Die“ Medien, die erst durch den Streik der Schülerinnen das Klimathema wiederentdeckt haben, schwanken zwischen „Groupie-Journalismus“ und peinlichem Greta-muss-auf-die-Couch-Journalismus, wie Peter Unfried in seinem Selbstbeschimpfungsessay ausbreitet.

In allen drei Texten stellt sich zwischen den Zeilen die große fünfte Unterfrage. Nimmt man den Radikalisierungsverlauf der Protestbewegungen des vergangenen Jahrhunderts zum Maßstab, muss man sich fragen: Wohin treibt es die Ökorebellinnen, wenn ihnen klar wird, dass sich der Selbsterhaltungstrieb von Politik und Industrie in der Vermeidung des Notwendigen austobt? Oder ist das wieder dieses Denken, das „die gewohnten Erklärungsmuster aus dem 20. Jahrhundert auf die Geschehnisse des 21. Jahrhunderts anzuwenden“ (Sascha Lobo) versucht?

„Green Lifestyle“

Von Georg Schnibben

„Das Magazin für einen nachhaltigen Lebensstil“, Quartalszeitschrift, Ausgabe 3/2019, 146 Seiten, 4,90 Euro.

Inhalt: 32 Texte, 5 News-Seiten.

Gestaltung: eigenwilliges, uneinheitliches Layout.

Maja Göpel, die Nachhaltigkeitsexpertin in der Bundesregierung, hat es im Interview mit „Futur zwei“ auf den Punkt gebracht: „Ich fahr mal mit dem Auto kurz einkaufen, weil es ein Großeinkauf ist.“ Weil viele so denken würden, scheitere der radikal andere Lebensstil oft.

Ein „Magazin für einen nachhaltigen Lebensstil“ hat nicht nur dieses Problem. Es muss auch den richtigen Weg finden zwischen Journalismus, Public Relations, Service, Produktempfehlung, Schleichwerbung und Werbung. Die Leserin oder der Leser des Magazins wiederum hat ein noch größeres Problem: Sie/er muss in dieser Lawine von über hundert Produkten, über 20 Rezepten und ein paar Dutzend Lebenstipps die richtigen Ratschläge herauspicken für den eigenen Lebensstil. In jedem Quartalsheft aufs Neue.

Sie/er muss ich entscheiden entscheiden zwischen fairgenähten Handtaschen aus Ghana, Schlafsäcken aus Produktionsresten, Jacken aus recyceltem Plastik, korrekten Thermostaten, Biowandfarben, kompostierbaren Tapeten, korrekten Seifenschalen, traditionellen Gläsern, After-Sun-Spray mit Shea Butter, handgefertigten Dildos, Vibratoren mit Akkus, aluminiumfreien Deos und vielem anderen.

Die Leserinnen und Leser von „Green Lifestyle“ sollen stilbewusst, körperbewusst, zeitbewusst, umweltbewusst, ernährungsbewusst zum neuen Menschen mit allseits entwickeltem Bewusstsein werden. Auf dem Weg dahin kann ihnen Brainfood helfen, in einem der Service-Artikel werden als nützlich zur Steigerung der Hirnleistung empfohlen: Bananen, Brokkoli, Milchprodukte, Kaltwasserfische, Nüsse, Salat, Weizenkeime, Bierhefe (!),  Haferflocken. Hinter diesem Ich-mach-aus-dir-einen-neuen-Menschen-Journalismus steckt die Botschaft: durch den richtigen Konsum können Menschen sich und die Gesellschaft verändern.

„Die Macht der Verbraucher“ ist dann auch ein Interview mit Entwicklungs-Minister Gerd Müller überschrieben. „Wenn wir alle beim Einkauf darauf achten, dass die Produkte nach menschenrechtlichen, sozialen und ökologischen Standards hergestellt werden, erhöhen wir langfristig die Nachfrage und verändern Märkte.“ So weit die Theorie des Öko-Liberalismus, der so kraftlos wirkt, weil man ahnt, dass die Erde kaputt ist, bis der Markt sie gerettet hat.

Also sollte sich jede/jeder weiter als Ökoschwein sicher fühlen, das in der Welt herum fliegt und sich in seinem 360-PS-SUV verschanzt, weil man ja nur einer von 81 Millionen Bewohnern eines Landes ist, das das Weltklima sowieso nicht im Alleingang retten könnte?

Das Private ist im Zeitalter der Klimakrise auf neue Art politisch, weil die Konsequenzen von Politik das private Leben auf neue Art bestimmen – radikaler, nachhaltiger, existenzieller. Die Menschheit ist vom Holozän, der seit 12.000 Jahren andauernden Phase der Erdgeschichte, die dank klimatischer Stabilität den Menschen erlaubte, die Zivilisation zu erschaffen, ins Anthropozän gerutscht – das Zeitalter, in dem das Verhalten des Menschen den weiteren Verlauf der Erdgeschichte bestimmt.

Und das heißt im Umkehrschluss: Wer glaubwürdig das Handeln des Menschen durch Politik verändern will, kann das Private nicht länger als unpolitischen Schutzraum privater Dummheiten zum Schaden anderer verteidigen. („Wenn das dein Ernst ist, mein Freund, sollten wir dann nicht mal schleunigst unseren schönen alten Ferrari-roten Mercedes 280 SL los werden?“/ Wilhelm)

3 Kommentare

  1. ..das mit dem multiplen Leser funktioniert für mich einfach nicht; ständig das Gefühl, der Autor klopft sich auf die Schulter weil er so „meta“ ist und zugleich ist das Ganze ständig bräsig und unauthentisch, weil eben nie das Urteil des Lesers, sondern nur das Urteil eines Menschen wie der Leser ihn teilweise nachvollziehen kann durchkommt.

  2. Schließe mich Comicfreak an. Einen Versuch war es wert. Die Aufteilung der Personen auf mehrere Besprechungsobjekte scheint ja auch schon eine Fortentwicklung zu sein, die das Ganze etwas lesbarer macht.

    Trotzdem entwerten die eingeschobenen Bemerkungen / ironischen Brechungen die Heftkritiken meines Erachtens sehr. Als würde sich der Autor selbst und seiner Meinung zum besprochenen Heft so sehr misstrauen, dass vorsorglich schon mal eine Gegenmeinung in der Besprechung selbst angerissen und nicht erst von (u.a.) selbstgewissen Dauernörglern in den Kommentaren formuliert wird, aber auch ohne dass sich der „Kritiker der Kritik“ die Mühe machen muss, seinerseits eine handfeste Kritik mit eben anderer Haltung zum Besprechungsobjekt zu formulieren und damit auch zu vertreten.

    Bitte nicht falsch verstehen: Ich bin ein großer Freund von Sich-selbst-nicht-ganz-so-ernst-und-auf-die-Schippe-nehmen. Aber das auf fiktive andere Personen in sich selbst auszulagern, ist irgendwie schräg.

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