Hier ist immer (noch) Krieg

Ich bin ein Fan von „Parallelgesellschaften“ im Sinne von Lord Dahrendorf, der forderte, Gesellschaft und Staat müssten über den zivilen Umgang miteinander im öffentlichen Raum einig sein, ansonsten aber wären die Blasen, in denen wir leben, nicht nur unumgänglich, sondern auch vernünftig1. Ganz persönlich lebe ich in einer ziemlich angenehmen Blase, und ich finde, das ist mein gutes Recht – so wie jeder andere das gleiche Recht hat. Das vorweg.

Leider heißt das nicht, dass ich mich mit jeder Blase wohl fühle. Es gibt eine Menge Parallelgesellschaften, die ich aus verschiedensten Gründen unangenehm finde, aber so lange sich ihre Mitglieder im öffentlichen Raum zivil verhalten, ist das mein Problem und nicht ihres. Und es gibt Parallelgesellschaften, die mir unangenehm sind, weil ich sie verdränge.

Menschen, die meine Hilfe nötig hätten, zum Beispiel, aber auch Soldaten, die irgendwo auf der Welt im Auftrag dieser, unserer Gesellschaft ihre körperliche und geistige Gesundheit oder sogar ihr Leben riskieren. Ich blende das aus. Obwohl ich – eher unbeschwert durch irgendwelches Fachwissen – zu Sinn und Unsinn vieler Bundeswehr-Einsätze jede Menge zu sagen hätte, zweifle ich weder grundsätzlich an der Notwendigkeit einer deutschen Armee noch an der Integrität und Professionalität ihrer Soldaten.

Panzer, Soldaten und ein Motorrad mit Beiwagen, auf das ein Maschinengewehr montiert ist.

Ein Heft wie „Clausewitz – Das Magazin für Militärgeschichte“ ist mir allerdings auf Anhieb diffus unangenehm. Ich nehme an, das ist sehr deutsch, immerhin ist ein großer Teil der jüngeren deutschen Militärgeschichte entweder verbrecherisch oder zumindest eng verbunden mit einigen der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Andere mögen entspannter mit ihren Armeen sein. Aber mir sind andere Kriege, ehrlich gesagt, auch nicht sympathisch.

Das war jetzt sehr viel Vorrede. Tatsächlich aber sagt mein Unwohlsein auch viel über das aus, was Magazine für mich sind: Medien für Fans. Sie sind identitätsstiftend. Wer ein Buch über Militärgeschichte liest, hat ein irgendwie geartetes Interesse. Wer ein Magazin wie „Clausewitz“ liest, ist fasziniert von Krieg. Und das ist mir unheimlich.

Beim ersten Blättern der aktuellen Ausgabe wird dieses Unbehagen sofort bestätigt, durch einen Leserbrief im Stakkato-Ton:

Heute „Clausewitz“ gekauft und Artikel über Sturmtruppen gelesen. Mein Großvater hat unter Hauptmann Rohr gedient. Habe noch Verleihungsurkunde EK 2 mit Unterschrift Rohr im Besitz sowie auch noch andere Fotografien aus der Zeit. Opa war dann abkommandiert nach Spa. Gruppenbild mit Hindenburg. Geleitschutz für Kaiser zum Bahnhof gestellt und nach Kriegsende Freikorps in Berlin.
Machen Sie so weiter in Ihrer geschichtlichen Aufarbeitung.

Der Brief kam in der Redaktion per Email an. Warum er geschrieben ist, als wäre er von irgendeiner Frontlinie telegrafiert worden, steht da nicht, aber ich wollte nach jedem Satz ein „Stop“ einfügen, einfach, weil der Rhythmus es hergegeben hätte.

Im Brief davor erklärt jemand, in dem Film „Steiner – Das Eiserne Kreuz“ hätten „renommierte deutsche Schauspieler wie Hardy Krüger oder Götz George die Rolle des deutschen Soldaten Steiner genauso überzeugend verkörpern können wie der US-Star [James] Coburn“, aber durch den Amerikaner versprach man sich „auf dem internationalen Kinomarkt […] mehr Publikum – und damit natürlich auch mehr Einnahmen“.

