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Erstaunlich. Keine Vokabel ist so eng mit der Geschichte von Jason Arday verknüpft wie das Wort erstaunlich.
Erst war es die erstaunliche Geschichte vom rasanten Aufstieg eines jungen Mannes mit ghanaischen Wurzeln, der es gegen jede Wahrscheinlichkeit aus einer Londoner Sozialwohnung zum jüngsten schwarzen Professor der britischen Spitzenuni Cambridge schaffte. Erstaunlich aus heutiger Sicht ist vor allem, wie sich sein Bild gewandelt hat: Seit einigen Tagen gilt Arday als mutmaßlicher Plagiator, als „Hochstapler“, der den akademischen Eliten und der Öffentlichkeit ein paar Bären zu viel aufgebunden haben soll.

Anfang 2023 hatte ihn die ruhmreiche University of Cambridge zum Professor für Bildungssoziologie ernannt. Arday war gerade 37 – ein Alter, mit dem es nur wenige überhaupt zum Professor in Cambridge schaffen. Einem Menschen mit schwarzer Hautfarbe war dies noch nie gelungen.
In ihrer Mitteilung über die Berufung schrieb die Universität mehr über persönliche Dinge als über akademische Leistungen: Mit drei war bei Arday demnach Autismus diagnostiziert worden. Bis elf habe er noch kein Wort gesprochen, richtig lesen und schreiben erst mit 18 gelernt. Auch eine Anekdote schaffte es in die Meldung: Mit 27, beim Schreiben seiner Doktorarbeit, soll der Soziologe demnach Ziele an seine Schlafzimmerwand geschrieben haben, darunter: „Eines Tages werde ich in Oxford oder Cambridge arbeiten.“
Was für eine Story! Medien wie die BBC und der „Guardian“ übernahmen sie anscheinend ungeprüft.
Am 5. August 2026 erklärte Arday seinen Rücktritt, ohne darin Fehlverhalten zuzugeben. Die Universität von Cambridge prüft Plagiatsvorwürfe und Hinweise auf mutmaßlich falsche biographische Angaben. Kurz zuvor hatte Arday in einem Interview mit der „Times“ zwar Fehler eingeräumt, die er teils auch mit seinem Autismus begründete. Absichtliche Plagiate und Lügen bestritt er aber.

Das rechtslibertäre Anti-Woke-Magazin „Spiked“ bemühte sich nicht, seine Freude über die Entwicklungen zu verbergen. Es beschrieb Arday als „DEI-Darling“ und als „BLM-Professor“, der seine Position anscheinend nur aufgrund eines falsch verstandenen Diversity, Equity and Inclusion-Konzepts (DEI – für Vielfalt, Gerechtigkeit und Inklusion) und der antirassistischen Bewegung Black Lifes Matter (BLM) erhalten hatte. Der australische „Spectator“ deutete Aufstieg und Fall des Professors gar als Beleg für Eliten, die einem „progressiven Schuldgefühl verfallen“ seien.
Dass der Fall zu einem derartigen Politikum wurde, dazu hatten Arday und die Cambridge-Universität einiges beigetragen. Eine große Rolle spielten zudem Medien, die lange einfach glaubten, was zunehmend unglaublich wurde.
Journalismus und Wissenschaft haben etwas gemein: Ohne den Zweifel als Grundhaltung sind beide nicht denkbar. Er ist nötig, sogar gewollt, und er hat keine Richtung. Der Zweifel ist weder links noch rechts, weder woke noch libertär oder sonst etwas. Eigentlich. In der Praxis ist das so eine Sache.
Der erstaunliche Aufstieg des autistischen, schwarzen Kindes aus einer benachteiligten Siedlung zum jungen Elite-Professor war erst einmal vor allem eine gute Geschichte. Eine, die man sich in der „Bild“ genauso vorstellen kann wie in der „taz“. Heute scheint es, als hätte die Geschichte die Realität überstrahlt und auch Ardays Universität geblendet.
Cambridge gab dessen Erzählung anscheinend ungefiltert wieder. Zumindest anfangs mag man es JournalistPerson, die Informationen recherchiert, prüft und anschließend der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt,...:innen zugutehalten, dass sie nicht jeden Punkt eines akademischen Werdegangs nachrecherchiert haben, die eine so renommierte Hochschule als Fakt präsentiert. Versagt hat der Zweifel also zuallererst im wissenschaftlichen Betrieb.
