„EI am what EI am“: Ostern unter Selbstoptimierern

Es ist Freitag, spätnachmittags, und wie die restliche Welt treibe auch ich mich am Münchner Hauptbahnhof herum. Eine Leberkässemmel unter den einen Arm geklemmt, eine Flasche Bier unter den anderen, lasse ich mich hineinziehen in die immer viel zu volle Bahnhofsbuchhandlung, wo ich erstmal mit dem Rucksack einen Stapel Magazine abräume und einen Menschen vom Motorsportregal vertreibe, das eigentlich das Tittenheft-Regal ist.

Es ist eng, es ist zu heiß für Mitte April, und mein Schal, den ich mir vom Hals gerissen habe, schleift auf dem Boden. Ich stehe raffend und schwitzend vor dem Regal mit den richtig guten Tipps fürs richtig gute Leben, und weil ich entkräftet bin und nicht Herrin meiner Sinne, greife ich nach „Ma Vie“, die mir verspricht, dass sie mir etwas über INNERE STÄRKE erzählt. Scharf, denke ich. Oh, innere Stärke, denke ich. Während ich mich zur Kasse durchboxe und zum Gleis schieben lasse.

Der Sprinter nach Berlin ist bumsvoll mit Leuten, die emsig tippen und eifrig Feedback in ihr Telefon blöken, und mit mir, die ich durch das schmutzige Zugfenster blicke und über den Sinnspruch sinniere, den man vorn auf die bunte Titelseite gepappt hat – zum Ablösen und daheim übers Klo hängen:

„Die Frage ist nicht, wer uns lässt. Die Frage ist, wer sollte uns aufhalten.“

Darüber steht das Motto dieser Ausgabe: „STARK & MUTIG“.

Okay, also nicht aufhalten lassen. Ich blättere. Und ich wundere mich über diese Schriftarten: einmal mit alles und sanft geblümt, bitte! Warum ist das so bei Frauenzeitschriften? Ich verstehe es nicht. Vermutlich sollen Texte zu Selbst- und Sonst-welchen-Findungsprozessen auch optisch zugänglicher sein. Sieht aus, als hätte meine Freundin P. mal Schönschrift geübt.

„Die Kunst, sich Zeit zu nehmen“, heißt eine Unterrubrik und der Untertitel von „Ma Vie“. Ganz geil ist daran, dass das, was ich in der Unterrubrik auf den Seiten 8 bis 16 finde, zu etwa 80 Prozent Kaufempfehlungen sind: handgeklöppelter Senf mit witzigen Namen; Kaffeekapseln, die kein schlechtes Gewissen machen; Seifenstücke für 16,90 Euro! Dazwischen Hinweise auf Müllsammel-Projekte und die Öko-Suchmaschine Ecosia – fertig also ist ein weiterer Abend auf dem Sofa, an dem man sich (zu geschafft von der Lohnarbeit für irgendwas anderes) kunstvoll Zeit dafür nimmt, Kram im Internet zu bestellen, für dessen Abholung bei inexistenten Nachbarn oder immer geschlossenen Postfilialen man sich dann wieder kunstvoll Zeit nimmt… Ihr seht: ein Teufelskreis!

Wir sausen durch das blühende Franken und ich erfreue mich ganz passend an einem Artikel über Bienen und urbanes Imkern („Die Stadt summt“) – gehört ja zum guten Ton heutzutage. Ohne Bienchen keine Blümchen.

Ostern verleitet die DIY-Deko-Abteilungen, völlig auszurasten

Kurz bin ich drauf und dran, alles hinzuwerfen und endlich Mother of Bees zu werden, mir also auf einem Zwei-Quadratmeter-Balkon ein kapitales Bienenvolk zu halten, als mir auf der nächsten Doppelseite der Bienen-Merchandise-Shop quer ins Gemüt rauscht. Da kann man sagen: „Okay, ist superpraktisch, dann muss ich die Weingläser mit Bienenwabenornament nicht selbst recherchieren“, und ohne Zweifel, schwarz-gelb gestreiftes Paketband braucht man immer dann, wenn man am wenigsten damit rechnet – aber ich kann diese anbiedernden Kaufempfehlungen nur schwer ertragen.

Ich strawanze grummelnd weiter durch das Heft, und ist natürlich auch fatal, dass bald Ostern ist. Weil das die DIY-Deko-Abteilungen dazu verleitet, völlig durchzudrehen. „Ma Vie“ ist voll mit diesem Gerümpel. Basteln steht ja bekanntlich im Großen Buch der viel belärmten Quality Time ganz weit oben.

Ich sehe sie vor mir, die Arrangeure der entsprechenden Fotostrecken, wie sie durch Parks robben und Vögeln auflauern, denen sie die prächtigsten Federn rausrupfen, um sie mit aus Vorgärten gestohlenen Forsythienzweigen in Kränze zu zwingen und abzufotografieren – damit ich es ihnen gleichtun kann, mir das Gestrüpp aufs Haupt montiere oder an die Wohnungstür dübele, wie ein Erkennungszeichen einer obskuren Sekte, das besagt: „Hier wohnt Gisela, und hier wird noch selbst geschmückt! Enter at your own risk.“

Superwitzig: „EI am what EI am“

Vermutlich ist es in Wirklichkeit nur halb so witzig und es geht gesittet zu bei den DIY-Deko-Dudes von „Ma Vie“. Und weil das Leben hart genug ist und es Leute gibt wie meine Freundin P., die zwar gern zur DIY-Deko-Sekte gehören möchte, aber schlicht zu faul ist, sich mit Bindedraht ihre Meriten zu verdienen und sowieso nicht mal eine Schere ihr eigen nennt, geschweige denn Zeit für den Scheiß: „Ma Vie“ liefert deshalb flache Papier-Ostereier zum Hinhängen mit, die man nicht mal ausschneiden muss. Sie sind vorgestanzt. Und hinten drauf stehen so superwitzige Sachen wie „EI am what EI am“.

