Notizblog (55)

Der Unwahrsager der „Weltwoche“

Ein Autor der Schweizer Wochenzeitung behauptete vor der Parlamentswahl in Ungarn, er sei der einzige, der den Gewinner richtig vorhersage. Er setzte voll und ganz auf, genau: Viktor Orbán, den Verlierer. Glückwunsch!

Es ist nicht ganz klar, warum Journalisten sich immer wieder zutrauen, die Zukunft vorherzusagen, wenn sie regelmäßig schon an der Aufgabe scheitern, über Vergangenheit und Gegenwart zu berichten. Andererseits winkt natürlich, wie bei einer riskanten Wette, ein besonders hoher Lohn, wenn sich herausstellt, dass man mit einer extremen Außenseiter-Prognose recht hatte.

Die „Weltwoche“ hat jedenfalls alles auf einen Sieg des von ihr ohnehin verehrten Viktor Orbán bei den Parlamentswahlen in Ungarn gesetzt. Ihr Autor Kurt W. Zimmermann war sich seiner Sache absolut, vollständig, hundertprozentig sicher. Und die Tatsache, dass er damit ziemlich alleine stand, sprach aus der Logik der rechten Schweizer Wochenzeitung, die sich gerne als Meister im Gegen-den-Strom-Schwimmen inszeniert, nur dafür, dass er recht hatte.

Dokument grotesker Selbstüberschätzung

Die Titelseite der Ausgabe von der vorvergangenen Woche setzte den Ton:

4 Kommentare

  1. Solange sich diese Artikel verkaufen, so lange wird die rechtsnationale Presse über „Reichweite“ glucksen, statt sich für den Ausverkauf der eigenen Moral zu schämen. Der Hybris des „Ich schlau, alle anderen doof“ in der Prognose ist ja auch eher Stilmittel, als echtes Selbstbewusstsein.
    „All die Journalisten (…) haben (…) keine Ahnung vom ungarischen Wahlsystem.“ ist wie immer bei der konservativ-esoterischen Presse eine Projektion des eigenen Anspruchs. Er hat keine Ahnung, also unterstellt er allen anderen, keine Ahnung zu haben. Relevanzsimulation nach dem „Außenseiter“-Prinzip.

  2. Zum kompletten Versagen von Kurt W. Zimmermann, die ungarische Wahl richtig vorauszusagen kann ich nur sagen, „UHHPPPSSS“
    Na-ja, kann ja mal dem „Besten“ passieren.
    Immer wieder schön, wenn solche Rechts(außen) Typen so daneben liegen.

    Aber, es ist nicht das erste Mal, dass Journalisten so grotesk daneben liegen.

    Ich erinnere an das Versagen des Chicago Tribune im Jahr 1948, als es um die damalige Wahl zum US-Präsidenten ging.
    „DEWEY DEFEATS TRUMAN“ war die ganz große Schlagzeile, natürlich auch im damaligen Original komplett in Großbuchstaben.
    Und der glückliche Wahlsieger Harry Truman hält diese Zeitung mit einem breiten Lachen im Gesicht triumphierend in die Kameras da er es war, der tatsächlich gewonnen hatte.

    Erwähnungen „ehrenhalber“ (Quelle DER SPIEGEL aus dem Jahr 2007, Artikel „Sag niemals nie“):

    Irrtum 2: „Im Juni wird er verschwunden sein.“
    Die US-Zeitschrift „Variety“ im Frühjahr 1955 über den Rock ’n‘ Roll.

    Irrtum 4: „Die Börse hat augenscheinlich ein permanentes, hohes Plateau erreicht.“
    Ökonomie-Professor Irving Fisher von der amerikanischen Yale University im Jahr 1929.
    (Ergänzung von mir. Was kurz darauf kam, kennt jeder, der in Geschichte fit ist.)

    Irrtum 5: „Es wird Jahre dauern – und nicht in meiner Zeit stattfinden – bevor eine Frau Premierministerin wird.“
    Margaret Thatcher, britische Premierministerin von 1979 bis 1990, im Jahr 1974.

    Irrtum 9: „Vernünftige und verantwortungsbewusste Frauen wollen gar nicht wählen.“
    Der ehemalige US-Präsident Grover Cleveland (1885-89 und 1893-1897) im Jahr 1905.

    Irrtum 11: „Flugzeuge sind interessantes Spielzeug, aber ohne militärischen Wert.“
    Der französische Marschall Ferdinand Foch von der École Supérieure de Guerre im Jahr 1904.

    Irrtum 12: „Es gibt keinen Grund, warum irgendjemand einen Computer bei sich zu Hause haben wollen würde.“
    Ken Olson, Gründer und Chef des Großcomputer-Herstellers Digital Equipment Corporation (DEC) im Jahr 1977 über die Chancen des PC.

    Irrtum 14: „Die Amerikaner haben Bedarf für das Telefon, wir haben es nicht. Wir haben reichlich Laufburschen.“
    Sir William Preece, Chefingenieur der Britischen Post, im Jahr 1876.

    Irrtum 17: „Die Vorstellung, dass die Kavallerie von diesen Eisenkutschen ersetzt wird, ist absurd. Das ist fast schon Verrat.“
    Ein persönlicher Adjutant des britischen Feldmarschalls Douglas Haig bei einer Panzervorführung während des Ersten Weltkriegs.

    Irrtum 19: „Eine kurzlebige satirische Schundzeitschrift.“
    Das US-Magazin „Time“ im Jahr 1956 über die neue Satire-Zeitschrift „Mad“.

  3. Die „Weltwoche“ würde ich nicht als Wochenzeitung oder gar als Schweizer Wochenzeitung bezeichnen. Zum einen, weil es ein Magazin ist, und zweitens, weil es eine Schweizer „Wochenzeitung“ tatsächlich gibt, und zwar politisch auf der anderen, linken Seite: https://www.woz.ch. Ich habe die WW lange nicht in der Hand gehabt, kann es deshalb nicht mehr beurteilen, aber Zimmermann schreibt seit gefühlt 3 Jahrzehnten für die WW als Medienjournalist, seine Artikel fand ich vor Jahren, auch unter Köppel als Chef, stets lesenswert aufgrund seiner Insides, Gedankengänge und seines Stils.

  4. @Michael Stängl:
    Wenn schon whataboutism, dann aber richtig.

    https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/wahl-in-ungarn-2026-viele-auslandsungarn-halten-noch-immer-zu-orban-accg-200683030.html

    Es wäre aber auch möglich, dass die Weltwoche einen Beitrag dazu leisten wollte, dass die Orban treuen ungariwchen Wähler, die aus dem Ausland an der Wahl teilnahmen, nicht demobilisiert wurden.

    Wir leben in absurden Zeiten. Da sinkt die Hemmschwelle, sich komplett zum Horst zu machen, um noch ein paar Pünktchen abzuholen.

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