Die „Zeit“ verläuft sich auf der Suche nach dem „System Wedel“

Am 22. März 2018 hat die „Zeit“ ein weiteres „Magazin“-Stück über den Regisseur Dieter Wedel veröffentlicht. Sie staunte:

„Aus heutiger Sicht kann man nur schwer nachvollziehen, wie die Macht eines Einzelnen so groß sein kann, dass ganze Teams sich seinem Diktat beugen.“

Die Charakterbeschreibung, die sie auf neun Seiten entwickelt, lässt sich mit folgendem Zitat zusammenfassen:

„Man muss sagen, dass er, wenn er etwas erreichen wollte, wie zum Beispiel einen Film machen, auch über Leichen gegangen ist. Und viele der Leute um ihn herum ließen das zu, sie mochten es, sich ihm zu unterwerfen, weil er ihnen zu einer Existenz verholfen hat. Und das hat er benützt. Man kann das kritisieren, aber man muss betonen, dass alle diese Leute ohne (ihn) nicht so ein interessantes Leben kennengelernt hätten. Das sind genau die Leute, die sich später über ihn beklagt haben.“

Eine frühere Partnerin des Gemeinten beschrieb ihn so:

„Was er forderte, war … freiwillige Unterwerfung. Aber die Zahl der Leute wuchs, die nur profitieren wollten. Auch um den Preis bedingungsloser Kriecherei. Wenn er es merkte, demonstrierte er den Despoten und ließ sich die Stiefel lecken… Es machte ihm Spaß, seine Möglichkeiten auszuloten und Reaktionen zu beobachten…

Der guten Ordnung halber: Der Mann, von dem in den beiden letzten Zitaten die Rede ist, ist nicht Dieter Wedel. Die Zitate vom Unterwerfen und Kriechen handeln vielmehr von Rainer Werner Fassbinder und stammen von Margit Carstensen und Ingrid Caven, sind also ziemlich authentisch. Über Fassbinder erschien in der „Zeit“ zum 70. Geburtstag im Jahr 2015 eine hymnische Eloge.

Zurück zu Wedel: Die „Zeit“ zeigt uns im aktuellen Magazin-Artikel, ihrem dritten zum Thema, das Portrait eines egozentrischen, herrschsüchtigen Menschen, der kleinlich andere schikaniert, rücksichtslos seine Interessen durchsetzt und rachsüchtig auf jede Kritik reagiert. Die Sexualitäts-bezogenen Anteile an dieser Geschichte haben die „Zeit“-Reporter mit Bildern der fast nackten Sonja Kirchberger und einigen ebenso nackten Prostituierten-Darstellerinnen illustriert, damit LeserInnen sich ein Bild von den schrecklichen frauenverachtenden Bildern machen können, die in den 90er Jahren im deutschen Mediensystem möglich waren: „Nacktes Chaos auf St. Pauli“, titelte damals die „Bild“. Die „Zeit“ zeigt uns das nackte Chaos als Beleg für die erzwungene Selbstauslieferung von Frauen ans geile System gern noch einmal, nur für den Fall, dass wir’s nicht glauben.

Ausriss: „Die Zeit“

Das soll vermutlich, außer die Freunde von Frau Kirchbergers geöffneten Schenkeln zum Lesen zu bewegen, den „Stern“ kritisieren, der sich in der Bild-Unterschrift pflichtschuldig von sich selbst distanzieren darf.

Dieter Wedel auf einem "stern"-Titel 1998. Der jetzige Chefredakteur Christian Krug sagt, so ein Titelbild wäre beim "stern" heute undenkbar und "sicher kein Ruhmesblatt für das Magazin".
Ausriss: „Die Zeit“

Der Autor schrieb am 29. 1. 2018 im Stück „Das Sternchen-System“:

Nicht „die Bosse“, sondern die Medien haben die Erniedrigungs-Maschine erfunden, genutzt und aktiv betrieben. Sie haben die „Sternchen“, deren emotionale oder finanzielle Abhängigkeit und Gefügigkeit sie zum eigenen Ruhm aus dem Dunkel der Vergessenheit ziehen, höchstselbst in dieses Dunkel getrieben. Das System, welches sie zu entlarven behaupten, sind sie selbst. Auch deshalb erzeugt die atemlose Präsentation der Entlarvung ein ungutes Gefühl.

