Man kann und muss das noch besser machen

In der aktuell aufgeladenen Situation ist das erste, was an der aktuellen Ausgabe von „JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis“ auffällt, etwas das fehlt, nämlich Weihnachten. Nirgendwo werden „Frohe Weihnachten“ gewünscht oder auch nur erwähnt, obwohl das Heft am 20. Dezember erschienen ist. Die AfD könnte da wieder einen Krieg gegen christliche Traditionen vermuten oder einen Plot zur Islamisierung von irgendwas, aber in Wahrheit liegt es daran, dass die Ausgabe schon die für Januar und Februar nächsten Jahres ist – und damit ist das Heft nicht einmal ein besonders ambitionierter Vertreter jener Entwicklung, dass so ungefähr ab dem 10. jedes Monats bereits die Ausgabe für den darauf folgenden Monat an den Bahnhofskiosken liegt.1 Das ist eine Randerscheinung, aber ich nutze sie, um hier einmal zu sagen: frohe Weihnachten!

Auf dem Titel der Ausgabe sind drei deutsche Prominente abgebildet, die Schauspieler Matthias Schweighöfer und Florian David Fitz und der Moderator Joko Winterscheidt, dessen Magazin „JWD“ ist – und damit ist das Heft ein durchaus ambitionierter Vertreter einer nur gefühlt relativ neuen Heftgattung, nämlich des „Personality-Magazins“, also eines, dessen Konzept durch den Spirit, die Bedürfnisse oder die Weltsicht eines Prominenten bestimmt ist.

In Wahrheit ist das Genre nicht neu, der Pastor Jürgen Fliege, der von 2002 an eine ähnliche Konstruktion mit „Fliege – Die Zeitschrift“ zunächst parallel zu seiner gleichnamigen TV-Talkshow herausgab2 (auf irgendeine verquere Art gibt es das Heft offenbar noch, integriert in irgendein anderes, aber das führt mir zu weit). International gibt es zwei ganz große Vorbilder: „Oprah“ in den USA von und mit Oprah Winfrey und in Europa das niederländische „Linda“ von und mit Linda de Mol.

In Deutschland gilt „Barbara“ von und mit Barbara Schöneberger als Begründerin der aktuellen Welle von Personality-Magazinen, die vor allem von dem Verlag Gruner und Jahr geritten wird, aktuell neben „Barbara“ mit Heften rund um Eckart von Hirschhausen, Guido Maria Kretschmer, Jerome Boateng und, eben, Joko Winterscheidt3. Andere Verlage machen Magazine zum Beispiel mit Johann Lafer und Daniela Katzenberger. Und die Frage muss erlaubt sein: Was soll das?

Die erste Antwort ist so schlicht wie einleuchtend: „Barbara“ war und ist ein riesiger Erfolg. Und es ist leicht zu sehen, warum das so ist: Barbara Schöneberger steht zumindest als öffentliche Persönlichkeit4 für einen modernen Typ Frau, der ein offenbar entscheidendes Problem für sich gelöst hat. Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, dass fast alle Frauenmagazine darauf basieren, dass sich Frauen zu dick finden. Deshalb geben fast alle Frauenzeitschriften Tipps, wie man abnimmt. „Barbara“ hingegen vermittelt das Gefühl, Barbara Schöneberger fände sich auch zu dick, ändere aber lieber mit Humor, Selbstbewusstsein und positiver Lebenseinstellung die innere Verspannung, als abzunehmen.5Just for the record: Es gibt kein Universum außerhalb der Magermodel-Modemagazin-Blase, in dem Barbara Schöneberger tatsächlich d…

23 Kommentare

  1. Sehr schade, dass dies die letzte Bahnhofskiosk-Kolumne sein wird. Habe diese Texte immer gerne gelesen. Danke dafür!

  2. Es war mir ein Fest Herr Pantelouris!
    Offenlegung: Ich habe ein Übermedien-Abo nur wegen Ihrer Kolumne abgeschlossen, die Beziehung wird aber halten!

