„Asyl“ nicht mehr ohne „Irrsinn“ denken

Neulich habe ich bei der „Bild“-Zeitung nachgefragt, wann und warum sie ihre „Refugees Welcome“-Kampagne eingestellt hat. Die Antwort der Pressestelle lautete vollständig: „Diese ist nie beendet worden.“

Das ist ein bisschen überraschend, denn der Geist der Willkommenskultur ist relativ vollständig aus dem Blatt vertrieben und durch eine neue Kampagne ersetzt worden, in der Flüchtlinge, Asylbewerber und Migranten fast ausschließlich und jeden Tag wieder als Kriminelle, Betrüger und Terroristen vorkommen. Und in der das Wort „Asyl“ nicht gedacht werden kann, ohne das Wort „-Irrsinn“ hinzuzudenken.

Aber tatsächlich findet sich das „Refugees Welcome“-Logo sogar immer noch auf der Startseite von Bild.de.

Wer darauf klickt, kommt zu einer fast leeren Seite, die einmal voller Artikel, Videos und Aktionen gewesen sein muss. Sichtbar geblieben davon ist der Satz: „Deutschland setzt ein Zeichen: Flüchtlinge, willkommen!“ und ein Banner, in dem Politiker wie der vorvorige SPD-Vorsitzende mit dem Aktionslogo posieren. Alles wirkt verwahrlost, eine vergessene Ecke, um die sich niemand mehr kümmert.

Nachfrage bei der „Bild“-Pressestelle: „In welcher Form wird die Aktion aktuell fortgeführt?“ Antwort, wiederum vollständig zitiert: „Mit Meinung und Haltung, wie Sie in diesem Kommentar von Herrn Reichelt sehen.“

In dem verlinkten Artikel beklagt der „Bild“-Chefredakteur die erbärmlichen Umstände, unter denen Flüchtlinge in Griechenland leben. „Wer die Zustände in anderen EU-Staaten sieht“, schreibt er, „muss Verständnis haben für jeden Flüchtling, für jeden Migranten, der wieder und wieder versucht, nach Deutschland zu kommen.“ Sein Kommentar endet mit dem bitteren Satz: „Die Wertegemeinschaft Europa kann sich nicht mal darauf einigen, Kinder nicht im Dreck schlafen zu lassen.“

Die große „Bild“-Aktion hatte einmal mit Überschriften begonnen wie: „Darum muss jeder helfen“. Und mit Sätzen wie: „Und natürlich wollen wir über unsere Grenzen ein weiteres wichtiges Zeichen setzen: Dass Menschen, die Hilfe brauchen, die knapp mit dem Leben davongekommen sind, auch auf unsere bedingungslose Hilfe vertrauen können.“

Das ist davon übrig geblieben: Ein gelegentlicher Kommentar, der für einen kurzen Moment das tägliche Beschreien des „Asyl-Irrsinns“ und des „Abschiebe-Wahnsinns“, das fortwährende Schüren von Wut auf Flüchtlinge und Furcht vor Flüchtlingen in „Bild“ unterbricht.


Bei einer Konferenz des Deutschlandfunks im November 2016 hat Julian Reichelt erstaunlich klar formuliert, welchen Preis die „Bild“-Zeitung für ihre flüchtlingsfreundliche Berichterstattung gezahlt habe:

„Nichts hat uns ganz nachweislich wirtschaftlich in der Reichweite so sehr geschadet wie unsere klare, menschliche, empathische Haltung in der Flüchtlingskrise. Wir haben nie auf Fakten, nie auf Ereignisse, nie auf Geschichten verzichtet, wir haben aber durchaus darauf verzichtet, Geschichten in gewisser Weise zu intonieren und die Angst vor den Menschen, die da kommen, für das, was man so schön Clickbaiting nennt, in irgendeiner Weise zu verwenden.“

Diese Zeiten sind vorbei. Und vorbei sind auch die Zeiten, in denen „Bild“ als überraschendes Feindbild taugte für rechte und sich rechtsradikalisierende Menschen. Reichelt formulierte im November 2016:

„Wir sind vermutlich für eine gewisse Klientel, die sich derzeit radikalen Parteien, radikalen Demonstrationen, radikalen Ideen zuwendet, die größte mediale Enttäuschung dieses Landes. Und darüber bin ich sehr froh.“

Die „Bild“-Zeitung von heute, bei der Reichelt nicht mehr nur Digital-Chef, sondern Gesamt-Chef ist, ist keine mediale Enttäuschung mehr für AfD, Pegida und die anderen. Im Gegenteil: Sie loben „Bild“ jetzt immer mal wieder dafür, anscheinend endlich zu Verstand gekommen und auf ihre Linie eingeschwenkt zu sein. Sie haben Grund dazu.


