„Asyl“ nicht mehr ohne „Irrsinn“ denken

Neulich habe ich bei der „Bild“-Zeitung nachgefragt, wann und warum sie ihre „Refugees Welcome“-Kampagne eingestellt hat. Die Antwort der Pressestelle lautete vollständig: „Diese ist nie beendet worden.“

Das ist ein bisschen überraschend, denn der Geist der Willkommenskultur ist relativ vollständig aus dem Blatt vertrieben und durch eine neue Kampagne ersetzt worden, in der Flüchtlinge, Asylbewerber und Migranten fast ausschließlich und jeden Tag wieder als Kriminelle, Betrüger und Terroristen vorkommen. Und in der das Wort „Asyl“ nicht gedacht werden kann, ohne das Wort „-Irrsinn“ hinzuzudenken.

Aber tatsächlich findet sich das „Refugees Welcome“-Logo sogar immer noch auf der Startseite von Bild.de.

Wer darauf klickt, kommt zu einer fast leeren Seite, die einmal voller Artikel, Videos und Aktionen gewesen sein muss. Sichtbar geblieben davon ist der Satz: „Deutschland setzt ein Zeichen: Flüchtlinge, willkommen!“ und ein Banner, in dem Politiker wie der vorvorige SPD-Vorsitzende mit dem Aktionslogo posieren. Alles wirkt verwahrlost, eine vergessene Ecke, um die sich niemand mehr kümmert.

Nachfrage bei der „Bild“-Pressestelle: „In welcher Form wird die Aktion aktuell fortgeführt?“ Antwort, wiederum vollständig zitiert: „Mit Meinung und Haltung, wie Sie in diesem Kommentar von Herrn Reichelt sehen.“

In dem verlinkten Artikel beklagt der „Bild“-Chefredakteur die erbärmlichen Umstände, unter denen Flüchtlinge in Griechenland leben. „Wer die Zustände in anderen EU-Staaten sieht“, schreibt er, „muss Verständnis haben für jeden Flüchtling, für jeden Migranten, der wieder und wieder versucht, nach Deutschland zu kommen.“ Sein Kommentar endet mit dem bitteren Satz: „Die Wertegemeinschaft Europa kann sich nicht mal darauf einigen, Kinder nicht im Dreck schlafen zu lassen.“

Die große „Bild“-Aktion hatte einmal mit Überschriften begonnen wie: „Darum muss jeder helfen“. Und mit Sätzen wie: „Und natürlich wollen wir über unsere Grenzen ein weiteres wichtiges Zeichen setzen: Dass Menschen, die Hilfe brauchen, die knapp mit dem Leben davongekommen sind, auch auf unsere bedingungslose Hilfe vertrauen können.“

Das ist davon übrig geblieben: Ein gelegentlicher Kommentar, der für einen kurzen Moment das tägliche Beschreien des „Asyl-Irrsinns“ und des „Abschiebe-Wahnsinns“, das fortwährende Schüren von Wut auf Flüchtlinge und Furcht vor Flüchtlingen in „Bild“ unterbricht.


Bei einer Konferenz des Deutschlandfunks im November 2016 hat Julian Reichelt erstaunlich klar formuliert, welchen Preis die „Bild“-Zeitung für ihre flüchtlingsfreundliche Berichterstattung gezahlt habe:

„Nichts hat uns ganz nachweislich wirtschaftlich in der Reichweite so sehr geschadet wie unsere klare, menschliche, empathische Haltung in der Flüchtlingskrise. Wir haben nie auf Fakten, nie auf Ereignisse, nie auf Geschichten verzichtet, wir haben aber durchaus darauf verzichtet, Geschichten in gewisser Weise zu intonieren und die Angst vor den Menschen, die da kommen, für das, was man so schön Clickbaiting nennt, in irgendeiner Weise zu verwenden.“

Diese Zeiten sind vorbei. Und vorbei sind auch die Zeiten, in denen „Bild“ als überraschendes Feindbild taugte für rechte und sich rechtsradikalisierende Menschen. Reichelt formulierte im November 2016:

„Wir sind vermutlich für eine gewisse Klientel, die sich derzeit radikalen Parteien, radikalen Demonstrationen, radikalen Ideen zuwendet, die größte mediale Enttäuschung dieses Landes. Und darüber bin ich sehr froh.“

Die „Bild“-Zeitung von heute, bei der Reichelt nicht mehr nur Digital-Chef, sondern Gesamt-Chef ist, ist keine mediale Enttäuschung mehr für AfD, Pegida und die anderen. Im Gegenteil: Sie loben „Bild“ jetzt immer mal wieder dafür, anscheinend endlich zu Verstand gekommen und auf ihre Linie eingeschwenkt zu sein. Sie haben Grund dazu.


Man muss die Amtszeit von Kai Diekmann als Chefredakteur von „Bild“ nachträglich nicht verklären, wie es etwa der Branchendienst „Meedia“ tut, der sie mit „Smoking und Salon“ assoziiert. „Bild“ hat unter Diekmann gelogen, gehetzt, gespalten. „Bild“ war unter Diekmann laut, brutal, hemmungslos. Aber in seinen letzten Jahren hatte das Blatt auch etwas Spielerisches. Und eine Gefallsucht: Im Spätwerk Diekmanns wollte „Bild“ von den Eliten, den Intellektuellen, den Kollegen gemocht werden.

Seit Anfang des Jahres ist Julian Reichelt alleiniger „Bild“-Chef. Seine „Bild“ hat kein Interesse daran, von den Kollegen gemocht zu werden. Sie ist wieder plumper geworden, verbohrter, dümmer, rechter.

Nach dem kurzen, kostspieligen Ausflug in die Welt der Menschlichkeit und Empathie gegenüber Fremden hat Reichelt die „Bild“ auch wieder für AfD-Anhänger und Pegida-Spaziergänger lesbar gemacht.


