Als träfe man bei „Douglas“ zufällig die Sandra aus der 8b wieder

Wer in seinem Leben schon 48-mal die Sonne umrundet hat, der darf beim Durchblättern der aktuellen „Bravo“ im Grunde gar nichts anderes empfinden als Ratlosigkeit. Es ist gerade der Witz dieses Klassikers der Pubertätsbegleitungspublizistik, dass er Erwachsenen ein Buch mit süßen siebzehn Siegeln bleiben muss.

Wirklich unbefangen aber dürfte niemand die „Bravo“ aufschlagen. Das Heft ist mit 63 Jahren schon so lange auf der Welt wie, sagen wir, Renate Künast, Karl-Heinz Rummenigge oder Nina Ruge, die es mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls einmal in der Hand gehabt haben, sei’s neugierig und mit roten Ohren, sei’s mit spitzen Fingern und maliziösem Lächeln.

Selbst in ihren populären Glanzzeiten in den Siebzigerjahren eines Jürgen Drews, den Achtzigerjahren einer Nena und in den Neunzigerjahren der Kelly Family war die „Bravo“ immer ein guilty pleasure. Wer das Heft nicht selbst kaufte (und so zur zeitweiligen Millionenauflage beitrug), der schaute mindestens mal auf dem Schulhof hinein. Was für eine lustige neue Frisur der Limahl wieder hat, fast wie bei meinem Cousin! Wie putzig dieser Pimmel da hängt, fast wie meiner!

Die „Bravo“ war ständiges Werden und Versprechen auf Sein. Sie nahm meinen albernen Musikgeschmack (Culture Club!) ernst, da gab’s Tourtermine und Homestories. Sie nahm meinen Schwarm (Katja Studt!) ernst, da gab’s Autogrammkarten und aufregende Fotos. Sie nahm sogar meine Pickel ernst und gab mir Waffen an der Hand, um sie zu bekämpfen (Clearasil). Für kleine Jungs war die „Bravo“ ein „Playboy“ avant la lettre, für kleine Mädchen eine Proto-„Cosmopolitan“.

Nun sind die Plattenfirmen verschwunden – und mit ihr die Musikerinnen und Musiker. Es hat sich das Fernsehen als gemeinschaftsstiftendes Medium verabschiedet – und mit ihm die „Stars“. Nur Probleme und Sehnsüchte von Heranwachsenden sind geblieben – und mit ihnen die „Bravo“, auflagenschwindsüchtig wie die komplette Branche, aber immerhin.

Was steht drin?

Zunächst ist es, als träfe man bei „Douglas“ zufällig die Sandra aus der 8b wieder, und sie wäre noch genauso aufgebrezelt und aufgekratzt wie früher: „OMG, Taeyong (24) von SuperM hat sooo süße Segelohren, der war früher ja bei EXO und hat ein besonderes Talent, das Songschreiben, das kann er jetzt, bei SuperM voll ausleben, und tanzen kann er auch noch!“

Es ginge um K-Pop, weil Boybands aus dem Angloamerikanischen „sowas von Nineties“ sind, und da erfährt man von koreanischen Gruppen, die NCT heißen, auf dem „chinesischen Markt“ aber als NTC U auftreten, andernorts als NCT 127, NCT Dream oder WayV, dass also die Diversifizierung moderner Pop- der anderer industrieller Produkte in nichts nachsteht. Über dergleichen liest man sonst nur in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, das war’s dann aber auch.

Hucki ist eine Gute

Irgendwann merkt man aber beim Lesen, dass die Sandra von früher irgendwie voll okay ist, jetzt ohne Scheiß. Was vermutlich an Yvonne Huckenholz liegt, die derzeit auf dem Schleudersitz der Chefredaktion hockt. Huckenholz – oder „Hucki“, wie sie sich nennt – ist ein „Bravo“-Eigengewächs und auch schon 39 Jahre alt, obschon sie sich für ihr Editorial fotografieren lässt wie eine Elfjährige, die erste Selfie-Versuche mit dem elterlichen Smartphone macht. Hucki ist eine Gute.