Wieder bleibt mir die Motivation dafür, deshalb einen Leserbrief zu schreiben, auf diffus unangenehme Art rätselhaft. Ist es Enttäuschung darüber, dass ein aufrechter deutscher Soldat von einem Ausländer gespielt wird?2 Ich weiß es nicht, und ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich es wissen will.

Überschrift: "Der Ostblock bebt" auf einem Foto, schwarz-weiß, das eine Straße zeigt, Männer mit Gewehren und ein Panzerrohr.

Die Themen von „Clausewitz“ sind historisch einigermaßen bunt gemischt: Schlachten aus den Weltkriegen, aber auch der Samurai Ende des 19. Jahrhunderts und die Schlacht von Königgrätz 18663, der Ungarn-Aufstand 1956 oder die Geschichte der Entstehung von „Apocalypse Now“4, woran man schon sehen kann, dass sich „Clausewitz“ nicht auf deutsche Themen beschränkt.

Ein zweiter wichtiger Komplex im Heft sind Kriegsgeräte, in der aktuellen Ausgabe zum Beispiel englische Panzer („Kolossale Kampfmaschine“) und Motorräder mit Beiwagen, auf denen ein Maschinengewehr montiert ist („Speerspitze des Heeres“). Wen solche Sachen noch mehr interessieren, als „Clausewitz“ es befriedigen kann, den verweist eine Doppelseite im Heft dann auf das „Clausewitz-Spezial Deutsche Panzer, Teil 3“, unter anderem mit der Geschichte „Zukunftsweisend – die Flak-Panzer der Wehrmacht“ („Jetzt bei Ihrem Zeitschriftenhändler“).

Mehrere Fotos, schwarz-weiß: Soldaten im Graben, mit Schutzkleidung, eine Explosion. Überschrift: "In der 'Führer-Falle'"

Der Gedanke, „Zukunftsweisend“ auf ein Cover zu schreiben, in dem veraltete Technik beschrieben wird, macht mir irgendwie gute Laune. Ich gehe mal sehr fest davon aus, gemeint ist, dass die Technik vor mehr als 70 Jahren zukunftsweisend war. Heute ist sie es sicher nicht mehr. Aber was sagt es über die vermutete Verortung eines Lesers in der Welt aus, wenn ich so etwas schreibe? Gab es überhaupt je den Gedanken, das könnte dadurch ein bisschen missverständlich sein, dass es total falsch ist? Mit der gleichen Logik könnte ich ja auf ein Titelbild mit den frühen Beatles „hypermodern“ schreiben oder „Die haben noch viel vor“, denn das waren und hatten sie ja mal irgendwann. In „Clausewitz“ ist man in der Zeit zurückversetzt.

Die Ausstattung der Geschichten ist reich: Kästen mit biografischen Daten zu den handelnden Personen, einflussreicher technischer Entwicklungen oder, wie beim Ungarnaufstand, sogar alternativer Geschichte („Was, wenn sich daran der Dritte Weltkrieg entzündet hätte?“) geben dem Heft viele Ebenen. Sie sind nicht immer ganz sauber durchdekliniert, manche Bildunterschriften bei den Kästen fassen zum Beispiel den Text im eigentlich Kasten nur noch einmal zusammen, oder der Stil von Kasten-Headlines wechselt willkürlich. Die meisten Fotos in dem Heft sind natürlich in Schwarzweiß (Schlachten wie die der Samurai können nur mit Illustrationen bebildert werden), und es kommen erstaunlich wenig Tote vor.

Der eigentliche Horror des Krieges ist in „Clausewitz“ nur am Rande Thema, was für einen weit Außenstehenden wie mich befremdlich wirkt, andererseits könnte man so etwas wie Schlachtverläufe, Strategien und Technik wahrscheinlich auch einfach nicht mehr besprechen, wenn man erstmal anfängt, das Leid einzelner auszubreiten. Das ist in Wahrheit auch nicht Aufgabe eines Heftes über Militärgeschichte, hier geht es ja nicht einfach um Geschichten aus dem Krieg, sondern explizit um den Blick auf das Geschehene aus einer militärischen Sicht. Irgendjemand muss das bestimmt machen. Andere machen es offensichtlich gern. Ich bin froh, keiner von beiden zu sein.

