Mehr über Nius
Das Berliner Online-Medium „Nius“ hetzt gegen Ausländer. Nicht subtil, sondern ganz direkt. In einem knapp zehnminütigen Videobeitrag berichtet ein Polizist von seinen Erfahrungen mit Abschiebungen. „Was bei Abschiebeflügen wirklich passiert – Insiderbericht eines Bundespolizisten“, so der Titel.
Das Problem: Der Polizist erzählt nicht nur, was bei Abschiebeflügen angeblich wirklich passiert. Er gibt auch zum Besten, was er generell so hält von Menschen, die abgeschoben werden.
Er habe selten brutalere und gewaltbereitere Menschen erlebt als Somalier, sagt der Polizist zum Beispiel. Angesprochen auf „Ausländerkriminalität“ behauptet er, „vielen“ fehle das Unrechtsbewusstsein komplett: „Diese Menschen sind bereit für geringste Sachwerte andere Leute umzubringen, weil sie es einfach nicht anders kennengelernt haben.“

Auf die Frage, welche Nationalitäten „für die meisten Probleme sorgen“, nennt der Polizist neben Somaliern auch Afghanen, Syrer, Kongolesen, Nigerianer, Marokkaner, Algerier und Iraker. Nur Ghanaer seien „eigentlich noch recht umgänglich“.
Noch offensichtlicher kann Rassismus nicht daherkommen. Verbreitet ohne größeren Produktionsaufwand: ein Protagonist und ein Journalist, gefilmt auf der nebligen Panoramaplattform des Münchner Flughafens, ein bedrohlicher Klangteppich – fertig ist der Beitrag.
Bei „Nius“ passt diese Hetze ins Programm. Die Redaktion unter Führung des ehemaligen „Bild“-Chefredakteurs Julian Reichelt diffamiert systematisch die immer gleichen Gruppen als angebliche Gefahr für die Gesellschaft: queere Menschen, alle irgendwie „Linken“, Nichtregierungsorganisationen, auch liberale Teile der CDU und die Bundesregierung samt Kanzler Friedrich Merz. Vor allem aber: Migranten.
Chefredakteur Reichelt hat im Januar auf X eine Reihe politischer Forderungen benannt, auf die seine Redaktion hinarbeitet. Unter anderem: „Abschieben wie Donald Trump.“
Seine Inhalte verbreitet „Nius“ in Online-Artikeln, einem täglich gestreamten Fernsehprogramm und einem Radiosender. Die Hetze erreicht inzwischen auch Menschen, denen „Nius“ bisher kein Begriff war: Neuerdings bespielt das Medienhaus Digitalradiofrequenzen in NRW, Hessen, Berlin, Brandenburg, Hamburg, Niedersachsen, Saarland und Thüringen. Das selbsternannte „Meinungsradio“ taucht in Teilen Deutschlands also schon im Suchdurchlauf von Autoradios auf.
Das Perfide daran ist, dass die „Nius“-Inhalte wie normaler Journalismus daherkommen. Dass die Redaktion in Wahrheit Propaganda betreibt, ist erst bei genauerem Hinsehen zu erkennen. Das Video-Interview mit dem Abschiebepolizisten ist dafür ein gutes Beispiel.
Offensichtlich verstößt der Beitrag gegen einen journalistischen Grundsatz: das Diskriminierungsverbot. Dem Pressekodex zufolge dürfen Berichte keine Vorurteile gegen Gruppen schüren. Das gilt auch dann, wenn Journalisten eine diskriminierende Aussage „nur“ zitieren: Redaktionen haften für das, was sie verbreiten. Nicht zuletzt bezieht sich das auf die deutschen Erfahrungen im Dritten Reich. Medien bereiteten den Gräueln der Nazis den Boden, indem sie Menschen gegen Minderheiten aufstachelten.
Die Hetze gegen Somalier und andere Migranten ist aber nicht das einzige Problem des Interviews. An dem Beitrag lässt sich auch zeigen, wie „Nius“ für seine eigene Agenda Tatsachen verzerrt, verkürzt, beschneidet.
Wie echter Journalismus wirkt das Interview, weil es natürlich legitim und relevant ist, einen Polizisten zu interviewen, der Migranten abschiebt. Auch ZDF, „Zeit“ und „Welt“ haben das schon getan. Dass der Befragte dabei anonym auftritt, mit verpixeltem Gesicht und verfremdeter Stimme, ist nachvollziehbar und nicht ungewöhnlich – auch das handhaben seriöse Medien ähnlich.
