Biedersehn macht Freude

Mithilfe des Dorfentwicklungsvereins „Glück Auf 98“ organisiert der ehemalige Kriminaltechniker Wolfgang Raeke in der Amtsscheune von Treplin (374 Einwohner) eine Veranstaltungsreihe mit lustigem Kriminal-Theater oder auch wissenschaftlichen Vorträgen.

Ein Krimi-Museum ist auch schon in Planung. „Dafür wird gerade das Obergeschoss der Amtsscheune umgebaut.“ Darin möchte Raeke ein Konvolut von Kriminaltechnik aller Art ausstellen. „Es wird alte Spionagekameras, ein Kopiergerät aus der Vorkriegszeit und sogar einen Lügendetektor zu sehen geben‘, verspricht er.“

Die Krimischeune von Treplin ist der aktuellen „Superillu“ eine ganze Seite wert. Angesichts des Inhaltes wird schon klar, was die wichtigste Säule des Konzeptes der Wochenzeitschrift ist, denn so wahnsinnig sensationell sind ein altes Kopiergerät und „sogar“ ein Lügendetektor in einem globalen Kontext ja dann auch wieder nicht. Aber die „Superillu“ ist eine Regional-, fast möchte man sagen: Lokalzeitschrift, „Die Nummer 1 im Osten“, und Treplin liegt in Brandenburg.

Für die „SuperIllu“ ist erst einmal nicht so wichtig, was passiert, sondern wo es passiert. Das hat sie mit den meisten Menschen gemein. Wenn in der eigenen Küche ein Sack Reis umfällt, dann ist das eine Nachricht, von der man noch lange erzählt.

Die „Superillu“ bringt menschelnde Geschichten über Ost-Stars und -Sternchen, Schicksale wie das eines Mannes, der seit einem Motorradunfall vor 14 Jahren querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzt und trotzdem KFZ-Meister wurde und glücklicher Familienvater, Backrezepte, Rätsel1, sehr viel Ratgeber rund um Gesundheit und Geld und ein bisschen Klatsch. Ich bin weit entfernt von der Zielgruppe, aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass ich als Mensch, der noch in der DDR erwachsen wurde,2 mich mit der „Superillu“ wohlfühlen würde. Es ist wahnsinnig bieder, wirklich wahnsinnig, unendlich, irrwitzig bieder, aber das ist Torte auf der Terrasse am Sonntagnachmittag von dem schönen Geschirr auch, und das ist ja trotzdem erstmal Torte, und Torte ist gut.

Und dann ist da noch die Geschichte über die AfD. „Wie die AfD Deutschland verändert hat“ ist die Titelzeile, und ich muss gestehen, ich habe das Heft am Ende deswegen gekauft. Die AfD ist in Ostdeutschland grob gesagt doppelt so erfolgreich wie im Westen, und ich war sehr gespannt – eigentlich muss man sagen: misstrauisch – wie eine Redaktion damit umgeht, in deren Zielgruppe die Partei potenziell die meistgewählte ist.3 Das stelle ich mir gar nicht einfach vor. Und ein ganz winziges bisschen habe ich befürchtet, wenn man „Die Nummer 1 im Osten“ sein will, könnte man den Drang verspüren, sich bei den AfD-Wählern anzubiedern.

Das Herz der Titelstrecke bildet ein Text von einem sächsischen Parteienforscher, der uns auch überragend gut gelaunt auf dem ersten großen Foto entgegen springt, was auf den ersten Blick eine erstaunliche redaktionelle Entscheidung ist, denn um ihn geht es ja nicht, er hat nur den Text geschrieben. Was dann folgt ist eine lange, aufgeräumte, ausgewogene und unhysterische Abhandlung über die AfD von ihrer Gründung bis heute.

Der Forscher, Professor Eckhard Jesse, analysiert die Partei und ihre Wähler ohne irgendwelche Haken zu schlagen. Mir fällt wieder kein besseres Wort ein: Es ist bieder – und es funktioniert. Ohne mir anmaßen zu wollen, das ganz beurteilen zu können, glaube ich, er dramatisiert nichts und er beschönigt nichts. Er behandelt die Partei als nur das: eine rechtspopulistische Partei mit extremem Rand. Fertig.

Die Geschichte wirkt zunächst, als wäre sie zu einfach, man kann sie lesen und verstehen, ohne jemals irgendetwas von der AfD gehört oder irgendein Wahlergebnis mitbekommen zu haben, sie ist sehr grundsätzlich. Aber ich hatte das Gefühl, die „Superillu“ hat hier in genau dem richtigen Moment einmal genau das richtige getan, nämlich mit leichtem Abstand eingeordnet. Ich war nach dem Lesen ein bisschen beruhigter als vorher. Und wahrscheinlich ging es der Redaktion auch so. Und dann ist ihnen aufgefallen, dass dieser extreme Rand noch ein bisschen Aufmerksamkeit braucht.

Auf einer Doppelseite „Die Akte AfD“ haben sie deshalb noch einmal kurz und schmerzhaft zusammengefasst, welche AfD-Politiker mit welchen Aussagen die NS-Diktatur verharmlosen oder mehr oder weniger offen zu Gewalt gegen politisch Andersdenkende aufgerufen haben. Außerdem gibt es eine kurze Einordnung zu dem übergroßen Einfluss des rechten Flügels der Partei. Alles mit der gleichen sorgfältigen Unaufgeregtheit des vorhergehenden langen Stückes. Nichts davon wirkt gefärbt, es sind mehr oder weniger Aufzählungen.

Ich glaube, die „Superillu“ hat damit den perfekten Weg gefunden, mit einer Partei umzugehen, die potenziell gefährlich für eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft ist. Ich ziehe meinen Hut. Und ich sage das mit riesigem Respekt: Die „Superillu“ ist für mich ein freundliches Spießermagazin aus dem Osten, das von Leuten gemacht wird, die ein freundliches Spießermagazin machen wollen und die das sehr gut können. Ich verstehe den Erfolg total, und ich hoffe, er währt ewig. Ich finde nichts daran falsch.

SUPERillu
SUPERillu Verlag GmbH & Co KG
1,90 Euro

Ein Kommentar

  1. … bin noch in der DDR knapp nicht volljährig geworden – und muss mal wieder über meine Vorurteile nachdenken … die SUPERillu mal so gesehen vorgestellt zu bekommen hat mich irgendwie gefreut …

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