Zeitweise wirkten die Titel- und Politik-Seiten von „Bild“ in den vergangenen Monaten wie der Feed der AfD-Seite auf Facebook: Es geht um Flüchtlinge, Flüchtlinge, Flüchtlinge. Um Skandale, Wahnsinn, Irrsinn.

Ein gutes Beispiel dafür, wie „Bild“ Stimmung gegen den „Asyl-Wahnsinn in Deutschland“ macht und damit auch gegen die Akzeptanz der hier lebenden Flüchtlinge kämpft, waren zwei Titelgeschichten im Juni. „Bild“ hatte Dokumente zugespielt bekommen, aus denen hervorgeht, dass „Mörder, Drogenhändler, Vergewaltiger“ in Deutschland Asyl beantragt haben.

Ob sie auch Asyl oder ein anderes Bleiberecht bekommen haben, weiß „Bild“ nicht, ignoriert dieses Unwissen aber, um einen Skandal herbeischreiben zu können: „Mörder, Drogenhändler, Vergewaltiger und andere Schwerverbrecher finden im Schutz des Asylrechts in Deutschland Zuflucht!“

Angesichts des Nicht-Wissens formuliert „Bild“: „Auch in Deutschland könnte von vielen Asylbewerbern offenbar noch große Gefahr ausgehen.“ Die doppelte Mutmaßung („könnte“, „offenbar“) wird mit einer doppelten Bekräftigung („viele“, „große“) konterkariert. So ein Generalverdacht gegen Flüchtlinge kann ja nicht schaden.

Ob die Worte in Anführungszeichen auf der Titelseite („Ich habe 40 Menschen ermordet und will Asyl“) wirklich ein Zitat aus einem solchen Antrag sind, ist übrigens zweifelhaft. Auf Nachfrage von BILDblog bei „Bild“ antwortete „Bild“: nichts.


Tägliche Berichte in riesiger Aufmachung über einzelne Extremfälle wie den angeblichen Leibwächter Osama bin Ladens, der jahrelang in Deutschland lebte, würden auf Dauer wohl allein schon den Eindruck beim Leser erwecken, dass die Flüchtlinge fast alle Verbrecher oder Terroristen sind. Aber „Bild“ behauptet inzwischen auch explizit, dass Flüchtlinge im Zweifel Betrüger sind.

Am Freitag voriger Woche brachte das Blatt auf Seite 1 die Schlagzeile: „Wer klaut, darf bleiben!“ Dahinter steckt als faktischer Kern, dass sich die Abschiebung abgelehnter Asylbewerber verzögeren kann, wenn sie eine Straftat begehen. Während der Ermittlungen können sie nur abgeschoben weden, wenn die Staatsanwaltschaft dem zustimmt.

Diesen Sachverhalt zur Schlagzeile „Wer klaut, darf bleiben“ zuzuspitzen, wäre sonst eher etwas für die berüchtigten Kacheln, mit denen die AfD in den sozialen Medien die Wut anfacht. Aber auch im Kleinergedruckten geht die Stimmungsmache der „Bild“-Zeitung gegen Flüchtlinge weiter. „Die unfassbaren Tricks von Migranten“ heißt es zunächst noch halbwegs vage im Inneren in der Überschrift, was zumindest theoretisch die Möglichkeit offen lässt, dass es sich um eine kleine Minderheit handelt. Aber dann formuliert „Bild“-Redakteur Franz Solms-Laubach:

Viele abgelehnte Asylbewerber versuchen mit Bagatell-Delikten der Abschiebung zu entgehen.

Wie viele sind viele? Auf welcher Grundlage kommt Solms-Laubach zu dieser Quantifizierung?

Eine Nachfrage bei „Bild“ ergibt, wie üblich, nichts. Die „Bild“-Redaktion will das nicht erklären, will nicht sagen, ob ihr genauere Informationen über Zahlen und Größenordnungen vorliegen. Überhaupt verachtet sie journalistische Nachfragen zu ihrer Arbeit. „Die Berichterstattung unserer Medien kommentieren wir grundsätzlich nicht“, schreibt ein „Bild“-„Sprecher“, „wir bitten um Verständnis.“ Es ist die Standardantwort des Verlages, seit vielen Jahren.

Auch eine Nachfrage beim Bundesinnenministerium fördert keine Fakten zu Tage, obwohl Stephan Mayer (CSU), einer der beiden parlamentarischen Staatssekretäre, der „Bild“ als Zitatgeber dient: „Immer mehr abgelehnte Asylbewerber begehen kurz vor ihrer Abschiebung kleinere Straftaten, um der drohenden Zwangsrückführung in ihr Heimatland zu entgehen“, sagte er demnach.

Sieben Tage braucht das Innenministerium für eine Antwort auf die Frage, wie viele Fälle es gibt und wie sich die Zahlen entwickelt haben. Es bittet immer wieder um Geduld, dass noch bei den Fachabteilungen recherchiert werde. Dann teilt es mit,

dass Angaben zu Selbstbezichtigungen im Asylverfahren zwar statistisch nicht erfasst werden, das Anwachsen des Phänomens als solches aber wiederkehrendes Thema sowohl in der Medienberichterstattung als auch auf Fachebene in der Bund-Länder Zusammenarbeit ist.

Zahlen hat das Innenministerium also nicht, aber man liest das ja auch in den Zeitungen. In Zeitungen wie „Bild“. Und in „Bild“ stand ja, es sind „viele“ abgelehnte Asylbewerber.


Im Frühjahr wurden Vorwürfe bekannt, dass beim BAMF in Bremen in großem Stil und sogar bandenmäßig Asylbewerber, für die die Außenstelle eigentlich gar nicht zuständig gewesen wäre, zu Unrecht Bleibegenehmigungen erhalten hätten. Die „Bild“-Zeitung machte daraus den Skandal des Jahrhunderts.