„Hey, BRAVO-Community!“, schreibt sie, und dass „der Amazonas brennt“, auch „das Klima dreht durch … Die Sorgen-Liste unserer Erde ist lang. Und keiner von uns hat ein reines Gewissen“. Geht das? „Das geht gar nicht. So, wie alles zusammenhängt, ist es unmöglich, ALLES richtig zu machen. Aber wir können Veränderungen angehen.“ Müssen wir? „Wir müssen“, und zwar unserem Planeten helfen: „Let’s try!“

In Leitartikeln „erwachsener“ Publikationen steht derzeit auch nichts anderes, nur anders halt, erwachsener. Auf Seite 66 erklärt dann Felix Finkbeiner (21) von der NGO Plant-for-the-Planet, „warum die Umwelt-Katastrophe am Amazonas uns alle betrifft“. Das sind dann in der Rubrik „Wissen“ immerhin „Facts, die dich klüger machen“. Gleich auf der nächsten Seite gibt es wieder Facts, die dich dümmer machen, die „Bravo“ vernachlässigt keineswegs ihr Kerngeschäft: „5 Dinge, die nur Faule kennen“.

Welcher Duschtyp bin ich?

Und auf der Doppelseite davor erklärt Rubin Lind, „Gründer des Jahres 2018“, sein neoliberales Credo: „Wenn du etwas kannst, das gebraucht wird – mach ein Business daraus!“, den Amazonas wird’s freuen. Zwar kann auch die „Bravo“ nicht aus ihrer Haut, direkten Zugriff auf die weberelevante Zielgruppe der 12 bis 16-Jährigen zu beanspruchen. Aber den Spagat zwischen Kommerz und, jaja, Journalismus beherrschen auch vermeintlich seriösere Mitbewerber am Markt, ach, immer dieser Markt.

Unter „Trend“ gibt es nun auch Essen, pardon: „Brain Booster“ zum Reinschaufeln, „gerade wenn du am Lernen bist“, damit du, wer weiß, eines Tages der nächste Rubin Lind wirst. Unter „Test“ kann ich ermitteln, welcher „Duschtyp“ ich bin. Kontrollfreak, verpeilter Träumer, Energiebündel? Überhaupt gibt’s viel zu gucken, auszufüllen, mitzumachen, immer mit Seitenblick auf DAS NETZ. „Welche App feiert ihr mehr?“, Tiktok (37 Prozent) oder Tinder (63 Prozent)?

Auch im Zeitalter von Tinder ist ein Team namens „Dr. Sommer“ noch am Werk, will Jens (11) noch wissen, verdammt: „Wann kriege ich meinen ersten Samenerguss“; und man erinnert sich mit Wehmut an den eigenen ersten Samenerguss und daran, dieses entsetzliche Wort überhaupt erstmals in der „Bravo“ gelesen zu haben und danach nie, nie, nie wieder. Und hier ist es, als wäre nichts gewesen. Samenerguss. Man möchte es sich auf der Zunge zergehen lassen.

Wir schreiben 2019, da hat „Dr. Sommer“ satte sieben Seiten zur Verfügung und vor Pornhub und Youporn kapituliert. Keine Teenager mehr mit Selbstauslöser und putzig hängendem Pimmel, dafür Aufklärung über Transsexualität, denn da „denken viele, es handle sich um etwas Sexuelles! Stimmt aber nicht: Es geht um Identität“, wie eigentlich alles im Jahre 2019, und das ist alles ganz wunderbar.

Spürbar ist zwar, dass die „Bravo“ nicht mehr den direkten Draht zu seinen „Stars“ hat wie früher, seien es Influencer oder Hollywood-Stars. Da wird dann möglichst liebevoll ein üppig bebilderter Quatsch aus den Fingern gesaugt, etwa „Coolness-Hacks“, anlasslos inspiriert von „Spider Man“-Darsteller Tom Holland: „LOL über dich selbst“, „Komm näher!“ oder „Sei schneller …“.

Natürlich wird auch erklärt, warum Katja Krasavice eine „Boss Bitch“, warum Wavvyboi so traurig oder Apache 207 so unfassbar cool ist. Mit Why Don’t We gibt es sogar eine US-Boyband, wie es noch Handys mit Tasten gibt.