Was da gesagt ist, hätte man kaum schöner illustrieren können als mit dem „Stern“-Titel von 1998. Tief betroffen zeigt ihn uns die „Zeit“.

Systematisches

Der Presserat hat am 23. März zur Wedel-Berichterstattung der „Zeit“ nicht nur mitgeteilt, sie sei eine „vorbildliche“ Verdachtsberichterstattung, sondern auch: „Die Berichterstattung zeigt die Dimension eines bislang wenig beachteten gesellschaftlichen Missstands auf.“ Frage: Welcher Missstand könnte gemeint sein? Dass Frauen (und gelegentlich Männer) in hierarchischen Strukturen Opfer sexueller Belästigungen und Übergriffe sind, ist ohne Zweifel ein „Missstand“. Es gibt allerdings wenige Missstände, die in den vergangenen Jahren mehr „beachtet“ wurden als dieser. Und welche „Dimension“ meinte der Deutsche Presserat, der bekanntlich seit Jahrzehnten im unermüdlichem Kampf an der Seite von Frauen steht, wo immer sie in der deutschen Presse ausgenutzt, sexistisch erniedrigt und gedemütigt werden?

Die „Zeit“ ist auf der Spur der Dimension und sucht im Wust der Zeugenaussagen den roten Faden. Da ist es sicher gut, sich zwischendurch einmal Gedanken zu machen, was und wohin das Ganze eigentlich soll. Im Teil drei vom 22. März heißt es daher im Stil der Einleitung eines vorbildlichen Besinnungsaufsatzes:

Darum soll es in diesem Text gehen: Um das System hinter Wedel, das ihn ganz nach oben brachte und das über viele Jahrzehnte hinweg funktionierte.

Ein Thema zu formulieren, hat viele Vorteile. Ein Nachteil kann sein, dass man sich dann halbwegs daran halten muss. „Wedel III“ versucht das, indem drei Fragen formuliert werden, die das Thema ausleuchten sollen:

Wer wusste worüber Bescheid? Warum wurde Machtmissbrauch toleriert? Ist die Filmbranche prädestiniert dafür, weil sich die Macht in den Händen Einzelner konzentriert?

Diese Fragen sind zwar nicht, was man sich als Einstieg in eine ernsthafte Analyse wünschen würde, denn erkennbar bestehen sie aus lauter vorweggenommenen halben Antworten. Aber man ist trotzdem gespannt auf die andere Hälfte.

Frage eins: Wer wusste worüber Bescheid? Acht Seiten lang reiht sich ein Rentner an den anderen. Der eine weiß dies, der andere hat jenes gehört; die Verantwortlichen sind tot, sagen nichts oder können sich nicht erinnern. Ob man siebzehn oder fünfundzwanzig Leute auftreibt, die Wedel für einen chauvinistischen Drecksack oder eine „gefährliche Witzfigur“ halten, ist letzten Endes auch egal; es bringt uns dem „System“ keinen Schritt näher. Wer wann worüber Bescheid wusste, weiß man am Ende des Magazin-Texts sowieso leider auch nicht. Insgesamt sind von den 160 Personen, die die „Zeit“ „einvernommen“ hat, ungefähr 50 aufgetreten. Man darf gespannt sein, was die nächsten Folgen darüber berichten, „wer Bescheid wusste“.

