Wie krokett ist Julian Reichelt?

Unterirdischer Preis

„Da müssen Sie jetzt durch.“ Diesen Satz wird Julian Reichelt in seiner „Dankesrede“, mit welcher er den Negativpreis „Goldene Kartoffel“ ablehnt, sehr häufig sagen. „Da müssen Sie jetzt durch.“

Meistens ist diese Ansage konfrontativ an die Journalisten gerichtet, die sich an diesem Abend zur Preisverleihung versammelt haben. Auch ich werde diesen Satz in diesem Text vermutlich noch einige Male schreiben. Da müssen Sie jetzt durch.

Bei der Preisverleihung der „Goldenen Kartoffel“ am Samstagabend ging es den Verleihern, dem Verein „Neue deutsche Medienmacher“, vor allem darum, die vorbildliche Arbeit des „Bild“-Chefredakteurs zu würdigen: die virtuose Einseitigkeit, die eloquente Unbesonnenheit, der poetische Alarmismus, mit denen gerade über Mesut Özil, Flüchtlinge und andere Aspekte, die das Thema Einwanderung berühren, in der „Bild“-Zeitung berichtet wurde. Die vergoldete Knolle soll für eine „unterirdische“ Berichterstattung stehen:

„Unter seiner Ägide steht das Blatt nun wieder konsequent für all das, wogegen sich die Neuen deutschen Medienmacher einmal gegründet haben: ‚Bild‘ steht für Unsachlichkeit, Vorurteile und Panikmache, wenn es um die Themen Integration, Migration und Asyl geht, für doppelte Standards in der Berichterstattung über Menschen mit und ohne Migrationshintergrund und für einen stark ethnozentrischen Blick auf unsere Einwanderungsgesellschaft und deren Herausforderungen.

Fehlende Sachlichkeit, Vorurteile und Panikmache zeigen sich in der Art und Weise, wie unterschiedlich groß ‚Bild‘ über Kriminalität oder Terror berichtet, je nachdem, ob die mutmaßlichen Täter einen Migrationshintergrund haben oder nicht. Sie zeigen sich daran, wie alarmistisch über Geflüchtete berichtet wird. Oder wenn immer wieder der Eindruck erweckt wird, unser Staat sei zu schwach, um geltendes Recht gegenüber Geflüchteten durchzusetzen – ein mangelndes Durchgreifen des Staates gegenüber Rechtsextremen wird dagegen nicht thematisiert. Der sichtbare Rechtsruck wird bedenklich kleingeredet.“

Es ist selten, dass ein Preisträger erscheint, um einen Negativpreis in Empfang zu nehmen. Die große Ausnahme ist Halle Berry, die 2005 ihre „Goldene Himbeere“ als schlechteste Schauspielerin mit anbetungswürdiger Selbstironie annahm. Aber beim „Bad Sex in Fiction Award“ für die schlechteste Beschreibung einer Sex-Szene etwa ist bisher noch nie einer der Romanautoren gekommen. (No pun intended.)

Daher war es umso bemerkenswerter, dass Julian Reichelt persönlich vorbeischaute – wenn auch, um den Preis abzulehnen.

Seine Begründung der Ablehnung jedoch – und da müssen Sie jetzt durch – war ganz wundervoll. Den Preis, den er wegen zu einseitiger Berichterstattung über Themen zur Migration erhalten sollte, müsse er ablehnen, da der Name des Preises, „Kartoffel“, rassistisch gegen Deutsche sei.

Ich gebe zu, ich musste sehr lachen. Dass der Chefredakteur einer Zeitung, die Begriffe wie „Döner-Morde“ und „Pleite-Griechen“ erfand oder populär machte, sich durch ein unterirdisches Nachtschattengewächs in seinem Deutschsein herabgewürdigt und diskriminiert fühlt, war unerwartet. Wenn es um „unterirdische“ Berichterstattung ginge, so seine Erklärung, hätten die Verleiher es ja auch Radieschen nennen können.

