Unter „bezahlbarem Wohnraum“ stellen sich alle etwas anderes vor: von günstigen Mieten bis zum erschwinglichen Einfamilienhäuschen. Journalist:innen sollten den schwammigen Begriff kritisch hinterfragen und überlegen, was er konkret bedeutet. Oder ihn am besten gleich lassen. Sonst plappern sie schlimmstenfalls Immobilien-PR nach.
Fliegen wir gemeinsam über eine x-beliebige deutsche Stadt: Im Zentrum finden sich dicht gedrängte Mietwohnungen, am Stadtrand reihen sich freistehende Einfamilienhäuser aneinander. Im Norden vermietet eine Genossenschaft mehrere Wohnungen, im armen Süden ragen Hochhäuser aus dem Boden. Weil immer mehr Menschen in der Stadt leben wollen, ziehen Bagger und Kräne auf frischem Bauland gerade emsig Neubauten hoch.
In jeder Stadt tummeln sich verschiedene Wohnformen, viele Medien nutzen dafür aber oft nur den unkonkreten Begriff Wohnraum. Warum beschreiben sie nicht einfach das, worum es geht? Miethäuser, Eigentumswohnungen, Villen, Penthouse-Lofts, Klitschen …? „Wohnraum“ klingt so kalt und steril, nicht unbedingt wie ein Ort, an dem man sich gerne aufs Sofa fläzt.
Warum schwammig, wenn es auch konkret geht?
Oft ist es noch schlimmer: wenn mal wieder vom „bezahlbaren Wohnraum“ die Rede ist. Das ist mein persönliches Hasswort. Der Begriff riecht nach einem Proseminar für Humangeographie. Er ist unelegant, sperrig und völlig überflüssig. Wenn Journalist:innen über bezahlbaren Wohnraum schreiben, dann waren sie in den allermeisten Fällen zu faul, das treffenden Wort zu suchen.
Der Autor
Sebastian Fobbe ist freier JournalistPerson, die Informationen recherchiert, prüft und anschließend der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt,… und arbeitete vier Jahre als Redakteur für das digitale Lokalmedium „Rums“ in Münster. Am meisten schrieb er über Mieten, Wohnen und Bauen. Für eine Recherche über einen Großvermieter in einem Hochhausviertel war er Fellow bei Netzwerk Recherche. Zurzeit ist er Schüler an der Reportageschule Reutlingen.
Jedes Mal, wenn ich „bezahlbarer Wohnraum“ lese, frage ich mich: Warum übersetzen Journalist:innen diese furchtbare Floskel nicht einfach in Alltagsdeutsch? Ist das so schwer?
Hier ein paar Beispiele:
Das „NDR-Nordmagazin“ berichtet aus Usedom: „Bezahlbarer Wohnraum wird knapp“ – und meint damit eigentlich überteuerte Mieten. Die „Ruhr Nachrichten“ titeln: „Bezahlbarer Wohnraum in Lünen: Warum der Bestand seit 2024 schrumpft“. Konkret geht es im Text darum, dass Sozialwohnungen nach einem bestimmten Zeitraum keine mehr sind. Und im „Münchner Merkur“ ist vom „Kampf um bezahlbaren Wohnraum im alten Strafjustizzentrum“ die Rede. Gemeint ist damit eigentlich: Der Freistaat Bayern wollte dort selber bauen und zieht sich jetzt aus der Verantwortung.
Bezahlbar heißt nicht günstig
Offensichtlich geht es bei bezahlbarem Wohnraum jedes Mal um grundlegend verschiedene Dinge. Die FAZ fragte im Oktober 2025 richtigerweise: „Was ist bezahlbarer Wohnraum?“ Der Gastbeitrag des Immobilienökonoms Günter Vornholz drehte sich vor allem um die Frage, wer eigentlich das Preisschild an den Wohnraum tackert.
Die Antwort ist ernüchternd. Denn es gibt wissenschaftlich betrachtet keinen genauen Maßstab. Das entscheidende Wörtchen bezahlbar bedeutet, wie Vornholz schreibt, nur, dass ein „Haushalt zahlungskräftig genug ist, um die mit dem Wohnen verbundenen Kosten aufzubringen.“ Mehr auch nicht.
Trotzdem verwenden Journalist:innen diesen Begriff ständig wertend. Bezahlbarer Wohnraum – das klingt wie die ultimative Lösung für den Wohnwahnsinn in diesem Land. Wahrscheinlich haben viele Journalist:innen die Drittelregel im Hinterkopf, wenn sie über bezahlbaren Wohnraum schreiben. Die besagt: Man sollte bestenfalls nur ein Drittel seines Einkommens für die Miete ausgeben. Das stimmt – aber das sagt das Schlagwort bezahlbarer Wohnraum gar nicht aus.
