Regie bei einer Talkshow oder einer anderen Live-Sendung zu führen, erfordert maximale Konzentration, sagt WDR-Regisseur André Müller. Im Interview erzählt er, welche Informationen er der Moderation über den Knopf im Ohr mitteilt, warum es für gutes Fernsehen wichtig ist, die Reaktionen der Gäste vorauszuahnen – und wie man mit unerwarteten Momenten umgeht.
Was hinter den Kulissen einer Fernsehsendung passiert, bekommen die Zuschauerinnen und Zuschauer zu Hause meist nicht mit. Es sei denn, es gibt eine Panne. Damit alles reibungslos läuft, muss man sehr viel vorbereiten und vorausdenken, sagt André Müller im Gespräch mit Übermedien.
Müller ist Regisseur bei mehreren Live-Sendungen des WDR, unter anderem für die „Sportschau“ sowie die Polit-Talkshows „Hart aber fair“ und „Maischberger“. Letztere wird zwar nicht live gesendet, aber unter Live-Bedingungen aufgezeichnet.
Was sagt die Regie der Moderation über den Knopf im Ohr? Wie viel Spontaneität ist in einer Sendung möglich, die so genau vorgeplant ist? Und was tut man, wenn einmal etwas anders läuft als geplant? Darüber haben wir mit Müller gesprochen.
Der Gesprächspartner
André Müller ist ausgebildeter Mediengestalter und arbeitet seit 2003 beim WDR. Dort ist er seit 2018 als Regisseur angestellt und verantwortet seit drei Jahren als stellvertretender Regie-Chef die technische Umsetzung von Talkshows, Sportevents, Wahlen und anderen Live-Sendungen.
In meiner Vorstellung ist der Regieraum oft so ein dunkles, enges Kabuff mit ganz vielen Bildschirmen. Sieht der auch in echt so aus?
Das ist unterschiedlich. Bei der „Sportschau“ haben wir für die Fußball-WM gerade ein neues Set bekommen – der Regieraum ist bestimmt 200 Quadratmeter groß. Dort sitzen 20 Personen, die den gesamten Content produzieren. Der Ton-Regieraum ist davon akustisch getrennt, damit die Kollegen sich auf den Ton konzentrieren können. In der Bildregie geht es schon heiß her: Bei der WM werden Mitschnitte gemacht, Zeitlupen zugespielt, Grafiken eingesetzt. Die einen reden mit dem Moderations- und Expertenteam, die anderen bereiten schon die nächsten inhaltlichen Punkte vor. Also: da wird viel kommuniziert.
Wer sitzt mit im Regieraum von Talkshows?
Bei „Maischberger“ sind wir zu zehnt. Drei Kollegen aus der Redaktion überprüfen die Sendung inhaltlich. Der WDR ist hauptsächlich für die Technik zuständig, die Produktionsfirma von Sandra für den Inhalt: Sie suchen Gäste aus, legen mit der WDR-Redaktion das Thema fest und bereiten Fragen und Moderationshinweise vor. Dazu kommen doppelt so viele Leute für die Technik: ein bis zwei für den Ton, ein Bildmischer für die Kameraauswahl, jemand für Grafiken und Texteinblendungen – und die Kollegen, die Bilder und Farbeinstellungen kontrollieren.
Und Ihre Aufgabe ist es, den Überblick über alles zu behalten.
Genau. Die Redaktion gibt eine Idee vor, was die Sendung aussagen soll. Ich bekomme dazu Hinweise wie: Diese beiden Gäste haben konträre Meinungen und sollten im Fokus stehen. Oder: Bei diesem Punkt könnte sich diese Person reizen lassen. Unser Ziel ist es, das Gespräch so echt wie möglich zu zeigen. Das Studiopublikum sucht sich selbst aus, welchen Gast es anschaut. Zu Hause geht das nicht. Dafür können wir in der Regie näher ran und mehr Details zeigen, als man sie aus der vorletzten Reihe sehen würde. Wenn jemand nur mit einem Gesichtsausdruck auf das Gesagte reagiert, zeigen wir das, und der Zuschauer sieht: Die Person hat zwar nicht gesagt, dass das Unfug ist, aber sie hat es mit ihrem Gesicht gezeigt.
Sagt mehr als viele Worte: Blick von Katharina Dröge, der Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag, wenn Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger über Wirtschaftspolitik spricht. Screenshot: ARD Mediathek
Dafür müssen Sie wahnsinnig schnell schalten.