Mit einer Hysterie, die ihres Gleichen sucht, erweckte sie tagelang den Eindruck, dass das BAMF eine einzige unfähige, korrupte, die Sicherheit der Deutschen gefährdende Behörde ist.

Vieles davon war wild übertrieben, grob irreführend. Zum Beispiel ließ das Bremer BAMF nicht „46 Islamisten ins Land“, wie „Bild“ auf der Titelseite schrie. Der Verfassungsschutz fand nach einer Überprüfung bloß 46 „Kontakt- oder Umfeldpersonen“, die auch rein zufällig in Kontakt mit einer als Gefährder beurteilten Person stehen können, Familienangehörige, Geschäftspartner, Nachbarn.

Inzwischen zeichne sich ab, dass ein großer Teil der Vorwürfe nicht haltbar oder zumindest nicht belegt ist. Davon haben die Leser aus „Bild“ bislang nichts erfahren. Die Maßlosigkeit der „Bild“-Berichterstattung wird Spuren hinterlassen haben in ihrem Bild vom Asylalltag in Deutschland. Sie fügt sich ein in eine kontinuierliche Berichterstattung, die das deutsche Asylrecht als eine einzige Verrücktheit darstellt.


Vor drei Wochen hat „Bild“-Chef Julian Reichelt noch einmal einen Kommentar geschrieben, in dem die frühere „Refugees Welcome“-Kampagne als Echo anklang. Er bescheinigt den Deutschen, dass sie „stolz“ sein könnten darauf auf die Hilfe für syrische Bürgerkriegsflüchtlinge. Das sei eine historische Leistung gewesen, „die von Millionen Deutschen geschultert wurde“:

In der jüngeren Geschichte Europas gibt es leider nicht viele Beispiele dafür, wie christliche Werte nicht nur beschworen, sondern unter unbequemen Umständen gelebt und verteidigt wurden. In Deutschland ist es geschehen. Darauf können wir stolz sein.

Er plädiert dafür, „besser, härter, schneller, konsequenter“ Flüchtlinge und Migranten abweisen und ausweisen zu können: „Nur wer abweisen kann, kann auf Dauer auch aufnehmen.“ Sein Kommentar wirkt dennoch ungewöhnlich zurückhaltend. Das komplette Versagen des Staates, das „Bild“ sonst jeden Tag suggerierte, taucht hier in einer für Reichelt völlig untypischen Formulierung auf, dass „an diesem Punkt politisch schlecht gearbeitet worden“ sei.

Sein Bekenntnis, dass es prinzipiell richtig war, viele Flüchtlinge aufzunehmen, beschränkt sich aber auf eine einzige Gruppe von Flüchtlingen: die aus Syrien. Andere Flüchtlinge und Asylbewerber kommen in seinem Text nicht vor, außer als Betrüger, die sich als Syrer ausgeben. Auch bei der Deutschlandfunk-Konferenz vor eineinhalb Jahren hatte er das, was er als „klare, menschliche, empathische Haltung“ seines Blattes in der Flüchtlingskrise beschreibt, mit zwei Motiven erklärt: dem persönlichen Erleben als Reporter vor Ort, von 2011 bis 2013. Und der politischen Verantwortung Deutschlands für die Eskalation des Konfliktes.

Die demonstrative Humanität von „Bild“ scheint auf einen einzigen historischen Moment, eine einzige Gruppe von Flüchtlingen beschränkt zu sein.


Es ist nicht nur die Asyl-Berichterstattung, mit der Reichelts „Bild“ gerade Akzente setzt. Bemerkenswert ist auch, mit welcher Entschlossenheit das Blatt jeden Gedanken bekämpfte, dass Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland diskriminiert werden oder Alltagsrassismus erleben könnten. Als sie mit Tagen Verzögerung doch eine ganze Seite freiräumte, um Betroffene zu Wort kommen zu lassen, tat sie das nicht ohne den Hinweis, dass all das auch gut nur eingebildet sein kann. (Die Empfindung weißer „Bild“-Redakteure, aufgrund ihrer Hautfarbe ausgegrenzt zu werden, war dagegen natürlich sehr real.)

Tag für Tag redete die „Bild“-Zeitung sich und ihren deutschen Lesern ohne Migrationshintergrund ein, sie sollten sich nicht von diesen Schilderungen beeindrucken lassen. Das war ein verblüffender Kontrast zu der Kampagne, die „Bild“ gegen den offenbar zunehmenden Antisemitismus in Deutschland führt – ein Thema, dem sich „Bild“, aus guten Gründen, besonders verpflichtet fühlt. Antisemitismus ist demnach ein riesiges gesellschaftliches Problem, Rassismus nicht. Auflösen lässt sich dieser Widerspruch natürlich, wenn man unterstellt, dass es Ausländer waren, die Flüchtlinge, die den Antisemitismus wieder nach Deutschland gebracht haben.


200000 kriminelle Clan-Mitglieder in Deutschland!

Am Montag berichtete „Bild“, es gebe 200.000 kriminelle Clan-Angehörige in Deutschland. Die Behauptung wurde, wie üblich, von vielen abgeschrieben und weitergetragen und fand insbesondere in AfD-Kreisen größte Beachtung.

„Bild“ beruft sich auf interne Schätzungen des Bundeskriminalamtes. Doch das schätzt nicht, wie man aufgrund der „Bild“-Schlagzeile denken kann, dass es 200.000 kriminelle Clan-Angehörige gibt. Es schätzt, dass die Clans, die kriminell auffällig wurden, insgesamt 200.000 Familienmitglieder umfassen. (Offiziell bestätigt das BKA die Zahl nicht.) In der Summe sind also auch die ganzen Angehörigen enthalten, die nicht kriminell sind, sondern nur mit Kriminellen verwandt. „Bild“ nimmt sie alle in Sippenhaft.

