Alles, was Männer lieben: Hasen und Interviews

Diesmal gab es Streit zwischen uns dreien. Georg, Wilhelm, Cordt – jedes meiner multiplen Ichs wollte den „Playboy“ besprechen, aus jeweils ganz unterschiedlichen Gründen.

Cordt hatte die amerikanische Ausgabe von September 1966 im Netz entdeckt; Wilhelm, der Nonkonformist, konterte mit der deutschen Ausgabe von Juli 2019; Georg, der feministischer denkt als manche Feministin, argumentierte, den „Playboy“ könne man – wenn überhaupt – nur noch als sterbendes Blatt einer aussterbenden Männer-Spezies würdigen. Klar, Georg verlor und schleppte aus Trotz „ada“ an, das Magazin für alle, die „heute das Morgen verstehen“ wollen. Um ihn zu beruhigen, versprachen wir ihm, dass er „ada“ in vier Wochen besprechen darf; aber natürlich lässt er es sich nicht nehmen, uns beide schon jetzt zu kommentieren.


„Playboy“

Von Cordt Schnibben

„Entertainment for Men“, Monatszeitschrift, amerikanische Ausgabe September 1966, 288 Seiten, davon 136 Anzeigenseiten, 26 Euro, gekauft über Amazon.

Inhalt: 8 längere Artikel, 4 Erzählungen, 3 Fotostrecken, 20 Seiten Kulturtipps

Gestaltung: wenig Fotos, textlastig, viele Cartoons

Ende der Sechziger war ich von meiner antiautoritären Hippie-Phase viel zu schnell in die todernste kommunistische Phase rübergerutscht und hatte mir eingeredet, LSD sei nichts für Menschen, die die Welt verändern wollen. Außerdem war der Sprecher unserer Aktion gegen die Fahrpreiserhöhung bei der Bremer Straßenbahn nachts nackt in den Bäumen der Wallanlagen aufgegriffen worden. Er hatte von einem Trip nicht zurück gefunden und blieb in der Psychatrie.

Weil ich 50 Jahre später beschlossen hatte, alle entgangenen Trips nachzuholen, im Netz auf Timothy Leary und sein berühmtes Interview im „Playboy“ stieß und das Heft bei Amazon bestellen konnte, liegt es nun auf meinem Schreibtisch. Es kam eingeschweißt in Cellophan und roch nach feuchtem Keller („Und du hast immer so über Amazon gelästert!“/ Wilhelm)

Auf dem Cover: Ein männlicher Hase in Jeans und Pullover hält ein Schild mit dem Gesicht einer lächelnden Frau („Wir sind im prüden Amerika der Sechziger!“ / Wilhelm). Gleich zum Wesentlichen: Nackte Brüste gibt es auf acht Seiten, es sind Reportage-Fotos aus Topless-Bars; auf drei Seiten Centerfold mit „Miss September“; auf sechs Seiten im Artikel „History of Sex in Cinema“, und auf vier Seiten in einem Porträt des Starlets Jocelyn Lane.

Eine deutsche Ausgabe des „Playboys“ erschien erst von August 1972 an, wer als junger, deutscher Linker unbekleidete Frauen schauen wollte, kaufte sich „konkret“ oder besuchte Porno-Kinos – das galt als Aktion gegen das bürgerliche Spießertum („Bumsen für die Diktatur des Proletariats!“/ Wilhelm)

Auch in den zwei Dutzend Cartoons des Heftes tummeln sich Frauen mit Pin-up-Brüsten, aber die beherrschenden Formate im amerikanischen „Playboy“ sind Reportage, Essay, Kulturtip, Report und – tatsächlich – das aus „Playboy“-Witzen bekannte „Playboy“-Interview. Es zieht sich über 25 Seiten (mit zwölf Seiten Anzeigen dazwischen). Dieses Interview mit dem LSD-Zampano Timothy Leary ist eines der besten Interviews, die ich je gelesen habe („War Leary nicht vollkommen durch geknallt?“/ Wilhelm).

Bis 1963 war Timothy Leary Dozent für Psychologie in Harvard; er wurde entlassen, weil er für den freien Zugang zu psychedelischen Drogen eintrat und vielen Künstlern, Intellektuellen und Studenten LSD verschaffte. Er wurde mehrfach verhaftet, saß Strafen ab und brach aus dem Gefängnis aus. In Pop-Songs setzten die Beatles, The Who, The Moody Blues und andere ihm ein Denkmal.

