Bahnhofskiosk

Schönheit & Drama

Die Unterzeilen von Zeitschriften sind etwas, über das sich Menschen ausführlich und lange Gedanken machen, das aber wahrscheinlich keine messbare Außenwirkung hat. Ich habe neulich erfahren müssen, dass die für mich „neue“ – soll heißen, gefühlt vielleicht zwei, drei Jahre alte – Unterzeile von „Geo – Die Welt mit anderen Augen sehen“ vor ungefähr 15 Jahren eingeführt wurde. Ich habe offensichtlich mehr als zehn Jahre gebraucht, um es zu bemerken. Aber, um diesem Rätseleinstieg in einen Text auch noch eine bizarre Wendung zu geben: Beim „Vatican Magazin – Schönheit und Drama der Weltkirche“ erklärt die Unterzeile alles. Natürlich ist „die Weltkirche“, na ja, arrogant und inhaltlich so nicht ganz richtig, aber ich nehme mal fest an, für die Kernzielgruppe von „Vatican Magazin“ stimmt es genau so, und die Idee, die Katholische Kirche als Jahrtausende währende Seifenoper zu behandeln, verdient Applaus.

Offensichtlich funktioniert die Promi-Berichterstattung der Yellow Press so, aber im Kern natürlich jedes Magazin: Ein begrenzter Cast erlebt Abenteuer, jeder innerhalb seines ihm zugewiesenen Charakters. Bei der Klatschpresse sind es A- bis F-Promis, im „Spiegel“ Politiker und korrupte Provinzfunktionäre, wichtig ist vor allem, dass jeder tut, was man von ihm erwartet1)Es darf nicht ein unbeliebter Charakter versuchen, etwas Positives zu tun. Musterbeispiel dafür war Paris Hilton, die als Medienphänomen ganz gut funktioniert hat, aber immer nur, wenn sie etwas Dummes getan hat oder ihr etwas Schlechtes widerfahren ist. Niemand wollte sich mit ihr freuen. Die arme Maus!. Und das jetzt mit der Kirche? Man kriegt schon Bock, wenn man den Gedanken das erste Mal denkt, oder?

Tatsächlich packt das „Vatican Magazin“ die wichtigste Waffe aus, die sie haben: Die Sprache des Magazins wirkt wie eine grandiose Simulation von Kirchensprache. Beispiel aus der Titelgeschichte über Jerusalem:

Es ist diese lange Geschichte, die wir heute im Heiligen Land nachlesen können wie in einem offenen Buch: Jerusalem faktisch in der Hand Israels. Darin, wie auf einem Handteller, der ehemalige jüdische Tempelberg in der Hand der Muslime, mit großen Teilen der Altstadt Jerusalems. Sollte Israel seine Hand jemals zu schließen versuchen, könnte das Drehbuch für den Weltuntergang hier zugeklappt werden. Es wäre das Ende.

Vor allem den Anfang kann man sich super von einer Kanzel gesprochen vorstellen, langsam und mit ein bisschen Pathos: „Es ist diese lange Geschichte …“

Die Auswahl an Themen und Geschichten ist erstaunlich reich, also, im ersten Moment erstaunlich, bis einem auffällt, dass diese Kirche ja schon seit einiger Zeit ziemlich viele oftmals überragend fragwürdige Geschichten produziert. Und offenbar werden gerade jetzt irgendwie Machtspiele- und -kämpfe um den aktuellen Papst ausgefochten, was ich unter anderem deshalb weiß, weil die erste Geschichte im „Vatican Magazin“ ein offener Brief ist, in dem der Klimaforscher Mojib Latif gefragt wird, was man denn so machen kann, um das Klima in der Kirche zu verbessern2)haha.

Die Themenvielfalt ist also groß: Es gibt neben der Jerusalem-Geschichte, die tatsächlich topaktuell ist, historische Artikel über die Diplomaten des Vatikan, Papst Pius IX. und über meinen absoluten Lieblingsheiligen Padre Pio3)Was ein bisschen damit zusammenhängt, dass ich aus meiner Zeit als Olivenölproduzent beeinflusst bin durch die süditalienischen Freunde, die alle ein Bild von ihm im Portemonnaie haben. Ich seitdem auch.. Es geht um das Verhältnis von Botho Strauss zur Kirche, um das Thema „Wie muslimisch wird Europa“, darum, dass in der Ökumene trotzdem der Papst der oberste Obermacker sein soll, und um die Frage, ob das Wort „Versuchung“ im Vaterunser geändert werden sollte4)Weil ein gütiger Gott einen ja eigentlich eh nicht dahin führt, oder eben doch, oder was weiß ich..

Außerdem gibt es eine Geschichte über den gut gebauten Heiligen Sebastian – „Der Heilige mit dem Image eines Sunny-Boy“ – und eine Fotostrecke über die vom Ruß der Kerzen gereinigten Mosaike in der Geburtskirche in Bethlehem. Das führt uns zu dem kleinen Problem des „Vatican Magazin“, dass der Großteil der Fotos im Heft von einem der Herausgeber gemacht werden, der offenbar seit Jahrzehnten in Sachen Kirche unterwegs ist und wahrscheinlich ein gigantisches Archiv von Bildern hat, die nur leider nicht besonders gut sind.

„Schönheit und Drama“ – ich bin ein Fan von diesem einfachen, großartigen Gedanken. Und ich glaube, gerade weil ich kein Katholik bin, bin ich fasziniert von diesem konservativen, leicht triefenden und wunderbar barocken Heft voller Gemälde mit alten Männern. Ich kauf das nochmal.

Vatican Magazin
Fe-Medienverlags GmbH
6 Euro

Fußnoten

Fußnoten
1 Es darf nicht ein unbeliebter Charakter versuchen, etwas Positives zu tun. Musterbeispiel dafür war Paris Hilton, die als Medienphänomen ganz gut funktioniert hat, aber immer nur, wenn sie etwas Dummes getan hat oder ihr etwas Schlechtes widerfahren ist. Niemand wollte sich mit ihr freuen. Die arme Maus!
2 haha
3 Was ein bisschen damit zusammenhängt, dass ich aus meiner Zeit als Olivenölproduzent beeinflusst bin durch die süditalienischen Freunde, die alle ein Bild von ihm im Portemonnaie haben. Ich seitdem auch.
4 Weil ein gütiger Gott einen ja eigentlich eh nicht dahin führt, oder eben doch, oder was weiß ich.

3 Kommentare

  1. Erster! Puh, dachte schon, wir müssten erneut eine Woche ohne Bahnhofskiosk überstehen. Dankeschön!

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