Problematisch für den 48-Jährigen allerdings wird es, wenn er die Protagonistinnen kennt. Und schätzt. Dann ist er überraschend schnell wieder zwölf Jahre alt, wenn er sich Bilder einer dann doch eher doofen Millie Bobby Brown (die umwerfende Eleven in „Stranger Things“) anschaut oder mit echtem Interesse eine Analyse von „Prof. Dr. Michael Schredl“ über die albtraumhaften Videos von Billie Eilish (17) liest. Die findet sonst, und das auch zurecht, auf dem Titel des „Rolling Stone“ statt.

Es ist also die „Bravo“ im Jahr 2019 noch immer ein tadelloses und tapferes Heft für seine Zielgruppe, vielleicht sogar ein wenig verlogener als früher. Zwar sieht man die Angst in seinen Augen vor dem Netz, man kann es sogar lesen. Was tun bei „Ghosting“, „Freckling“, „Benching“, „Fomo“ oder „Hyping“ – aber unter dergleichen digitalem Druck sollen sogar 63-Jährige zu Höchstleistungen fähig sein. Sogar dann, wenn sie ewige Kinder sind.

The kids are alright

Gerade will der Rezensent mit einem begütigenden „The kids are alright“ schließen, da schaut ihm die Realität in Person seiner achtjährigen Tochter über die Schulter, schiebt ihn beiseite, studiert kritisch den Titel und fragt: „Wer sind diese Leute?“

Dann beugt sie sich tiefer, liest, runzelt die Stirn und jubelt in plötzlichem Erkennen: „Marcus und Martinus? Die kenne ich von Youtube!“

Begeistert zerpflückt das Kind das Heft, um das das Poster der norwegischen Schlagerzwillinge (17, 17) zu kommen. Das sind die Wunder der Haptik, die Epiphanien der Leserinnen-Blatt-Bindung, gewonnene Schlachten der gezielten Ansprache. Das ist Journalismus.

Und Print wird erst dann tot sein, wenn es die „Bravo“ nicht mehr gibt.

9 Kommentare

  1. Schöner Artikel!

    Das mit dem Poster erinnert mich an Metal-Magazine, ein Magazin-Subgenre das m. E. floriert wie eh und je. Da würde ich mich ja auch tierisch mal über eine Besprechung des Deaf Forever freuen. (Da gab es sogar vor 5 Jahren richtig Melodrama, mit verletzten Eitelkeiten und Verlagsneugründungen und so).

    Aber ja, ein Poster ist ein Kaufgrund, nicht nur für 8-jähirge :D

  2. Ein herrlicher Artikel, habe selten so gelacht über die Banalitäten des Alltags. Besonders schön: den sich auf der Zunge zergehen lassen wollenden Samenerguss. Das hat fast Anja Rützel Qualitäten!

  3. ALs K-Pop Fan diese Kolumne zu lesen war amüsant, da der Autor jegliche Gruppen, Mitglieder, Promotion-Orte usw. herrlich durcheinander wirft. Da fragt man sich ob die Bravo nur halbherzig Recherchiertes druckt, oder der Autor nur überfliegend gelesen hat.

    (Ich selber lese übrigens keine in Deutsch erhältlichen Printmedien zu K-Pop, im Fanalter bin ich mit 25 eh schon ein Methusalem – vor allem wenn man schon 10 Jahre dabei ist. Gewissenhafte Fans holen sich Ihre News und Updates eh aktuell online, da gefühlt eh jeden Tag etwas passiert, Künstler X etwas postet oder Y einen Livestream hält. Da kann Print nicht mithalten, und schon gar nicht deutscher Print der ja hier auf Übersetzungen oder engl. Pressemitteilungen angewiesen ist und dann auch nicht tagesaktuell erscheint. Da sind von Fans betriebene „Fanbases“ schneller und haben oft innerhalb weniger Stunden komplette Interviews auf English übersetzt, so als Beispiel.)

    Ich glaube in dieser Sparte der Kolumne wurde auch einmal dieses eine grässliche K-Pop Magazin zerlegt, dessen Name mir nicht einfällt (aber ich sehe es oft noch am Kiosk). Schrecklich, dass sich das auch noch hält, da dieses sogar schon schlichte Falschmeldungen / Unterstellungen gepostet hat – aber die mündigen „Frischling-Fans“ wissen es ja nicht besser…

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