„Wir besuchen ihn,“ so endet das Intro des Interviews mit Leary, „als er gerade in der Küche des 64–Zimmer–Hauses vor Gästen Hindu-Morgengebete rezitiert“; zusammen gingen Leary und die „Playboy“-Redakteure in die Bibliothek im dritten Stock, durchquerten den Raum, kletterten durch ein offenes Fenster auf das Blechdach, machten es sich auf einer Matratze bequem; „Leary öffnete sein Hemd der warmen Sommersonne, stützte seinen nackten Füße gegen die Schindel, lauschte dem Vogelgesang und wandte sich schließlich um, bereit für die erste Frage.“

Und die erste Frage? „Wie oft haben Sie LSD genommen, Dr.Larry?“ Und die Antwort? 311 mal. Es folgen 97 Fragen, die alle meine Fragen zu LSD beantworten. Wie stellt man LSD her, wie lange dauert ein Trip, wie verändert LSD die Sinne, wie ist der LSD-Sex, ist LSD ein Heilmittel, wie gefährlich ist LSD, wie kommt es zum Horrortrip, wie tief führt LSD ins Unterbewusstsein, hilft LSD auf dem Weg zum neuen Menschen, was bewirkt das Verbot?

Eine Zeitschrift, die über Jahrzehnte eine Gesellschaft begleitet und spiegelt, gibt Auskunft über Zeitgeist, Moral, Moden und Hoffnungen. In diesem „Playboy“ Mitte der Sechzigerjahre spiegelt sich eine männerdominierte Gesellschaft zwischen Prüderie und sexueller Revolution, eine heterosexuelle Gesellschaft, in der man erörtert, ob Homosexualität durch LSD geheilt werden kann, eine müde Gesellschaft, in der man sich von Drogen eine Bewusstseinserweiterung erhofft („Alice in Wonderland“ / Georg)

Der „Playboy“ wirkt wie ein Katalysator, wie ein Magazin des männlichen Diskurses auf der Suche nach neuen Antworten. Die Hälfte der männlichen Studenten würden „Playboy“ lesen, behauptet eine Eigen-Anzeige im Heft.

Die Anzeigen sind Teil dieses Diskurses, sie spiegeln die Hochphase der Mad-Men-Branche, die mehr sein will als Reklameproduzent und dabei Anzeigen produziert, die im besten Fall kleine Kunstwerke der Kommunikation sind. Wie die Anzeigen kommunizieren, das wird zum Vorbild für die deutsche Werbung in den Siebzigern; was sie kommunizieren, ist natürlich hübsch banal: die Bügelfreiheit der Hemden, die Farbpalette von Socken, die Bügelfalte der Jeans, die Pferdestärke von Motorrädern, den Geist von Wodka.

Es ist jene phantastische Zeit, in der es schien, als könnten Printmagazine immer dicker und besser werden, als gäbe es Sex ohne Aids, Frauen ohne Selbstbewusstsein, Konsum ohne Dreck, Drogen ohne Tote, Wachstum ohne CO2– Problem („Waren wir wirklich so blöd optimistisch?“/ Wilhelm)

Es ist die Zeit, in der man sich noch nicht fragen musste, ob die Brüste der „Playboy“-Hasen echt sind, und jeder Mann mit dem „Playboy“ unter dem Arm herum laufen konnte, ohne sich blöd vorzukommen. („Der Satz hätte von mir sein können“/ Georg)


„Playboy“

Von Wilhelm Schnibben

„Alles, was Männer lieben“, deutsche Ausgabe, Juli 2019, 130 Seiten, davon 6 Seiten Anzeigen, 6,90 Euro

Inhalt: 3 längere Artikel, 3 Fotostrecken, 18 Seiten Kurztexte

Gestaltung: Hochglanz, gute Bildsprache

Zugegeben, es ist inzwischen die Zeit, in der man in den Augen der jungen Zeitschriftenverkäuferin sehen möchte, was sie von einem Mann hält, der den „Playboy“ kauft („Oder lieber nicht?“/ Georg). Sie scannt, kassiert und schaut in die Tiefe des Bahnhofskiosk. Antonia Michalsky blickt mir in die Augen, ich kenne sie nicht, da ich die Vorabend-Serie „Unter uns“ nicht schaue. Ich schaue lieber „Köln 50667“ („Das ist doch die Serie, in der alle Schauspieler entweder Alkohol ausschenken oder Alkohol runter kippen“./ Georg).

