Die Vier- bis Fünf-Sterne-Zeitschrift zur Fußball-WM

Ich habe die Regeln gemacht, deshalb kann ich sie auch brechen, allerdings schicke ich die Offenlegung vorweg: Ich will diese Woche über ein Heft sprechen, dem ich nicht nur unendliche Sympathie entgegenbringe, sondern zu dem ich auch noch selbst eine Geschichte beigesteuert habe. Kurz: Ich nutze diesen mir anvertrauten Platz für schamlose Werbung. Aber ich kann, glaube ich, aus der Form dieser Kolumne heraus begründen, warum das okay ist. Bitte folgt mir hier entlang.

Ein Fußball-WM-Jahr erkennt man daran, dass irgendwann kurz nach dem Jahreswechsel Oliver Wurm anruft und fragt, ob man etwas zu dem Heft beitragen kann, das er im späten Frühjahr herausbringen will, rechtzeitig vor Start des Turniers. Es ist praktisch unmöglich, sich dem zu entziehen. Warum sollte man auch: Oli ist verrückt nach Fußball und nach Magazinen, und die Energie überträgt sich. Er macht das nur, weil er will, und behauptet jedes Mal, er sei endlich so weit, dass er bei aller Arbeit wenigstens nicht draufzahlt, sondern mit einer schwarzen Null aus der Geschichte rausgeht1, aber ich bin mir ziemlich sicher, da ist ein bisschen Voodoo in der Mathematik. Er zahlt immer drauf.

Aber er liebt es. Schon deshalb gehört das Heft in diese Kolumne, in der ich hoffentlich immer mal wieder durchscheinen lasse, dass ich die Form Printmagazin sehr liebe, und deshalb will ich hier Unternehmungen feiern können, in denen andere das gleiche Gefühl zeigen.

Die Zeitschrift, deren Name aus den Jahreszahlen der Titelgewinne (inklusive des aktuell möglichen) gebildet wird, ist so ein Heft.

Es ist wahrscheinlich die einzige Ausgabe in diesem Jahr. 2014 hat Oli zum Titelgewinn noch ein Heft gemacht und eine Sonderausgabe nur zu dem 7:1 gegen Brasilien, schon das ist großartig irre, und alle diese Hefte werden getragen von dem ihm eigenen Pathos2. Oli behandelt Fußball als Metapher für den Lebenskampf der Menschheit und jedes einzelnen, und er ist das, was die Amerikaner treffend einen „Happy Warrior“ nennen: Jede Emotion ist tief empfunden, gute wie schlechte, aber er verbreitet dabei Begeisterung und Optimismus.

Es wäre falsch zu sagen, er betrachte jede WM wie die erste, die er als kleiner Junge gesehen hat, als eine WM das größte war, was die Welt zu bieten hat. In Wahrheit ist mit den Jahren seine Begeisterung nur gewachsen3. Ich bitte darum, sich diese Begeisterung in der Stimme vorzustellen, während ich ein paar Themen aus „5474901418“ aufzähle: Da fährt ein (auch noch brasilianischer) Fotograf viele tausend Kilometer quer durch das WM-Gastgeberland Russland und fotografiert Fußball spielende Kinder. Nationalspieler schreiben über besondere Werte, die sie tragen, Manuel Neuer zum Beispiel über Rückhalt, Mesut Özil spricht über Heimat4, Timo Werner über Tempo. Einige der besten Fußballschreiber Deutschlands liefern Analysen zu vergangenen Spielen und zu dem bevorstehenden Turnier, es gibt die Geschichte, wie der unscheinbare Joachim Löw der Bundes-Jogi wurde, die Geschichte des Showdowns von Messi und Ronaldo, gute Karikaturisten haben je einen WM-Cartoon beigesteuert, und in der Mitte des Heftes ist das einzige Poster, auf dem alle vier deutschen Weltmeistermannschaften gemeinsam aufgestellt sind.

Es folgt tatsächlich ein Höhepunkt auf den anderen. Und das ist gleichzeitig die einzige grundlegende Kritik, die ich anbringen kann. Was allerdings weniger läppisch ist, als es klingt.

Wie bei jedem anderen Produkt müssen sich auch Magazinmacher bewusst sein, in welchem Setting das, was sie anbieten, konsumiert wird. Wir haben dabei die Herausforderung zu bewältigen, dass wir nichts davon kontrollieren. Um in der Umgebung des Bahnhofskiosks zu bleiben: Wer dort etwas zu essen anbietet, wird nur das verkaufen, das man stehend auf einem Bahnsteig zu sich nehmen kann. Man muss es in einer Hand tragen oder in eine Tasche stopfen können. Sonst verkauft man es nicht, weil niemand hier ein Tablett mitnehmen oder sich setzen und in Ruhe essen kann. Andersherum würde sich in einem guten Restaurant niemand mit verpackten Sandwiches zufrieden geben. Kontext ist alles.

Als Magazinmacher müssen wir uns aber darauf verlassen, dass der Leser selbst den Kontext herstellen kann. „5474901418“ ist mit all seinen Höhepunkten ein Sterne-Menü5, was bedeutet, es braucht und verdient die Zeit, sich mit ihm zu beschäftigen. Ein Test dafür, wie snackable ein Magazin ist, wäre zum Beispiel, ob man beim willkürlichen Aufblättern sofort auf jeder Seite versteht, worum es in einer Geschichte geht. Wochenzeitschriften müssen das leisten, genau wie Boulevard-Zeitungen. So wie viele Monatsmagazine leistet „5474901418“ das nicht. Es steckt voller Ideen, die manchmal zumindest ein bisschen Kontext brauchen, damit man sie versteht. Es ist nicht einfach eine Aneinanderreihung der schönsten Fußballbilder, was gar kein schlechtes Konzept wäre, sondern sehr viel mehr.

