Warum führen alle Schalten nach Rom?

In unserer Reihe Wieso ist das so? fragen wir andere, was wir uns fragen. Diesmal: Wieso schaltet die ARD zu einer Korrespondentin nach Rom, wenn aufregende Dinge in Genua oder Athen passieren? Was bringt es, wenn sie ohnehin nicht am Ort des Geschehens ist? Fragen an ARD-aktuell-Chef Kai Gniffke. ARD-aktuell produziert „Tagesschau“, „Tagesthemen“, „Nachtmagazin“ und den Nachrichtenkanal „Tagesschau24“.


Herr Gniffke, waren Sie schon mal im ARD-Studio Rom?

Ja, aber das ist mehr als zehn Jahre her.

Sie haben mal gesagt, dass das der eine Job ist, der noch toller wäre als ARD-aktuell-Chef: Korrespondent in Rom.

Stimmt. Generell gehören Korrespondentenjobs zum Besten, Wichtigsten und Interessantesten, das man sich in einem Journalisten-Berufsleben vorstellen kann. Und wenn man dann noch in einer Stadt wie Rom arbeiten darf: Ja, das wäre schon schick. Aber ich klage nicht.

Ist das Studio tatsächlich da, wo man diesen Blick auf den Petersdom hat?

Ja, vom Dach aus.

Werden Fernsehstudios nach dem Kriterium ausgewählt, dass man sich da auch dekorativ auf eine Terrasse stellen kann?

Ich glaube, der Bayerische Rundfunk hat dieses Studio schon seit Jahrzehnten – wer weiß! Aber es ist natürlich gut, wenn man ein Haus hat mit einer Kameraposition, wo die Leute auf dem ersten Blick erkennen: Das muss Rom sein.

Kann es sein, dass es da schon schön ist, dass Ellen Trapp da gar nicht weg will?

Ich hoffe, dass sie da nicht weg will, weil wir sie über alle Maßen schätzen!

Ellen Trapp, live aus Rom über Genua Screenshots: Tagesschau24

Ich meine nur, weil sie sich anscheinend so selten von dort entfernt. Nach dem Brückeneinsturz am Montag zum Beispiel hat sie sich nicht auf den Weg nach Genua gemacht.

Ich bin froh, dass sie das nicht gemacht hat. Denn dann wäre sie über viele Stunden nur schwer erreichbar gewesen und hätte nicht produzieren können. Idealerweise hat man zwei Standorte: Das Studio, wo alle Informationen zusammen laufen, wo die Infrastruktur liegt, wo man sichere Leitungen hat. Und gleichzeitig jemanden draußen im Feld. Wenn das in der ersten Zeit noch nicht gelingt, ist mein Plädoyer immer, erstmal dort bleiben, wo wir in der Lage sind, mit jemandem Kontakt zu haben, der erreichbar ist, recherchieren kann und nicht gerade Autofahren muss oder in einem Flugzeug sitzt.

Wer trifft diese Entscheidung?

Das Mutterhaus, in diesem Fall der Bayerische Rundfunk. Aber nach derselben Maßgabe: Wir brauchen das Studio auf jeden Fall als sicheren Standort.

Warum ist das so wichtig? Kann die Kollegin da wirklich mehr wissen als etwa ein Redakteur bei ARD-aktuell in Hamburg, was die Nachrichtenlage angeht?

Ja, auf jeden Fall. Wichtig ist, dass man Leute hat, die das Land kennen; die wissen, wovon sie reden; die über Jahre die Geschehnisse in einem Berichtsgebiet verfolgen; die sich ein Informationsnetzwerk aufgebaut haben. Das kann man nicht von hier aus für die ganze Welt organisieren. Das kann man auch schlecht, wenn man mal nur einfliegt als Katastrophenreporter.

Hat sich an der Abwägung, ob man einen Korrespondenten losschickt, etwas verändert durch die 24-Stunden-Live-Berichterstattung? Die müssen ja jetzt fast rund um die Uhr den aktuellen Nachrichtenstand on air referieren. Dabei können sie in den ersten Stunden auch nur sagen, was sie in den Agenturen lesen oder im Fernsehen sehen.

Die Anforderung ist nicht neu. Wichtig ist, dass man dann jemanden hat, der nicht dampfplaudert und das Land kennt. Und der aufgrund seiner Sachkompetenz zum Beispiel auch sagen kann, wie ist das generell mit der Infrastruktur in Italien. Das kann man nur wissen, wenn man das Land kennt und täglich die Medien verfolgt. Deshalb ist es sehr sinnvoll, an der Stelle jemanden zu haben, der – auch wenn er in der Hauptstadt ist – Dinge einschätzen und bewerten kann.

Dass Sie dann abends in den „Tagesthemen“ eine ORF-Kollegin zuschalten mussten, die von vor Ort in Genua berichtete, war aber vermutlich nicht Ihre Wunschsituation.

