Alles, was davon hängen bleibt, ist der Blödsinn

Das Magazin „taz Futur­zwei – Magazin für Zukunft und Politik“ hat als Titelthema der aktuellen Ausgabe „Jetzt neu: die Jugend“ auf dem Titel stehen, was offensichtlich ein bisschen von Sorge getrieben ist, denn der Herausgeber Harald Welzer, 60 Jahre alt, findet in seinem Editorial „die Jungen in Sachen Utopie ein bisschen sehr narrow“.

Ein Satz, bei dem man berechtigterweise aufhören könnte, das Heft weiterzulesen. Was allerdings dazu führen würde, dass man ein paar interessante Dinge verpasst, zum Beispiel die Tatsache, was und wen man bei „taz Futur­zwei“ für „Jugend“ hält. Den Aktivisten Heinrich Strößenreuther zum Beispiel, der 50 Jahre alt ist, oder die 51-jährige Sängerin Bernadette La Hengst. Was natürlich ein bisschen unfaire Beispiele sind, denn die allermeisten der im Heft vorgestellten, befragten und zitierten Menschen sind deutlich jünger.

Da ist zum Beispiel „jung & naiv“-Erfinder Tilo Jung, der 32 ist und also nicht nur Jung heißt, und dem Herausgeber Welzer und Chefredakteur Peter Unfried die Frage stellen:

„Es fiel bei den Jamaika-Verhandlungen auf, dass Journalisten das unfassbar geil fanden. Normale Leute eher nicht.“

Jung beginnt seine Antwort mit: „Exakt.“

Womit sich dann drei Journalisten gegenseitig bestätigt hätten, dass sie ganz anders sind als andere Journalisten (vermutlich normal), außerdem haben ein 60-Jähriger und ein 54-Jähriger gleichzeitig bewiesen, dass sie jung genug sind, „unfassbar geil“ in einem Interview zu sagen, und überhaupt ist das alles ein bisschen unangenehm. Ich ärgere mich, weil ich eine Grundsympathie für die „taz“ habe, aber nicht mehr weiß, warum.

Ein paar Seiten davor interviewt ein „taz“-Redakteur gemeinsam mit Heike-Melba Fendel drei junge Frauen – eine Politikerin, eine Schauspielerin und eine Nachrichtenmoderatorin. Frau Fendel ist eine wirklich interessante Frau, Autorin und alles mögliche andere, aber im Hauptberuf ist sie Geschäftsführerin einer erfolgreichen Künstleragentur, und die Nachrichtenmoderatorin, die beim ZDF arbeitet und hier interviewt wird, ist Klientin eben jener Agentur. Das Gespräch beginnt mit dem lapidaren Hinweis, Fendel habe es „angeregt“.

Bei aller Liebe zu allem möglichen: Dass Künstleragenten anregen, sie könnten doch mal selbst eine ihrer Klientinnen für ein Magazin interviewen, ist normalerweise keiner der Vorschläge, die eine Redaktion annimmt. Genau genommen ist das sogar ein Vorschlag, den eine Redaktion nicht einmal ablehnt, weil er sich von selbst verbietet. Mir ist ein Rätsel, wie das hier ins Blatt kommen konnte.

Abgesehen davon, dass die jungen Frauen erstaunlich wenig sagen, was dann noch einmal entstellt wird durch die völlig irreführende Headline „Ich mag den Spruch nicht, dass die Zukunft weiblich ist“. Der Kontext ist: Nach dem Spruch gefragt, antworten zwei Frauen nacheinander, dass sie sich in Zukunft vor allem Diversität wünschen, die Zukunft sei nicht ausschließlich weiblich, sondern mehr. Die Headline verspricht etwas anderes. Fein ist das nicht.

Ich mecker hier rum, oder? Aber ich ärgere mich auch wirklich! Ich habe dieses Heft gelesen und alles, was hängen bleibt, ist der Blödsinn.

Da schreibt ein emeritierter Professor, vorgestellt als Begründer der „visuellen Soziologie“, eine „hermeneutische Bildanalyse“ des berühmten Fotos von John F. Kennedy Senior und Junior, auf dem der dreijährige Sohn unter dem Schreibtisch seines Präsidentenvaters im Oval Office hervorschaut.

Ich spoilere mal die Erkenntnis des Textes: Auf dem Bild schaut der Vater von oben nach unten, während der Kleine nach oben in die Welt schaut. Der Vater stirbt durch Schüsse, die von oben nach unten von einem Hochhaus auf ihn abgefeuert werden, der Sohn stirbt bei einem Flugzeugabsturz, der auch von oben nach unten geht. Really, „taz Futur­zwei“?1

Und nebenbei: Bei der hermeneutischen2 wie auch wahrscheinlich jeder anderen Bildanalyse hilft es, wenn man das Bild sehen kann. Druckt doch den Text künftig in so einem Fall neben das Bild, nicht auf die nächste Seite.3

Der Name „Futur­zwei“ leitet sich ab von einer möglicherweise irgendwie auftragegebenden „Stiftung für Zukunftsfähigkeit“, deren Direktor gleichzeitig Herausgeber des Heftes ist, das Impressum erwähnt sie allerdings nicht. Auch das ist merkwürdig, vor allem, weil es wirkt, als hätte man das vergessen, da es schließlich jedem klar sein muss.