Die Schilderungen im Interview sind drastisch, aber nicht unglaubwürdig. Dass Menschen bei Abschiebungen die Polizei attackieren, wird regelmäßig vermeldet, erst diese Woche aus Karlsruhe. Der Befragte erzählt von einem Abschiebepflichtigen, der sich mit Kot beschmiert, um seine Abschiebung zu verhindern. Von Rasierklingen, die in Körperöffnungen versteckt werden, um sich selbst oder andere damit zu verletzen. Von Angriffen auf Polizisten. Über Ähnliches berichten auch andere Medien – wenn auch nicht ganz so extrem wie die angeblichen „Fragmente von Rasierklingen“ in Harnröhren, die bei „Nius“ erwähnt werden.
Gestützt wird die Schilderung wenig überraschend auch von der unionsnahen Deutschen Polizeigewerkschaft (DpoIG), die Ausländer ebenfalls gerne als Sicherheitsproblem darstellt und deren Chefs „Nius“ auch direkt Interviews geben. Auf Übermedien-Anfrage teilt der Vorsitzende Heiko Teggatz mit, der Beitrag zeichne „ein realistisches Bild“.
Die Pressestelle der Bundespolizei schreibt hingegen auf die Frage, ob Einkoten oder versteckte Rasierklingen „typische“ Praktiken seien, um sich gegen Abschiebungen zu wehren, solche Fälle seien „von Beamtinnen und Beamten der Bundespolizei in einzelnen Sachverhalten festgestellt“ worden, statistische Daten gebe es dazu aber nicht. Das Video sei ihr bekannt, man kommentiere mediale Berichterstattung aber grundsätzlich nicht öffentlich, vor allem bei einem bisher nicht verifizierten Interviewgeber.
Die „Nius“-Berichterstattung beruht also auf einem wahren Kern, wie oft bei Propaganda und Desinformation. Das Problem ist, dass „Nius“ die Ansichten und Erfahrungen eines einzelnen Polizisten als alleinige und allumfassende Wahrheit darstellt.
Das ist unlauter, weil es ja gerade Aufgabe von Journalisten ist, sich nicht auf eine einzige Quelle zu verlassen. Und zusätzlich absurd, weil ein Polizist, der Migranten vor allem in einem sehr speziellen Kontext begegnet, ganz sicher kein glaubwürdiger Experte ist, um irgendwelche Aussagen über ganze Nationen treffen zu können – schon gar nicht, wenn diese Ansichten offen rassistisch sind.
Bei Migranten aus den Hauptherkunftsländern sei es beinahe unmöglich, sie in „unser westliches Wertesystem“ zu integrieren, behauptet er. Als ließen sich aus seinen individuellen Erfahrungen solche weitreichenden Schlüsse ziehen.
Kritische Gegenfragen stellt der Journalist keine. Auch Belege für die Beschreibungen von Abschiebungen liefert der Beitrag nicht. Er nennt keine Zahlen, Statistiken oder Expertise. Bei den geschilderten Anekdoten fehlen Orte und Zeitangaben; es ist zum Teil nicht einmal klar, ob der Polizist sie selbst erlebt oder nur davon gehört hat. Dabei steht in einer Leitlinie zum Pressekodex ausdrücklich, „bloße Spekulationen und Hörensagen“ seien keine Grundlage für verantwortliche Berichterstattung: „Vermutungen über den Zusammenhang zwischen Gruppenzugehörigkeiten und Taten müssen von Tatsachen gestützt sein.“
Das heißt nicht unbedingt, dass der Polizist lügt. Aber er behauptet, die von ihm geschilderten Einzelfälle stünden für die Mehrheit der Abschiebungen.
Sehr viel differenzierter berichten über das Thema hingegen ZDF, „Welt“ und „Zeit“. Auch diese Medien haben in den vergangenen Jahren Polizisten zu Problemen bei Abschiebungen befragt, auch sie schildern Gewalt von Ausreisepflichtigen gegen Polizisten und sich selbst. Aber keiner der Beiträge präsentiert Migranten als anonyme, aggressive Gefahr. Und keine der Redaktionen verlässt sich auf die Angaben einer einzigen Quelle.
