Zum Anschlag auf den CSD
Wie egal es ist, was die Nachbarn so sagen, und wie problematisch, Angehörige eilig zu interviewen

Immer schon nervig, wenn ein Kommentar gleich im ersten Absatz prophezeit, welche Reaktionen er hervorrufen wird. Und von wem genau.
„Gut möglich, dass dieser Kommentar Ärger verursacht. Aber letztlich nur bei den Menschen, die die Thematik ohnehin lieber ausklammern und verschweigen möchten. Oder klare Worte bewusst so falsch verstehen, um einen Vorwand zu haben, sich nicht mit den Problemen auseinandersetzen zu müssen.“
So beginnt der kleine Meinungstext von Martin Völkel, dem stellvertretenden Leiter der Lokalredaktion der „Siegener Zeitung“. Der Kommentar erschien am Montag, anlässlich des Terroranschlags auf den Berliner CSD am vergangenen Samstagabend.
Wie egal es ist, was die Nachbarn so sagen, und wie problematisch, Angehörige eilig zu interviewen
Völkel, das wird gleich deutlich, inszeniert sich als Klartexter. Als einer, der endlich mal sagt, was gesagt werden muss. In diesem Fall geht es Völkel um Menschen, die nach Deutschland einwandern. Oder wie es über dem Text steht, bitte kurz stillgestanden:
„Ansage an Neuzugänge: Wer hier leben will, muss freiheitliche Werte akzeptieren“.
Es sei „dringend angezeigt“, findet Völkel, „die Dinge grundsätzlich und vor allem ehrlich zu hinterfragen“. Und als ob nicht ohnehin nach jedem Terroranschlag betont würde, dass „wir“ uns unsere freie, liberale Art zu leben „nicht nehmen lassen“, fragt Völkel:
„Wann wollen wir endlich damit beginnen, unmissverständlich deutlich zu machen, dass wir in einer freien Gesellschaft leben, in der sich jeder frei entfalten darf? Und zwar schwul, lesbisch, heterosexuell, mit oder ohne Religion, mit lila-farbenen Haaren, Glatze, langem Trenchcoat oder Minirock, egal ob Veganer oder Fleischesser.“
(Endlich Trenchcoat tragen, ohne dafür diskriminiert zu werden!)
Völkel hat bei seinem Appell offenbar nicht speziell Islamisten im Kopf oder religiöse Gruppen, auch keine besonders konservativen Deutschen oder Rechtsradikale, die etwas gegen freie Entfaltung haben – etwa die einer queeren Community. Völkel richtet seine Ansage pauschal an Einwanderer und Geflüchtete.
„Jeder, der neu in unser Land kommt“, solle sich „zuvor gründlich überlegen, ob er oder sie damit konform geht, dass hier jeder leben darf, wie er möchte – natürlich so lange er sich an Recht und Gesetz hält“. Jeder, der neu dazukomme, habe sich „anzupassen und nicht anders herum die Gesellschaft an seine Vorstellungen“. „Alle Neubürger“ sollten sich fragen, „ob sie Bock auf Deutschland haben – mit allen Rechten und Pflichten“, und ob sie „diesem Land etwas zurückgeben möchten“.
„Wenn ja, dann ist jeder hier herzlich willkommen. Wenn nein, wird es schwierig.“
Und nicht nur schwierig, sondern schlicht falsch ist es, worauf Völkel all seine Forderungen bezieht. Es ist, wie gesagt, ein Kommentar zum Terroranschlag auf den CSD. Dieser Anschlag aber wurde mutmaßlich nicht von einem „Neubürger“ begangen, der nach Deutschland geflüchtet ist oder sich hier, wie Völkel es ausdrückt, „ganz bewusst einen Lebensmittelpunkt“ gesucht hat.
Abdul B., der inzwischen von der Polizei getötete Tatverdächtige, wurde vor 21 Jahren in Deutschland geboren, als Sohn libanesischer Zuwanderer. Wie Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) bereits am Sonntag mitteilte, besaß er die deutsche Staatsbürgerschaft, und keine andere. Abdul B.s Mutter wurde 2002 eingebürgert, ihr Sohn ist demnach, so formulierte es Dobrindt, „als deutscher Staatsbürger zur Welt gekommen“.
Völkels Kommentar aber fußt auf der Falschbehauptung, Abdul B. sei irgendwann mal eingewandert, und auf der Phantasie, er habe sich seinen deutschen Pass bei seiner Einbürgerung erschlichen, wenn nicht gar der Staat dabei noch ein wenig behilflich war.
Völkel schreibt:
„Der Berlin-Attentäter hatte einen deutschen Pass. Da gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder hat er beim Einbürgerungstest gelogen, dass sich die Balken biegen, oder die Behörde hat über einige Dinge großzügig hinweggesehen.“
Und weil Völkel sich das so herbeihalluziniert, hat er auch gleich eine Lösung parat. Auf Leute „dieser Kategorie“ könne man hier verzichten, schreibt er. Wenn doch klar gewesen sei, dass sich Abdul B. dem IS anschließen wollte, dann „sollte es auf der Hand liegen, dass deutsche Pässe, die zuvor recht großzügig verteilt wurden, auch wieder ,kassiert’ werden können.“
Völlig egal, dass der deutsche Pass an Abdul B. nicht erst „verteilt“ wurde, und dass der deutsche Staat deutschen Staatsbürgern nicht einfach den Pass wegnehmen kann, auch nicht jenen mit familiärer Migrationsgeschichte. Stattdessen lautet Völkels Devise: Ich lasse mir doch von Fakten meine Meinung über Migranten nicht kaputtmachen! Er nutzt den Anschlag eines radikalisierten deutschen Staatsbürgers dazu, ganz pauschal über die Integration von Migranten zu schreiben und all jenen, die noch einwandern wollen oder es bereits sind, eine „Ansage“ zu machen – einer Gruppe, zu der der mutmaßliche Attentäter gar nicht gehörte.