Cover-Antonia hat die Hände vor ihren nackten Brüsten, kniet, hat den Mund leicht geöffnet und schaut so ausdruckslos wie die Models bei „GNTM“, denen Heidi Klum gern kreischend an den Kopf wirft, sie hätten keine „Attitude“.

Es ist inzwischen die Zeit, in der man sich über alles Mögliche lustig machen könnte, wenn man durch den „Playboy“ blättert. Er ist magersüchtig dünn (130 Seiten), hat schwachbrüstige sechs Anzeigenseiten und nur zwei Artikel mit beachtlicher Oberweite. Es ist inzwischen die Zeit, in der man sich über diese vollkommen unlustige anzügliche Sprache schon nicht mehr lustig machen kann, aber sie taucht im „Playboy“ und „Bild“ und sonstwo immer dann auf, wenn es um halbnackte Frauen geht. („Was ist mit dir los, ist dir doch sonst egal!?!“/ Georg).

Die drei Fotostrecken über Antonia, das Juli-Playmate Marie Rauscher und das amerikanische Playmate Olga de Mar, die sich auf dem Tennisplatz nackt ausstellt, „weil ja bald Wimbledon losgeht“, füllen ein Viertel des Heftes („1966 zeigten nur sieben Prozent der Seiten“ Fotos von nackten Frauen“ /Cordt).

Wer wie ich hin und wieder Pornos im Netz schaut, wundert sich darüber, dass es heutzutage noch Männer gibt, die diese Soft-Erotik aufregend finden. Wenn es stimmt, dass Zeitschriften, die jahrzehntelang ihre Leser finden, ein Seismograph sind für Zeitgeist und Veränderungen von Moral und Werten (siehe Text über den „Playboy“ von 1966), dann zeigt auch dieses „Playboy“-Heft von Juli 2019, was sich zwischen den Geschlechtern und in der Gesellschaft verändert.

„Alles, was Männer lieben“ – das sind in diesem Heft erfolgreiche Winzerinnen und das erste reine Frauenteam des deutschen Motorsports; das sind Frauen, die was gegen Flugreisen-Machos haben; das sind Frauen wie die Schauspielerin Charlize Theron, die sagt: „Ich lebe lieber allein, als mich mit jemanden zu ärgern, der mir nicht erlaubt, so zu sein, wie ich bin.“

„Alles was Männer lieben“ – das sind in diesem Heft Männer, die wie der Schauspieler David Howard keine Kinder wollen, „weil die Welt in 15 Jahren untergeht“. Das sind Männer wie der Gitarrist Carlos Santana, der den Aufstand der Kids gegen die Klimakrise „toll“ finden: „Die machen mir richtig Mut, dass die Menschen doch etwas lernen“. Und das sind Männer wie der Porno-Comic-Veteran Milo Manara, „der Erotik nutzen möchte, um den richtigen umweltbewussten Umgang aufzuzeigen“.

Der „Playboy“- Leser als Avantgarde von Männern, die sich starken Frauen unterwerfen, Kinder bejubeln, Maschos verachten und lieber ökologisch leben? („Die passen sich doch nur an, weil sie Schiss haben.“/Georg)

„Als ich im Jahr 1968 anfing“, sagt Manara im Interview, „war das Thema Erotik noch subversiv geladen. Diesen befreierischen Wert hat sie heute verloren“ („Welchen Wert hat Erotik denn noch?“/ Cordt). Und der „Playboy“-Chefredakteur fragt im Editorial des Heftes: „Wann genau ist aus Sex, Drugs and Rock ’n‘ Roll eigentlich Laktoseintoleranz, Veganismus und Helene Fischer geworden?“ Und er endet mit dem Satz: „Lang ist es her, dass eine Horde blässlicher und verzottelter Außenseiter erschöpft in eine tobende Menge brüllte: ‚I hope I die before I get old!‘

Es wäre schlecht für die Auflage, wenn die „Playboy“- Leser sich das zu Herzen nehmen. Mitten im Heft lernen wir einen von ihnen kennen, Johann Fraunhofer-Meister hat sich zusammen mit 40.000 anderen Lesern an der Wahl zur „Playmate des Jahres“ beteiligt, hat auf den richtigen Hasen gesetzt und den mattgrauen Abarth 595 turismo gewonnen. Dieser Chef einer Baufirma umarmt das Playmate des Jahres etwas linkisch, aber sonst ist nichts gegen ihn zu sagen.