  3. Oh no!
    Die erwähnten Geschichten klingen alle interessant.
    Werde da mal reinschauen. Der Name Joko hat auch für mich keine große Strahlkraft, der Name Pantelouris allerdings schon.

  4. Sehr schade, dieser Abschied.
    Aber da ich gerade ein Déjà-vu habe, hoffe ich auf einen weiteren Rücktritt vom Rücktritt.
    Ansonsten vielen Dank für die vielen Artikel über Zeitschriften, die ich größtenteils nicht einmal kannte.

  5. Ich schließe mich mit einem herzlichen Dank an. Die Fußnoten will ich nicht vermissen (eine Zumutung und zu verlockend), aber dafür die offenherzige, und daher oft nachvollziehbar unentschlossene Heftkritik.

    Zum Heft: Ich habe die JWD schon ausprobiert und werde sie auch wegen der Reportagen weiterlesen, selbst wenn jüngste Ereignisse ein Zwielicht auf das Genre werfen. Für mich war der bisherige Höhepunkt allerdings das „Interview in Futur II“mit Joko Winterscheid in der ersten Ausgabe, das mir, wie Joko und Klaas es eben auch tun, auf das Fröhlichste das schlechte Gewissen erhalten hat, als Mittdreißiger gelegentlich noch dem Pennälerwitz anzuhängen. Und das, nachdem ich bei der NEON (eingestellt, geschieht euch recht) aus der Zielgruppe gefallen bin. Dieses bittersüße Versprechen wurde zwar noch nicht eingehalten, aber wir wachsen ja alle noch. Vielleicht gilt das ja auch für den „Bahnhofskiosk“?

  6. Neieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieieiein!

  7. Ich habe das Déjà-vu auch und hoffe ebenfalls sehr, dass der Abschied nur temporär ist.

    Und auch ich habe das Abo mindestens zu 30% wegen Michalis Pantelouris abgeschlossen.

    Dann erst mal ein Lebe wohl und viel Glück und Erfolg bei JWD.
    So großem Erfolg, dass es ein Selbstläufer wird und der Bahnhofskiosk wieder von Michalis Pantelouris fortgeführt werden kann.

    PS: vielleicht wird der nächste Autor der Kolumne ja auch einen super Job machen, dennoch würde ich mich über eine Rückkehr freuen.

  8. Waaaaaaaas?
    Tatsächlich habe ich das Abo auch nur abgeschlossen, um die Kolumne lesen zu können.
    Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei JWD, aber hier werden Sie fehlen!

  9. Was bin ich froh das heute zu lesen und nicht erst in acht Tagen. So hört ein Jahr eben beschissen auf, während in acht Tagen mit dieser Meldung ein neues Jahr einen ganz schlimmen Einstieg böte.

  10. Anfangs gehörte die Bahnhofskioskkolummne zu den Artikeln, die ich kaum gelesen habe, weil mich die meisten Magazine nicht interessiert haben. Das tun sie immer noch nicht, aber das ist mir ziemlich schnell egal gewesen, weil Sie selbst über das langweiligste Magazin leicht, witzig und unterhaltsam geschrieben haben (vor allem die Fußnoten). Von daher bedauere ich den Abschied sehr und hoffe auf eine Rückkehr.

  11. Ich erinnere mich, dass Herr Pantelouris seinerzeit nur auf unbestimmte Zeit Herr Breuer vertreten sollte. Damals habe ich Herrn Breuer vermisst und nicht geglaubt, dass Sie würdigen Ersatz finden könnten. Nachdem ich dann das erste Mal auf den Bildschirm geprustet hatte, war es große Liebe.

    Ich vertraue daher gern darauf, dass Sie wieder einen so hervorragende Besetzung finden wie die beiden Herren.