Frage zwei: Warum wurde Machtmissbrauch toleriert? Das weiß die „Zeit“ leider auch nicht so genau. Es liegt aber überaus nahe, dass es, wie praktisch immer, aus menschlichen Gründen geschah: Opportunismus, Konfliktscheu, Hoffnung auf Karriere, Angst. Wie es halt so zugeht unter den Menschen und in den „Branchen“. Die Frage zu stellen, heißt sie zu beantworten, und zwar auf dem Niveau des Worts zum Sonntag. Sie wurde schon tausendmal gestellt und ebenso oft ebenso beantwortet. Irgendwelche speziellen Antworten im Fall Wedel lässt die neue Analyse der „Zeit“ nicht erkennen. Weiter als bis zu freundlichen weißhaarigen Herren mit Regenjacke kommt sie leider nicht voran.

Frage drei: Ist die Filmbranche prädestiniert? Das wäre nun doch die Chance, endlich einmal etwas Systematisches zum „deutschen Harvey Weinstein“ zu enthüllen! Das ist doch der eigentliche, tiefe, auslösende Grund für die vielen langen Monate Einvernahme und die drei langen Enthüllungen, oder? Das war es doch, was die „Zeit“ untersuchen, prüfen, aufdecken wollte: Der „Missstand“ sexueller Ausbeutung und Belästigung in der deutschen Film- und Fernsehbranche. Heute, nicht im Jahr 1929 und nicht im Jahr 1971.

Was erfahren wir darüber im Stück Wedel III? Herr Wedel war bei der Arbeit ein cholerischer, herrschsüchtiger, egozentrischer Despot. Kaum ist ein Zeuge fertig mit seiner Erzählung davon, kommt der nächste Herr in Cordhose und getönter Brille und sagt dasselbe nochmal. Die Reporter sind beeindruckt. Wer was anderes sagt, hat keine Ahnung oder ist ein „alter Recke des Boulevardjournalismus“, der am Telefon „schäumt“ und das Vorbild für Baby Schimmerlos war, also ein ganz windiger Geselle.

Jetzt müsste langsam einmal die Antwort auf die Frage nach dem „Prädestiniert-Sein“ kommen. Sie kommt aber nicht. Zur „Filmbranche“ fällt der „Zeit“ ein, dass dort „Macht konzentriert“ sei. Das ist eine Super-Analyse, allerdings nicht unbedingt so spezifisch, dass dadurch gleich eine ganze Branche zur Vergewaltigung prädestiniert ist. Und es wäre ja auch die Frage interessant, ob die meisten der Belästigungen, Demütigungen und Nötigungen in der Film- und Fernsehbranche eigentlich von denen begangen werden, bei denen die Macht konzentriert ist, oder von anderen. Mit anderen Worten: Wie viele Belästigungen gab es eigentlich bei ZDF und ARD, die nicht von Dieter Wedel begangen wurden?

Bei dieser Gelegenheit, und nur mal am Rande gefragt: Hat eigentlich schon mal jemand gefragt oder erklärt, warum all die Task Forces bei ARD, ZDF, Bavaria und sonstwo das „System“ einer jahrzehntelang praktizierten Menschen-Erniedrigung seit zwei Monaten suchen, indem sie im Keller die Produktionsakten von Wedel-Filmen aus den Jahren 1969 ff. durchblättern? Das ist gewiss ein gewaltiges Aufklärungswerk, aber gibt’s da nicht eventuell auch noch andere Akten? Die Spezialeinsatzkommandos des #TeamZeit verstehen, so scheint mir, ihren Job doch eher als Zielfahndung: Wenn man nur Wedel sucht, wird man schwerlich etwas anderes finden als Wedel – und mit Sicherheit jedenfalls nicht den Dreck am eigenen Stecken.

Herrschaft kann, so weiß man seit sehr langer Zeit und aus vielen Beispielen, unkontrolliert ausgeübt werden, wo starre Hierarchien und starke wirtschaftliche Abhängigkeiten bestehen. Es fällt einem vielleicht die Deutsche Bank ein, oder Siemens, oder die katholische Kirche. Wo hier „die Filmbranche“ einzuordnen ist, weiß ich nicht. Die „Zeit“ weiß es, auch am Ende ihres dritten Großberichts, ebenfalls nicht.