Apropos Lauch, wussten Sie, dass es einen Negativpreis mit dem Namen „Saure Gurke“ gibt, die besonders sexistische Fernsehbeiträge der Öffentlich-Rechtlichen adelt? Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie ein Mann diesen Preis ablehnt, mit der Begründung, er sei in seiner phallischen Form Männern gegenüber diskriminierend. 2017 hat Claus Kleber die Gurke übrigens tatsächlich verweigert, als er für sein etwas bräsiges Interview mit Maria Furtwängler ausgezeichnet werden sollte. Er wollte die Gurke nicht, weil „eine saure Gurke eins nicht sein darf: geschmacklos.“

Aber zurück zu Julian Reichelt. Er will den Preis nicht, weil „das Wort ‚Kartoffel‘ in Grundschulen, in denen Migration keine Erfolgsgeschichte ist, eine Beschimpfung geworden ist, die sich auf Rasse und Herkunft bezieht.“

An dieser Aussage ist einiges bemerkenswert:

1. „Grundschulen, in denen Migration keine Erfolgsgeschichte ist“ – Autsch. Ein verklausulierter Versuch, sogenannte Brennpunkt-Schulen anders zu benennen? Vielleicht dürfen die Achtjährigen doch erstmal erwachsen werden, bevor er den gesellschaftspolitischen Erfolg oder Misserfolg dieser Generation dort präfiguriert.

2. Der Einsatz des Wortes „Rasse“, welches er offenbar von seinem Blatt abgelesen hat, ist irritierend, zumal für den Chefredakteur einer Tageszeitung. Es gibt genetisch keine Rassen. Seit den Siebzigern gilt der Begriff als wissenschaftlich falsch und veraltet, seit 1995 lehnt die Unesco ihn offiziell ab, da er in seiner Anwendung auf die menschliche Vielfalt „völlig obsolet“ sei. Sarrazin, von Storch, ich – alle von derselben, wunderschönen Baustelle: Sternenstaub. Der (mindestens) unbedarfte Gebrauch des Wortes „Rasse“ ausgerechnet in der Begründung, warum man den Preis ablehnen muss, der einem ethnozentristische Sprache vorwirft, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

3. Die Diskussion, ob das Wort „Kartoffel“ rassistisch sei, hatten wir spätestens, seitdem die Öffentlichkeit dank des „Spiegel“ erfuhr, dass sich die Spieler im Nationalkader selbst in „Kartoffeln“ und „Kanacken“ aufteilten … und das Für und Wieder breit diskutiert wurde.

Dieser Diskussion habe ich nichts Kluges hinzuzufügen, außer vielleicht ein paar Spitzfindigkeiten, und wenn Sie diese interessieren: Willkommen in der soziologischen Achterbahn des sogenannten „umgekehrten Rassismus“. Da müssen Sie jetzt durch. (Ansonsten scrollen Sie einfach weiter bis zu „Non Sequitur“)

Sozialwissenschaftlich gesprochen geht Rassismus von einer als bevorteilt erachteten Gruppe gegenüber einer als benachteiligt erachteten aus. Die Rassismus-Definition des französischen Soziologen Albert Memmi gilt als Standard:

„Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen.“

Für Memmi ist Rassismus eine Rechtfertigungsideologie, die aggressives Durchsetzen eigener Interessen und die Aufrechterhaltung einer hegemonialen Stellung legitimieren soll.

Das Wort „Kartoffel“ kann deswegen nicht als Ausdruck der systematischen Unterdrückung einer Minderheit gelesen werden. Anders als beim „Spaghettifresser“, „Kümmeltürken“, „Knoblauchfresser“, „Schlitzi“ oder dem N-Wort konnotiert die Kartoffel keine historische Dimension von Ausgrenzung und strukturellem Rassismus.