Meine eigene Geschichte in dem Heft zum Beispiel beschäftigt sich damit, wie man als Nicht-nur-Deutscher und Doppelstaatsbürger die Verbindung zu einer, seiner oder seinen Nationalmannschaften entwickelt. Das ist so kompliziert und persönlich, wie es klingt. Es gehört gleichzeitig zur Magie des Fußballs, dass es diese Geschichten tatsächlich gibt. Aber wie schafft man es, den Kontext herzustellen, damit Leser die informierte Entscheidung für ein Heft treffen können?

Die Antwort ist Genre. So bezeichnen wir alle, die wir Medien verkaufen, die kollektive Erfahrung unserer Konsumenten. Wir alle können an einem Filmplakat oder dem Titel eines Taschenbuchs sofort zuordnen, was uns wahrscheinlich erwartet und so sehr schnell entscheiden, ob wir in der Stimmung sind, dem einen Teil unserer Lebenszeit zu widmen. „5474901418“ passt nur bedingt in die bestehenden Genres, und ohne die Zeitschrift „11 Freunde“, die das Genre des Fußballkultur-Magazins bildet, wäre das noch schwieriger. Aber während „11 Freunde“ an die Kneipe-Trainingsjacke-Jägermeister-Ewald-Lienen-Traditions-Ästhetik des Vereinsfußballs angedockt ist, macht der Event-Charakter einer Weltmeisterschaft, dass die Bilder gleichzeitig weiter verbreitet und weniger persönlich sind.

Kaum einer von uns war je bei einem wichtigen WM-Spiel im Stadion. Es sind die Picassos unter den Fußballspielen, großartig, natürlich, aber wir haben keinen zuhause hängen und deshalb nicht die gleiche Beziehung zu ihnen wie zu den Bildern, unter denen wir aufgewachsen sind. Oli versucht aber genau das: Er bringt den Picasso unter den Spielen so nah an uns heran, dass wir ihn erleben können, wenn wir uns auf ihn einlassen.

Das ist sauschwer. Und großartig. Und ich empfehle das sehr.

Um das mit dem Genre abzuschließen: Wie macht man ein Cover für „5474901418“? Oli hat sich für einen golden lackierten Titel entschieden6 und die Zeile „Mission Titelverteidigung“. Wie jeder Titel muss das ein Kompromiss sein, weil er ohne ein Gesicht an Emotionalität einbüßt und glatt wirkt, er könnte so auch auf einem offiziellen Heft des DFB abgebildet sein – aber es fällt mir auch kein besserer Kompromiss ein. Ich hoffe persönlich sehr, dass das glänzende Gold am Kiosk genug Käufer anzieht, die trotz der goldenen Fassade die tiefe menschliche Dimension dieses Heftes (und des Spiels) erkennen, verdient wäre es. Und ich freue mich, auch dank des Heftes, wahnsinnig auf diese WM.

Fußballgold – 5474901418
Oliver Wurm Medienbüro
5,90 Euro

5 Kommentare

  1. Alles klar: Das Heft wird gekauft. Und sehr wahrscheinlich auch genossen, ich freue mich schon jetzt auf die Lektüre.
    Und was Fußnote 3 angeht: Der Hochzeitsflüchtling von 2006 ist schwer bestraft worden. Tschechien-Italien war ein schlimmes Spiel.

  2. „Ich nutze diesen mir anvertrauten Platz für schamlose Werbung.“

    Dann sollte man den Beitrag eventuell auch mit dem Begriff „Anzeige“ versehen und ihn von den redaktionellen Inhalten deutlich abgrenzen. Denn so liebevoll und ehrlich der Text geschrieben sein mag – ein „Native Advertising“-Nachgeschmack bleibt dennoch.

  3. Aus Heftkritik-Sicht: Wenn ich das Cover so vor mir sähe und sagen sollte wie dieses Magazin heißt, würde ich selbstverständlich „Mission Titelverteidigung“ sagen und nicht „5474901418“ (was, unter uns gesagt, ein zwar ganz cleverer, aber heillos beknackt-unpraktischer Name ist).
    Ob das jetzt handwerklich schlecht ist?

    Das Özil-Interview würde ich übrigens in der Tat lesen wollen.

  4. So, hab’s mir mal besorgt und gleich ein Inhaltsverzeichnis vermisst (weil ich möglichst schnell den Beitrag von Herrn Pantelouris auffinden wollte, ansonsten ist das Fehlen sicher verschmerzbar). Das Layout finde ich gewöhnungsbedürftig, hat aber unverkennbar einigen, auch konsequent durchgehaltenen Stil. Der Beitrag von MP ist wieder so etwas, herrje, nunja, innerlich Berührendes, weiß nicht, er könnte wahrscheinlich auch ein Handbuch über Bilanzierungsgrundlagen oder Biogasherstellung in etwas verwandeln, was ich lesend verschlingen täte.

    @4: Das Özil- und auch andere Interviews haben mir nicht gefallen. Man spürt m.E. auch hier wieder – wie so oft – deutlich, dass alles Mögliche entweder zuvor interviewtrainermäßig antrainiert oder nachträglich glattgebügelt wurde … etwa so eine wohldosierte Gelsenkirchen-meine-Heimat-Story, alles ohne Ecken und Kanten, sich nur nicht festlegen lassen … weiß nicht, das klingt gerade bei Fußballern alles so geschniegelt und unglaubwürdig, dass ich persönlich keinen Mehrwert darin sehe.

    @3: Worin sehen Sie mit Blick auf den von Ihnen zitierten Satz denn konkret das dem Native Advertisement immanente Element der Täuschung?

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