Man muss die Amtszeit von Kai Diekmann als Chefredakteur von „Bild“ nachträglich nicht verklären, wie es etwa der Branchendienst „Meedia“ tut, der sie mit „Smoking und Salon“ assoziiert. „Bild“ hat unter Diekmann gelogen, gehetzt, gespalten. „Bild“ war unter Diekmann laut, brutal, hemmungslos. Aber in seinen letzten Jahren hatte das Blatt auch etwas Spielerisches. Und eine Gefallsucht: Im Spätwerk Diekmanns wollte „Bild“ von den Eliten, den Intellektuellen, den Kollegen gemocht werden.

Seit Anfang des Jahres ist Julian Reichelt alleiniger „Bild“-Chef. Seine „Bild“ hat kein Interesse daran, von den Kollegen gemocht zu werden. Sie ist wieder plumper geworden, verbohrter, dümmer, rechter.

Nach dem kurzen, kostspieligen Ausflug in die Welt der Menschlichkeit und Empathie gegenüber Fremden hat Reichelt die „Bild“ auch wieder für AfD-Anhänger und Pegida-Spaziergänger lesbar gemacht.


Zeitweise wirkten die Titel- und Politik-Seiten von „Bild“ in den vergangenen Monaten wie der Feed der AfD-Seite auf Facebook: Es geht um Flüchtlinge, Flüchtlinge, Flüchtlinge. Um Skandale, Wahnsinn, Irrsinn.

Ein gutes Beispiel dafür, wie „Bild“ Stimmung gegen den „Asyl-Wahnsinn in Deutschland“ macht und damit auch gegen die Akzeptanz der hier lebenden Flüchtlinge kämpft, waren zwei Titelgeschichten im Juni. „Bild“ hatte Dokumente zugespielt bekommen, aus denen hervorgeht, dass „Mörder, …

26 Kommentare

  1. Das Beschämenste an der ganzen Sache ist doch, dass dieses Blatt seit Jahrzehnten die meistgelesene/-verkaufte ‚Zeitung‘ Deutschlands ist. Und daß sich so gut wie kein*e Politiker*in scheut, diesem Schund- und Hetzblatt Interviews zu geben.
    NB: Es soll sogar eine namhafte Politikerin geben, die mit der Besitzerin dieses Sch****blattes befreundet ist.

  2. Ich begrüße jedes Tagesblatt, dass uns aufzeigt wie die Realität, in unserem Land, zur Zeit aussieht . Solange 21 und 24 jährige Iraker, in Essen, mit 100.ooo € teuren Mercedes – und BMW Autos Rennen fahren (wie am Wochenende), solange sehe ich „Revugees welcome“ nicht ein. Ich kann mir solche Drogendealerautos nicht leisten. Die Flüchtlingspolitik läuft voll gegen die Wand.

  3. Naja. Wenn man realistisch ist: Mich hat eher das „refugees welcome“ von Bild gewundert. Die gleiche Schiene, die sie jetzt fahren, hätte ich schon damals erwartet. Da hat sich wohl die Redaktion von der Stimmung im Land beeinflussen lassen.
    Jetzt ist halt wieder alles so wie vorher. Bild hetzt und macht Stimmung auf rechts außen. Alles wie gehabt.
    (Sollte man natürlich trotzdem kritisieren. Aber es hat doch wohl keiner geglaubt, dass die Bild plötzlich irgendwas mit dem Grundgesetz oder den Menschenrechten anfangen kann?)

  4. Die Bild-Zeitung: Dieses Drecksblatt, das so widerlich ist, dass man toten Fisch beleidigt, wenn man ihn drin einwickelt. (Frei nach Volker Pispers zitiert).

    Angesichts dieser Refugees-Welcome Kampagne von Bild fragt man sich rückblickend, ob Julian Reichelt eigentlich shizophren ist. Da züchtet sich die Zeitung über Jahrzehnte konsequent eine nicht-reflektierende, xenophobe Leserschaft heran und kommen dann auf die Idee sich zum Feindbild dieser eigenen Leserschaft zu machen.
    Warum hat man Julian Reichelt damals nicht gleich in einer Zwangsjacke abgeführt und ins Sanatorium eingewiesen? Das wäre zumindest witzig gewesen.