„Kümmeltürke“ steht übrigens im Duden und bedeutete früher etwas ganz anderes:

„Ursprünglich in der Sprache der Verbindungsstudenten Name für jemand, der aus dem Umkreis von Halle/Saale kommt, weil dort viel Kümmel angebaut und die Gegend scherzhaft als ‚Kümmeltürkei‘ bezeichnet wurde (‚Türkei‘, weil Gewürze sonst meist aus dem Orient kamen); dann Bezeichnung für einen langweiligen, spießbürgerlichen Menschen.“

Heutzutage bedeutet es jedoch:

  • Türke
  • (veraltend) Schimpfwort

Beim Spaghettifresser, der auch im Duden steht, findet sich nur recht lexikalisch: „diskriminierende Bezeichnung für Italiener.“

Bei der Kartoffel steht im Duden wiederum:

  • krautige Pflanze mit gefiederten Blättern und weißen, rosa oder violetten Blüten, die wegen der essbaren Knollen, die sich an unterirdischen Sprossen befinden, angebaut wird
  • essbare Knolle der Kartoffel
  • (umgangssprachlich scherzhaft) knollige Nase
  • (umgangssprachlich scherzhaft) (große) Taschenuhr oder Armbanduhr
  • (umgangssprachlich scherzhaft) großes Loch, besonders im Strumpf
  • (umgangssprachlich scherzhaft) minderwertiger, weicher [Fuß]ball

Der Duden findet die Kartoffel anscheinend auch nicht rassistisch.

Dieser semantische Abakus meinerseits hilft mikrosoziologisch natürlich Peter und Jonathan in den Schulhofschlägereien nicht wirklich weiter, wenn sie mit „Kartoffel“ gemobbt werden, vor allem wenn die Mehrheit in der Klasse eben keine „Kartoffeln“ sind. Und hier wird es, zugegeben, etwas haarspalterisch. Würde der Schulhof in einem gesellschaftlichen Vakuum ohne äußere Mehrheitsgesellschaft existieren, dann wäre der Begriff sozialwissenschaftlich tatsächlich rassistisch, da er im Mikrokosmos der Schule eine strukturelle Diskriminierung einiger weniger aufgrund ihres Phänotyps darstellen würde.

In der Realität aber ist die „Kartoffel“ einfach „nur“ eine diskriminierende Beleidigung. Jetzt werden Sie sagen: „Ha, ja, aber ‚diskriminierend‘ aufgrund von Aussehen, also doch rassistisch!“, und ich werde sagen müssen: „Nein, ’nur‘ diskriminierend, ’nur‘ vorurteilsbeladen, noch kein Rassismus, da Peter und Jonathan hier nicht stellvertretend als Opfer einer institutionellen, mit gesellschaftlicher Macht oder Einfluss verbundenen Diskriminierung stehen.“

Das führt uns zurück zum Preis, der in seiner Benennung nicht rassistisch ist, da unser Mediensystem mehrheitlich herkunftsdeutsch ist und der Empfänger, soziologisch gesehen, sich in der als bevorteilt geltenden Gruppe befindet – weshalb dieser Preis ja überhaupt erst ins Leben gerufen wurde. Soweit ich das aus der Ferne beurteilen kann, korrigieren Sie mich gerne, wird Julian Reichelt von Türken und Arabern nicht systematisch unterdrückt.

Non Sequitur

Reichelts Dankesrede zur Ablehnung des Preises demonstriert sehr schön, warum er den Preis verdient hat. Sie ist für mich die Quintessenz dessen, was die „Bild“ auszeichnet, das Non Sequitur. Reichelt versucht zu belegen, warum die Vorwürfe an ihn gar nicht zutreffen können.

