Gut Ding will Beile haben

Sich zu verknallen ist jenseits der Fünfunddreißig nicht mehr so einfach. Man hat kapiert, dass rumkritteln und fundiert-überhebliche Meinungen besitzen richtig viel Vergnügen macht. Erschwerend kommt außerdem hinzu: Man hat mit der Zeit herausgefunden, dass eine ganze Menge Leute harte Idioten sind, auch und besonders man selbst.

Und so wandert man denn zynisch, sich das schütter werdende Haar raufend durchs Leben und mag an nichts mehr glauben. Und erwartet auch nichts. Doch manchmal findet sich dann etwas, das einem das Herz für ein paar Stunden wärmt. Dann schaut man genauer hin – und es ereilt einen der Neid. Das ist, in aller Kürze, die Geschichte vom „Zeit Magazin Mann“ und mir.

Auf meinem Schreibtisch liegt die siebte Ausgabe, Herbst/Winter 2019. Vorne drauf mit strengem Kinn: Schauspieler Willem Dafoe, er sitzt vor einer grob verputzten Wand, hat die linke Hand, mit goldenem Ring am Ringfinger, flach auf den Brustkorb gelegt, die Beine übereinandergeschlagen, und er lächelt kein bisschen.

„Der Schauspieler denkt in seiner Wahlheimat Rom über sein Leben nach“ steht in gelber Schrift unter seinem Namen. Außerdem, dunkelorange unterlegt: „+ Mode für den Herbst“. Und oben rechts, in blauen Lettern, ganz dezent: „Neustart als Winzer auf Sizilien“ und „Désirée Nosbusch über ihre Männer“. Mehr nicht. Ich mag dieses reduzierte Cover gut leiden. Es muss nicht mit allen Themen angeben, die den Leser erwarten. Mit dieser Art der lässigen Entschlossenheit gewinnt so ein Magazin schon mal mein Herz. Und mit Willem Dafoe. Aber das spielt nur eine untergeordnete Rolle.

Kernig blickende Schauspieler, die für irgendein Produkt werben

Eröffnet wird das Magazin, den großen Modewälzern für Frauen nicht unähnlich gestaltet, von Werbebebilderung italienischer Modehäuser. Straffe Jungs in extravaganten Mänteln, Gesichter glatt-kantig, die Schuhe vermutlich aus feinstem Kälbchen-Leder, von Hand in den Tod gestreichelt. Zwischen den Artikeln dann – ganz der Zielgruppe „Arrivierter Mann“ entsprechende – Anzeigen mit stets kernig dreinblickenden Schauspielern, die für irgendein Produkt werben, das den Status betont und ein sehr dickes Bankkonto.

Überhaupt: Produkte. Die lange Fotostrecke mit dem Titel „Bestform“ stellt „neue Klassiker“ vor, vom Beinkleid bis zum Koffer, vom St…

3 Kommentare

  1. Ich finde es ehrlich gesagt peinlich, dass sich ein Magazin heutzutage noch über das vermeintliche Geschlecht des Lesers definieren muss. Wie wäre es, interessante Geschichten über Menschen zu bringen, unabhängig davon, wie es zwischen den Beinen aussieht? Gerne mit Rubriken für Penisträger:innen und Vulvienbesitzer:innen. Und mich irritiert, dass sich eine Frau ein Magazin in der Machart speziell für Frauen wünscht. Wenn sie doch schon so begeistert von den Männerthemen ist, wäre es da nicht konsequent, sich dann ein Magazin für alle Menschen zu wünschen? Im Übrigen wäre dann auch die Zielgruppe größer, wenn nicht sogar doppelt so groß.

  2. Ich stelle mir vor, was man zu „Politik und Weiblichkeit“ schreiben könnte, und ich bin nicht sicher, ob ich das lesen wollen würde, weil es so sehr nach Sparte klingt und ich mir so sehr wünsche, dass Frauen eben nicht mehr Sparte sind.

    Dazu:
    In einem hypothetischen „Zeit Magazin Frau“ wären Männer eine Sparte und Frauen die Hauptsache. Dort könnte man im Umkehrschluss über „Politik und Weiblichkeit“ schreiben, ohne dass das nach Sparte klingt.
    Außerdem ist „Politik“ generell eine Sparte wie Beile und teurer Angeberkram, insofern gilt der Vorwurf auch für „Politik und Männlichkeit“

  3. Frau Halt, falls es hilft: bin grad ziemlich neidisch darauf, wie gut Sie diese Rezension geschrieben haben. Bei der Einleitung dachte ich schon, Herr Pantelouris hätte sich mal wieder heimlich unters Volk gemischt. Klasse! (mir geht es übrigens ähnlich: da ich zur Zielgruppe des Magazins gehöre, gefiele es mir wahrscheinlich sehr viel weniger, schon deshalb, weil mich die Werbung – aus verschiedenen Gründen – zu sehr nerven würde)

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