Notizblog (52)

Wer hat Angst vorm kritischen Bürger?

Das ARD-„Mittagsmagazin“ schickt Spitzenpolitiker vor der baden-württembergischen Landtagswahl zum Bürgerbesuch. Statt menschelnder Wohlfühlatmosphäre bietet das Format bemerkenswerte Begegnungen – und lässt die Kandidaten oft nicht gut aussehen.

„Wollen Sie vielleicht mal kurz den Kindern den Treibhauseffekt erklären?“, fragte die Lehrerin einer siebten Klasse den CDU-Spitzenkandidaten zur Landtagswahl in Baden-Württemberg, und der Gesichtsausdruck von Manuel Hagel beantwortete die Frage unmittelbar mit Nein: 

„Wollen Sie vielleicht mal kurz den Kindern den Treibhauseffekt erklären?“: CDU-Politiker Manuel Hagel scheint nicht begeistert zu sein. Screenshot: ARD

Von Wollen konnte sichtlich keine Rede sein, aber Hagel versuchte es dann natürlich doch – um sich mit einer plausibel klingenden, aber völlig falschen Erzählung über eine Ausdünnung der Atmosphäre zu blamieren. Der Ausschnitt aus dem ARD-„Mittagsmagazin“ macht seitdem die Runde und sorgt für Häme, Empörung und billige Witze. Ob er Hagels Chancen, Ministerpräsident zu werden, weiter reduziert? Wer weiß es. 

„Praktikum beim Volk“

Der Fernsehbeitrag ist Teil einer Reihe, mit der das „Mima“ die letzte Woche vor der Wahl füllte. Jeden Tag wurde einer der Spitzenkandidaten in eine Situation gebracht, in der er auf Menschen in ihrem Lebensumfeld traf, die seiner Politik kritisch gegenüberstanden. 

In der Anmoderation wurden diese Leute – im Kontrast zu den Politikerinnen und Politikern – als „ganz normale“ Bürgerinnen und Bürger bezeichnet. Zu den Begegnungen gehörte es auch, in irgendeiner Weise mitzuarbeiten oder mitzuhelfen. „Quasi eine Art Praktikum beim Volk, das sie vertreten“, wie der Moderator sagte.

Das klingt ein bisschen Furcht einflößend, nach einer dieser albernen Ideen, auf die Fernsehleute kommen, wenn sie angestrengt versuchen, aus einem Wahlkampf irgendwelche leichten, menschelnd-kuscheligen Unterhaltungsformate zu machen. 

Gelungenes Kontrahenten-Casting

Doch diese Reihe produzierte kleine, aufschlussreiche Begegnungen. Zum einen ging es tatsächlich immer wieder um grundsätzliche politische Entscheidungen. Zum anderen bekam man ein Gespür dafür, wie gut die einzelnen Spitzenpolitiker darin sind, mit der unangenehmen Situation umzugehen, dass ihnen Bürgerinnen und Bürger vor laufender Kamera zu einem Thema widersprechen, mit dem diese sich auskennen. Viel mehr kann man von Sechs-Minuten-Beiträgen nicht verlangen.

Das lag nicht zuletzt an einem gelungenen Casting der jeweiligen Kontrahenten. Manuel Hagel bekam es mit der Lehrerin einer Gemeinschaftsschule zu tun, die genau die richtige Menge trockener Widerborstigkeit hatte, um den Small Talk unangenehm, aber nicht unerträglich zu machen. Auf die Frage des CDU-Mannes: „Machen Sie das alles digital?“ antwortete sie trocken: „Ja, wenn’s Internet funktioniert.“ Als Hagel die Frage eines Schülers, ob er die Gemeinschaftsschule abschaffen wolle, verneinte, setzte sie schnell nach, ob er sie denn ausbauen wolle: Das wiederum auch nicht. Irgendwann war er offenbar so genervt von ihren unangenehmen Fragen, dass er sie barsch anfuhr: „Ich spreche gerade mit einem Schüler!“ 

So gefährlich es ist, einzelne Situationen überzuinterpretieren (man denke an Armin Laschets verheerenden Lacher nach der Flutkatastrophe im Ahrtal) – man bekommt dabei schon ein paar erhellende Einblicke in die Persönlichkeit eines Menschen. Und der Besuch Hagels in der Schule fand laut Sender statt, bevor die alte „Rehaugen“-Szene mit ihm zum Wahlkampf-Thema wurde. Daran kann die gewisse Gereiztheit also nicht gelegen haben.

Auch Özdemir wird pampig

Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir traf in seiner Folge auf eine junge Pfadfinderin, die mit ihrer Enttäuschung über die Klimabilanz der seit 15 Jahren grün geführten Landesregierungen nicht hinter dem Berg hielt. Özdemir schien es schwerzufallen, sie ausreden zu lassen, während er sie andererseits pampig fragte, ob er jetzt mal ausreden könnte. Als er ihren Vorhaltungen über nicht erreichte Ziele widersprach, entschied die Sprecherin nachträglich in ihrem Off-Kommentar, wer recht hatte. (Die Klima-Aktivistin.)