Falsch ist auch, dass das BKA, wie „Bild“ vermeintlich exklusiv behauptete, ein eigenes „Bundeslagebild zur Clan-Kriminalität“ erstellen will. Die Clans sollen nur ein eigenes Kapitel im ohnehin erstellten und veröffentlichten Lagebild zur organisierten Kriminalität bekommen. Im aktuellen Bericht, der gerade vorgestellt wurde, werden sie darin nur kurz erwähnt, während etwa Rockergruppen und die Mafia in eigenen Unterrubriken abgehandelt werden.

Soweit sind diese Verdrehungen und Übertreibungen „Bild“-Alltag. Außerordentlich ist aber der Kommentar, zu dem diese Berichterstattung „Bild“-Redakteurin Karina Mößbauer veranlasst hat. Sie drückt darin ihre Fassungslosigkeit aus, dass erst jetzt ein solches deutschlandweites Lagebild erstellt werde (was, wie gesagt, nicht einmal stimmt). Und folgert aus der Tatsache, dass es das bisher auf Bundesebene nicht gab:

Jahrelang denkt man, zumindest das Mindeste wurde getan, um uns Bürger zu schützen. Und dann stellt man fest: Es wurde noch nicht einmal angefangen.

Weil es eine bestimmte Form der (öffentlichen) Aufbereitung nicht gab, behauptet die „Bild“-Kommentatorin, der Staat habe noch nicht einmal das Mindeste getan, noch nicht einmal angefangen damit, sich um den Schutz seiner Bürger zu kümmern. Sie suggeriert, die Behörden seien bislang nicht gegen Clan-Kriminalität vorgegangen.

Das ist, als Schlussfolgerung aus dem Fehlen eines Lageberichtes, dumm. Es ist aber auch von einem Fanatismus, der selbst dem radikalsten AfD-Anhänger Respekt abnötigen muss. Der Staat tut nichts, nichts!, um seine Bürger zu schützen.

Julian Reichelt hat in seiner Rede Ende 2016 einen leidenschaftlichen Appell gehalten, gegen die Angriffe Russlands auf das demokratische System in Deutschland zu kämpfen und die freiheitlichen Institutionen zu verteidigen. Aber für eine markige Kommentarpointe ist sein Blatt bereit, den ganzen Sicherheitsapparat, die gesamte Politik, in einer Weise zu diskreditieren, für die russische Staatshacker lange arbeiten müssen.


Ein gutes Maskottchen für den aktuellen „Bild“-Kurs ist Heinz Buschkowsky (SPD), der frühere Bürgermeister des Berliner Bezirks Neukölln. Buschkowskys formuliert seine Texte so frei von störenden Gedanken und Argumenten, dass sie sich das „Bild“-Prädikat „Klartext“ verdienen.

Seine entsprechend „Buschkowsky redet Klartext“ genannte Kolumne erschien zunächst im Berliner Lokalteil von „Bild“. Doch den hat „Bild“ in den vergangenen eineinhalb Jahren radikal zusammengeschrumpft (auch dazu ist von der Pressestelle keine wahrheitsgemäße Auskunft zu bekommen). Seit kurzem gibt es nur noch gelegentliche Berliner Einsprengsel auf einer Seite, die sich vor allem Brandenburg widmet.

Jedenfalls fand Buschkowsky nach der De-facto-Abschaffung seiner publizistischen Heimat Asyl im überregionalen Teil von „Bild“ und bezieht dort nun Sozialleistungen in Form von Aufmerksamkeit.

Der Rote Faden fast aller Buschkowsky-Kolumnen, die nun „Achtung, Buschkowsky!“ heißen oder auch „Buschkowsky sagt, wie es ist“: Alle – außer ihm – sind offensichtlich verrückt geworden. Mit Argumenten von Leuten, die anderer Meinung sind als er, setzt er sich nicht auseinander, sondern tut sie als offensichtlich bekloppt ab. Ein typisches Buschkowsky-Gegenargument lautet: „Geht’s noch?“ Auf jeden von „Bild“ skandalisierten Fall, in dem die Eigenheiten eines demokratischen Rechtsstaates einer schnellen, klaren Lösung im Sinne des vermeintlich gesunden Menschenverstandes entgegenstehen, setzt er noch ein paar markige Worte, etwa: „Absurdistan“. Die von Mesut Özil geäußerte Erfahrung, bei Erfolg als Deutscher gefeiert, bei Misserfolg als Migrant geschmäht zu werden, tut er bündig als „Quatsch“ ab. Über den vermeintlichen „BAMF-Skandal“ hat Buschkowsky einfach behauptet: „Das ist organisierte Kriminalität“.

In dieser Woche hat „Bild“ seine Kolumne im Blatt besonders groß aufgemacht, vermutlich als Dank dafür, dass sie besonders ignorant war. Er ließ sich stolz mit einem Würstchen fotografieren und setzte sich mit dem Vorwurf auseinander, dass er damit den Klimawandel befördere.

Wissenschaftler, die erläuterten, dass eine Dürre- und Hitzewelle, wie sie in den vergangenen Wochen in Deutschland herrschte, dank des Klimawandels viel wahrscheinlicher geworden ist, tat er als „sich selbst so empfindende Experten“ ab. Leute wie Buschkowski wissen, je weniger sie wissen, um so mehr Bescheid. Und der „knackig warme und sonnige Sommer“ sorgte dafür, dass „nach Jahren unangenehmer Kühle der Urlaub an Nord- und Ostsee wieder einmal richtig Laune“ macht.

Nach Erklär-Demokratie und Belehr-Rechtsstaat kommt eine neue Facette der Volkshochschulpolitik als Moral­imperialismus um die Ecke: die Veggie-Jünger!