Was Immobilienriesen eigentlich meinen
Hellhörig sollten Journalist:innen allein schon werden, weil auch Wohnungskonzerne den Ausdruck lieben. Unternehmen wie die Vonovia und die LEG, die sich vor allem der Rendite ihrer Aktionär:innen verpflichtet fühlen, schreiben bezahlbaren Wohnraum dreist in ihre Geschäftsberichte und Pressemitteilungen (zum Beispiel hier und hier).
Die Journalistin Lara Schulschenk erklärt in ihrem Buch „No Sweet Home“ diese seltsame Vorliebe: Bezahlbarer Wohnraum sage den Aktionär:innen: „Sieh her, unser Geschäftsmodell ist sicher!“
Gemeint sind keine günstigen Wohnungen, die sich unsereins unter bezahlbarem Wohnraum vorstellen. Es geht darum, dass irgendwer schon bereit ist, die Miete zu zahlen – egal, ob die Wohnkosten 30, 40, 50 Prozent oder mehr des Einkommens verschlingen. „Das ist für Konzerne die entscheidende Definition von ‚bezahlbar‘“, schreibt Lara Schulschenk.
Die PR-Falle
Richtig peinlich wird es, wenn diese Immo-PR-Floskel in journalistische Texte rutscht. Das ist auch dem „Kreisboten“ passiert. Das Onlineportal berichtete über 60 neue Wohnungen, die die Vonovia binnen weniger Monate in Kaufbeuren gebaut hat. Die Stadt im Allgäu platzt schließlich fast aus allen Nähten, „und das bedeutet neue und größere Herausforderungen, speziell bei bezahlbarem Wohnraum“.
Hasswort
Es gibt präzise und poetische, wichtige und wunderbare Wörter. In dieser Rubrik geht es um die anderen: Begriffe, die überflüssig, irreführend oder einfach nur nervig sind – und trotzdem ständig in Medien auftauchen. Auf welche Wörter unsere Gastautor:innen schon geschimpft haben, können Sie hier nachlesen.
„Umso erfreulicher, wenn hier entschlossen und vor allem zügig gehandelt wird“, frohlockte der „Kreisbote“. Das Ergebnis: „Bezahlbarer Wohnraum sofort verfügbar“, so steht es zumindest in der Bildunterschrift des Artikels.
Das Ganze wäre eine Hammer-Meldung – wenn sie stimmen würde. Denn tatsächlich kostet eine Zwei-Zimmer-Vonovia-Wohnung mit knapp 48 Quadratmeter in Kaufbeuren fast 900 Euro warm. Macht rund 19 Euro pro Quadratmeter. Nach der Drittelregel müsste man also rund 2.700 Euro netto verdienen, um dort einzuziehen. Und da sind die typischen Vonovia-Kostentreiber wie moderne Rauchmelder oder anderer Firlefanz noch gar nicht eingerechnet.
Auch das „Hamburger Abendblatt“ ließ sich vergangenes Jahr von einem Investor PR aufschwatzen. Im Lokalteil schrieb die Zeitung über ein Neubauprojekt: „Bezahlbarer Wohnraum auch für Menschen mit kleinem Einkommen wird allerorts händeringend gesucht. In Pinneberg könnte im kommenden Jahr zumindest ein Teil dieser Wohnungssuchenden etwas finden.“
Inzwischen ist das Mehrparteienhaus fertig und die Mieten öffentlich einsehbar. Auch hier liegt der Quadratmeterpreis bei etwa 19 Euro warm. Irgendjemand wird das bestimmt zahlen. Menschen mit kleinem Einkommen werden es aber eher nicht sein.
Bitte nachfragen!
Deshalb eine Bitte, liebe Kolleg:innen: Fragt doch einfach mal nach, wenn jemand von „bezahlbarem Wohnraum“ spricht. Die Immobilienwirtschaft liebt diesen Begriff, Politiker:innen aller Couleur genauso. Diese dauerpräsente Begeisterung für das Schlagwort sollte jede:n skeptisch machen. Worum geht’s genau? Um günstige Mieten oder Kaufpreise? Geförderte Sozialwohnungen? Billige Bauplätze?
Bezahlbarer Wohnraum kann alles und nichts sein. Genauso wichtig wie kritisch nachzufragen, wäre deshalb: Gewöhnt euch einfach diesen Quatschbegriff ab.
Ein Kommentar
Danke für diesen Text. Bei der Erwähnung des Wortes bezahlbarer Wohnraum hatte ich regelmäßig das Bedürfnis zu schreien „für wen bezahlbar“. Denn ich denke das Wort impliziert dass sich selbst Geringverdiener es leisten können.
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Danke für diesen Text. Bei der Erwähnung des Wortes bezahlbarer Wohnraum hatte ich regelmäßig das Bedürfnis zu schreien „für wen bezahlbar“. Denn ich denke das Wort impliziert dass sich selbst Geringverdiener es leisten können.