Was bleibt, ist wahrscheinlich die Erkenntnis, die dem Autor der „Apocalypse Now“-Geschichte kommt:

Wie jedem Spielfilm, der Krieg zum Thema hat, kann man natürlich auch „Apocalypse Now“ die Ästhetisierung von Gewalt vorwerfen – doch dies ist ein medienimmanentes Problem, das eigentlich kaum zu vermeiden ist.

Das gilt so auch für „Clausewitz“. Es ist ein Heft für Menschen, die Krieg faszinierend finden, und das sind wahrscheinlich viele. Er ist ja auch faszinierend, und gemessen daran, gibt sich „Clausewitz“ wirklich zurückhaltend. Für ernsthaft „geschichtliche Aufarbeitung“, wie der Enkel von Opa, der unter Hauptmann Rohr gedient hat, es nennt, halte ich das nicht so ganz, aber auch nicht für „Opa erzählt vom Krieg“. Vielleicht: „Wir erzählen von Opas Krieg“ – und fühlen uns ein bisschen wie damals, als er noch zukunftsweisend war.

Clausewitz
GeraMond Verlag GmbH
5,95 Euro

8 Kommentare

  1. Heute also keine Kritik an der Form sondern ausschließlich Inhalt?

    Dazu sei von meiner Seite gesagt das Flak schon während des 2.WK so ziemlich wirkungslos waren und fast nur dazu dienten teures Feuerwerk zu verschießen. Je nach Kaliber mehrere tausend Projektile pro Abschuss. Von zukunftsweisend kann daher eigentlich keine Rede sein. Und sowas macht mir ein schlechtes Gefühl, da es scheinbar nicht einfach nur um Militärtechnik geht.

    In meinen 9 Monaten bei der Bundeswehr wurde übrigens auch nie von Tod gesprochen. Auch nicht von Feind oder Kampf.
    Ich glaub man ist sich der schlechten Gefühle die das Thema macht in vielerlei Hinsicht bewusst…

  2. Es gibt Hunger auf der Welt, und trotzdem gibt es Kochzeitschriften.
    Es gibt Armut auf der Welt, und trotzdem gibt es Modezeitschriften.
    Es gibt Kriege auf der Welt, also ist eine Zeitschrift, die darüber, statt über das Gegenteil schreibt, jetzt nicht so super zynisch.

    Was die Frage betrifft, ob ein Amerikaner die richtige Besetzung für eine deutsche Rolle ist – das Thema gibt’s doch öfter. Zuletzt bei Scarlett Johannson, die nicht unbedingt wie eine Japanerin aussieht, obwohl sie eine spielte. (Jaaa, dafür gab’s eine Erklärung im Film.)

    @Klaus Trophobie: In meiner Zivizeit kam das Thema „Tod“ verschiedentlich zur Sprache. Auch das Thema „töten“, ähh, ich meine „Sterbehilfe“.
    Kann es sein, dass einer von uns beim falschen Verein war?

  3. @Mycroft: „Kann es sein, dass einer von uns beim falschen Verein war?“
    Absolut. ;)

    „Zuletzt bei Scarlett Johannson, die nicht unbedingt wie eine Japanerin aussieht, obwohl sie eine spielte.“
    Was ja schon eine gewisse Tragikkomik in sich hat.
    Zum einen wird die Nationalität der Hauptfigur im Ausgansgmaterial nie explizit genannt. Die körperlichen Merkmale von Major Kusanagi im 1. Film sind auch nicht eindeutig japanisch.
    Zum anderen ist es ein Franchise das sehr locker mit den Vorgängern umgeht. Jeder der Schaffenden hat viel eigenes mitgebracht. Das Setup blieb zwar in groben Zügen erhalten, Ton, Schwerpunkt, Charaktere weichen aber teils erheblich voneinander ab.
    Insofern stellt sich für mich nie die Frage wie nah der Real-Action-Film am Original ist, sondern nur welche neue Variante, welche neue Sichtweise es dazu gibt.

    Im original Comic war Major Kusanagi übrigens lesbisch, ganz im Gegensatz zum hetero Love-Interest in der amerikanischen Umsetzung…

  4. Mein Punkt war, wenn schon bei komplett erfundenen Personen darauf herumgehackt wird, wer sie darstellen darf, dann ist die Diskussion bei historischen Figuren ja schon halbwegs verständlich.

    Aber natürlich darf Johannson Steiner darstellen. (Majors Sexualität war ihr möglicherweise selbst nicht so ganz klar…)

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