Ernsthaft: Kiffen

Heute breche ich eine selbst aufgestellte Regel, bei der ich ehrlich gesagt vergessen habe, warum ich sie überhaupt aufgestellt habe, und bespreche ein Magazin, das im fremdsprachigen Teil des Bahnhofskiosks liegt: das US-amerikanische Heft „Cannabis Now“.

Ich würde das deutsche Äquivalent besprechen, aber ich glaube, das gibt es einfach nicht: ein mainstreamiges Hochglanz-Lifestyle-Magazin, dessen Mittelpunkt THC-haltige Rauschmittel sind1. Und der erste Gedanke, den ich hatte war: Das ist lustig. Nicht einmal deshalb, weil Marihuana hierzulande immer noch irgendwie verboten ist und deshalb ein solches Heft wahrscheinlich nur schwerer zu etablieren wäre, sondern weil Rausch ein so lustiges Thema ist. Das Säufer-Magazin „The Modern Drunkard“ (etwa: Der Moderne Trunkenbold) ist so in etwa das lustigste Magazin der Welt2. Ich weiß nicht wieso, aber der Knihihihi-Effekt von einem Magazin, das sich ernsthaft und professionell damit auseinandersetzt, wie man sich gepflegt weghaut, ist riesig. Und „Cannabis Now“ hat perfekte Momente dafür, zum Beispiel in einem Interview mit Flaming-Lips-Sänger Wayne Coyne, der bizarrerweise interviewt wird, obwohl er Kiffen überhaupt nicht genießen kann:

„Ich hab falscherweise hin und wieder was von Miley Cyrus‘ Gras geraucht und es buchstäblich jedes Mal bereut. Bis auf ein Mal, wo es für mich funktioniert hat, aber das war ein Unfall. Das war nach einer langen Nacht voll Trinken und Kokain. Wir haben dieses Gras geraucht und dachten, das würde uns einschlafen lassen, aber dann hielt es uns wach und wir waren sehr happy und geil und ich erinnere mich, wie ich dachte: Also deshalb rauchen Leute Gras!“3

Bin das nur ich, oder ist es wahnsinnig lustig, wenn Leute ernsthaft von ihren Räuschen erzählen?

Aber das Lustige ist der geringste Teil des Heftes. Der Rest sind Geschichten über medizinische Nutzung von THC, zum Beispiel durch Kekse gegen soziale Phobien oder als Anti-Kotz-Medikament während einer Chemotherapie. Es gibt Geschichten über Zucht und Anbau von Cannabis, über die Business-Seite (überleben die Outlets für medizinisches Marihuana, wenn „recreational use“ legal wird) und natürlich über Hardware wie Wasserpfeifen.

Es werden Vorkämpfer für die Legalisierung portraitiert, es gibt Rezepte und alles in einem sehr formalen Magazinrahmen, was es so viel aufregender macht. Es ist, wie wenn Helmut Schmidt „Scheiße“ gesagt hat: Es ging nicht darum, was er gesagt hat, sondern dass ER es gesagt hat. Kiffen ist keine Nachricht mehr wert, aber das Thema als Subjekt eines ansonsten konventionellen Lifestyle-Magazins ist zumindest für den Moment faszinierend. Es klingt irgendwie irre, wenn man sich den Satz vorstellt: „Rausch ist mein Hobby“ – aber auf der anderen Seite: Was denn sonst?

Das drängt ein paar Gedanken auf: In Wahrheit ist das natürlich nur die Natur von Magazinen, die sich mit Fragen des Lebensstils beschäftigen4. Sie alle beginnen damit, etwas, das längst in der Luft liegt, in den formalen Rahmen einer Zeitschrift zu gießen, und manchmal ist es zumindest für eine Zeit lang neu und aufregend. Wahrscheinlich könnte (und sollte) man heute ein Magazin machen für Menschen mit leichter sozialer Phobie, die gerne die ganze Nacht Serien auf Netflix binge-watchen und dabei Sachen kalt aus der Dose essen, weil sonst nichts im Haus ist. Ein Magazin über Träume, nur beschrieben an unseren Fehlkäufen. Oder ein Heft über Einsamkeit und innere Leere, nur beschrieben an zuckerhaltigen Neuheiten aus der Lebensmittelindustrie.

Was ich damit sagen will: Es gibt so etwas wie eine innere Wahrheit, die ein Magazin in der Gegenwart verankert, und die ist rein emotional. Dass es ein formal bestimmten Regeln gehorchendes Magazin gibt, sagt schon etwas, nämlich dass Cannabis als Lebensstil genau so viel wert ist wie Mode, Skateboardfahren oder Kochen. Und das setzt sich in den Inhalten fort: Ein Magazin muss ja, damit es meins ist, nicht unbedingt Lösungen für meine Probleme anbieten. Es muss vor allem erst einmal zeigen, dass es sie verstanden hat. Es ist die erste und letzte und wichtigste und ultimative Frage: Was weißt du über das Leben?

Cannabis Now
Cannabis Now
7,99 $

6 Kommentare

  1. Was weißt Du über das Leben?

    Gar nichts? Alles? Grün ist umstritten?

    Gras oder Alkohol oder sonstige Genussmittel als Lebensstil zu stilisieren, finde ich etwas überheblich, aber jetzt auch nicht sooo schlimm.

    Es sterben auch Menschen durch Verkehrsunfälle, und trotzdem gibt es Zeitschriften über Autos und Eisenbahnen, iirc.

  2. @ Hobby-Doktor Pantelouris:

    Während Sie zu viel ICD-10 oder DSM-5 geraucht haben, ist Ihnen wohl ein Fehler unterlaufen. Was haben denn Fragen des Lebensstils, die Sie in FN.4 als „Antworten auf die Frage, wie ich mein Leben leben möchte, eigentlich also: den freiwilligen Teil der Identität“ definieren, mit sozialen Phobien zu tun?

    Ein Magazin muss ja, damit es meins ist, nicht unbedingt Lösungen für meine Probleme anbieten. Es muss vor allem erst einmal zeigen, dass es sie verstanden hat.

    Dann bin ich ja beruhigt. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie Leute glauben, Probleme verstanden zu haben. 🙄

  3. @ Anderer Max (1): ‚Nicht Hochglanz‘ trifft es ziemlich gut – es ist im weitesten Sinne das genaue Gegenteil, vielleicht vergleichbar mit der Anfangszeit von RTL oder MTV, als dort noch ein gewisser anarchischer Geist präsent war. Layouttechnisch vermutlich Pantelouris‘ Albtraum und auch textlich orientiert man sich wohl lose am MAD-Magazin, aber mit unter 20 recht unterhaltsam. Ich habe es somit allerdings auch seit 10 Jahren nicht mehr gelesen und eventuell hat sich das mittlerweile ja geändert. Ich glaub aber eher nicht.

  4. Bevor irgendwer rummosert: Fehlerkorrektur zu #4

    Bitte das Relativpronomen ‚die‘ im zweite Satz selbsttätig durch ‚den‘ ersetzen. Danke.

Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.