Katharina Wagner war super, und die Kollegen arbeiten nach den gleichen journalistischen Standards wie wir. Dass sie für uns Kapazitäten frei hatte, war sehr gut, aber in der Regel greifen wir natürlich auf eigene Korrespondentinnen und Korrespondenten zurück. Dann muss man gucken: Hat der Kollege das Ziel schon erreicht oder ist er noch nicht vor Ort?

Ist denn dann irgendwann jemand von der ARD in Genua gewesen?

Ja, Helge Roefer ist ab dem „Nachtmagazin“ da gewesen und hat gestern den Tag über die Live-Schalten gemacht.

Welche Chance hat ein Fernsehreporter vor Ort überhaupt, selber zu recherchieren? Vor allem, wenn er dauernd Live-Schalten machen muss? Oder geht es da auch vor allem darum, einen eigenen Menschen vor der entsprechenden Kulisse zeigen zu können?

Kai Gniffke Foto: NDR/Thorsten Jander

Ich will die Präsenz vor Ort überhaupt nicht klein reden, aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man sich gerade vor Ort im Auge des Orkans befindet. Und oft abgeschnitten ist von einer technischen Infrastruktur und von Informationskanälen. Man steht da allein im Feld steht mit einem Mobiltelefon und versucht, Rechercheanrufe zu machen und parallel dazu klären muss, wann man eine Leitung bekommt und in welcher Sendung man über was reden soll. Deshalb ist ein gut besetztes Studio in dem Moment ganz wichtig. Aber natürlich wollen wir auch für die Zuschauer deutlich machen, ja, wir sind vor Ort. Wir berichten auch aus eigener Anschauung.

Sie betonen immer wieder die Bedeutung der Technik, das Bestellen von Leitungen etwa: Hat sich das nicht dadurch verändert, dass man eigentlich nur noch ein Handy braucht, um von irgendwo live im Video berichten zu können?

Das erleichtert ein paar Sachen. Aber es ändert nichts an den Effekten, die ich geschildert habe: Dass man draußen vor Ort steht, und die ganze Welt weiß mehr als man selbst.

Als neulich die schlimmen Waldbrände bei Athen wüteten, berichtete Ellen Trapp auch aus Rom. Da stellt sich dann die Frage, ob der Petersdom als schöne Kulisse dann nicht auch zum Fluch wird. Er macht dem Zuschauer die ganze Zeit sehr plastisch deutlich, dass die Kollegin nicht einmal in dem Land ist, über das sie berichtet.

Das ist dann ein Stück Ehrlichkeit, dass man sagt: Sie steht in Rom. Und zum Studio Rom gehört auch das Berichtsgebiet Griechenland. Da gilt auch, dass die Kollegen jeden Tag die griechischen Medien verfolgen, das Land einfach kennen und über Informationskanäle verfügen. Die haben auch Producer in Griechenland, die sie mit Bildmaterial und Informationen versorgen. Auch da weiß eine Korrespondentin im Studio Rom unendlich mehr als wir hier in Hamburg. Trotzdem – wenn in Griechenland größere Landesteile in Flammen stehen, wäre es schon gut, wenn man jemanden vor Ort hätte. Das ist gar keine Frage.

Und das hat nicht geklappt?

Manchmal ist es auch ein banales logistisches Problem: Kriegt man noch Flüge? Es ist Aufgabe des Studios und des betreibenden Senders, Leute ins Land zu kriegen und dann auch sendefähig zu machen. Das geht mal schneller und mal hakt es ein bisschen.

Sie klingen damit jetzt im Nachhinein nur halb zufrieden.

Es hätte besser laufen können.

Würde man dann nicht wenigstens sagen: Stell dich für die Live-Schalten irgendwohin, wo nicht der Petersdom so prominent im Bild ist – der macht hinter dir überhaupt keinen Sinn?

Nein, das gehört auch zu unseren Insert-Richtlinien: Wir schreiben „Live aus Rom“. Richtig mies wäre es, wenn wir dann Ellen Trapp vor einen Blue Screen setzen und hinten ein griechisches Foto einzublenden würden. Das tun wir nicht. Wir machen das transparent, wo unsere Korrespondentinnen oder Korrespondenten sind, und das dann kann auch der Petersdom sein.

Der Klassiker: „Wir schalten jetzt live in das 6000 Kilometer westlich von Porada Ninfu gelegene Tuttlingen zu unserer Reporterin Antonia Rados …“ Screenshot: „Switch reloaded“

Spielen Sparmaßnahmen eine Rolle, dass man im Zweifel darauf verzichtet, einen Korrespondenten auf die Reise zum Geschehen schickt?

Nein, zum Glück nicht. Aber es gibt seit einigen Jahren eine stärkere Zusammenarbeit der ARD-Anstalten. Beim Absturz des Germanwings-Flugzeuges zum Beispiel, das war in den französischen Alpen. Zuständig dafür ist das WDR-Studio in Paris. Da aber der SWR mit seinem Studio Genf viel näher dran war, hat der WDR gesagt: Schickt Eure Leute hin. Das hätte es vor zehn Jahren noch nicht gegeben. Da hat eine angenehme Professionalisierung stattgefunden.