Wenn man erwägt, dass aus 50 Jahren Film- und Fernsehgeschichte bei einer „mit erheblichem Aufwand“ („Zeit“-Vizechefin Sabine Rückert in der SZ) geführten monatelangen Recherche gerade einmal ein (!) Bösewicht mit Übergriffen herausgekommen ist, von denen die jüngsten 20 Jahre, die ältesten 47 Jahre (!) zurückliegen, und dass leider „bislang gegen keinen anderen in der deutschen Filmbranche derartige Vorwürfe erhoben (wurden) wie gegen Dieter Wedel“ („Die Zeit“, 22. März), erscheint einem die Frage nach der „Prädestiniertheit“ dieser Branche schon ziemlich merkwürdig. Die „Zeit“ weiß es dann letzten Endes auch nicht, gibt aber die Hoffnung nicht auf: „Vielleicht sind weitere Namen auch einfach noch nicht bekannt geworden.“ Eine wirklich vorbildliche Analyse!

Nur ergänzend muss erwähnt werden, dass die Frage, wie „das System“ Herrn Wedel „ganz nach oben brachte“, in dem Text, in dem es ausweislich der selbstgestellten Aufgabe angeblich „darum geht“, leider ebenfalls weder erörtert noch geklärt wird; Wedels Jugend- und Lehrjahre sind nicht ausermittelt. Vielleicht kommen sie im nächsten Teil dran.

Roter Faden

Welches „System“ also meint die „Zeit“ genau? Ihre Recherche vom 22. März tendiert Richtung Uferlosigkeit: Die einen haben „vermutlich“ alles gewusst und nichts unternommen, sind aber leider tot oder dement; andere sind sehr nett und haben Ordner mit alten Briefen oder kleine Klebezettchen dabei. Ein jeder weiß was, oder auch nicht, alle haben’s gewusst, aber doch gleichzeitig nicht geahnt.

Ein von Wedel angeblich aus einer Regiearbeit herausgemobbter Opferzeuge hat, so berichtet die „Zeit“, „Einschaltquoten von über 40 Prozent“. Dieser Hinweis soll wahrscheinlich die Glaubwürdigkeit des Zeugen belegen. Und der von Wedel geschasste Kameramann ist selbstverständlich „preisgekrönt“. Dieser Sound könnte ein Indiz dafür sein, dass das „System“ der kriecherischen Unterwerfung unter Quote und Auflage in Hamburg noch lebt. Aber das wäre vielleicht eine Überinterpretation.

So geht es dahin, und man lernt im dritten Teil, was schon im ersten und im zweiten stand: Dieter Wedel ist nach Ansicht vieler, die ihn im Leben trafen, ein unangenehmer Mensch. Aber wo ist „das System“? Ist es eigentlich dasselbe wie das „System Karajan“ oder das „System VW“, oder das „System Kohl“? Oder ähnlich? Oder ganz anders? Ein hierarchisches, auf Macht fixiertes System von Herrschaft, kritikloser Unterwerfung und Klientelwirtschaft, in dem jede(r) weggemobbt wird, der zu widersprechen wagt, und die Claqueure sich in der Sonne der kleinen Wohltaten freuen dürfen?

Hätte man, um dies und irgendeine „prädestinierte Branche“ zu entlarven, nicht einen etwas aktuelleren Fall des „Missstands“ suchen und finden können? Denn am „System Wedel“, wie die „Zeit“ das Ergebnis ihrer Rundum-Vernichtung nennt, finden sich ja dank Zeitablauf ersichtlich mehr Knochen als Fleisch. Das führt dazu, dass selbst die Reporter irgendwie die Spur zum System verlieren, das sie zum Einsturz bringen möchten:

Aus heutiger Sicht kann man nur schwer nachvollziehen, wie die Macht eines Einzelnen so groß sein kann. (…)