Also früher war am Klimawandel ja die Atombombe schuld. Das war einfach. Danach kamen die Autos und die alten Glühbirnen. Schon schwieriger. Dass es jetzt aber mein Kotelett sein soll – kaum noch zu verstehen …

Vermutlich könnte er es verstehen, wenn er es wollte. Aber wer nichts versteht, muss auch keine Verantwortung für sein Handeln übernehmen. Buschkowsky ist stolz auf seine Ignoranz. Reichelts „Bild“ schmückt sich damit. Sie passen gut zueinander.


Die echten und vermeintlichen Probleme, die „Bild“ skandalisiert, sind eine wichtige Quelle für die AfD, und über AfD-Leute und andere rechte und extrem rechte Seiten und Personen werden die „Bild“-Berichte besonders stark verbreitet. Einen kleinen Eindruck davon, in welchem Maß AfD-Accounts auf die „Bild“-Berichterstattung anspringen und ihr Reichweite und Aufmerksamkeit verschaffen, vermittelt das Analyse-Tool „Crowd Tangle“, das anzeigt, von welchen Facebook-Seiten oder Twitter-Konten es die meisten Interaktionen mit einzelnen Artikeln gab. Zum Beispiel:

„Keiner will uns sagen, ob DIE noch bei uns sind“:

„‚Ich habe 40 Menschen umgebracht und will Asyl“:

„Wer klaut, darf bleiben“:

AfD-Politiker drehen die ohnehin schon übertriebenen „Bild“-Berichte dann gern noch eine Windung weiter. Aus den Bagatell-Delikten, die laut „Bild“ „viele“ Flüchtlinge begingen, um einer Abschiebung zu entgehen, werden dann etwa „Verbrechen“:

Die Kollegen vom BILDblog haben neulich an einem Beispiel dokumentiert, wie „Bild“ das rechte Leserpotential ausschöpft: Indem man, auf dünnster Grundlage, einen Zusammenhang zwischen dem Rückgang von Besucherzahlen in einem Freibad und den Flüchtlingen suggeriert.


Nun ist es nicht so, dass die „Bild“-Zeitung will, dass die Leute AfD wählen. Die „Bild“-Zeitung will, dass andere Parteien AfD-Politik machen, damit die Menschen nicht mehr die AfD wählen.

Im Zweifel versteht sie sich als schärfster Gegner dieser Partei. Sie findet sie schmuddelig, akzeptiert keine Anzeigen von ihr. Die AfD und ihre Politiker kommen in „Bild“ relativ wenig vor. Ihre Themen und Haltungen dafür umso mehr.

Ganz im Sinne der AfD macht „Bild“ Migration und Flüchtlinge zum alles beherrschenden Thema. Sie bläst Einzelfälle riesig auf, erklärt sie zum System und schreibt dann, dass man sich nicht wundern dürfe, dass die Leute unter diesen Bedingungen AfD wählen.


Julian Reichelt hat Ende 2016 bei der Deutschlandfunk-Tagung gesagt, andere Boulevardmedien hätten die Stimmung gegen Flüchtlinge genutzt, um Überschriften zu machen wie: „Acht Gründe sich eine Waffe zu kaufen. Sieben davon haben mit Flüchtlingen zu tun.“ (Er erklärte nicht, welches Medium er meinte.) Er fügte hinzu: „Ich bin stolz darauf, dass es zu keinem Zeitpunkt auch nur den Gedanken gab, in irgendeiner Weise auf diese Intonierung einzuschwenken.“

Man muss die Latte für verantwortungsvolles journalistisches Handeln nur tief genug legen, dann reißt sie nicht einmal Julian Reichelt.

Nachtrag, 16. August. Nach Erscheinen dieses Artikels hat Bild.de die „Refugees Welcome“-Archivseite wieder sichtbar gemacht.

39 Kommentare

  1. Das Beschämenste an der ganzen Sache ist doch, dass dieses Blatt seit Jahrzehnten die meistgelesene/-verkaufte ‚Zeitung‘ Deutschlands ist. Und daß sich so gut wie kein*e Politiker*in scheut, diesem Schund- und Hetzblatt Interviews zu geben.
    NB: Es soll sogar eine namhafte Politikerin geben, die mit der Besitzerin dieses Sch****blattes befreundet ist.

  2. Ich begrüße jedes Tagesblatt, dass uns aufzeigt wie die Realität, in unserem Land, zur Zeit aussieht . Solange 21 und 24 jährige Iraker, in Essen, mit 100.ooo € teuren Mercedes – und BMW Autos Rennen fahren (wie am Wochenende), solange sehe ich „Revugees welcome“ nicht ein. Ich kann mir solche Drogendealerautos nicht leisten. Die Flüchtlingspolitik läuft voll gegen die Wand.

  3. Naja. Wenn man realistisch ist: Mich hat eher das „refugees welcome“ von Bild gewundert. Die gleiche Schiene, die sie jetzt fahren, hätte ich schon damals erwartet. Da hat sich wohl die Redaktion von der Stimmung im Land beeinflussen lassen.
    Jetzt ist halt wieder alles so wie vorher. Bild hetzt und macht Stimmung auf rechts außen. Alles wie gehabt.
    (Sollte man natürlich trotzdem kritisieren. Aber es hat doch wohl keiner geglaubt, dass die Bild plötzlich irgendwas mit dem Grundgesetz oder den Menschenrechten anfangen kann?)

  4. Die Bild-Zeitung: Dieses Drecksblatt, das so widerlich ist, dass man toten Fisch beleidigt, wenn man ihn drin einwickelt. (Frei nach Volker Pispers zitiert).

    Angesichts dieser Refugees-Welcome Kampagne von Bild fragt man sich rückblickend, ob Julian Reichelt eigentlich shizophren ist. Da züchtet sich die Zeitung über Jahrzehnte konsequent eine nicht-reflektierende, xenophobe Leserschaft heran und kommen dann auf die Idee sich zum Feindbild dieser eigenen Leserschaft zu machen.
    Warum hat man Julian Reichelt damals nicht gleich in einer Zwangsjacke abgeführt und ins Sanatorium eingewiesen? Das wäre zumindest witzig gewesen.