Man hätte das als Beobachter von außen für eine Selbstverständlichkeit gehalten, aber immerhin. Und wir halten fest: Wenn mal der Petersdom brennt, ist die ARD garantiert vor Ort und hat eine Kamera in Position.

Aber um keine religiösen Gefühle von irgendjemandem zu verletzen, würden wir dann bestimmt den Petersdom verpixeln.

11 Kommentare

  1. In der nächsten Folge bitte erörtern, warum es auch immer gerne Schalten zu einer (meist frierenden) Reporterin „vor Ort“ z.B. vor den Reichstag oder vor das Kanzleramt gibt, auch wenn das ungefähr der jeweils schlechteste Ort ist um aktuelle Entwicklungen mitzubekommen.

  2. Ein sehr aufschlussreiches Gespräch.
    Im konkreten Fall, wo genau ein wichtiges Stück Infrastruktur zerstört wurde, sehe ich es als Zuschauer aber auch besonders ein, dass es gerade ungünstig ist, jemanden unmittelbar dahin zu schicken.

  3. Interessantes Interview. Ich hätte gerne noch erfahren, was es konkret bringt, wenn ein Reporter vor Ort etwas sieht, also nach dem Einsturz einer Brücke oder einem Feuer oder der Bombenexplosion, Absturz etc. Recherche geht dort nur insoweit, als zB Rettungskräfte befragt werden, vermute ich. Und noch der persönlich Eindruck einer Situation.

    Die letzte Antwort war ja unerwartet ironisch (war sie doch ?!). Schön, dass auch so etwas von Gniffke gesagt wird (werden darf).

  4. Zitat aus Frage 6: „Nach dem Brückeneinsturz am Montag zum Beispiel …“ Das ist falsch – die Brücke ist am Dienstag (14.08.) eingestürzt.

  5. Vor Ort sein ist ja erstmal aus einem banalen Grund wichtig: Um zu gucken, ob es auch stimmt, was gemeldet wurde. Bei brennenden Wäldern und eingestürzten Autobahnbrücken ist das ja noch vergleichsweise einfach. In anderen Fällen durchaus anspruchsvoll.

  6. Es ist noch gar nicht solang her da hätte es als Reporterin „vor Ort“ nur Antonia Rados gegeben – egal wo sie gerade gewesen wäre.

  7. Mein persönliches Highlight entstand während der Katastrophe in Fukushima: Mitarbeiter der ARD Zentrale in Tokyo (300km vom Kenkraftwerk), reisten nach Osaka in ein Hotel und führten dort, 800km vom Kraftwerk, eine Straßenumfrage zu Fukushima durch.

  8. Alle Schaltungen? Nein nicht alle Schaltungen.

    Übermedien wirkt. Mal wieder.

    Gestern in der Tagesschau stand Frau Trapp in Athen stilecht vor der Akropolis und hat zum Ende der Griechenland-Hilfen ein paar Sätze in die Kamera gesprochen. Da ich jetzt weiss, dass das ARD-Studio für Griechenland in Rom sitzt wird man da wohl ein Team extra nach Griechenland geflogen haben. Aus ökonomischen und ökologischen Gesichtspunkten überflüssig wie ich finde. Aus journalistischen Gründen aber wohl notwendig (?). Erst Recht nach diesem Interview.

    Vielleicht kann man Herr Gniffke dazu noch ein paar Fragen nachreichen.

    Wenn die Akropolis brennt oder einstürzt wäre, dann könnte ich ja nachvollziehen, dass man Vorort-Bilder braucht. Aber für diese Nachricht doch wohl eher nicht.

    P.S.: Am Freitag oder Samstag fehlte einige Zeit die Bezahlschranke. Ich konnte also das Interview komplett lesen.

  9. @Leo: Ich glaube nicht, dass das was mit diesem Interview zu tun hatte. Wann die Griechenland-Hilfen auslaufen, war ja bekannt; die Reise und Berichterstattung ließ sich entsprechend planen.

  10. Gähn, wie enttäuschend. Da bekommt man Herrn Gniffke für ein Interview – und dann interessiert man sich für die Lage des Südeuropa-Studios und stellt Fragen, die der noch nicht eingeschlafene Medienkritik-Süchtige auch selbst hätte beantworten können. Nichts hätte ich vom ARD-Aktuell-Chef lieber wissen möchten als dass in Rom arbeiten „schick“ ist. Ist ja nicht so, dass sich die Redaktion vielfältiger Kritik ausgesetzt sieht, aber nicht stellt. Ich liebe Übermedien, nicht zuletzt der Bissigkeit und schonungslosen Aufklärung wegen, aber das hier ist eher seeehr laaahm. Ganz ernsthaft gefragt: Habt Ihr anschließend noch gekuschelt?

  11. Warum muss Herr Roefer da noch hin, wenn Frau Wagner doch die gleichen Standards erfüllt und schon vor Ort ist?

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