Man kann sich vorstellen, dass er für 1190 Euro auch das „Gentlemen’s Weekend“ des „Playboy“ bucht, ein Fünf-Tage-Trip rund um Wildwasser-Rafting, Auto-Test, Playmates gucken, Trachten probieren und Cognac testen. Und wenn der „Playboy“-Leser dann doch mal genug hat von der endlosen Hasenjagd – dann bucht er den „Playboy-Junggesellen-Abschied“, der ist „maßlos und stilvoll, aufregend und außergewöhnlich, unzensiert und unvergesslich“.

Was fehlt noch? Das Ehepaar, das dem verunsicherten „Playboy“ sagt, wie er verhindern kann, doch irgendwann wieder allein im Gentlemen’s-Weekend-Hotel herum zu hängen. Diese Rolle haben Collien Ulmen-Fernandes und Christian Ulmen übernommen, weil sie in der Fernsehserie „Jerks“ ein Paar in Scheidung spielen. Ihr gemeinsames Interview ist der Höhepunkt des Heftes, obwohl man sich wünscht, sie hätten vorher LSD genommen.

Vermutlich wäre der „Playboy“-Leser auch Collien Fernandes lieber auf den 14 Seiten begegnet, auf denen sich ihre Kollegin Antonia Michalsky zeigt. („Du Machokritiker!“ / Georg) Auf dem Interview-Foto sieht Collien aus, als wolle sie schnell abhauen, während Ulmen professionell die Hand auf die Schulter der Redakteurin („Erstaunlich viele Frauen im Redaktionsteam des Männermagazins!“/ Georg) gelegt hat. „Was sollen wir im ‚Playboy’“, wird Collien ihren Christian gefragt haben, als die Anfrage kam. „Wieso, auch ‚Playboy‘-Leser gucken Jerks, am 18. Juni fängt die dritte Staffel an,“ wird Christian geantwortet haben, „nun mal los!“

Man hat den angstlosen Humor von Christian Ulmen im Ohr, wenn man das Interview liest, und den schnodderigen Sound von Collien Fernandes, darum funktionieren die beiden als Berater für zweifelnde „Playboy“-Männer. Christian sagt: Ich fahre besser Auto, am Steuer bin ich ein zorniger Mann, ich grille, sie macht den Salat, sie ist der peinlichste Mensch, den ich kenne.

Sie sagt: Angst vor Krankheit ist bei ihm das Stärkste. Ich bin keine Feministin. Er nennt mich fette Eule.

Und der „Playboy“-Mann wird denken: Wenn das so läuft in der Ehe, dann kann ich ja doch mal heiraten.

3 Kommentare

  1. Wenn man aus der jetzigen Form dieser Kolumne eines wirklich gut präsentiert bekommt, dann, dass das vielleicht größte Problem des klassischen Journalismus die atemberaubende Eitelkeit zu vieler seiner Vertreter ist; gepaart mit dem offensichtlichen Fehlen jeder Selbstwahrnehmung darüber, dass die ungenierte Darstellung dieser Eitelkeit auf die meisten Rezipienten außerhalb journalistischer Blasen, ob Handwerker oder Bildungsbürgertum, nicht mehr als befremdlich bis lächerlich wirkt.

  2. @1: Wieso nur auf Rezipienten außerhalb des Journalismus? Aber gut, Spiegel- und Ex-Spiegel-Mitarbeiter sind eben die Götter der Branche, die dürfen das. Auch wenn mein Vorschlag wäre, sie sollten solche Texte eher ihrem persönlichen Tagebuch anvertrauen, das nach ihrem Dahinscheiden hoffentlich niemand finden wird…

  3. #2:

    Ja Sie haben natürlich Recht, Verzeihung. Ich kenne ja selbst genug Kollegen, denen entsprechende Vertreter ihrer Zunft peinlich sind. Das meinte ich mit „Blasen“, aber es steht doch etwas missverständlich da. Sei hiermit korrigiert.

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