Mehr über Afrika
Wenn man verstehen will, was gerade in globaler Jugend- und Plattformkultur passiert, kommt man an „IShowSpeed“ nicht vorbei. Der Schwarze US-Superstar ist nicht irgendein YouTuber, sondern sehr wahrscheinlich der bekannteste Streamer der Welt – gemessen an Reichweite und Meme-Präsenz.
Über 50 Millionen Menschen (oder zumindest angemeldete Accounts) haben seinen YouTube-Channel abonniert, einzelne Livestreams erreichen gleichzeitig mehr als eine Million Views, Clips daraus zirkulieren millionenfach auf TikTok, Instagram und YouTube Shorts. Wo er auftaucht, bildet sich eine Menschenmasse an zumeist sehr jungen Fans, die nur von einem massiven Security-Aufgebot einigermaßen kontrolliert werden kann.

Zum Jahreswechsel 2025/2026 reiste der 21-jährige Speed (bürgerlich: Darren Watkins Jr.) vier Wochen durch 20 afrikanische Länder – und streamte täglich live. „Speed does Africa“ ist dabei weder Serie noch Reportage, sondern eine Art permanentes Ereignis. Wochenlang zog er mit Team, Technik und Bodyguards durch verschiedene Länder. Die Streams entstanden mit enormem logistischem Aufwand, mobiler Regie, Live-Moderation und parallelem Community Management.
Für viele Medienschaffende sollte dies allein schon bemerkenswert sein: Hier wird eine globale Öffentlichkeit erzeugt, ohne eine klassische Redaktion, ohne Sender, ohne Sendeplatz – und mit einer Geschwindigkeit, die klassische Formate kaum abbilden können.
Das Konzept ist getrieben von intensiven Erlebnissen und Emotionen. Dabei entstehen Bilder, die den Hype stetig vergrößern: Menschenmengen auf den Straßen, die Speed umringen, ihm hinterherlaufen, tanzen, singen. Straßen-Streams in Nairobi voller Alltagsleben, Verkehr, Jugendkultur und Spontaneität. Ein Stream an seinem 21. Geburtstag aus Lagos, in dem Speed live die Marke von 50 Millionen Abonnenten überschreitet, gefeiert von Fans vor Ort und im Live-Chat gleichermaßen. In Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba präsentiert er eine moderne afrikanische Metropole.

Doch es gibt auch nachdenkliche Szenen, etwa wenn Speed die berüchtigte senegalesische „Sklaveninsel“ Gorée besucht und die eigene Familiengeschichte reflektiert. Nicht erzählt wird allerdings, dass die angebliche Geschichte von Gorée als Zentrum des Sklavenhandels wissenschaftlich heute als weitgehend widerlegt gilt. Andere Videos werfen ein Schlaglicht auf die Ausbeutung afrikanischer Bodenschätze: Etwa, wenn Speed in Botswana erfährt, dass er keine Rohdiamanten kaufen kann, da diese exklusiv an internationale Konzerne vermarktet werden.
Parallel dazu entstehen unzählige Reaction-Videos, vor allem aus den USA. Junge Schwarze Amerikaner:innen filmen sich beim Zuschauen und „entdecken“ zum ersten Mal den afrikanischen Kontinent. Viele sind sowohl emotional berührt als auch überrascht davon, wie wenig sie wissen. Auch afrikanische Streamer- und YouTuber:innen reagieren zahlreich auf Speed.
In diesen Reaktionen steckt etwas Aufrichtiges: Sie erzählen davon, dass es ein klischeehaftes Afrika-Bild gibt, in dem Menschen in bitterer Armut in Lehmhütten ohne Strom und fließend Wasser leben und mehr oder weniger permanent ums nackte Überleben kämpfen. Dass inzwischen die Mehrheit der rund 1,6 Milliarden Menschen auf dem afrikanischen Kontinent in modernen Großstädten lebt, ist vielen nicht bewusst. Und in der eigenen Wahrnehmung wird häufig der medialen Vermittlung die Schuld daran gegeben.
Gleichzeitig kippt diese Medienkritik nicht selten in Verschwörungstheorien. Aus der Erfahrung, etwas zum ersten Mal zu sehen, wird schnell die These, westliche Medien hätten diese Realität bewusst verschwiegen oder verzerrt. Daraus entstehen Verschwörungserzählungen über „das wahre Afrika“, das nun endlich sichtbar werde.
Gleichzeitig gibt es auch sehr fragwürdige Momente inmitten der gefeierten „Kulturvermittlung“: So freut sich etwa Ghanas Präsident John Dramani Mahama, dass Speed „mehr Werbung für Ghana gemacht“ habe, „als wir selbst hätten tun können“. Es habe „etwa 20 Millionen Internetsuchen über Ghana und Sheabutter“ gegeben – ein vor allem für kosmetische Zwecke eingesetztes pflanzliches Fett aus dem in Ghana heimischen Karitébaum.