    Danke für die schöne Zeit :)

  12. Damit das letzte Opus nicht makelbehaftet stehenbleiben muss: Der Satz mit Jürgen Fliege ist grammatikalisch kaputt, irgendwas mit „hatte auch schon sowas“ wollte da wohl mal stehen. Gern geschehen. :)

    Und man soll ja aufhören wenn’s am schönsten ist. Oder bevor die Seitenhiebe auf Mager-Irgendwen zur Gewohnheit werden. Wünsche jedenfalls gutes Gelingen für MP bei JWD – klingt nach einem nicht ungewagten Schritt.

  13. Also mich hat der Schreibstil von Herrn Pantelouris in jüngster Zeit sehr an einen ehemaligen SPIEGEL-Redakteur erinnert, dessen Name eine gewisse Ähnlichkeit mit einem stämmigen Tier hat.
    Natürlich bin ich vollkommen sicher, dass seine Texte immer knallhart ausrecherchiert waren, na ja, außer vielleicht bei der Rezension von Fachzeitschriften.
    Ich werde mir zur Trauer des Tages jedenfalls eine schöne Flasche Olivenöl gönnen.
    Wohl bekomms!

  14. Wa…? Nee, ne? Äh, bin ganz bei Nr. 8 … und mein Abo hat auch seinen Anlass in dieser Kolumne mit diesem Autor … ich, ich fang gleich an zu stammeln … Kloß im Hals … bitte niiiiiiiicht! Nicht mal so ein kleines Gastkommentarchen so einmal im Quartal? Einmal pro Halbjahr? So als Vertretung des Nachfolgers? Irgendwie?

    Ich hoffe einfach drauf, basta! Und verkneife mir den Impuls, dem JWD, äh, nichts Gutes zu wünschen, damit wir deren Redaktionsleiter wieder abstauben können. Im Gegenteil, auch diese Rezension hat mich einmal mehr neugierig gemacht, und da ich morgen im Kiosk meines Vertrauens weile, werde ich schauen, wie der Rezensent meines Vertrauens seine hier vielfältig dargestellten Leitlinien denn in der Praxis so umsetzt. Auf ein hoffentlich baldiges Wiedersehen, viel Glück, Gesundheit und Erfolg mit JWD!

  15. Mein Abo habe ich, weil ich Herrn Niggemeier für (zu) einflussreich im Medienzirkus halte. Die Rubrik „Bahnhofskiosk“ finde ich ganz nett. Aber dass Herr Pantelouris seine eigene Zeitschrift rezensiert, ist schon merkwürdig.

  16. Hm, da hat wer als Grande Finale seine eigenen Regeln aber recht nachhaltig gebrochen … Aber ja, auch mal interessant, eine Art Selbstreflexion aufs eigene Heft zu lesen – speziell von jemandem, der so gut die Hefte anderer analysiert.

    Wenn ich irgendwie die nötige Freizeit bei mir sähe, ein Magazin zu lesen, würde ich JWD ja mal eine Chance geben, klingt schon interessant. Aber das habe ich mir auch schon bei diversen anderen hier besprochenen Publikationen gedacht.

    In jedem Fall (und entgegen egoistischer Interessen) viel Glück dem Autor in der bahnhofskioskfreien Zukunft, und dem Bahnhofskiosk hoffentlich einen würdigen Nachfolger!

  17. Oh je.
    Aber zum Glück gibts ja noch Samira El Quassil, beide zusammen haben Übermedien zum Tanzen gebracht.
    Viel Glück bei der Suche nach einem*r neuen Kioskschnüffler*in.

  18. Der vermutlich erste Personality-Titel bei G+J war doch wohl „Peter Moosleitners interessantes Magazin“! :)

  19. Schade.
    Und viel Erfolg bei Janz Weit Draußen.

    Äh, und ach: Ich dachte, Weihnachten kommt nicht vor, weil die Griechen später feiern.

    Ein letztes: Wann bringt G&J ein Fiction-Mag namens Claas? Oder hat daran die Rechte Der Spiegel?

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