Das ist eine Gefühlsfrage. Wir ahnen immer voraus, wie ein Gast auf ein bestimmtes Thema reagieren könnte. Der Kameramann muss den richtigen Moment filmen und der Bildmischer den richtigen Moment schneiden. Damit das funktioniert, müssen wir dem Gespräch aufmerksam zuhören. Manchmal zoomen wir auch langsam ins Gesicht, um anzudeuten: Gleich passiert was. Auch wenn das etwas ist, was der Zuschauer auf der Couch nur unterbewusst bemerkt.
Sie sind als Regisseur also auch stark in die inhaltliche Vorbereitung der Talkshows involviert?
Ja, vor der Sendung bekommen wir immer ein Dossier. Darin stehen alle Fragen und Anmerkungen, die auch die Moderation bekommt. Zum Beispiel: Beim nächsten Thema kommt eine Schlagzeile, auf die Person XY vermutlich reagieren wird. Die Sendung ist natürlich auch so gebaut, dass die Gäste ein wenig aneinandergeraten.
Das wird auch oft kritisiert – dass Talkshows einem so inszenierten Aufbau folgen und kaum noch echte Gespräche sind.
Das mag sein. Aber dieser Aufbau ist auch wichtig. Die Moderation braucht alle Infos, die für den Gesprächsablauf relevant sind. Sandra ist sehr intelligent und weiß unfassbar viel – trotzdem hat sie nicht alles Wissen dieser Menschheit. Da hilft es, in der Vorbereitung zu wissen, in welche Richtung das Gespräch geht und wie sie als Moderatorin am besten darauf reagiert.
Wieso ist das so?
Es gibt keine dummen Fragen, nur schlecht recherchierte Antworten! Schreiben Sie uns, was Sie über Journalismus und Medien schon immer wissen wollten – wir finden Leute, die Ihnen das Ganze erklären (und uns gleich mit). Alle Interviews aus dieser Serie finden Sie hier.
Was müssen Sie vor einer Talkshow alles vorbereiten?
Bei regelmäßigen Sendungen wie bei „Maischberger“ prüfen wir vorab alle Grafiken und Fotos. Dann proben wir die Sendung technisch mit einem Licht-Double.
Vor jeder Sendung?
Ja, denn jede Sendung ist ein bisschen anders. Mal geht die Moderation einen anderen Weg zum Gast. Mal muss sie über einen eingespielten Beitrag sprechen, mal werden nur Bilder im Hintergrund gezeigt. Vor der Aufzeichnung gibt es dann noch eine Probe mit Sandra – damit sie weiß, wie die Beiträge geschnitten sind und wie sie Zitate am besten anmoderieren kann.
Wie anstrengend finden Sie Ihren Job?
Bei einer 75-minütigen Talkshow muss ich maximal konzentriert sein. Es ist allein schon anstrengend, sich nur auf das Gespräch zu fokussieren. Aber da kommt noch viel dazu: Wenn zum Beispiel die Aussage eines Gastes überprüft wird, sagen wir Sandra Bescheid, damit sie das kurz erwähnt. Oder wir merken, dass sie vom Skript abweicht und eine Frage stellt, die erst später in der Sendung geplant war. Wenn es dazu einen Beitrag gibt, müssen wir den schnell raussuchen, während die Sendung weiterläuft.
Die Regie folgt also immer der Moderation?
Ja, denn sie spürt, wohin das Gespräch geht und wo sie nachfragen sollte. Diese Flexibilität ist uns wichtig. Aber manchmal ist ein Gast für eine Schalte noch nicht da oder etwas funktioniert technisch nicht. Dann muss die Moderation etwas anderes vorziehen.
Mit der Moderation sind Sie über einen Knopf im Ohr verbunden. Was wird da gesprochen?
Wir wollen der Moderation nicht alle naselang aufs Ohr sprechen, weil sie sich natürlich auf die Diskussion konzentrieren muss. Louis Klamroth können wir aber zum Beispiel auch Hinweise geben, während er spricht. Die Kollegen aus der Redaktion geben inhaltliche Hinweise – zum Beispiel, wenn die Moderation noch mal nachhaken oder etwas klarstellen soll. Wir aus der Regie geben organisatorische oder technische Hinweise. Zum Beispiel, dass eine Schalte vorgezogen wird. Oder alles, was den Look betrifft: Wenn die Haare ins Gesicht fallen oder die Bluse falsch sitzt. Das sind zwar Kleinigkeiten, aber sie lenken die Zuschauer vom Gespräch ab.
Sogenannte Sprechstelle im Regieraum, über die die Regie mit der Moderation kommuniziert.Foto: WDR
Wird das Live-Publikum vor der Sendung von der Regie gebrieft, wie es sich verhalten soll?