Die Szene, auf die sich Mahama bezieht, zeigt Speed in einem Sheabutter-Museum. Der Besuch gipfelt darin, dass ein halbnackter Speed auf dem Bauch liegend von acht Frauen in sexualisiert-stereotyper Kleidung mit Sheabutter eingecremt und massiert wird. Nichts an dieser Szene bricht mit klischeehaften, kolonialen und sexualisierten Vorstellungen über Afrika und/oder männlichen Blickregimen – ganz im Gegenteil.

Dass die Erzählung des vermeintlich komplett neuen und vorurteilsfreien Blicks trotzdem so leicht greift, hat viel mit Algorithmus-Logiken, fragmentierter Mediennutzung und mangelnder Medienkompetenz zu tun. Polarisierende Takes sorgen für mehr Interaktion, werden demzufolge häufiger ausgespielt und verbreiten sich schneller und weiter. Ob die Klischees über Afrika wirklich aus vermeintlich kolonial geprägten westlichen Massenmedien stammen oder nicht zum Beispiel auch von Eltern und Lehrerinnen und aus Schulbüchern, ist schwer zu sagen. Jedenfalls sagt die Überraschung über Speeds Bilder nicht automatisch etwas darüber aus, wie Afrika tatsächlich in US-amerikanischen und europäischen Qualitätsmedien, Popkultur oder Dokumentationen vorkommt – denn dort sind moderne Städte, Gegenwartskultur und Alltag keineswegs unsichtbar.
Doch die Figur Speed polarisiert auch aus sich selbst heraus, denn das ist Teil seines Erfolgsgeheimnisses. Speed wurde nicht als Reisender oder Kulturvermittler bekannt, sondern als extrem lauter, emotionaler Streamer, dessen Karriere auf Eskalation basiert. Ein zentraler Motor seines Aufstiegs war seine obsessive, öffentlich inszenierte Verehrung von Cristiano Ronaldo, die ihm ein globales Fußballpublikum erschlossen hat. Diese Emotionalität wirkt spontan und echt – ist aber zugleich hochgradig performativ. Denn auch wenn Speed natürlich behauptet, authentischer Fan zu sein, ist seine Leidenschaft trotzdem extrem inszeniert.

In seinem Werdegang gibt es auch dunklere Kapitel: Im Dezember 2021 wurde Speed von der Gaming-Plattform Twitch zunächst dauerhaft gesperrt, nachdem er in einem Livestream eine Frau massiv bedrängt hatte – und sie unter anderem gefragt hatte, wer ihn von einer Vergewaltigung abhalten sollte, wenn die beiden die letzten Menschen auf dem Planeten wären. Der Vorfall wurde breit kritisiert, Twitch bewertete das Verhalten als sexuelle Belästigung. Nach vier Jahren Sperre kehrte Speed 2025 schließlich auf die Plattform zurück.
2022 sperrte das Computerspielunternehmen Riot Games Speed dauerhaft von allen eigenen Plattformen und Spielen, nachdem er in einem Livestream mehrfach sexistische Beleidigungen gegenüber Mitspielerinnen geäußert hatte. Speed habe wiederholt gegen die Verhaltensregeln verstoßen und ein toxisches Umfeld geschaffen, so das Unternehmen. Aus feministischer Perspektive lässt sich also leider wieder einmal feststellen, dass auch krasser Sexismus selten männliche Karrieren behindert.
Hinzu kommen Vorwürfe, er habe Menschen rassistisch oder stereotypisierend imitiert, etwa während der Fußball-Weltmeisterschaft 2022. Besonders ein Stream, in dem Speed einen asiatisch gelesenen Mann mit der japanischen Begrüßung „Konnichiwa“ anspricht und stereotypisierende Laute nachahmt, löste breite Kritik aus; Speed entschuldigte sich später öffentlich. Gleichzeitig ist er auf Reisen durch Europa selbst wiederholt Ziel rassistischer Beleidigungen geworden.
Diese Ambivalenz ist entscheidend, wenn man die Afrika-Tour betrachtet. Denn dass die Figur laut, invasiv und zum Teil durchaus aggressiv auftritt, ist Teil des Erfolgsgeheimnisses – ein Erkennungszeichen ist zum Beispiel sein andauerndes Bellen. Damit provoziert Speed aber auch Konflikte, die dann schnell symbolisch aufgeladen werden. Besonders deutlich wurde das in Algerien, wo Speed in einem Fußballstadion mit Wasserflaschen beworfen wurde und den Stream abbrach. Die Clips gingen viral, viele bezeichneten den Vorfall sofort als Rassismus.
