Federmagazin für Federlose

Eine Frage, die sich Print-Journalisten ja immer wieder stellen, lautet: Wer zum Henker liest uns eigentlich? Die unbequeme Antwort ist meistens: Nicht die, die wir uns in den Redaktionskonferenzen immer so vorteilhaft ausmalen.

In der Redaktion des „Wellensittich- & Papageien-Magazins“ dürften sie dieses Problem nicht haben und sich diese Frage deshalb wohl auch nicht (mehr) stellen. Die Zielgruppe ist klar definiert, zumal es das Magazin schon lange gibt: „Europas größte Zeitschrift für Heimvogelhalter“ feiert mit der aktuellen Ausgabe ihr 25-jähriges Bestehen, hat also bereits so manche General-Interest-Zeitschrift überlebt. Und so manchen Wellensittich.

Trotzdem war ich erst skeptisch, als ich zu diesem Heft griff. Schließlich habe ich meine besten Jahre mit Vögeln verbracht. (Okay, 5 Euro in die Kalauerkasse, stimmt aber wirklich.) Wellensittiche, Graupapageien, Amazonen – ich hatte sie alle, weshalb jedes Heft, das mir mit bunten Bildchen und ein paar gefühligen Geschichten über Bubi, Hansi und Laura kommen will, als Unterlage im nächsten Käfig landen würde.

Diese Zweitverwertung bleibt dem „WP-Magazin“ erspart, denn es gibt sie noch: Magazine, die ihre Leserinnen und Leser ernst nehmen. Na gut, großteils ernst nehmen. Selbstverständlich findet sich auch im „WP-Magazin“ eine Kolumne mit dem Titel „Murphys Weisheiten – Ein Wellensittich erklärt seine Welt“, in dem Sittich „Murphy“ den „Federlosen“ (das sind wir Vogelhalter) Ratschläge in Sachen Ernährung, Freiflug und Pflege gibt – aber das lasse ich durchgehen.

Denn generell wird hier nicht viel Federlesens gemacht. Über Menschen, die ihre Vögel solo halten und ihnen gerade einmal einen Spiegel oder einen „Plastikkumpel“ in den Käfig hängen, wird durchs ganze Magazin hindurch gelästert. (In der Schweiz ist es übrigens seit vielen Jahren verboten, bestimmte Haustiere allein zu halten.) Zu kleine Käfige, mögliche Giftfallen im Haushalt, Vögel als Kuscheltiere – dagegen wird hier eindeutig Stellung bezogen.

Was vielleicht erklärt, warum die offizielle Auflage nur bei 20.000 Stück liegt, obwohl rund 870.000 deutsche Haushalte mindestens einen Vogel haben. Mit flauschigen „Mein Welli ist mein bester Freund“-Geschichten würde man vermutlich mehr Leser anziehen, umso erfrischender ist es, dass hier Prinzipien eingehalten werden.

Das Covermodel – oder wie man hier sagt: der Coverbird

Als Vogelbesitzer, der sich Hansiburli nicht als Partnerersatz hält, fühlt man sich vom „WP-Magazin“ jedenfalls verstanden. Gedruckt ist es auf leicht abwischbarem Hochglanzpapier, was zielgruppentechnisch sehr mitgedacht ist. Das Covermodel – oder der Coverbird, wie man hier sagt – ist ein hübscher grüner Wellensittich, der (gemäß artgerechter Haltung) neben einem blauen Wellensittich sitzt und so perfekt neckisch über seine linke Schulter blickt, als ob er jede Folge von „Germany’s Next Top Model“ gesehen hätte.

Die Titelzeile „25 Vogel-Mythen für Sie entlarvt“ klingt zwar arg nach „Focus“, wird aber eingelöst. (Zum Beispiel, dass Vögel monogam seien: Ein Irrtum, bei dem übersehen werde, „wie ‚bunt‘ es die Vögel mitunter treiben“.) Und auch der Rückblick auf die Titelzeilen der vergangenen 24 Jahre zeigt, dass die Redakteure dort wissen, für wen sie schreiben:

„Wellensittichhalter leben gesünder“

„Kreischende Papageien – Der richtige Umgang mit Papageienlärm“

„Der richtige Umgang mit bissigen Papageien“

Wer sich hier nicht angesprochen fühlt, hat seine Ohren noch nie mit einem Handtuch vor einer durchgeknallten Gelbstirnamazone geschützt.