Ich fasse die zweite Hälfte seiner Ansprache paraphrasierend für Sie zusammen – da müssen Sie jetzt durch – also im Reichelt-Ich:

  • Hätten Sie mich vorher gefragt, hätte ich einige Geschichten erzählen können, die der Laudatio, die Sie über mich hielten, widersprechen. Zum Beispiel über die drei Jahre, die ich in Syrien war, um über das Schicksal der Menschen zu berichten. Ich hätte Ihnen von einem Tag erzählen können, wo ich in Aleppo reinfuhr und ein Kilometer vor mir eine Granate einschlug, in eine Straße, in der Kinder Fußball spielten, mit einer Dose, weil sie nichts anderes hatten. Ich bin danach ins Krankenhaus gefahren, die Bezeichnung Krankenhaus ist lächerlich, und habe erlebt, wie die Kinder eingeliefert wurden. Das Ganze fand unter Granatenbeschuss statt.
  • Wenn Sie mich vorher gefragt hätten, hätte ich Ihnen von Mohammad Rabie erzählt, der in Syrien als Journalist gearbeitet und sich als Flüchtling nach Österreich durchgeschlagen hat und dort wegen der strenger gewordenen Grenzen hängen geblieben war. Eine gemeinsame Freundin hat mich gefragt, was wir tun können, um ihn nach Deutschland zu holen. Wir haben vielen Tage damit verbracht, einen Plan zu entwickeln, um ihn nach Deutschland zu holen; unser Plan war, ihn neu anzuziehen, damit er nicht nach einem Flüchtling aussieht; ein Detail damals waren Kopfhörer von Beats, um ihn als Italiener zu stylen, damit er die Grenzen passieren kann.
  • Zur Einordnung: Wenn ich diese Geschichte auf einer AfD Veranstaltung erzählen würde, würde man mich aus dem Saal prügeln dafür, dass ich dazu beigetragen habe Flüchtlinge nach Deutschland zu holen. Ich habe es trotzdem gemacht, weil ich es für richtig hielt.
  • Mohammad Rabie macht ein Volontariat bei uns. Dass er fließend Deutsch spricht, ist auf das Mentoring-Programm der Springer-Akademie zurückzuführen. Wir haben drei Flüchtlinge, die ein Volontariat machen und darum kümmere ich mich persönlich.

Dann bittet er, „da müssen Sie jetzt durch“, Mohammad Rabie, der zur Verleihung mitgekommen war, zu sprechen. Und nach dessen Rede möchte man Reichelt raten, selbst mal in seinem eigenen Mentoring Programm vorbeizuschauen, denn Rabie hält mit seinen in drei Jahren erworbenen Deutschkenntnissen konzisere und pointiertere Vorträge als sein Chef.

Manche Journalisten unterstellten in der Nachberichterstattung, Reichelt habe Rabie nur als personifiziertes „Ich kann nicht ethnozentristisch sein, weil mein bester Freund“-Argument mitgenommen. Rabie wischte den Vorwurft auf Twitter weg und betonte, dass er aus eigenem Wunsch da war.

Tatsächlich tappten einige, aus einer mir komplett unerklärlichen Voreingenommenheit Reichelt gegenüber, in eine Diskriminierungsfalle: Rabie wurde zu einem namenlosen, instrumentalisierten Flüchtling gemacht, dem man seine Souveränität und Eigenverantwortlichkeit absprach, indem man ihm ein Alibi-Dasein auf der Bühne und in der „Bild“-Redaktion unterstellte.

Wirklich, ganz ohne Süffisanz, Hut ab für Reichelts Engagement. Ich kann nicht von mir behaupten, einen Flüchtling mit Hilfe von Beats-Kopfhörern ins Land geholt zu haben.

Aber seine Argumentation, seine anklagende Begründung, warum er den Preis nicht verdient hat, geht etwa folgendermaßen: Ich habe gefährliche Dinge erlebt, ich habe mich für Opfer des Krieges eingesetzt, also kann ich kein schlechter Mensch sein, also muss ich ein guter Journalist sein, also können Sie mir doch nicht schlechte, gefährliche, diskriminierende Berichterstattung unterstellen.