Ich hab schon fast keinen Bock mehr, mir wurde hier schließlich innere Stärke versprochen. Aber ich gebe nicht auf und lasse DIY und Deko hinter mir.

„Kraft ist weiblich“ – dieser Artikel springt mich an. Weil: Ich fand das ja schon immer! Brené Brown, Michelle Obama, Emma Watson und Keira Kneightly dienen hier als Lebendbeispiele für eine kämpferische Art, das Leben zu meistern. Das ist lesenswert, aber dass der Artikel zu Beginn behauptet, dass Frauen sich permanent selbst ausbremsen und angeblich nichts lieber tun „als zu versagen, daneben zu liegen, etwas falsch zu machen“ – das ärgert mich! Kann man nicht über Frauen berichten, ohne zu behaupten, wir wären zu beschränkt, um zu raffen, wie gut wir sind?

Es riecht hier alles stark nach Selbstoptimierung. Wenn Du nur fleißig genug an Deinem Selbstbewusstsein schraubst, dann wird es Dir auf jeden gelingen: dein großartiges Leben mit der perfekten Work-Life-Balance! Am besten die „Ängste einfach loslassen“ und sich die Checkliste „Selbstvertrauen to go“ reinziehen – schon läuft’s. Auch reichlich Ingwer („Wurzel der Wunder“) zu massakrieren und reinzuspachteln ist gegen und für alles gut; ebenso soll es helfen, Gemüse zu streicheln und ein- und auszuatmen („Nur nicht hetzen“), wenn zum Beispiel der Nachwuchs an der Supermarktkasse durchdreht oder man selbst. Wenn das alles nicht zum Erfolg führt: ab zum Schamanischen Clearing, damit man endlich kapiert, weshalb man sich immer die flaschigsten Typen aussucht oder man von der Chefin nicht für voll genommen wird.

Sehr gern mag ich, dass „Ma Vie“ diese Vorschläge unterbreitet, wie ich alles an mir und meiner Wohnung und meinem Seelenleben besser machen kann, mir Vorbilder von Heidi Klum bis Angela Merkel um die Ohren haut und mich darüber hinaus mit einer Handvoll zugegebenermaßen kurioser Worte (von „Akatalepsie“ bis „Cynefin“) in den Wald schickt – um dann aber mit einem Artikel mit dem Titel „Lob der uncoolen Frau“ um die Ecke zu kommen.

Da steht doch tatsächlich, dass es viel wichtiger ist, zu sein, anstatt sein zu wollen. Ach. Irre. Besser sein als sein wollen. Besser zu Scheißmusik tanzen, als den ganzen Tag zu insta-n, besser nicht so ein angestrengter Selbstoptimierer werden, sondern „Spaß haben, wenn er gerade passt“, schreibt der Autor. War alles andere dann ein Scherz, „Ma Vie“? Wie soll es denn nun sein, das Leben mit der inneren Stärke? Wollen, aber bloß nicht zu viel? Und am Ende auf eine ganz verkehrte Art? So kommen wir nicht zusammen.

Selbstoptimierungs-Sprachrohr, das ein schlechtes Gewissen macht

Berlin erhebt sich am Horizont, und ich schreibe Freundin P., kündige flache Papier-Ostereier zum Hinhängen als Mitbringsel an und berichte gehässig von all den guten Ratschlägen. Unerbittlich weist sie mich auf „Was hilft, hilft“ hin: „Vielleicht ist jemand richtig glücklich über den Tipp mit den Schamanen-Nummer und überhaupt: Du trinkst doch ständig Ingwertee!“

Womit sie unbestritten recht hat. Aber: Auch wenn sich „Ma Vie“ das fair produzierte Deckmäntelchen der Achtsamkeit überwirft und die Nummer hier „Kunst, sich Zeit zu nehmen“ nennt , ist das Heft doch bloß ein Selbstoptimierungs-Sprachrohr, das ein schlechtes Gewissen macht, weil der eigene Ostertisch nicht aussieht, als wäre die Ikea-Deko-Kollektion darüber explodiert.

Nachtrag, 29.4.2019. Wir hatten zunächst geschrieben, auf einem der beigelegten Papiereier stehe „Ei am who ei am“, aber richtig heißt es: „EI am what EI am“. Wir haben das korrigiert.

4 Kommentare

  1. „… Kann man nicht über Frauen berichten, ohne zu behaupten, wir wären zu beschränkt, um zu raffen, wie gut wir sind?“
    Nein, die patriarchale Weltverschwörung verhindert dies leider.

    Aber ich fühle mich durch diese Kolumne gleich viel österlicher! Frohe Ostern allerseits.

  2. Sind Sie das, Frau Halt?
    Also ungelenk, nicht fähig, Bier und Wecken so zu halten, dass sie nicht das Deo unterm Arm absorbieren, rücksichtslos den Rucksack schwenkend, den Schal als Schleppe umfunktionieren?
    Ist doch nicht nötig, sich so klein und lächerlich zu machen, bei dem guten Artikel.
    Übrigens: Ist die Einleitung Reportage oder Fiktion?

  3. Geiler Artikel! Ich hätte Sie ja gerne im Zug stirnrunzelnd Bastelanleitungen lesen gesehen…

    @3: Frau Halt macht sich nicht klein in ihrer Einleitung, sie macht sich menschlich. Wenn man so ein Fuselheft bespricht schadet ein bisschen Real-woman-credibility nicht.

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