Nach und nach (gingen) Werdels Vertraute in den Ruhestand. Das System begann zu zerbrechen. Wedels letzter Film für das ZDF liegt mehr als ein Jahrzehnt zurück; das ZDF ist heute ein anderer Sender …

Also wo ist nun der Missstand, den der Presserat tapfer bekämpfen will und dem die Intendanten mit „Task Forces“ zu Leibe rücken? Wenn am Ende herauskommt, dass es stimmt, dass Dieter Wedel vor 22 Jahren eine Vergewaltigung begangen hat: Was ändert dass am Missstand, den man, wie die „Zeit“ immer wieder schreibt, heute gar nicht mehr finden kann und der den vielen Zeugen heute so gar nicht mehr vorstellbar ist?

Ein vorletzter Versuch: 2010, Bavaria. Eine Wedel-kritische Betriebsrätin muss ran und berichtet: „Sie (die Angestellten der Bavaria Filmgesellschaft) beschwerten sich über den rüden Ton am Set und die vielen Überstunden. Aber niemand hat sich beschwert, …dass es sexuelle Übergriffe gab.“

Schlechte Antwort! Aber was weiß die schon! Sie vertrat ja „nicht die Schauspielerinnen, sondern ausschließlich die Angestellten der Bavaria“, meint die „Zeit“. Auch die Mitteilung des ZDF, „dass dem ZDF keine Hinweise zu möglichen sexuellen Übergriffen von Dieter Wedel vorlagen“, stößt auf wenig Gnade: Die „Zeit“ findet die Auskunft „erstaunlich entschieden“, weiß dann aber auch nicht recht weiter. Man erwähnt mit dem üblichen andeutungsvollen Unterton, dass die alten Akten nicht mehr vorhanden sind. Aber das reißt es auch nicht mehr raus, denn völlig blöd sind die Leser ja auch nicht.

Also, ganz zum Schluss, Bad Hersfeld. Ein Rechtsanwalt, der einen (gekündigten) Schauspieler im Rechtsstreit um die Hälfte seines Schauspieler-Honorars vertritt, hat der „Zeit“ ganz unvoreingenommen mitgeteilt, Wedel habe sich unsäglich verhalten, weswegen der Mandant des Rechtsanwalts einen Haufen Geld zu kriegen habe. Das zeigt, so die „Zeit“, dass „das System Wedel … bis zuletzt funktioniert zu haben (scheint)“. Ein wirklich traurig dünnes Ende des großen Vernehmungs-Marathons.

Im Stadtrat von Bad Hersfeld hat man, wie zu lesen war, in der vergangenen Woche die Einrichtung einer #MeToo-Beschwerdestelle für die Theaterfestspiele beschlossen. Zwar sind entsprechende Beschwerden dort gegen niemanden je erhoben worden, aber man kann ja nie wissen. Und im Sommer, auch das meldet die „Zeit“, wird vor dem Landgericht Fulda über die Honorarklage verhandelt.

Vorläufiges Ende

So hat sich die Ermittlungs-Richtung der „Zeit“ ins allgemein Menschliche verflüchtigt: Neun Seiten „Magazin“ darüber, dass Herr Wedel vor 50, 40, 30 Jahren Menschen schikaniert hat, die sich seinen Wünschen nicht widerspruchslos fügten. Wenn das das System sein soll, das es seit Monaten zu entlarven galt, dann fragt man sich, warum nicht noch ein paar Vorstandvorsitzende von DAX-Konzernen auf der Anklagebank sitzen, meinetwegen verflossene, oder ein paar Dirigenten, oder Chefredakteure. In deren Branchen, so scheint mir, herrschen exakt die Bedingungen, die das „nackte Chaos auf St. Pauli“ begünstigt haben könnten.

Nach wie vor fehlt die Recherche der „Zeit“ über die Verteilung der im „Hellfeld“ befindlichen, also tatsächlich angezeigten Sexualdelikte, Nachstellungen und Nötigungen am Arbeitsplatz auf die verschiedenen Wirtschaftsbranchen und Berufsfelder. Warum monatelang im Ungewissen von vor 40 Jahren graben, wenn man das durch Analyse der aktuellen Statistiken herausfinden könnte?

