Die Zukunft lesen

Wir erinnern uns: Im vergangenen Monat gab es Streit zwischen uns dreien. Georg, Wilhelm, Cordt – jedes meiner multiplen Ichs wollte den „Playboy“ besprechen, aus jeweils ganz unterschiedlichen Gründen. Cordt und der Nonkonformist Wilhelm gewannen schließlich und besprachen die aktuelle Ausgabe und die von September 1966; dass der Burda-Verlag danach den „Playboy“ nicht mehr mochte und die Lizenz abstoß – wer konnte das verstehen?

Georg, der feministischer denkt als manche Feministin, hatte aus Verlierertrotz „ada“ angeschleppt, das Magazin für alle, die „heute das Morgen verstehen“ wollen, und darf es nun in dieser Woche besprechen. Wir beiden anderen werden ihm ins Wort fallen, wenn er mal wieder zu laut jubelt.


„ada“

Von Georg Schnibben

Untertitel: „Heute das Morgen verstehen“, Quartalszeitschrift, Ausgabe 2/2019, 124 Seiten, davon 11 Anzeigenseiten, 8,90 Euro.

Inhalt: 19 längere Artikel, 8 Einseiter, eine Kurzgeschichte.

Gestaltung: durchgestaltetes Layout, viele schöne Illustrationen.

Zeitschriftentitel mit einem Mann, der eine Kapuze trägt und einen Roboterarm im Gesicht hat.

Es gibt vier Typen von Magazinen: Zeitschriften, die man nicht mal mit spitzen Fingern anfasst; Zeitschriften, die man nur durchblättert; Zeitschriften, die einen neidisch machen, weil man sie gern selbst machen würde; und Zeitschriften, die so sind, dass man weiß, man könnte sie nicht selber machen. („Und Zeitschriften, die so erwartbar sind, dass sie mich schon am Kiosk einschläfern!“ / Wilhelm)

„ada“ (gesprochen eida) wurde von der Kommunikationswissenschaftlerin und ehemaligen „Wirtschaftswoche“-Chefredakteurin Miriam Meckel gegründet und macht mich glücklich, satt und traurig zugleich. Mein Vorurteil, als ich zum ersten Mal von dem Magazin hörte: Aha, wohl ein Blatt über künstliche Intelligenz und Digitalisierung mit einem wahnsinnig zukünftigen Wortschwall, der einen blöd und benommen zurücklässt. Mein Urteil: ein Wortschwall, der wahnsinnig gut die Brücke schließt zwischen dem, was man weiß, und dem, was man alles so wissen möchte/sollte/müsste. („Zeitschriften über die Zukunft, wie lassen die sich eigentlich von der Dok überprüfen?“ / Cordt)

Fünf Beispiele. Erstens. Die Titelstory, auf dem Cover leider nichtssagend und gruselig präsentiert, ist eine intelligente, gut informierende Übersicht über den Stand des Duells zwischen Mensch und Maschine. Duell? Da geht es schon los, der Mensch sollte nicht versuchen, aus Maschinen Menschen zu machen und sich selbst Fähigkeiten von Maschinen aufzuzwingen.

Schlagzeile: "Mensch? Unbedingt", daneben eine joggende Frau mit pixeligem Schatten

Die Hauptthese: Der Mensch müsse im Umgang mit intelligenten Maschinen sein Monopol über die Ratio, über die letzte Entscheidung und die Verbindung von Physis und Psyche pflegen, in dem er nicht Maschinenlogik folgt, sondern Sinneserfahrungen kultiviert. Wie genau? Bitte den Text lesen!

Zweitens. Die Reportage aus Finnland beschreibt, wie man schon Vierjährige spielend ans Programmieren heranführt. („Da bin ich raus!“ / Wilhelm) Seit 2016 lernen alle finnischen SchülerInnen ab der ersten Klasse coden. Wer das Pech hat, die Schule schon hinter sich zu haben, kann über einen kostenlosen Online-Kurs die Grundlagen künstlicher Intelligenz lernen.

Wie funktionieren Filterblasen?

Ziel ist es nicht, alle StaatsbürgerInnen zu ProgrammierInnen zu machen, aber jeder soll beispielsweise verstehen, wie Filterblasen in sozialen Netzwerke funktionieren, um als Staatsbürger funktionieren zu können. („Ist es so eine Art neue Staatsbürgerpflicht, nur als Online-Bürger bist du noch vollwertig?“ / Wilhelm) Jeder/jede soll verstehen, ob es verantwortbar ist, Fährverkehr von autonomen Schiffen erledigen zu lassen. Soll entscheiden können, ob man Gefängnisinsassen damit beauftragen sollte, selbstlernende Algorithmen zu trainieren. („Da ergeben sich ganz neue Felder von Netzkriminalität!“ / Cordt)

Schlagzeile: "Willkommen in Phygitalien"

Drittens. Der Report über das digitale Coming out von Traditionsfirmen wie Miele und IKEA beschreibt mitfühlend, wie weit die Digitalisierung über Waschmaschinen und Regale künftig in unsere Waschküchen und Wohnzimmer vordringt. Und wie eng die Weiterentwicklung von Produzenten verbunden ist mit der Weiterentwicklung der Konsumenten.

