Darf man eine Schlange für einen Tierfilm mit Katzenfutter einreiben?

In dieser Reihe fragen wir andere, was wir uns fragen. In der zweiten Folge geht es um Tier- und Naturfilme – und um erlaubte und verbotene Tricks. Darf man Tiere beeinflussen? Abrichten? Und ist nicht sowieso schon jeder Löwe aus allen Perspektiven gezeigt worden? Wir haben mit Jörn Röver gesprochen, seit vielen Jahren Tierfilm-Autor und -Produzent. Was ihn maximal nervt: Wenn es heißt, alle Tierfilmer würden andauernd nur tricksen und betrügen.

Schlange im Gras.
Auch mit Futter eingerieben? Foto: Natrix Natrix / Flickr CC BY-SA 2.0

Herr Röver, ich habe neulich einen Tierfilm gesehen, in dem eine Schlange vor einem größeren Angreifer flüchtet, eine ganze Zeit lang. Plötzlich verschwindet sie, scheinbar zufällig, in einem Bau – wo bereits eine Kamera wartet. Wie konnte der Filmer wissen, wohin sie flüchtet?

Schwer zu sagen, ohne den Film gesehen zu haben. Entweder hat der Filmer genau recherchiert, sodass er also wusste, wo die Schlange regelmäßig reinkriecht. Dann dreht man so eine Schlange nochmal draußen und schneidet es zusammen. Am Ende sieht es aus, als wäre es ein und dasselbe Tier. Die andere Möglichkeit ist in der Tat, dass man Reptilien, Insekten und Kleintiere in einem Gehege dreht. Dort darf man dann aber nicht drehen, wie ein Tier ein anderes umbringt. Weil es ein geschlossenes System ist. Auch wenn eine Schlange im Zoo ein lebendes Tier frisst, darf man das nicht filmen, laut Tierschutzgesetz. Damit soll vermieden werden, dass Tiere für Filmzwecke verfüttert werden.

Aber Tierfilmer legen doch auch Kadaver aus, als Lockmittel.

Ja, das ist häufig der Fall. In Skandinavien gibt es sehr bekannte Plätze, an denen Jäger Kadaver ablegen, zum Beispiel überfahrene Tiere – und dann sind da reihenweise Tierfotografen. Das ist in Ordnung, das so zu machen: Ob das Tier den Kadaver nun am Straßenrand frisst oder dort, wo man es in Ruhe fotografieren kann.

Es müssen also Tiere sein, die schon tot sind.

Natürlich kann ich auch ein Tier filmen, das ein anderes jagt und frisst. Das muss aber in Freiheit passieren. Es ist allerdings schwierig, einen einzigen Bären in einem finnischen Forst zu filmen, wie er einen Elch jagt. Das werden Sie nicht schaffen, weil da immer ein Baum im Bild ist. Bei jagenden Löwen in Afrika ist das ja eher kein Problem.

Es sind dann zwei oder drei Bären, die einen Bären spielen.

Ja. Und es ist vertretbar, Szenen zu montieren. Sind ja alle real. Man tut halt nur so, als wäre es dasselbe Tier. Sonst wird das mit der Authentizität irgendwann so skurril, dass man gar nichts mehr zeigen kann.

Sie faken also, weil es nicht anders geht?

Naja, es geht schon anders, aber dann sieht der Film wirklich doof aus. Bei einem Menschen darf ich das natürlich nicht machen. Ich darf nicht behaupten, es wäre derselbe, wenn es ein anderer ist. Bei einem Tier geht das, weil es ein Instinktverhalten zeigt, das bei allen gleich ist. Dürfte man das nicht montieren, würden wir hinter das Jahr 1950 zurückfallen und müssten nur noch Filme in der Totalen mit wenig Bewegung drehen. Wenn es nötig ist, so zu tricksen, sollen Tierfilmer das in Gottes Namen machen.

Sonst steht da im Fernsehen „Nachgestellte Szene“. In Tierfilmen nicht.

Doch! Hat zum Beispiel ein Fuchs oder ein Bär Jungtiere in einer Höhle, darf man die Höhlen nicht anbuddeln, das würde die Tiere gefährden, die Eltern würden abhauen oder Schlimmeres. Deshalb dreht man diese Innenaufnahmen im Zoo. Das steht dann auch im Abspann, wenn das so aus tierschutztechnischen Gründen aufgenommen wurde.

Im Abspann.

Ja, oder es wird gesagt, während die Szene gezeigt wird. Wir haben gerade so kleine Pandabären aufgenommen. Die Zoo-Aufnahmen wurden in Deutschland gedreht und die anderen 99 Prozent in Nepal. Das sagen wir auch.