    „Jedenfalls fand Buschkowsky nach der De-facto-Abschaffung seiner publizistischen Heimat Asyl im überregionalen Teil von „Bild“ und bezieht dort nun Sozialleistungen in Form von Aufmerksamkeit.“

    Ich finde das so traurig. Ich habe Buschkowsky eigentlich immer für einen anständigen Kerl gehalten. Klar: Er hat nie ein Blatt vor dem Mund genommen. Aber damals hat es sich noch recht anständig angehört und man konnte ihm ja auch schlecht widersprechen, bei seiner Erfahrung. Ich hatte sein Buch „Neukölln ist überall“ vor ein paar Jahren eigentlich sehr positiv und unaufgeregt wargenommen. Vielleicht täusche ich mich aber auch und ich müsste sein Buch heute noch einmal lesen.

    Nichtsdestotrotz kann man ihm seine Arbeit bei der Bild-Zeitung eigentlich nicht verzeihen. Man muss diesem Mann zutrauen, dass er weiß mit wem er sich da ins Bett gelegt hat und da muss man die Konsequenz ziehen. Ich persönlich habe seine Kolumnen bei Bild nie verfolgt und habe lange darüber nichts gelesen, bin aber sehr schockiert über den hier berichteten Tonfall.

  5. Solange Buschkowsky bei RTL Arbeitslose demütigt sollte er zu keine poitischen Thema mehr gefragt werden.

    @Bert
    Einfach Drogendealer werden dann können Sie sich auch Drogendealer-Autos leisten.

  6. Können wir ein Crowdfunding für den armen @3 Bert starten, der sich kein Drogendealerauto leisten kann, aber von Sozialneid zerfressen ist, weil er glaubt, Flüchtlinge hätten solche Karren?

  7. „Tag für Tag redete die „Bild“-Zeitung sich und ihren deutschen Lesern ohne Migrationshintergrund ein, sich nicht von diesen Schilderungen beeindrucken lassen zu sollen.“
    Dieser Satz scheint mir etwas verdreht zu sein. „[…] beeindrucken zu lassen“ wäre hier wohl schöner gewesen.

    Danke für das Buschkowski-Zitat, das mit dem Kotelett. Da musste ich schon sehr lachen.

  8. Seit 40 Jahren bin ich der Meinung, dass „BILD“ keine eigene Meinung hat und somit auch keine Meinung „BILD“en kann!
    „BILD“ geht statt dessen zu den(AfD)-Stammtischen und hört sich das Gerede dort an um es dann verstärkt wieder zu geben. Anschliessend kann sich der Stammtisch auf die Schulter klopfen und freudig behaupten:“Wir hatten Recht, die „BILD“ schreibt genau das was wir sagen!“
    „BILD“ ist kein Meinungsmacher, sondern ein Meinungsverstärker!
    Und sie verstärkt genau die Meinung, mit der sie das meiste Geld verdienen kann!

  9. „kundenorientierte Nachrichten.“ –> kernzielgruppenorientierte Texte
    „Meinungsverstärker“ –> Echokammer

    Ist aber eher das Problem privatfinanzierter Medien generell, nicht nur der Bild. In der TAZ wird auch eher kein Text von z. B. Tilo dem Sarazenen auftauchen.

  10. @Anderer Max,
    Ich hoffe doch, dass die TAZ einen Bericht über Thilo Sarazin mit belastbaren Fakten belegt!
    Aber so gesehen geben die Puplikationen aller Medien (Zeitschriften, Bücher oder elektronischer Medien) die Meinung der Authoren/Herausgeber wieder!
    Wären ich als Leser sicherlich zu den Medien tendiere, die eher meine Ansichten vertreten. Von daher befinde ich mich z.B. mit Übermedien in einer gemeinsamen Echokammer.
    Nur das hier, und in anderen Qualitätsmedien zumindestens angedacht wird, das es auch noch andere Ansichten geben kann!
    „BILD“ stellt jedoch seine ihre Sicht der Dinge als endgültig da und adressiert sie bewusst an Leser, die nur wenig in der Lage sind differenziert zu denken.
    Und das tut sie in einer Form, die man nur als üble Marktschreierei bezeichnen kann! Das Problem ist: Wer am lautetesten schreit wird am weitesten gehört!
    Die leiseren Stimmen gehen unter und „BILD“ hat die Meinungsführerschaft!
    Fragt sich nur, wer über Kurz oder Land der „Führer“ ist?

  11. @15: Ich schrieb „von“, nicht „über“.
    Das war auch nur ein hypothetisches Beispiel. Rechter Autor in linkem Medium. Der Riexinger würd‘ wahrschienlich auch nicht im Compact Magazin erscheinen.

    Meinungsführerschaft ist ein Begriff aus der Marktforschung und immer subjektiv und nicht absolut. Wenn ich ein Produkt verkaufen will, kann ich mich z. B. mit Sachinformationen in Fachmagazinen an die sog. Meinungsführer wenden, die dann, wenn sie von ihrem Laienpublikum (Endkunden) befragt werden, hoffentlich die Sellingpoints meines Produkts herunterbeten.

    Es ist ja nicht, wie im US-Wahlkampf: BILD hat 2% mehr Reichweite als Süddeutsche in Zielgruppe X, daher erhält die BILD alle Stimmen des Wahlbezirks.

    Leisere Stimmen gehen nicht unter, sie werden nur schwieriger vernommen.