Es werden – einigermaßen konstant – etwa 8.000 sexuelle Nötigungen pro Jahr in Deutschland angezeigt. Da könnte man untersuchen, welche Branchen besonders „prädestiniert“ sind! Ich gebe zu: Ein Foto von Sonja Kirchbergers „geöffneten Schenkeln“ springt dabei nicht heraus. Aber es gibt garantiert noch den einen oder anderen pensionierten Starchirurgen, Reisedirigenten oder VW-Vorstand aus den Siebzigern.

Sind die Fragen, „um die es ging“, beantwortet? Man muss sagen: Nein. Wer was wusste, weiß man nicht; warum Machtmissbrauch toleriert wird, ist eh klar und im Übrigen ein ewiges Rätsel; ob die Filmbranche prädestiniert ist, weiß die „Zeit“ erst recht nicht, da sie ja gar nicht die Filmbranche untersucht hat, sondern allein Herrn Wedels Spur der Verwüstung. Ergebnis: Wedel ist ein schlechter Mensch, und möglicherweise hat er vor einigen Jahrzehnten einige Straftaten begangen. Außer ihm hat sich keiner gefunden, dem man das deutsche Hollywood anhängen könnte. Was nun?

9 Kommentare

  1. Freud’scher Versprecher ? „warum nicht noch ein paar Vorstandvorsitzende von DAX-Konzernen auf der Anlagebank sitzen“
    AnLAGEbank :-))

  2. Sorry, lieber Herr Fischer: Um diese Kritik richtig bewerten zu können, müsste ich die Ausgabe ja kaufen oder mir ein ZEIT-Abo zulegen um den Basis-Artikel online lesen zu können.
    Mache ich nicht.
    Ich erbitte (wieder einmal) Themenwechsel.
    (Disclaimer: Ja, den Artikel zum Autorennen bei Meedia habe ich auch gelesen, war auch wirklich sehr gut, aber vieles eben bereits von Ihnen schon früher in FiR gesagt.)
    TIPP: Der Entwurf zum neuen Polizeigesetz in Bayern ist lesenswert, zumal Innenminister Seehofer möglicherweise auch die bundesdeutsche Gesamtheimat per „Vereinheitlichung“ damit beglücken wollen könnte.

  3. Ok, ich schaue mir den hier besprochenen dritten Teil der Magazin-Serie nicht mehr an. Das, was Herr Fischer hierzu beschreibt, scheint aber in der Tat darauf hinauszulaufen, dass die ganze Kampagne ausufert und in der Quintessenz beim Publikum nur hängen bleibt: Herr Wedel ist ein A…loch. Und inwieweit dass dann nicht vom Publikum gedanklich mit dem Zusatz ergänzt wird „… muss man aber vielleicht auch sein in seiner Position als Regisseur …“, vermag ich nicht zu beurteilen, wohl aber mir vorzustellen. Kontraproduktiv.

    Die ZEIT scheint der Versuchung zu unterliegen, auch noch jedes Fitzelchen aus der nach eigenen Angaben groß angelegten Ermittlungsarbeit mit anklagendem bzw. gar verurteilendem Duktus präsentieren zu wollen. Das ist menschlich verständlich, schließlich will man ja demonstrieren, wie viel Mühe man sich gegeben hat.

    Ordnet man das jedoch in die von der ZEIT für sich – zumindest sprachlich – in Anspruch genommenen Kategorien strafprozessualer Wahrheitsfindung ein, so zeigt die Darstellung immer mehr, dass die ZEIT praktisch auf der Ebene polizeilicher Ermittlungsarbeit stehen geblieben ist und nunmehr der Öffentlichkeit die ganze Ermittlungsakte um die Ohren schlägt und behauptet, allein Umfang und Gewicht der Akte sowie das unfehlbare Gespür der „ZEIT-Polizei“ bürge für die Schuld des Herrn Wedel.