Die fehlenden Zweifel im Journalismus kamen später hinzu. Als beispielsweise der „Stern“ über den Wunder-Professor berichtete, nannte er als Quellen lediglich die BBC und den „Guardian“. Der „Berliner Kurier“ zog mit einem Text nach, der sich in weiten Teilen mit dem des „Stern“ überschneidet. Der Deutschlandfunk brachte einen Beitrag, in dem eine Reporterin Arday interviewt, seine Angaben aber nicht weiter hinterfragt. Die stetige Reproduktion machte die Behauptungen zu Fakten.
In einem „ABC News“-Interview gab Arday an, mit 70 Wohltätigkeitsorganisationen zusammengearbeitet zu haben. Während seiner Doktorarbeit habe er mit einem Gehirntumor gekämpft, im Anschluss einen Schlaganfall erlitten. Der „Guardian“ zeichnete in einem langen Portrait das Bild eines Mannes, der Tag und Nacht arbeitete, der akademische und sportliche Höchstleistungen vollbrachte und Millionen für Charity-Projekte sammelte. 2010 will er für eine Spendenaktion 30 Marathons in 35 Tagen gelaufen sein. Mit 30 sei er 500 Meilen (mehr als 800 Kilometer) von Edinburgh nach London in sechs Tagen gelaufen, sagte Arday in einem Interview, später sollen es sogar rekordverdächtige 600 Meilen gewesen sein.

Was von all dem stimmt und was nicht, was vielleicht nur ein bisschen übertrieben ist, lässt sich noch nicht mit Sicherheit sagen. Fest steht: Albert Einstein, Mutter Theresa und Usain Bolt in einer Person ist Jason Arday nicht. Die 600 Meilen, sagte Arday zuletzt, sei er tatsächlich über zwölf Tage verteilt gelaufen. Für viele biografische Angaben habe er aber keine Nachweise vorlegen können, stellte der „Guardian“ fest, als er Anfang August eine lange Recherche zu den Ungereimtheiten vorlegte und damit womöglich wesentlich dazu beitrug, dass Arday kein Cambridge-Professor mehr ist. Ein Kolumnist der Zeitung kritisierte den unkritischen „Medienzirkus“ rund um die Berufung – ohne zu erwähnen, dass der „Guardian“ damals selbst mit in der Manege stand.
Zweifel hatte es bereits früh gegeben. Im Mai 2023 konfrontierten zwei Wissenschaftler erst Arday direkt und dann die Universität Cambridge mit ihrem Plagiatsverdacht. Das rekonstruierte nun das Blog „Retraction Watch“, das sich mit wissenschaftlichen Fehlern befasst. Arday habe keine Fragen beantwortet und angekündigt, weitere Kontaktaufnahmen als „Mobbing und Belästigung“ anzusehen. Etwas später wurden zwei Publikationen Ardays mit Korrekturen versehen, die wiederum neue Fragen aufwarfen. Darüber hinaus erhielt der Professor Rückendeckung durch seine Hochschule.
2025 recherchierte Jack Grove, Reporter des Fachmagazins „Times Higher Education“, mehrere Monate lang zu möglichen Plagiaten in Ardays Dissertation. E-Mails von Grove soll der Professor unbeantwortet gelassen haben. Dafür meldete sich eine Anwaltskanzlei bei Grove und warnte davor, falsche und rufschädigende Vorwürfe zu veröffentlichen. Die Recherche verschwand daraufhin zunächst in der Schublade. Geteilt hatte Grove seine Erkenntnisse zuvor auch mit der Cambridge University und der Liverpool John Moores University, an der sich Arday promoviert hatte. Wie ernsthaft man sich dort mit den Hinweisen befasste, ist unklar.
Anfang 2026 meldete sich plötzlich die Metropolitan Police bei Grove. Mehrere Monate sei sie einer Anzeige nachgegangen, derzufolge der Reporter Arday belästigt habe. Das Verfahren sei zwar eingestellt, dennoch möge der Journalist den Professor nicht mehr kontaktieren – zum Schutz von dessen mentaler Gesundheit. So berichtete es Grove vor wenigen Tagen. Die Polizei räumte ihr Vorgehen inzwischen als falsch ein.