Laut 25-Jahre-Rückblick hat es bei 152 Ausgaben nur ein einziger Mensch aufs Cover geschafft: Frank Elster, sorry, Elstner (weitere 5 Euro). Und zwar, weil er sich für bedrohte Papageien einsetzt. Sicherheitshalber hat er sich allerdings mit einem geschnitzten Holzvogel fotografieren lassen. Sollte sich vielleicht doch lieber eine Katze anschaffen, der Mann.

Die Heftmischung reicht von Hardcore-Info (Bornavirus bei Papageien) über Fotoreportagen bis zum klassischen Centerfold nach guter alter „Playboy“-Manier. Beim „WP-Magazin“ blickt allerdings eine Blaustirnamazone auffordernd in die Kamera. Es gibt Rätsel, ein Quiz und sogar Kochrezepte: Papaya-Kokos-Cupcakes. (Papaya für Papageien – habe ich auch erst beim dritten Mal Lesen geschnallt.) Nutzwert – den man gerade im Magazinjournalismus oft gschamig am Heftende versteckt – wird hier reinen Herzens zelebriert. Sollte ich jemals wieder Papageien halten, weiß ich jetzt, wie ich ihnen mittels „Clickertraining“ beibringen kann, ihren Käfig selbst auszumisten.

Partnertausch – häufiger als in einer Soap-Opera

Dazwischen findet man Lesegeschichten wie jene über die wilde Amazonenpopulation in Stuttgart, in der die Partner offenbar öfter durchgetauscht werden als in jeder herkömmlichen Soap-Opera. Mein Lieblingsartikel im Jubiläumsheft ist allerdings die streng unwissenschaftliche Erhebung der beliebtesten Wellensittichnamen. Eine WP-Redakteurin sammelt sie seit 1997 (!) auf ihrer Webseite, und bislang sind rund 45.000 Nennungen aus etwa 100 Ländern zusammengekommen. Die Gewinner sind:

Tweety (476 Nennungen)
Charly (426)
Coco (417)

Noch interessanter aber sind die Einzelnennungen, wobei ich hoffe, dass es sich bei den Einträgen „@die“, „Ü“ und „Ächeck“ schlicht um Tippfehler handelt. Maximalen Respekt allerdings für denjenigen, der seinen Wellensittich „Boeing 747“ getauft hat.

Ein bisschen Vermenschlichung – abgesehen von Wellensittich-Kolumnist Murphy – kann sich jedoch auch das seriöseste Vogelmagazin nicht verkneifen. In einer Unterzeile steht etwa: „Mutter zu werden, ist bestimmt eines der schönsten Lebensziele für weibliche Lebewesen, natürlich auch für Papageiendamen“ – wo sich einem gleich in vielerlei Hinsicht die Federn sträuben. Und auch die zu Herzen gehende Schilderung der Beinverletzung von Katharinasittich Smoky lässt beinahe vergessen, dass er schlussendlich ja doch nur ein Vogel ist wie du und ich.

Leider zu viele handwerkliche Schnitzer

Diese Kritik mag jedoch etwas wohlfeil sein von jemandem, deren Graupapagei als eines seiner ersten Worte „Schatzi“ sagen konnte. Das „WP-Magazin“ jedenfalls bleibt in sicherer Entfernung zu Journalistenpreisen, einerseits weil es dafür doch zu trivial geschrieben ist, aber auch, weil leider zu viele handwerkliche Schnitzer drin sind: Ein interessanter Text über Verhaltensforschung an Aras am Max-Planck-Institut, zum Beispiel, ist viel zu kurz und endet abrupt; ein Interview beginnt mit einer Antwort statt einer Frage; und an einer anderen Stelle ist noch Blindtext übrig geblieben.

Trotzdem würde man dem „WP-Magazin“ größere Verbreitung wünschen, eben weil es Prinzipien hat und fundiertes Wissen über jene Haustiere vermittelt, die sich viele Menschen einfach im Vorbeigehen in die Wohnung holen. Vielleicht kann es Amazon ja jedem Wellensittichspiegel für allein gehaltene Vögel beilegen.

WP-Magazin
Arndt-Verlag
6,90 Euro

2 Kommentare

  1. Gelacht hab ich bei „Mein Welli ist mein bester Freund“ – allerdings nicht wegen des gut geschriebenen Textes, sondern weil ich „Wellies“ bisher nur als Abkürzung für „Wellingtons“ = Gummistiefel kannte. Als besten Freund hätte ich die nie bezeichnet. Aber ich hatte als Kind eben auch nur Kanarienvögel…

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