Das ist ein schönes Beispiel für ein Non Sequitur (übersetzt: „es folgt nicht“), eine Schlussfolgerung, die nicht aus den aufgestellten Prämissen folgt und somit ein Trugschluss ist. Donald Trump ist, und ich möchte bitte festhalten, dass ich Reichelt hier nicht mit Trump verglichen habe, ein Virtuose des Non sequitur:


Alle von Reichelt aufgezählten Handlungen und bewegenden Erfahrungen machen die Kritik an der Berichterstattung der „Bild“ nicht weniger valide. Im Gegenteil: Mit all diesem Wissen erscheinen einem die Kampagnen und die Medienagenda der „Bild“ noch empathieloser, entstehen sie unter der Leitung eines Mannes, der glaubhaft den Eindruck vermittelt und durch seine Taten belegen will, dass ihm das Wohlergehen seiner Mitarbeiter und seiner journalistischen Protagonisten am Herzen liegt.

Und das ist eine ganz ernst gemeinte Frage: Meint er nicht, dass eine anders konzipierte Seite 1 das Leben seiner eigenen Volontäre und von vielen Flüchtlingen langfristig in Deutschland etwas einfacher machen würde?

Ich erlebe selbst, wie mir Menschen mit Verweis auf die Berichterstattung der „Bild“ komische Dinge an den Kopf werfen, ich kann nur erahnen, wie es jemanden ergehen muss, der mir phänotypisch ähnelt, aber ein Mann ist.

Ich fasse also zusammen, da müssen Sie jetzt ein letztes mal durch: Neue deutsche Medienmacher, also „Journalisten mit und ohne Migrationshintergrund“, kritisieren Reichelt dafür, dass seine „Bild“ Menschen mit Migrationshintergrund diskriminiere, Reichelt unterstellt den „Journalisten mit und ohne Migrationshintergrund“, dass sie mit der „Kartoffel“ Deutsche ohne Migrationshintergrund diskriminieren, und Journalisten und Nicht-Journalisten wiederum diskriminieren Mohammad Rabie, mit der Annahme, er sei nur der Quoten-Mensch-mit-Migrationshintergrund in der ganzen Geschichte.

Sie haben es geschafft. Hier, ein goldener Jan Delay:

16 Kommentare

  1. Dem Torpfostenchefverschieber Reichelt eine ganze Kolumne zu widmen, zollt dieser mehr als offensichtlichen PR-Aktion viel zu viel Anerkennung.
    Er hat es geschafft, einen Negativpreis so umzumünzen, dass er nun besser dasteht, als der Preisverleiher selbst, dem leider auch nicht mehr einfällt, als auf die offensichtliche Ironie des Ganzen hinzuweisen.
    Die Kartoffel sehnt sich nach der Opferrolle, Reichelt gibt sie ihm.

  2. Menno, jetzt kitzelt es doch wieder den Rechtschreib-Hans aus mir raus … just in einer Passage über Deutschkenntnisse „denn Rabie hält mit seinen in drei Jahren erworbenen Deutschkenntnisse die konzisere und pointiertere Vorträge als sein Chef“ zu formulieren, argh, hrgh, anstreng, nein, geht nicht, kann die Pfoten nicht von der Tastatur fernhalten. Bitte korrigieren. Danke.

  3. Naja, das muss man verstehen, im Unterschied zum gemessenen Rassismus gibt es auch noch gefühlten Rassismus, und unter diesem scheint der arme Herr Reichelt doch sehr zu leiden.
    Die Bedingung, dass Rassismus per Definition Privilegien oder Aggressionen rechtfertigen soll, kann auf zwar Schulhofmobbing durchaus zutreffen, weil die Mobber ja i.A. aggressiv sind. Umgekehrt könnte ich so ja z.B. Berlusconi als Spagettifresser bezeichnen, ohne als Rassist zu gelten, weil er offensichtlich weder von mir persönlich noch von einer Gruppe, der ich angehöre, unterdrückt wird. Oder von sonst irgendwem.
    Im Unterschied zu Peter und Jonathan wird Reichelt allerdings weder diskriminiert noch gemobbt, insofern ist diese Haarspalterei hier egal.

    Nebenbei, Sandra Bullock hat sich ihre Himbeere auch abgeholt. Ehre, wem Ehre gebührt.