Von alledem erfuhr die Öffentlichkeit erst in diesem August. Zuvor bestimmte Arday die Narrative. Im April dieses Jahres beklagte er in einer Rede rassistisch motivierte Kampagnen gegen schwarze Wissenschaftler:innen. Diese folgten einem „Drehbuch“ rechter Aktivist:innen und Medien.
Inzwischen wurde bekannt, dass sich Arday im Juli 2025 in einem Brief an die damalige britische Hochschulministerin über Angriffe beklagt haben soll. Er behauptete darin, dass ihn ein maskierter Mann an der Hochschule zwei Mal mit einem Messer bedroht und ihn zum Rückzug aufgefordert habe, an die Adresse seiner Eltern sei ein abgetrennter Schweinekopf geschickt worden. Der „Guardian“ ging den angeblichen Vorfällen nach, konnte aber keine Belege dafür finden.
Die Plagiatsvorwürfe machte schließlich Nathan Cofnas publik, ein Wissenschaftler, der sich nach eigenen Angaben mit der „Philosophie der Biologie“ beschäftigt. Cofnas hatte offenbar von einem Mitglied der Cambridge-Fakultät einen Hinweis erhalten und Textstellen geprüft. Am 21. Juli 2026 veröffentlichte Cofnas auf Substack seine Erkenntnisse und warf Arday Plagiate in seiner Dissertation und bei mehreren Aufsätzen vor.
Der Zweifel war damit nicht nur endlich öffentlich – er hatte auch gleich eine Richtung. Cofnas ist nämlich nicht unbedingt ein neutraler Aufdecker. Er nennt sich selbst „Rassenrealist“ und verbreitet wilde Thesen über einen angeblichen Zusammenhang zwischen Intelligenz und „Rasse“. Von „Menschenrassen“ zu sprechen ist jedoch ein zutiefst unwissenschaftliches Konzept.
Cofnas führt seine Thesen auch gerne gegen Diversity-Bemühungen von Hochschulen ins Feld. Arday unterstellte nicht einfach nur Plagiate, sondern gleich „DEI-Betrug“. Nicht zuletzt sah Cofnas in seiner Recherche den Beleg dafür, dass es schwarze Professoren nur dann gebe, wenn Akademia ihre Standards senkt.
Das hatte alle Zutaten einer rassistischen Kampagne. Es entsprach also, Ironie der Geschichte, genau dem, was Jason Arday zuvor öffentlich beklagt hatte. Nur dass die Vorwürfe gegen ihn nicht aus der Luft gegriffen, sondern offenbar gut begründet waren. Fortan ging es weniger um einen mutmaßlichen Plagiatsfall, sondern um Rassismus versus falsch verstandene Diversity.
Dabei wäre es gerade jetzt so wichtig gewesen, zu differenzieren: Ja, die Universität Cambridge verfolgte das Ziel, ihre Diversität zu steigern – und womöglich schaute sie später nicht so genau hin, weil die Kritik an ihrem Professor auch die Reputation der Institution ankratzte. Aber nein: Dafür, dass sie Arday nur als Rollenvorbild und nicht wegen seiner akademischen Leistungen berufen hätte oder ansonsten wahllos Personen wegen ihrer Hautfarbe auf Positionen hievt, gibt es keinerlei Beleg. Im Gegenteil waren 2023 neben Arday Medienberichten zufolge lediglich fünf weitere der fast 700 Professor:innen in Cambridge schwarz, ein deutlich geringerer Anteil als in der britischen Bevölkerung.
Ja, womöglich hat Jason Arday bewusst Rassismusvorwürfe genutzt, um begründete Nachfragen zu delegitimieren. Aber nein: Das heißt natürlich nicht, dass es keine rassistischen Strukturen gibt.
Ja, Medien haben die unglaubliche Lebensgeschichte von Jason Arday viel zu wenig angezweifelt. Aber nein: Der Vorwurf, dass sie dies aus einem linksgrünen Zeitgeist getan hätten und weil die Kritik aus einer „rechten Ecke“ kam, lässt sich ihnen gerade nicht machen.