Mann hockt mit seiner Kamera in einem kleinen Verschlag, in den ein Lock geschnitten wurde – zum Rausfilmen.
Gut getarnt: Ein Tierfilmer in seinem Versteck Screenshot: ARD

Wie finden Sie überhaupt diese Diskussionen über Realität und Fiktion im Tierfilm?

Das ist eine ja eine allgemeine Fernsehdiskussion. Jede Reportage verdichtet, das ist nie eins zu eins die Realität. Selbst im Slow TV nicht. Da filmt man acht Stunden lang von einem Schiff, das einen Fluss entlang fährt – das ist auch nicht die Realität, weil da plötzlich viele Leute stehen, die da normalerweise nie stehen. Auch weil das vorher beworben wurde und viele Leute unbedingt ins Bild wollten. Beim Tierfilm, finde ich, ist die Diskussion aber schon berechtigt, weil der Zuschauer davon ausgeht, ob das jetzt naiv ist oder positiv bewertet, dass alles, was er sieht, real ist. Für mich ist das der USP des Tierfilms, es ist ja kein Spielfilm. Man weiß deshalb nie, ob der Hauptdarsteller nicht auch gefressen wird oder anderes passiert. Ein authentischer Tierfilm, für den ein Tierfilmer über hunderte von Tagen versucht hat, echtes Tierverhalten einzufangen.

Die BBC in Großbritannien hat ja einen strengen Kodex, was erlaubt ist und was nicht. Gibt es sowas hier auch?

Ja. Wir haben das jetzt nicht ins Internet gestellt, aber das gibt es, und es gilt für alle, die für uns drehen.

Was steht da drin?

Dass wir keine gestellten Szenen wollen, dass das Tierschutzgesetz eingehalten werden muss, und dass es auch nicht darum geht, dass alles total irre sein muss, sich ständig alle fressen, sondern darum, so viel Zeit wie möglich im Feld zu verbringen, um dieses natürliche Verhalten von Tieren einzufangen. Deutsche Zuschauer sind auch nicht so scharf drauf, dass möglichst viele Tiere in möglichst kurzer Zeit gefressen werden.

Und welche Tricksereien sind verboten?

Es gibt natürlich Tricks, die okay sind. Das ist immer die Frage, wie päpstlich man mit dem Thema umgeht. Wir verbieten nicht, ein Insekt auf ein anderes Blatt zu setzen, wenn man es dort besser filmen kann. Oder Zeitraffer in einem Labor zu drehen. Wenn man einen Zeitraffer draußen macht über mehrere Tage, sind da ständig Fliegen im Bild, es ist mal sonnig, mal nicht. Das sieht nicht gut aus. Verboten ist, Tiere zu quälen oder sie zu einem unnatürlichen Verhalten zu animieren.

Der Chef einer Tierfilmschule erzählt, er habe ein Drehbuch für einen Tierfilm gehabt, in dem vorgegeben war, dass eine Natter eine Kröte fangen soll, um dann wieder von ihr abzulassen, sobald ein Marder auftritt. Deshalb hätten sie die Natter mit Katzenfutter eingerieben, um das Interesse des Marders zu wecken. Ist das authentisch?

Nein, das ist Murks. Wenn man durch natürliche Geruchsstoffe ein natürliches Verhalten provoziert, an einem für die Aufnahmen geeigneteren Ort, dann ist das okay. Wenn ich etwa will, dass sich ein Bär an einem bestimmten Baum rubbelt – das täte er sonst auch, nur an einem anderen Baum. Reibe ich aber eine Natter ein, damit sie gefressen wird, geht das nicht. Weil sie geschützt ist. Oder ein Tier frisst sie, weil es in die Irre geführt wurde wegen des Geruchs, dann ist das auch unnatürlich. Oder wenn ich zwei Tiere aufeinander hetze, die normalerweise nichts miteinander zu tun haben. Auch Murks.

Und Tiere aus Tierfilmschulen?

Trainierte Tiere aus Gefangenschaft verhalten sich ja eh nicht natürlich. Die laufen anders, die jagen anders, die können gar nicht richtig jagen. Meistens wird das als Füller genommen, damit das Tier mal nah im Bild ist. So ein Luchs mit seinen Jungen, ganz nah gedreht – kann kein wilder Luchs sein. Der wäre weiter weg, wenn überhaupt. Das ist ganz schwer zu drehen. Aber einen kompletten Film im Gehege zu drehen, wäre Unsinn: Ein Luchs macht dort ja nichts. Der sitzt rum und guckt, und irgendwann guckt er auf sein Futter, dass er da reingelegt bekommt, und das bringt für den Film dann nicht so viel.