    „Jedenfalls fand Buschkowsky nach der De-facto-Abschaffung seiner publizistischen Heimat Asyl im überregionalen Teil von „Bild“ und bezieht dort nun Sozialleistungen in Form von Aufmerksamkeit.“

    Ich finde das so traurig. Ich habe Buschkowsky eigentlich immer für einen anständigen Kerl gehalten. Klar: Er hat nie ein Blatt vor dem Mund genommen. Aber damals hat es sich noch recht anständig angehört und man konnte ihm ja auch schlecht widersprechen, bei seiner Erfahrung. Ich hatte sein Buch „Neukölln ist überall“ vor ein paar Jahren eigentlich sehr positiv und unaufgeregt wargenommen. Vielleicht täusche ich mich aber auch und ich müsste sein Buch heute noch einmal lesen.

    Nichtsdestotrotz kann man ihm seine Arbeit bei der Bild-Zeitung eigentlich nicht verzeihen. Man muss diesem Mann zutrauen, dass er weiß mit wem er sich da ins Bett gelegt hat und da muss man die Konsequenz ziehen. Ich persönlich habe seine Kolumnen bei Bild nie verfolgt und habe lange darüber nichts gelesen, bin aber sehr schockiert über den hier berichteten Tonfall.

  5. Solange Buschkowsky bei RTL Arbeitslose demütigt sollte er zu keine poitischen Thema mehr gefragt werden.

    @Bert
    Einfach Drogendealer werden dann können Sie sich auch Drogendealer-Autos leisten.

  6. Können wir ein Crowdfunding für den armen @3 Bert starten, der sich kein Drogendealerauto leisten kann, aber von Sozialneid zerfressen ist, weil er glaubt, Flüchtlinge hätten solche Karren?

  7. „Tag für Tag redete die „Bild“-Zeitung sich und ihren deutschen Lesern ohne Migrationshintergrund ein, sich nicht von diesen Schilderungen beeindrucken lassen zu sollen.“
    Dieser Satz scheint mir etwas verdreht zu sein. „[…] beeindrucken zu lassen“ wäre hier wohl schöner gewesen.

    Danke für das Buschkowski-Zitat, das mit dem Kotelett. Da musste ich schon sehr lachen.

  8. Seit 40 Jahren bin ich der Meinung, dass „BILD“ keine eigene Meinung hat und somit auch keine Meinung „BILD“en kann!
    „BILD“ geht statt dessen zu den(AfD)-Stammtischen und hört sich das Gerede dort an um es dann verstärkt wieder zu geben. Anschliessend kann sich der Stammtisch auf die Schulter klopfen und freudig behaupten:“Wir hatten Recht, die „BILD“ schreibt genau das was wir sagen!“
    „BILD“ ist kein Meinungsmacher, sondern ein Meinungsverstärker!
    Und sie verstärkt genau die Meinung, mit der sie das meiste Geld verdienen kann!

  9. „kundenorientierte Nachrichten.“ –> kernzielgruppenorientierte Texte
    „Meinungsverstärker“ –> Echokammer

    Ist aber eher das Problem privatfinanzierter Medien generell, nicht nur der Bild. In der TAZ wird auch eher kein Text von z. B. Tilo dem Sarazenen auftauchen.

  10. @Anderer Max,
    Ich hoffe doch, dass die TAZ einen Bericht über Thilo Sarazin mit belastbaren Fakten belegt!
    Aber so gesehen geben die Puplikationen aller Medien (Zeitschriften, Bücher oder elektronischer Medien) die Meinung der Authoren/Herausgeber wieder!
    Wären ich als Leser sicherlich zu den Medien tendiere, die eher meine Ansichten vertreten. Von daher befinde ich mich z.B. mit Übermedien in einer gemeinsamen Echokammer.
    Nur das hier, und in anderen Qualitätsmedien zumindestens angedacht wird, das es auch noch andere Ansichten geben kann!
    „BILD“ stellt jedoch seine ihre Sicht der Dinge als endgültig da und adressiert sie bewusst an Leser, die nur wenig in der Lage sind differenziert zu denken.
    Und das tut sie in einer Form, die man nur als üble Marktschreierei bezeichnen kann! Das Problem ist: Wer am lautetesten schreit wird am weitesten gehört!
    Die leiseren Stimmen gehen unter und „BILD“ hat die Meinungsführerschaft!
    Fragt sich nur, wer über Kurz oder Land der „Führer“ ist?

  11. @15: Ich schrieb „von“, nicht „über“.
    Das war auch nur ein hypothetisches Beispiel. Rechter Autor in linkem Medium. Der Riexinger würd‘ wahrschienlich auch nicht im Compact Magazin erscheinen.