Wenn wir die Leute in den Saal holen, kommt der Warmupper. Der Beruf kommt eigentlich aus der Unterhaltung – bei uns lässt er das Publikum einmal klatschen. Dann wissen die Leute: Ich darf Geräusche machen. In so einem Fernsehstudio fühlt man sich ja erst mal unwohl. Es ist eine unnatürliche Situation, wie unter Laborbedingungen. Wir sagen den Leuten aber ganz klar: Wenn euch etwas gefällt, dürft ihr klatschen. Das Publikum darf frei entscheiden, was es tut.
Angenommen, Frau Maischberger ist gerade als Close-up im Bild und direkt hinter ihr popelt im Publikum jemand in der Nase. Was machen Sie dann?
Wir können das Bild anpassen. Grundsätzlich gehört alles, was man bei „Maischberger“ sieht, zum Produkt: Sandras Outfits, der Hintergrund, die Farben. Das ist alles designt und davon weichen wir nur im Notfall ab. Aber wir können den Bildausschnitt ändern und diese eine Person aus dem Bild heraushalten. Vor der Sendung schauen wir ohnehin, wer im Hintergrund sitzt. Nicht, weil wir wollen, dass da nur Junge oder Frauen sitzen. Sondern damit die Zuschauer nicht abgelenkt werden. Leute mit auffälligen Aufdrucken oder Symbolen von Parteien und Organisationen setzen wir um. Wer seine Käppi nicht ablegen möchte, sitzt in einer hinteren Reihe. Das hat nichts damit zu tun, ob wir die Aussage für falsch halten. Wir wollen einfach ein neutrales Bild zeigen.
Werden die Talkshow-Gäste gebrieft? Bei „Maischberger“ sitzen vor allem Profis, die ständig im Fernsehen reden – bei „Hart aber fair“ gibt es aber auch immer wieder Betroffene und ganz normale Bürger, die das nicht so gewohnt sind.
Vor der Sendung bekommen alle Gäste eine Studioeinweisung und erfahren, wo sie sitzen, wohin sie schauen, wo sie die Einspieler sehen. Als Regisseur habe ich immer einen Assistenten am Set, der direkten Kontakt zu Moderation und Gästen hat. Niemand soll sich unwohl fühlen, besonders Betroffene ohne Medienerfahrung. Die sollen nicht das Gefühl haben, da ganz allein Profis gegenüberzusitzen. Der Regieassistent ist ihr Verbündeter am Set und gibt auch mal einen Hinweis, wenn jemand unsicher wirkt. Er füllt auch Wasser nach oder pudert die Gäste zwischendurch mal ab.
Sehen die Gäste oder das Publikum eigentlich, wenn sie im Fernsehen zu sehen sind?
Wichtig ist, dass die Moderation die Sendung im Augenwinkel verfolgen kann. Damit sie weiß, was eingeblendet ist und wie Gäste im Close-up reagiert haben – auch, um darauf Bezug zu nehmen. Die Gäste sollen den Monitor aber möglichst nicht sehen. Denn gerade Profis reagieren sonst absichtlich, wenn sie merken, dass sie im Bild sind.
Bei Live-Sendungen kann immer etwas passieren, worauf Sie keinen Einfluss haben. Hatten Sie schon mal eine Situation, die richtig schwierig für Sie war?
Blöd ist es immer, wenn wir einen Themenwechsel verpassen und dann den falschen Einspieler zeigen. Aber es gab auch mal eine lustige Situation bei „Hart aber fair“, noch mit Frank Plasberg als Moderator: Reinhold Messner war als Gast per Video zugeschaltet und die Leitung hatte zunächst eine kurze Verzögerung ins Studio. Messner saß die ganze Zeit relativ still da – deswegen haben wir erst gar nicht mitbekommen, dass wir irgendwann nur noch ein Standbild von ihm gesehen haben, weil die Leitung im Laufe der Sendung dann ganz versagt hatte. Messner wurde mehrmals angesprochen, bis wir das gemerkt haben. Damit er dann nicht so eingefroren in der Runde saß, haben wir den Monitor mitten in der Live-Sendung abgebaut – und Frank Plasberg hat weitergeredet.
Die Autorin
Johanna Bernklau ist Redakteurin bei Übermedien. Sie hat Journalismus in Eichstätt und Leipzig studiert, bei der Mediengruppe Bayern volontiert und war Autorin für die Medienkolumne „Das Altpapier“ beim MDR. Bei Übermedien betreut sie unter anderem die Serie „Wieso ist das so?“ und den wöchentlichen Podcast „Holger ruft an“. Wenn Sie ein Thema haben, dem wir nachgehen sollten, schreiben Sie Johanna Bernklau doch eine Mail.
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