Aaaaawww: ein Löwenbaby Screenshot: Arte

Ist nicht eh schon jeder Löwe in allen Perspektiven gezeigt worden?

Wahrscheinlich! Es gibt sehr viel über Löwen, das stimmt. Aber wenn man aus Afrika rausgeht, ist es eher erschreckend, was alles noch nicht gefilmt wurde, ob in Südamerika, Asien oder auch Europa. Nicht spektakulär, Lettland oder Litauen, aber auch da gibt es Natur! Was sich geändert hat, ist vor allem die Technik. Es fing an mit diesen monströsen Kameras, relativ unbeweglich und limitiert in der Aufnahmezeit. Im Gegensatz zu heute: Remote-Kameras, extrem lichtempfindlichen Kameras, Zeitraffer, Drohnenflüge. Man kommt den Tieren viel näher, auch wilden Tieren. Ich will nicht sagen, dass heute nicht getrickst wird, aber es ist weniger nötig, dank der technischen Entwicklung. Gleichzeitig wächst der Druck: Der einzelne Tierfilmer muss plötzlich nicht mehr nur eine Kamera mitschleppen, sondern gleich fünf.

Wie sehr ärgern Sie verbotene Tricksereien?

Mich ärgert es, wenn pauschalisiert wird, dass Tierfilmer alle ständig tricksen. Es gibt kaum Leute, die mit so einem überschaubaren Budget stundenlang in der Natur sitzen, um wirklich tolle Sachen aufzunehmen. Im Gegenteil. Die werden ja relativ schlecht bezahlt. Wenn einer fürs Fernsehen arbeitet, heißt es: Mach lieber was anderes als Tierfilme, wenn du was verdienen willst! Da muss man richtiger Idealist sein.

Flüchten die Menschen nicht mehr vor der harten Realität in Naturfilme?

Doch. Es ist die letzte Bastion des Bildungsfernsehens zur Primetime. Bildung im Fernsehen ist ja vielerorts weggebrochen, also: Wissenschaft, Geschichte, solche Sachen. In den Dritten immer noch mehr als anderswo, aber auch wenig. Und unser Dilemma ist: Wir wollen die Leute einerseits begeistern, wie schön die Tierwelt ist. Aber gleichzeitig müssten wir auch Naturschutzaspekte einbinden, Gefahren aufzeigen. Deshalb machen wir klassische Tierfilme und welche über Naturschutzaspekte. Wir haben, als Beispiel, über Wölfe in Deutschland insgesamt sieben Filme produziert, die wurden sehr gut geguckt. Einerseits, weil Menschen mit Meinungen auftraten: Jäger oder Wolfschützer. Und andererseits konnte man diese merkwürdigen Monster, die man sonst in der Zeitung sieht, endlich mal erleben.

Und die Medien sind ja voller Wölfe! Müssen wir uns fürchten?

Es gibt ja zig Millionen Hunde in Deutschland und keiner lässt sie alle erschießen, weil ein Hund mal einen Menschen anfällt oder sogar tötet. Diese Diskussion ist immer so absolut. Wenn jetzt ein Wolf einen Menschen beißt, muss ich alle umbringen? Neulich kam ein Wisent aus einer freilebenden Herde in Polen über die deutsche Grenze, ein beliebtes Tier in Polen, zahm, an Menschen gewöhnt. Hier wurde es sofort als „Problem-Wisent“ erschossen, weil: Es könnte ja einen Menschen gefährden! Der Deutsche hat es innerhalb von zwei Stunden erlegt. Das zeigt die Hysterie.

 

5 Kommentare

  1. Könnt Ihr in der nächsten Folge bitte mal fragen, wie man Stangenei herstellt. Oder wie aus groben Baumstämmen niedliche Zahnstocher werden. Ich würde auch gerne wissen, wie die das mit der mehrfarbigen Zahnpasta machen .
    Danke Armin, ähh, Boris!

  2. @1: Sonntagsmorgen um 11:30
    Die Sendung mit der Maus beim KiKa.
    Das mit der Zahnpasta wird da auch erklärt.
    Dachte, das wüsste man als neugieriger Erwachsener :D

  3. Die letzten beiden Absätze fand ich besonders bemerkenswert – jetzt nicht das zentrale Thema aber vielleicht gibt es dennoch die Möglichkeit, das mal mit Übermedien-Perspektive weiter zu beleuchten, auch vor dem Hintergrund, wie denn die mediale Präsenz zu dieser Hysterie beiträgt.

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