    Meinungsführerschaft ist ein Begriff aus der Marktforschung und immer subjektiv und nicht absolut. Wenn ich ein Produkt verkaufen will, kann ich mich z. B. mit Sachinformationen in Fachmagazinen an die sog. Meinungsführer wenden, die dann, wenn sie von ihrem Laienpublikum (Endkunden) befragt werden, hoffentlich die Sellingpoints meines Produkts herunterbeten.

    Es ist ja nicht, wie im US-Wahlkampf: BILD hat 2% mehr Reichweite als Süddeutsche in Zielgruppe X, daher erhält die BILD alle Stimmen des Wahlbezirks.

    Leisere Stimmen gehen nicht unter, sie werden nur schwieriger vernommen.

  12. @ Bert

    Sie haben also lieber Iraker, die keinen Beitrag zu unserer Volkswirtschaft leisten und nur Stütze kassieren? Oder denken Sie die 100k – Dealer Karre gibts vom Amt? Diese Drogendealerautos werden übrigens i.d.R. tatsächlich von Leuten gefahren die Ihnen tatsächlich schaden wollen (und sei es nur durch Dieselabgase ;-) und damit auch straffrei durchkommen siehe hier:

    https://www.duh.de/fileadmin/user_upload/download/Projektinformation/Verkehr/Dienstwagen/2016/Unternehmen/DUH-Dienstwagen-Umfrage_Unternehmen2016_121016.pdf

  13. Der Einfluss der „Bild“-Zeitung in den tonangebenden Schichten der Bundesrepublik Deutschland ist gering. Da haben „Zeit“, „Spiegel“ und „Süddeutsche“ viel mehr Macht, ganz zu schweigen von den öffentlich-rechtlichen Sendern.
    Deshalb ist es umso bedauerlicher, dass eine Pro- und Contra-Diskussion zur Flüchtlingsfrage neulich in der „Zeit“ auf grandiose Weise gescheitert ist. Anstatt den Diskursraum zu erweitern, hat die Chefredaktion der „Zeit“ diesen für die Zukunft wieder eingeschränkt.

  14. @BERT
    Sie sind ein wunderbares Beispiel dafür, wie diese Bild-Berichterstattung funktioniert und wirkt.
    Eine Mischung aus Neid und Sorge führt zu absurden Kurzschluss-Gedanken, die Bild zwar so auch nicht geschrieben hat, aber eben unterschwellig suggeriert.

    Ich versuche es mal ganz bewusst „naiv“:
    Der, mit dem 100.000 EUR Benz/BMW ist sicher nicht der „Straßenverkäufer“, sondern eher der Boss.
    Und der Boss ist jemand, der braucht Vertriebswege seine Drogen vom Erzeuger zu sich. Und dann von sich, über die Verkäufer (die Dealer) an die Konsumenten. Das Ganze muss geheim und unauffällig bleiben und es dürfen keine „Maulwürfe“ in die Gruppe kommen. Auch gibt es ggf. schon andere Dealer vor ort, die Ihr Revier verteidigen, etc. Man muss Lagerung und Geldflüsse etc. regeln, damit sie nicht nachverfolgbar werden.
    Das ganze ist ein großer logistischer Aufwand, man muss die Strukturen in denen man sich befindet gut kennen, etc.
    Trotzdem scheinen Sie zu glauben, dass ein vor wenigen Jahren eingewanderter Iraker, der möglicherweise nicht mal unsere Sprache spricht, das alles „mal eben so“ gemacht hat, nur um Ihnen jetzt mit seinem teuren Auto vor der Nase herum zu fahren.

    Wenn Sie da mal in ruhe drüber nachdenken, werde Sie sicher merken, wie absurd das alles ist. Aber der Neid, den Bild Ihnen eingeredet hat (denn darum geht es ja meistens bei Bild: „Der hat und Du nicht“) blockiert alle logischen Gedankengänge. Es ist nur noch Neid und Hass da.

    Und plötzlich glaubt man, dass jeder Fahrer eines fetten Autos, der einen Migrationshintergrund hat kriminell und jeder Hartz4 Empfänger faul, reich und glücklich ist.

  15. @18: Bitte einmal genauer erklären:
    Die ÖR haben „Macht“ in den „tonangebenden Schichten“?
    Aber ich dachte doch, dass der ÖR vom Staat selbst gesteuert wird?!
    Wie herum genau funktioniert die Theorie denn jetzt?

  16. @ Anderer Max:

    Wie herum genau funktioniert die Theorie denn jetzt?

    Immer so wie’s gerade gebraucht wird. Die Theorie ist sehr volatil und aus eben diesem Grund universell anwendbar. Konsequent inkonsistent.

  17. Heinz Schnabel:

    „Den Diskursraum erweitern“, das hätten Sie schon gern, gell? Nette Formulierung für böse Absichten.

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