Und jede Googelei zu jedem der Beteiligten führt immer wieder im Kreis: Tilo Jung hat Harald Welzer interviewt, bevor der ihn interviewt hat. Der Chefredakteur interviewt den Herausgeber sogar „jede Woche“ für die eigene Internetseite.4 Jeder ist irgendwie mit jedem verbunden, Autoren des Heftes sind auch der Bruder und die Tochter des Chefredakteurs, und die Agentin, die ihre eigene Klientin befragt, hatten wir oben schon.

Das Ganze fühlt sich an wie Suppe, und dabei eine sehr berlinerisch-linke Binnenveranstaltung. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich einem Sechzigjährigen, der die Utopien der Jugend „ein bisschen narrow“ findet, vorwerfen darf, dass seine Generation in den vergangenen 40 Jahren für derartige Überheblichkeit eindeutig zu wenig Fortschritt erreicht hat5, aber das finde ich in Wahrheit nur halb so nervig wie den Habitus des Heftes, immer davon auszugehen, man würde automatisch zu den Guten gehören. Dabei sieht das Ding nichtmal gut aus, abgesehen von den lustigen Fotografien von Benjakon.

Das ist, was mir bleibt: Ein Heft über junge Leute, gemacht von solchen, die nicht wahrhaben wollen, dass sie alt sind – was schon wieder wenig überrascht, wenn man sieht, dass sie nicht einmal wahrhaben wollen, dass sie Journalisten sind.

So, das muss reichen, weil ich es keine Sekunde länger schaffe, mich nicht über die Typografie des Namens auf dem Titel aufzuregen, wenn ich jetzt nicht sofort

taz Futurzwei
taz Verlags- und Vertriebs GmbH
7,50 Euro

6 Kommentare

  1. Wie haltet Ihr das bei den Übermedien mit dem Trennen von Wörtern? Ich lese hier sowohl in den Anreißertext auf der Hauptseite als auch im Beginn des Artikels die Trennung „Futurz-wei“. Der Titel der Zeitschrift soll doch bestimmt nicht so ausgesprochen werden, oder?

    Ich habe in den HTML-Quelltext hineingesehen, aber keinerlei Marken für die Worttrennung gefunden. Von der CSS-Definition der Übermedien wird man schier erschlagen, das ist eine unformatierte Bleiwüste wie einst in den Programmzeitschriften die Auflistung der Radioprogramme.

    Im Web habe ich ein paar Informationen zu Worttrennungen gefunden. Demnach lässt sich per CSS eine automatische Worttrennung aktivieren. Das irritiert mich, denn es würde ja bedeuten, daß der Browser (ich verwende Firefox) nicht einfach nur HTML rendert, sondern Kenntnisse über die verwendete Menschensprache halten muß. Das widerspricht ja diametral dem für das Web geltenden Designprinzip, daß alle für den Browser relevanten Informationen in Tags und Entities stecken müssen. Aber vielleicht habe ich das nicht richtig verstanden?

    Wie kommt es zu der Trennung „Futurz-wei“? Ist das so gewollt (z.B. als Stilmittel), oder ist das ein Fehler?

  2. @Daniel Rehbein: Doch, das machen die Browser inzwischen selber, wenn man es als Webseite zulässt. Die automatische Trennung „Futurz-wei“ ist natürlich nicht gewollt; ich habe da jetzt mal die Trennung an der richtigen Stelle erzwungen (ich hoffe, erfolgreich.)

  3. Mal wieder eine herrliche Kolumne, vielen Dank!
    Und die Typographie des Titels ist auch wirklich grauenhaft. ;) Aber speziell unterschreiben kann ich folgenden Satz:

    Ein Satz, bei dem man berechtigterweise aufhören könnte, das Heft weiterzulesen.

    *schauder*

  4. Ich hätte jetzt fast gedacht, die falsche Trennung wäre der Boykott dieser tollen Typographie: „Quid pro quo: Wenn Ihr keine gescheite Schrift habt, brauchen wir auch keine gescheite Silbentrennung.“

  5. Kann mich immer nicht entscheiden, ob MP eher dann zur Hochform aufläuft, wenn er etwas mag, oder dann, wenn nicht.

    #firstworldproblems

  6. Welzer ist kein Journalist. Und außerdem ist es doch legitim, die damalige absurde Koalititonsverhandlungsdauerberieselung zu kritisieren. Selbst wenn man Journalist ist und sich damit von vielen Kollegen distanziert. Es klingt hier so nach dem Vorwurf „Die halten sich wohl für was Besseres.“ Auf jeden Fall halten sie sich sicherlich für etwas ziemlich Anderes und das ja wohl zurecht.

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