  12. @ Bert

    Sie haben also lieber Iraker, die keinen Beitrag zu unserer Volkswirtschaft leisten und nur Stütze kassieren? Oder denken Sie die 100k – Dealer Karre gibts vom Amt? Diese Drogendealerautos werden übrigens i.d.R. tatsächlich von Leuten gefahren die Ihnen tatsächlich schaden wollen (und sei es nur durch Dieselabgase ;-) und damit auch straffrei durchkommen siehe hier:

    https://www.duh.de/fileadmin/user_upload/download/Projektinformation/Verkehr/Dienstwagen/2016/Unternehmen/DUH-Dienstwagen-Umfrage_Unternehmen2016_121016.pdf

  13. Der Einfluss der „Bild“-Zeitung in den tonangebenden Schichten der Bundesrepublik Deutschland ist gering. Da haben „Zeit“, „Spiegel“ und „Süddeutsche“ viel mehr Macht, ganz zu schweigen von den öffentlich-rechtlichen Sendern.
    Deshalb ist es umso bedauerlicher, dass eine Pro- und Contra-Diskussion zur Flüchtlingsfrage neulich in der „Zeit“ auf grandiose Weise gescheitert ist. Anstatt den Diskursraum zu erweitern, hat die Chefredaktion der „Zeit“ diesen für die Zukunft wieder eingeschränkt.

  14. @BERT
    Sie sind ein wunderbares Beispiel dafür, wie diese Bild-Berichterstattung funktioniert und wirkt.
    Eine Mischung aus Neid und Sorge führt zu absurden Kurzschluss-Gedanken, die Bild zwar so auch nicht geschrieben hat, aber eben unterschwellig suggeriert.

    Ich versuche es mal ganz bewusst „naiv“:
    Der, mit dem 100.000 EUR Benz/BMW ist sicher nicht der „Straßenverkäufer“, sondern eher der Boss.
    Und der Boss ist jemand, der braucht Vertriebswege seine Drogen vom Erzeuger zu sich. Und dann von sich, über die Verkäufer (die Dealer) an die Konsumenten. Das Ganze muss geheim und unauffällig bleiben und es dürfen keine „Maulwürfe“ in die Gruppe kommen. Auch gibt es ggf. schon andere Dealer vor ort, die Ihr Revier verteidigen, etc. Man muss Lagerung und Geldflüsse etc. regeln, damit sie nicht nachverfolgbar werden.
    Das ganze ist ein großer logistischer Aufwand, man muss die Strukturen in denen man sich befindet gut kennen, etc.
    Trotzdem scheinen Sie zu glauben, dass ein vor wenigen Jahren eingewanderter Iraker, der möglicherweise nicht mal unsere Sprache spricht, das alles „mal eben so“ gemacht hat, nur um Ihnen jetzt mit seinem teuren Auto vor der Nase herum zu fahren.

    Wenn Sie da mal in ruhe drüber nachdenken, werde Sie sicher merken, wie absurd das alles ist. Aber der Neid, den Bild Ihnen eingeredet hat (denn darum geht es ja meistens bei Bild: „Der hat und Du nicht“) blockiert alle logischen Gedankengänge. Es ist nur noch Neid und Hass da.

    Und plötzlich glaubt man, dass jeder Fahrer eines fetten Autos, der einen Migrationshintergrund hat kriminell und jeder Hartz4 Empfänger faul, reich und glücklich ist.

  15. @18: Bitte einmal genauer erklären:
    Die ÖR haben „Macht“ in den „tonangebenden Schichten“?
    Aber ich dachte doch, dass der ÖR vom Staat selbst gesteuert wird?!
    Wie herum genau funktioniert die Theorie denn jetzt?

  16. @ Anderer Max:

    Wie herum genau funktioniert die Theorie denn jetzt?

    Immer so wie’s gerade gebraucht wird. Die Theorie ist sehr volatil und aus eben diesem Grund universell anwendbar. Konsequent inkonsistent.

  17. Heinz Schnabel:

    „Den Diskursraum erweitern“, das hätten Sie schon gern, gell? Nette Formulierung für böse Absichten.

  18. Also bei mir sieht die Seite vollständig und gut gefüllt aus, nicht so lückenhaft wie im Artikel. Habt ihr nen Adblocker laufen, der die Hälfte unterdrückt?

  19. Also bei mir sieht die Seite vollständig und gut gefüllt aus, nicht so lückenhaft wie im Artikel. Habt ihr nen Adblocker laufen, der die Hälfte unterdrückt? .

  20. „Nun ist es nicht so, dass die „Bild“-Zeitung will, dass die Leute AfD wählen.“

    – Die Bild will vor allem, dass die rechten Lesermilieus wieder am Kiosk zugreifen und im Web auf Bild-Inhalte klicken.
    Ich unterstelle Reichelt, dass das sein einziges Ziel ist. Politische Haltung ist dabei reine Nebensache.
    Diekmann hatte Helmut Kohl-Fantum und die pro-europäische Haltung als Grundlage unter dem Schmutz. Reichelt? Man weiß es mittlerweile nicht. Seine mal vorhandene Menschenrechtshaltung ist wohl durch seinen rechtstwitterigen Aktivitäten zum Opfer gefallen.

    Die Kanzlerin stürzen würde er sicher gerne (Diekmann hat mit Bundespräsident aber hoch vorgelegt), schafft er zum Glück aber nicht.

    Vergessen wird die Zeit von Tanit Koch, die aber wohl (laut Munkeleien) unter Reichelt/Diekmann litt.