    Im „richtigen Leben“ kommt nach Abschluss der Ermittlungen dann aber mindestens noch die Instanz der Staatsanwaltschaft, die die Ermittlungsergebnisse aus ihrer Perspektive bewertet (und dabei dem Verfolgungseifer der Polizei manchmal Grenzen setzt), das Extrakt der Ergebnisse ggf. zur Anklage bringt und damit regelmäßig ein Hauptverfahren in Gang setzt, das nach Erhebung und Würdigung der Beweise erst ein drittes Organ – das Gericht – zu einem verbindlichen Urteil bringt (gegen das auch noch Rechtsmittel möglich sind).

    Es ist gut und richtig so, dass Kriminalpolizisten, also selbst die Profis im Ermittlungsgeschäft, auf die sich die ZEIT beruft, nicht zugleich auch Staatsanwalt und Gericht sind. Amateur-Ermittler sollten sich das erst recht nicht anmaßen.

    Nur zur Klarstellung: Ich habe höchsten Respekt vor der Ermittlungsarbeit, die die Polizei oft akribisch und bis ins kleinste Detail hin leistet. Angesichts ihrer Mühen enttäuscht es Polizisten auch immer wieder, wenn mit hohem Aufwand und dicken Akten ermittelte Fälle in einer Einstellung gegen Geldauflage oder Ähnlichem enden, obwohl der böse Bube doch „sowas von schuldig“ ist.

    Trotzdem rennt kein Polizist mit der Akte unterm Arm in die Öffentlichkeit und präsentiert die „Beweise“, um auf diese Weise eine – praktischerweise gleich selbst vorgenommene – „Verurteilung“ zu erwirken. Mich deucht, die Polizei hat ihre Aufgaben(grenzen) besser im Blick als die ZEIT.

  4. Im Endeffekt ist die Erinnerung an Herrn Kachelmann und was vor allem (nicht nur) die BILD gemacht hat, sehr richtig (auch wenn Herr Kachelmann mir zumindest immer deutlich sympathischer war, als Herr Wedel).

    Das ist im Kern aber auch eines der Grundprobleme der gesamten #Metoo-Debatte. Es wird einfach ständig vorverurteilt. Ob ich dabei dann persönlich von der Schuld oder Unschuld einer beschuldigten Person überzeugt bin, spielt keine Rolle. Wenn man den Rechtsstaat ernst nimmt, muss man konsequent sein und das heißt auch dann von einer Vorverurteilung abzusehen, wenn man selbst an die Schuld des Beschuldigten glaubt. Solange kein Gericht diese Schuld festgestellt hat, muss man sich zurückhalten.

    Daher bin ich auch mehr als schockiert, dass der Presserat der ZEIT tatsächlich vorbildliche Verdachtsberichterstattung attestiert. Denn vorbildlich ist daran höchstens, wie man es nicht machen sollte.

    Dass Herrn Fischer (auch ich würde mich übrigens freuen, mehr von ihm hier zu lesen) dadurch auch noch seitens der ZEIT Vorwürfe gemacht werden, lässt mich an der ZEIT stark zweifeln.

  5. Ich möchte mich Kommentar Nummer 7 vorbehaltlos anschließen. Es gibt leider nur wenige Autoren, deren Beobachtungen und Analysen ich so bereichernd finde.

    Die vorliegende Analyse kann ich leider nicht abschließend beurteilen, da ich den dazugehörigen Artikel der Zeit nicht gelesen habe. Ausgehend von meiner Kenntnis der bisherigen Berichterstattung im Fall Wedel vermute ich allerdings sehr stark, dass da mehr als nur ein Körnchen Wahrheit zu finden sein wird. Insbesondere finde ich die Herausstellung sehr wichtig, dass es selten sehr fundiert ist, aus einem Einzelfall ein System abzuleiten.

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