  4. Reichelt wollte die Schmach der Verleihung eines Negativpreises, über den ja auch breit berichtet wurde, nicht auf sich sitzen lassen. Mit Kritik konnte der feige Kerl noch nie umgehen. Also geht er zur Verleihung. Gleichzeitig wollte er aber den Preis nicht entgegennehmen müssen. Und so wird ihm wohl die nun wirklich unterirdisch billige Ausrede eingefallen sein, durch die Kartoffel in seinem Deutschsein herabgewürdigt und diskriminiert zu werden.

    Wer seine sonstigen verunglückten Versuche kennt, berechtigter Kritik zu begegnen, musste über diesen weiteren erbärmlich schlechten nicht überrascht sein.

  5. zum Abschnitt non sequitor

    Zunächst teile das Unverständnis der Autorin darüber das Reichelt sich persönlich so darstellt als ob er ein weltoffener, erfahrungsreicher Mensch ist der mit Migranten keine Probleme hat und wie das mit der Berichterstattung der Bild in Einklang zu bringen ist.

    Mein erster Gedanke war:
    Ja dann mach doch in der Bild eine andere Art von Journalismus, du bist doch der Chef.

    Vielleicht zeigt sich hier aber auch ein großes Dilemma unseres fortgeschrittenen Kapitalismus. Auf der einen Seite wissen wir es besser aber die Brötchen müssen nun mal verdient werden.
    Das geht bei der Bild scheinbar nur nach altem Muster mit „Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht“ (Die Ärzte, Lasse reden).

    Das hat Reichelt neulich sogar irgendwo erzählt:

    „Nichts hat uns ganz nachweislich wirtschaftlich in der Reichweite so sehr geschadet wie unsere klare, menschliche, empathische Haltung in der Flüchtlingskrise“ (Bildblog)

    Das ganze ist also vielleicht nur ein versteckter Hilferuf nach dem Motto, ich bin doch ein super Typ aber ich muß halt meinen Job machen.

    Dieses Dilemma zeigt sich leider in sehr vielen Bereichen der Wirtschaft: Kohlekraftwerke vs. Arbeitsplätze, Wirtschaftwachtum vs. Ressourcenverbrauch, usw. Mit den „richtigen Dingen“ fällt es zunehmend schwerer Geld zu verdienen. Mal gespannt wann und ob sich unsere Gesellschaft endlich mit diesem Dilemma beschäftigt.

  6. @9

    Das Preisgeld war ein Gutschein für ein lebenslanges Kältebus-Verbot.

    (Es geht ja darum, die Leistung des Mannes zu würdigen.)

  7. An dieser Stelle möchte ich gerne Lob für die Kolumne im Allgemeinen und extra Lob für den kroketten Titel im Speziellen aussprechen – Merci!

  8. Danke auch von mir für die kolumne!
    Aber auch nach meinem Verständnis kann man auch durchaus von Rassismus sprechen, wenn auf einem mehrheitlich islamisch geprägten Schulhof Kinder von „biodeutschen“ Eltern gemobbt/geschlagen werden. Denn in dieser Schule ist ja nunmal das Machtverhältnis so, dass diese Kinder unterdrückt werden können. Nur weil das in unserer Gesellschaft i.A. anders ist, hilft das ja „Peter und Jonathan“ nicht.
    Ob das dann argumentativ einer „sozialwissenschaftlichen Betrachtung“ genügt ist da — mit Verlaub — ziemlich egal.

    Aber natürlich wird Reichel dadurch nicht gemobbt und hat den Preis auch auf jeden Fall verdient.

  9. Bei all dem Lob aus dem Elfenbeinturm, Sie / wir hier sind nicht die Zielgruppe von Julian Reichelt!
    Wem hilft es denn, das wir uns hier alle gegenseitig bescheinigen, auf der richtigen Seite zu stehen?