  21. Stefan Niggemeier:
    „Im Spätwerk Diekmanns wollte „Bild“ von den Eliten, den Intellektuellen, den Kollegen gemocht werden“
    Michael Haller:
    „Besonders treffend wird dieser Typus von einem Journalisten verkörpert, der viel dazu beigetragen hat, den Anspruch des verantwortungsethisch handelnden Journalisten im Schaumbad des populistischen ‚Anything goes‘ aufzulösen. Ich meine Kai Diekmann…
    Besonders großartig fand er seine intime Nähe zum Bundeskanzler Helmut Kohl…“
    https://www.cicero.de/innenpolitik/medienkrise-journalismus-fluechtlingskrise-berichterstattung

  22. @ Stefan Niggemeier
    Haller sieht die Kontinuität im „Anything goes“, in der Nähe zur Macht und im Populismus bei Diekmann. Die „guten“ und „bösen“ Ausprägungen davon in verschiedenen Phasen seines Schaffens hält er offensichtlich für zweitrangig, für zynisch und opportunistisch genutzte Gelegenheiten ohne moralischen Mehrwert.
    Ihre Auseinandersetzung mit Haller scheint mir deshalb nicht ganz zufällig ein blinder Fleck zu bleiben:
    https://uebermedien.de/18070/alles-versager-die-mediale-sturzgeburt-einer-studie/

  23. @Andreas Müller: Ich halte Diekmanns Anbiederung an Kollegen und Intellektuelle in seinem „Bild“-Alterswerk gar nicht für eine „gute“ Ausprägung und habe sie auch nicht moralisch gewertet.

  24. @ SB #32
    Sehr erfreulich.
    Haller scheint mir den Nagel auf den Kopf zu treffen. Die grünen Unterstreichungen sind meine:
    https://pbs.twimg.com/media/DfK7Lt7X4AAsFPw.jpg
    Diekmann war ein Experiment, ein Zugeständnis bei BILD an einen Zeitgeist, der seine besten Zeiten hinter sich hat.
    Die Rückkehr zum normalen Stumpfsinn mit Julian Reichelt (und u.a. Julian Röpcke) beantwortet noch nicht die Frage nach der Konstante. Geldverdienen allein kann es nicht sein, denn die Auflage bleibt im Keller und Reichelt wird nicht alles wiedergewinnen, was Diekmann an Unterstützung rechts der Mitte verloren hat.

  25. „Geldverdienen allein kann es nicht sein“
    Klar, wieso nicht? Printauflage geht bei Allen runter, das ist kein Gegenargument. Die Auflage ist ja auch nur ein Faktor – Anzeigenkundenmenge und das zuverlässige vermitteln von erfolgsversprechenden Werbungen in der Zielgruppe sind da wichtig um Umsatz zu machen. Sprich: Ich brauche kein „Hundeabwehrspray“ in der TAZ bewerben. Solange die BILD zuverlässig die entsprechende Demografie an sich bindet, bleiben die Anzeigekunden bestehen. Ändert sich die Zielgrupe, ändern sich die Werbeannoncen.
    BILD hat das Problem, dass die linksliberale Mitte schon extrem ausgelastet ist. Weshalb ein Wegfall der eigentlich-bin ich-kein-nazi-aber-Zielgruppe dem Verlag teuer zu stehen kommt.

  26. mich beschäftigt seit längerem die Frage, ob Julian Reichelts Handeln nur darauf abzielt, die stetig sinkende Auflage seines Gossenblattes zu bremsen und aufzuhalten, oder ob die Triebfeder seines Handelns nur sein verrotteter schäbiger Charakter ist. In Anbetracht der Tatsache, dass die Bild aber noch nie etwas anderes als ein verlogenes, heuchlerisches und radikalen Dumpfbacken nach dem Maul redendes Blatt war, ist das aber wohl kaum von einander zu trennen. Reichelt ist nicht umsonst da wo er ist.
    Wären da nicht seine offensichtlichen und öffentlich werdenden intellektuellen Ausfälle, wo er, auf seine Widersprüche und Lügen angesprochen, mit dümmlichen Ausreden, Verdrehungen und sturer Ignoranz verzweifelt versucht, sich aus der Nummer heraus zu winden, müsste man den Mann sogar für gefährlich halten.

  27. Geld. Die Motivation ist immer Geld.
    Klassische Ideologien ordnen sich automatisch der Ideologie des Geldes unter.
    Eine Ideologie, die sich nicht verkaufen lässt, hat keine Zukunft.

    „Links“ und „rechts“ bewegen sich auch nur im Rahmen dessen, was der Kapitalismus zulässt. Sogar Kapitalismuskritik ist nur verbreitungsfähig, wenn sie kommerzialisiert werden kann.

    Rassismus kan sich sichtbar verbreiten, wenn es dafür einen Absatzmarkt gibt. Und der scheint gut zu florieren derzeit.

  28. Guter Artikel, hätte die AFD nicht ein Antisemitismusproblem in ihren Reihen würde die Bild Zeitung diese Partei längst hofieren. Das Bild Logo wäre wahrscheinlich blau, weiß rot.

  29. @ Anderer Max #35
    „Eine Ideologie, die sich nicht verkaufen lässt, hat keine Zukunft“
    Ich habe inzwischen gelernt, dass es noch Schlimmeres gibt, als Ideologien, die sich verkaufen lassen:
    An sich völlig unverkäufliche Ideologien, denen mittels Abgaben eine Zukunft erzwungen werden soll.

  30. Bisschen zu subtil für Ihre Zielgruppe!
    „Gezwungen“ und „Abgabe“ müssen näher beieinander stehen!
    Oder direkt den Königsweg nehmen: Zwangsabgabe.
    Gern geschehen! :)

  31. Ich hatte damals das starke Gefühl, dass es so manchem Journalisten (u.a. beim Axel Springer Verlag) mit dem Willkommen für Flüchtlinge nicht darum geht, Menschen in Not zu helfen. Sondern darum allen zu zeigen, dass sie Menschen helfen. Einfach nur aufspringen auf den PR-Zug um sich auch international als weltoffen zu präsentieren. Sobald es opportun und gewinnversprechend ist, schwingt das Pendel in die entgegengesetzte Richtung.

    Kann leider nicht behaupten, dass ich Grund habe von dieser Vermutung abrücken.

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