Wer sich als Konsument an den komfortablen Rund-um-Service von Tech Giganten wie Apple oder Amazon gewöhnt habe, suche diese „Rundels“ auch bei Firmen wie Nike (Rundel für Fitness), Rewe (für Lebensmittel) oder IKEA (fürs Leben zu Hause). Rund um ein Produkt und sein Versprechen einen digitalen Kosmos entwickeln, das müsse zur Überlebensstrategie vieler Unternehmen werden – die meisten Verlage zum Beispiel haben das noch nicht begriffen. („Da kann ich mitreden!“ / Cordt)

Wieso tun sich Verlage so schwer mit der Digitalisierung?

Viertens. Im Gespräch zwischen der Bertelsmann-Erbin Brigitte Mohn und der Investorin Jeanette zu Fürstenberg versteht man, warum gerade Verlage sich so schwer tun mit der eigenen Digitalisierung. Auf der zweiten und dritten Managementebene entscheide sich, wie schnell sich ein Unternehmen erneuere und da reiche oft eine Person, um ein Projekt komplett scheitern zu lassen. („Oh, ja!“ / Cordt)

Fünftens. Jedes Heft braucht mindestens einen Text, der so unerhört ist, dass er die Hirne des Lesers in einen Flipperautomaten verwandelt, in dem tagelang eine Kugel Geistesblitze verursacht. („Migräne?“ / Wilhelm)

Zitat von Osh Agabi: "Das beeindruckendste Naturwunder ist das menschliche Gehirn. Alle verfügbare Technologie ist primitiv im Vergleich zum Menschen. Neurowissenschaften sind eine Goldmine."

Schon mal was von Produkten gehört, die lebende Zellen mit Elektronik verschmelzen, schon mal was über Maschinen gelesen, die riechen können? „Koniku Kore“ heißt diese Schöpfung mit neuronalen Netzwerken, sie sieht aus wie eine gefrorene Qualle, identifiziert am Flughafen gefährliche Stoffe oder im Krankenhaus Krebszellen. Und ihr Schöpfer, der Nigerianer Osh Agabi, sieht einen 390 Milliarden-Dollar-Markt vor sich. („Ist das der, der schon vor zwei Jahren auf einer TED-Conference seine Zukunft beschrieben hat?“ / Cordt)

Weshalb ist die Bahlsen-Erbin mehr als eine ignorante Millionärin?

Schon satt? Noch mehr Empfehlungen aus dem Heft? Wollen Sie wissen, warum die Bahlsen-Erbin mehr ist als eine ignorante Millionärin, die sich zu wenig mit der Firmengeschichte des Unternehmens beschäftigt hat? („Sie hat sich entschuldigt, oder?“ / Wilhelm). Warum LSD gerade das heiße Ding unter Leuten ist, die schlauer sein wollen als die schlaueste künstliche Intelligenz? („Würde ja mal gern Microdosing ausprobieren, aber im Text fehlen die Namen der beiden deutschen Coaches!“ / Cordt) Oder warum die fehlende Kohärenz der medialen Öffentlichkeit eine Folge von Digitalisierung und eine Gefahr für Demokratie es? Schluss jetzt, hinaus zum Bahnhofskiosk!

Warum mich „ada“ traurig macht? Weil ich begreife, dass ich zu blöd bin, das Heft zu machen. Und weil ich bald zu alt sein werde, um all das zu erleben, was sich im Miteinander und Gegeneinander von Mensch und Maschine verändern wird im Leben. „Ada“ macht Zukunft so schmerzlich greifbar, dass man sie schon jetzt zu vermissen beginnt. („Ist das ein Rückfall in deine Zeit als Werber?“ / Cordt)

Gruppenbild von mehr als 100 ada-Fellows bei einer Veranstaltung in Essen

Voll skeptischem Neid blicke ich auf Seite 102/103 in die Gesichter von 450 „ada“-Fellows, die von Firmen wie Allianz, Henkel oder Lufthansa entsandt wurden, um auf die Zukunft besser vorbereitet zu sein als ich und meine 82 Millionen Landsleute. („Ich bewundere das Talent, eine Idee zu haben, die so gut ist, dass sie Geldgebern keine andere Chance läßt, als Geld zu geben!“ / Wilhelm) Die Fellows bekommen schneller und bessere Informationen aus der Zukunft, hören Vorträge, durchlaufen „ein interdisziplinäres, berufsbegleitendes Programm“, arbeiten „an gemeinsamen Projekten“ und können „in Live-Videos in persönlichen Austausch kommen mit der „ada“-Redaktion“.

Was muss ich tun, um mich künstlicher Intelligenz zu stellen?

Die Mission der Fellows: Aus „dem Land der Dichter und Denker ein Land von 80 Millionen digitalen Pionieren“ zu machen. Das ist das Rundle von „ada“, ein Magazin als Plattform eines Zukunftskosmos. („Puh, das ist nun aber der Wortschwall, vor dem du gewarnt hast!“ / Wilhelm).

Der Trost, das sind die vier Ratschläge, die App-Erfinder Andy Puddicombe („Künstlername?“ / Cordt) per Interview allen gibt, die sich der Konkurrenz durch künstliche Intelligenz stellen wollen. Erstens: viel schlafen. Zweitens: viel Sport. Drittens: gut kochen. Viertens: kreativ spielen. Und, so möchte man ergänzen, fünftens: „ada“ lesen – das Magazin für alle, die unter FOMO leiden.

2 Kommentare

  1. Gute Kolumne, macht definitiv Lust auf das Heft!
    Zwei Tippfehler allerdings:
    „und die Lizenz abstoß“
    „eine Gefahr für Demokratie es“

  2. Kann mich dem nur anschließen: Toll geschrieben, macht Lust und neugierig. Ich werde mir das Heft holen! :)

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