Gut möglich, dass dieser Kommentar von Martin Völkel Ärger verursacht. Aber nicht, weil er politisch ist, weil er mit Ansage provozieren will, sondern weil er auf einer Tatsachenbehauptung basiert, die nicht zutrifft. Eigentlich müsste man ihn wegwerfen, weil er in sich zusammenfällt. Aber auch nach zwei Tagen wurde er nicht einmal korrigiert.
Da gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder ist das bei der „Siegener Zeitung“ immer noch niemandem aufgefallen, oder es ist ihnen einfach egal.
Nachtrag, 3.8.2026. Die „Siegener Zeitung“ hat den Kommentar inzwischen verändert. Unter dem Text findet sich nun der Hinweis:
„Dieser Kommentar wurde nachträglich korrigiert. Eine Passage zum Staatsangehörigkeitsstatus des Tatverdächtigen war sachlich unzutreffend. Der Tatverdächtige wurde als deutscher Staatsbürger geboren und nicht eingebürgert.“
Die Passage, der mutmaßliche Attentäter hätte beim Einbürgerungstest womöglich gelogen, oder der Staat hätte ein Auge zugedrückt, wurde gelöscht. Der Autor findet aber weiterhin, über einen „Entzug der Staatsbürgerschaft“ dürfe „zumindest diskutiert werden“.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Turnstile. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Instagram. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von X. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen
Und selbst wenn die rassistische Meinung des Autors sich auf einen realen Migranten und nicht auf einen von Geburt an deutschen Menschen bezogen hätte, wäre sie in ihrer Pauschalisierung nicht weniger rassistisch.
Bei „Klartextern“ oder in diesem Fall am „klare Worte“ schalte ich gedanklich ab oder verlasse die Diskussion bzw. den Artikel. Da kommt i.d.R. nix Vernünftiges mehr hinterher. Hin und wieder mache ich Stichproben und lese doch weiter. Werde aber fast immer bestätigt…
…viel schöner wurde dieses Phänomen allerdings von Samira El Ouassil vor einigen Jahren hier auf übermedien niedergeschrieben: https://uebermedien.de/40933/klartext-ueber-klartext/
In diesem Sinne: gehen Sie bitte weiter, hier gibt es nix zu zu sehen!
Der Nicht-mehr-Chefredakteur vom Münchner Merkur ist mit [[https://www.merkur.de/politik/terror-gegen-den-csd-noch-ein-angriff-auf-uns-alle-merkur-kommentar-94415356.html|seinem Kommentar]] nicht besonders weit weg……
@Jürgen:
Danke für die Erinnerung an den Text von Samira El Ouassil:
„Es ist eine Hundepfeife für alle Debattendobermänner, deren Pfeifton ihnen verspricht: „Ansage, hier wird dein confirmation bias hart gestreichelt! Und jetzt apportier das Stöckchen über das du gleich springen sollst.“
Seufz – kann man wirklich nicht besser beschreiben.
Fehlt eigentlich nur noch als Schlussatz: „Dann heißt es eben Re-mi-gra-tion.“ Denn auch wenn dieser Autor nicht mal die grundlegenden Fakten des Falls kennt, spielt seine (möglicherweise ungewollte) Aussage genau in die Karten der Rechtsextremen, für die in Deutschland geborene Kinder libanesischer Familien keine richtigen Deutschen sind, nicht dazu gehören, jedenfalls aber aus Deutschland entfernt werden sollen, was dann als „Remigration“ verbrämt wird.
Es ist der Zeitung einfach egal. Unfassbar, aber bezeichnend für Teile eines vermeintlichen seriösen Journalismus…
Bei der Gelegenheit darf man auch gerne an die braunen Wurzeln der Siegener Zeitung erinnern, die 1933 nicht arisiert werden musste, da sie sich ganz von selbst zum „Organ des nationalsozialistischen deutschen Staates und des unter Adolf Hitlers Führung erwachten Volkes“ erklärt hatte. Und es dann trotzdem geschafft hatte, wenige Jahre nach dem 2. Weltkrieg wieder erscheinen zu dürfen.
Am 31.07. wurde folgender „redaktioneller Hinweis“ untr den Artikel gestellt:
„Dieser Kommentar wurde nachträglich korrigiert. Eine Passage zum Staatsangehörigkeitsstatus des Tatverdächtigen war sachlich unzutreffend. Der Tatverdächtige wurde als deutscher Staatsbürger geboren und nicht eingebürgert.“
Der Passus zur „erschlichenen“ Staatsbürgerschaft fehlt, die Androhung des Entzugs der Staatsbürgrschaft steht weiterhin drin.
Alles was ich hierzu auf die Schnelle herausfinden konnte war, dass Abdul B. wohl nur die deutsche Staatsbürgerschaft hat. Ich finde es immer so superpeinlich, wenn sich solche Pappnasen hinstellen und etwas fordern, das man nicht mit internationalem Recht vereinbaren kann. Entzug der einzigen Staatsbürgerschaft zum Beispiel!
Das sind Grundfesten des Rechtsstaates, an denen man nur rütteln kann, wenn man ihn und die FDGO abschaffen will!
Gelöscht. Bitte bleiben Sie beim Thema des Artikels.
Die Redaktion
Der Kommentar, auf den sich dieser Beitrag bezog, wurde gelöscht.
Die Redaktion
(Schön, dass ihr bei den Kommentaren jetzt durchgreift, macht die Kommentarspalten wieder lesbarer. Danke!)