Die „Zeit“ zum Beispiel hat nicht einen, sondern sieben an Abschiebungen beteiligte Polizisten zu ihren Erfahrungen befragt, zum Teil anonym. Die versteckten Rasierklingen tauchen auch in diesen Berichten auf, allerdings nicht als Waffe gegen Polizisten: Manche Menschen versuchen demnach, sich selbst zu verletzen, um eine Abschiebung zu verhindern.
Anders als „Nius“ berichten die Gesprächspartner auch von Ausreisepflichtigen, die direkt von ihrer Arbeitsstelle abgeholt wurden, obwohl sie gut integriert sind. Von anderen, die freiwillig mitgehen. Vor allem sind die Schilderungen konkret. Sie beschreiben menschliche Schicksale und Erlebnisse mit greifbaren Details, nennen Fallzahlen und ordnen ein, wie oft die Gesprächspartner was schon erlebt haben. Das Gleiche gilt für ein Interview in der „Welt“ mit einem einzelnen anonymisierten Bundespolizisten, der Abschiebungen begleitet. Auch hier: konkrete Fälle, Details, Zahlen, Hintergrundwissen.
Das ZDF-Investigativmagazin „Frontal“ hat Anfang 2025 ebenfalls anonym einen Bundespolizisten zu Abschiebungen interviewt. Vier von zehn Abschiebungen würden nicht ruhig ablaufen, schätzt der. In der Ausgabe des Magazins kommen auch ausführlich ein syrischer Asylbewerber, ein Asylrechtler und der Leiter einer Ausländerbehörde zu Wort – kein Vergleich zu der einseitigen Darstellung bei „Nius“.
Die „Nius“-Redaktion will natürlich gar nicht differenzieren oder wahrheitsgemäß berichten. Sie will agitieren. Das beweisen die oben erwähnten Forderungen von Chefredakteur Reichelt. Ergebnisoffene Recherche ist bei „Nius“ also gar nicht gewollt.
Den Pressekodex, eine Selbstverpflichtung der deutschen Presse, hat „Nius“ nicht unterschrieben. Der Presserat kann die Redaktion deshalb weder rügen noch anderweitig sanktionieren. Zuständig ist stattdessen die Medienaufsicht der Bundesländer, konkret: die Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg. Die hat sich mit „Nius“ zwar schon beschäftigt, bisher aber nur vereinzelt Maßnahmen gegen das Portal ergriffen. Zu dem Polizisten-Interview gebe es bisher keine Beschwerde, man werde den Beitrag prüfen, heißt es auf Übermedien-Anfrage.
„Nius“ tut derweil weiter so, als würde die Redaktion Journalismus machen. Aber ein Interview mit einem anonymen „Insider“ macht noch keine Recherche. Und rassistische Agitation hat in Medienberichterstattung sowieso nichts zu suchen. Bitter, dass dieser offensichtliche Satz hier noch einmal so stehen muss.
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Mehr Informationen
Da muss ich doch direkt auch eine etwas andere Sicht auf die Dinge verlinken
https://taz.de/Widerstand-gegen-Migrationspolitik/!6156048/
Und das dass Hetzportal nius jetzt auch noch Radio Sender am laufen hat wusste ich nicht. Danke für diese beunruhigende Info.
Da wir es mit dem seriösen Nachrichtenportal Nius zu tun haben, fühlte ich mich zur investigativen Recherche verpflichtet. Diese hat zwei Szenarien ergeben.
Erstens: Es ist ein KI-Video mit Sora-Stempel unter dem geschmacksarmen, bluturinfarbenen Logo. Zweitens und eher wahrscheinlich: Der dürre Reichelt hat sich einen Fatsuit angezogen und verpixeln lassen, während er seine Fantasien ins Mikro krähte. Poschardt vom Schwesterblatt jedenfalls hat sich der Sache bereits angenommen und wird demnächst dazu einen faktenbasierten Kommentar verfassen.
„von Beamtinnen und Beamten der Bundespolizei in einzelnen Sachverhalten festgestellt“ worden, statistische Daten gebe es dazu aber nicht.
Passt perfekt in die Gefühlsberichterstattung der Mensch-Polizisten – nix Genaues weiß man nicht, aber die Anekdoten knallen.
Hatte ich schon mal verlinkt:
https://netzpolitik.org/2026/dein-freund-und-creator-wie-die-polizei-soziale-netzwerke-mit-copaganda-flutet/
Da menschelt’s so richtig.