    Der Auftritt bzw. der kommunikative Subtext dessen, richtet sich nicht an die Krtiker / NDM, sondern an die eigene Zielgruppe. Die Aussage ist: „Wir hören dir zu, du armer deutscher, weißer, alter Mann. Wir verstehen, dass du dich nicht einfach so Kartoffel nenn lassen willst von der gleichgeschalteten Medienmeute (zu der Bild nicht (mehr) gehört!).“

    Diese Schiene fahren mittlerweile auch viele einschlägige Internet-Kommentatoren:
    Diskussion wird nur vorgetäuscht, eigentlich dropped man nur Keyword und Keyphrases, um die eigene Zielgruppe weiter zu immunisieren.
    Und der Sog sorgt dann dafür, dass man mit Zwinkersmilies so großkotzige Bemerkungen wie „Du wirst schon sehen, wer hier bald die Mehrheit hat ;)“ zu lesen bekommt.

    Mehrheitssimulation.

  10. Ich hoffe wirklich, dass eines Tages mal einpaar Leute zur Besinnung kommen und merken, dass man mit Begriffen wie „Kartoffel“ und „alter, weißer Mann“ nur die eigene Bubble bedient aber halt keine Mehrheiten erreicht.

    Aber gut, Polarisierung und Schwarz-Weiß-Denken ist halt heutzutage in, auch wenn man das immer nur dem politischen Gegenpart zuschreibt, anstatt sich mal an der eigenen Nase zu fassen.

    Also Leute, für Hass und Spaltung der Gesellschaft braucht es gar nicht die Bild, das hat Niggemeier und co hier auch gut drauf.

  11. Ich denke nun schon eine Weile über diesen Passus nach:

    In der Realität aber ist die „Kartoffel“ einfach „nur“ eine diskriminierende Beleidigung. Jetzt werden Sie sagen: „Ha, ja, aber ‚diskriminierend‘ aufgrund von Aussehen, also doch rassistisch!“, und ich werde sagen müssen: „Nein, ’nur‘ diskriminierend, ’nur‘ vorurteilsbeladen, noch kein Rassismus, da Peter und Jonathan hier nicht stellvertretend als Opfer einer institutionellen, mit gesellschaftlicher Macht oder Einfluss verbundenen Diskriminierung stehen.“

    Das bedeutet doch irgendwie, dass wenn zwei sich streiten und mit Bezug auf ihre Herkunft beschimpfen, der eine immer rassistisch ist, der andere immer nur diskriminierend. Der eine kann nicht nur diskriminieren, weil er eben der strukturellen Mehrheit angehört, der andere kann nicht rassistisch sein, weil er einer Minderheit angehört.

    Das kehrt völlig die innere Haltung eines Rassisten unter den Teppich. Und es negiert auch die Verantwortung des Einzelnen (in beiden Gruppen). „Ich bin nur deshalb ein Rassist, weil meine Kohorte halt gesellschaftliche Macht hat.“
    Dasselbe Phänomen, nämlich vorurteilsbeladener Hass aufgrund von Herkunft, wird dem einen als Rassismus, dem anderen als Diskriminierung angekreidet. Das würde ich so nicht unterschreiben.
    Sicher muss der strukturelle Rassismus bekämpft werden, doch entbinden wir nicht die Einzelnen von ihrer Verantwortung.

  12. Gutes Beispiel, #14:
    „Kartoffel“ scheint ja doch wohl ein paar mehr Leute erregt zu haben, sonst würde man sich hier nicht gemeinschaftlich als Diskrininierungsopfer darzustellen versuchen.
    Natürlicht erreicht man damit heutzutage viele Menschen, sonst hätte der Chefpopulist … äääh.. -redakteur der BILD das ja nicht zum Thema gemacht, wenn es sich in der Zielgruppe (eher nicht linksintellektuell) nicht verkaufen würde.

    Und die Gesellschaft spalten kann ein kleiner Medienblog natürlich deutlich effektiver, als so eine kleine, unbedeutende Tageszeitung, wie die BILD.

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.