Eine erste Recherche scheiterte noch an der Angst vor juristischen Folgen (auch das: ein grundsätzliches Problem im Journalismus). Aber nur drei Tage, nachdem Nathan Cofnas an die Öffentlichkeit gegangen war, griffen die „Times“ und der „Telegraph“ die Vorwürfe bereits auf. Schnell folgte „Retraction Watch“ und machte die Vorgänge um die verhinderte Recherche von „Times Higher Education“ publik, die dann doch noch erschien. Das alles zeigte auch, dass Medien die Kritik ernst nahmen.
Dennoch publizierte die links-progressive Organisation „Good Law Project“ eine antirassistische Solidaritätserklärung für Arday, in der von einer Schmierkampagne und von haltlosen „Falschbeschuldigungen“ rechter Zeitungen die Rede ist. Einige Professor:innen, die zunächst ihre Unterschrift unter die Erklärung gesetzt hatten, zogen diese wieder zurück. Spätestens, als der der Rechtstümelei unverdächtige „Guardian“ am 1. August seine kritische Recherche über Ardays Biographie publizierte, war klar, dass sich die Kritik nicht einfach als willkürliche, rassistische Kampagne gegen den schwarzen Professor abtun ließ.
In den Schützengräben geblieben sind rechtskonservative Medien. Die NZZ, die der akademischen Welt auf Basis des Falls Arday einen „Minderheitenschutz“ unterstellte, bei dem „Hautfarbe und Herkunft mehr zählen als Leistung“ – als hätte es noch keine plagiierenden weißen Wissenschaftler gegeben. Die „Berliner Zeitung“, die alle Diversity-Initiativen und Gender-Studien in Frage stellte. Oder der „Cicero“, der pauschal ein Berufungssystem kritisierte, „in dem Identität und Opferstatus wissenschaftliche Qualität überlagern“ – wofür es ebenso wenig Belege gibt wie für manche Angabe von Professor Arday.
Erst das Versagen von Journalismus und Wissenschaft haben radikale Stimmen laut gemacht. Dabei ist es gewiss nicht rassistisch, der Kritik an einem schwarzen Professor nachzurecherchieren. Es kann aber durchaus rassistisch sein, die Kritik zu verallgemeinern.
Der Fall Jason Arday sollte kein Argument gegen Diversity sein. Sondern dafür, den Zweifel zuzulassen, egal woher er kommt.
Nachtrag, 15.08.2026: Wie Medien berichten, ist Jason Arday gestorben.
Korrektur, 25.08.2026: Wir hatten den Wissenschaftler Nathan Cofnas im Text zunächst fälschlicherweise als Biologen bezeichnet. Wir haben die Stelle korrigiert.
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Immer wieder interessant, wie sich Fakes erst einmal verselbständigen. Dank der Strukturen im wissenschaftlichen Bereich kommt es dann aber doch nach einer Zeit immer wieder zu einer Verdichtung, die Unwahrheiten offensichtlich werden lassen. Das ist beruhigend.
Beunruhigend ist’s, dass dann die rassistische Karte gezogen wird.
Andersherum könnte man sagen, die Skandale um die Kalte Fusion 1989 oder um Jan Hendrik Schön, dem man schon einen Nobelpreis zutraute Ende der 1990 iger Jahre, sind Ergebnisse weißer Wissenschaft.
Vor allem wird hier das Vorurteil gefestigt, dass Soziologie doch nur ein Laberfach sei.
Das Thema erhält eine tragische Zuspitzung: „Der nach schwerwiegenden Plagiatsvorwürfen zurückgetretene frühere Professor der renommierten Universität Cambridge, Jason Arday, ist Medienberichten zufolge tot aufgefunden worden.“
Quelle: https://www.sueddeutsche.de/panorama/cambridge-professor-jason-arday-tot-li.3531705
Mein Beileid an die Angehörigen. Möge er Frieden finden.
Danke, das ist eine gute und richtige Analyse, Unterscheidung und Einordnung. Der ganze Fall ist wahnsinnig tragisch. Und hier haben sehr viele Seiten Fehler gemacht. Leider hat sich der Prof jetzt auch noch umgebracht.