Als praktische Aufgabe sollte Özdemir mit einer Pfadfindergruppe Feuer machen und hatte die clevere Idee, hinterher in die Kamera zu sagen: „Ich finde, der nächste Ministerpräsident von Baden-Württemberg muss mit den Pfadfindern ein Feuer angemacht haben.“ Doch wie alle Beiträge aus der Reihe endete auch dieser nur sehr bedingt versöhnlich: Schön, dass man mal geredet hat, mit etwas Glück haben die Politiker auch etwas „mitgenommen“ – aber Einigkeit gab es so gut wie nie. 

Die Ähnlichkeit dieses Fazits in allen Folgen entspringt vielleicht der Konstellation mit Wählern, die bei einem konkreten Thema mit der jeweiligen Politik ihres Gegenübers Probleme haben. Vielleicht war der Gleichklang zusätzlich auch von dem Versuch geprägt, Kommentierung und Dramaturgie bei allen Kandidaten ähnlich zu halten, um sich keine Einseitigkeit vorwerfen zu lassen.

Metzger findet Frohnmaiers Ideen albern

So traf SPD-Mann Andreas Stoch auf einen Unternehmer, der mit den SPD-Plänen zur Erbschaftssteuer hadert, und auf Arbeiter in dessen Firma, die die Partei nicht mehr als ihre Interessenvertreterin wahrnehmen. Am Ende hieß es wenig euphorisch: „Ein Spitzenkandidat, der zuhört, und ein Unternehmer, der noch immer Antworten sucht.“ In kürzeren Filmen kamen auch ein Mann von der FDP und eine Frau von der Linken vor. Er traf auf eine Mieterin, die an den hohen Mieten verzweifelt, sie auf einen Vermieter, der zunehmende Hindernisse und Enteignungsfantasien beklagt.

Und dann war da noch AfD-Spitzenkandidat Markus Frohnmaier. Der schlurfte mit hängenden Armen und sichtbar wenig Lust in eine Metzgerei, deren Besitzer fast ausschließlich Arbeiter beschäftigt, die aus dem Ausland stammen. Und die sich Sorgen machen, was die Abschiebefantasien der AfD („bis die Startbahn glüht“) für sie bedeuten.

Nicht zufrieden: AfD-Kandidat Markus Frohmaier beschwerte sich später über seinen Film. Screenshot: ARD

Der Metzger fragte den Studienabbrecher Frohnmaier mit als freundlichem Interesse getarnter Bosheit, was er eigentlich gelernt habe. Als der Unternehmer erzählte, wie wenig belastbar deutsche Nachwuchsmitarbeiter seien, glaubte Frohnmaier, einen Punkt landen zu können. Er wies darauf hin, dass seine Partei den jungen Leuten wieder „Respekt“ vermitteln wolle. Doch als er hinzufügte, dass man deshalb auch die Landesflagge an allen Schulen hissen wollte, fand der Metzger das nur albern. Zwischendurch und nebenbei rollte der AfD-Mann, wie es das Format vorsah, trotzdem noch ein paar Rouladen.

Pointierte und entlarvende Miniaturen

Am selben Abend bei einem Wahlkampfauftritt beschwerte sich Frohnmaier bitterlich über den Fleisch-Dreh (den er fälschlicherweise dem ZDF unterschob). Er wertete es als weiteren Versuch „der Altparteien und der Medien, um die AfD in irgendeiner Form auszubremsen“. Er unterstellte dem „Mima“-Format, das Setting sei extra dafür konzipiert worden, um die AfD schlecht aussehen zu lassen. Außerdem müsse man doch die Kandidaten von CDU und Grünen mal fragen, warum man ihnen glauben soll, dass sie nach vielen Regierungsjahren jetzt plötzlich alles besser machten. 

Also ungefähr so, könnte man hinzufügen, wie es die Bürgerinnen in den „Mima“-Filmen mit Manuel Hagel und Cem Özdemir gemacht haben. 

Natürlich muss so ein Sechs-Minuten-Beitrag verkürzen und zuspitzen, und als Zuschauer kann man nicht beurteilen, welche Momente dem Schnitt zum Opfer gefallen sind. Aber den beiden Autorinnen Laura Cloppenburg und Jenni Rieger sind innerhalb der begrenzten Möglichkeiten eines solchen Daytime-Formats bemerkenswerte, pointierte Miniaturen gelungen, die weniger eine Bühne für die Kandidaten waren als für die Sorgen der Wähler.

Und vielleicht hat sich Manuel Hagel jetzt sogar mal draufgeschafft, was es mit diesem ominösen Treibhauseffekt auf sich hat, von dem man neuerdings häufiger in den Nachrichten hört.

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