Die Anfeindungen können so gelesen werden – diese Lesart ist aber nicht alternativlos: Ultra-Kurven in Fußballstadien sind weltweit hochgradig kamerafeindliche Räume. Territorialität, Angst vor Identifizierbarkeit und eine generelle Ablehnung Teil einer Marketing-Inszenierung anderer zu werden spielen dort eine enorme Rolle, unabhängig von Hautfarbe oder Herkunft. Dass Speed diese Codes nicht kennt oder ignoriert, ist kein Beweis für Rassismus – aber ein Hinweis auf seine eigene, in gewisser Hinsicht sehr US-amerikanische kulturelle Unsensibilität. Seine oft beschworene „Naivität“ ist hier keine Unschuld, sondern Teil des Problems.
Ähnlich ambivalent ist der Ägypten-Abschnitt der Tour. Speed streamte aus Gizeh und später aus Kairo, ein Stream wurde nachträglich gelöscht. Berichtet wurde über strenge Drehauflagen und seine Frustration über die Einschränkungen. Schnell entstanden online Erzählungen von „Feindseligkeit“ oder „Ablehnung“ ihm gegenüber.
Auch hier zeigt sich ein Muster: Reale Konflikte mit Behörden, Sicherheitslogik und Live-Chaos werden in der Plattform-Ökonomie schnell zu kulturellen oder moralischen Urteilen verallgemeinert. Besonders problematisch wird es dort, wo diese Einzelereignisse in größere kulturelle Erzählungen übersetzt werden. In vielen Kommentarspalten entsteht eine harte Linie: Nordafrika gilt plötzlich als „rassistisch“, Subsahara-Afrika als „echt“ und „freundlich“. Diese Dichotomie ist historisch belastet und politisch hochproblematisch. Sie wird hier nicht bewusst propagiert, aber ungewollt verstärkt – durch einen US-amerikanischen Blick, der Konflikte schnell moralisch liest und durch Plattform-Mechaniken, die Vereinfachung belohnen.
Das ist kein klassischer Kolonialismus, aber es ist ein imperialer Blick: Deutung entsteht im Zentrum, wird über Reichweite verstärkt und kehrt als scheinbar universelle Wahrheit zurück. Lokale Creator kritisieren diese Machtasymmetrie. Das gehört ebenfalls zur Rezeption der Tour, auch wenn diese Stimmen im globalen Feed oft untergehen.
Am Ende bleibt ein widersprüchliches Bild: „IShowSpeed“ hat mit seiner Afrika-Tour sichtbar gemacht, wie groß der Hunger nach anderen Bildern ist. Er hat eine Aufmerksamkeit erzeugt, die klassische Medien derzeit kaum herstellen können. Die „taz“, die als eines der wenigen deutschen Medien über Speeds Afrika-Tour berichtet hat, kommt zu dem Schluss: „Zumindest kann man ihm aber zugute heißen, dass er seinen Fans, die überwiegend der GenZ und Gen Alpha angehören, die Augen für lebhafte und reichhaltige Afrikabilder öffnet.“
Das stimmt einerseits, zugleich zeigen gerade die Konflikte aber, wie schnell neue Sichtbarkeit alte Klischees reproduziert. Ein Livestream liefert kaum Kontext und große Reichweite ist nicht gleichzusetzen mit einer realen Reflektion über Afrika-Klischees bei einem Millionenpublikum. Und ein einzelner Streamer, so groß er auch sein mag, verschiebt die Machtverhältnisse der globalen Medienökonomie nicht – er bewegt sich in ihnen.
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Die nüchterne Schreibweise in Kontrast zum Content dieses YouTube Clowns ist schon Ironie auf ganz hohem Level, danke! Und dann noch „Listening to iShowSpeed Bark for 24 Hours Straight“ verlinken, ganz großes Tennis! :D
„Daraus entstehen Verschwörungserzählungen über „das wahre Afrika“, das nun endlich sichtbar werde.“
Zielgruppe? Als Jugendlicher ist es schlicht nicht begreifbar, dass man nicht wirklich alles weiß, sondern sich das nur einbildet. Also muss alles „wahr“ und „echt “ und „tatsächlich“ sein. Kurz: Das ist einfach nur Jugendslang für „Das habe ich gerade gelernt.“ Die etwas selbstreflektivere Mittzwanziger-Variante wäre „I was today years old when I learned that …“
Insgesamt harmlos, meine ich.
Die Idee, dass ein Kontinent (nicht bloß ein Land) genau auf eine bestimmte Art und Weise IST, ist mMn schon der grundlegendste Irrtum an der Sache, von dem sich alle anderen Irrtümer herleiten, und wenn irgendwer daran etwas ändert, ist das bereits besser als gar nix.
Wobei dieser Beitrag eher Vorurteile über US-Bürger bestätigt – es gibt einen Witz über Missionare aus den USA, die nach Afrika geschickt werden, und zum Abschied gibt man ihnen auf dem Weg, es sei sehr wichtig, die Eingeborenen nicht vor den Kopf zu stoßen – wenn jemand etwa behaupte, Afrika sei größer als Texas, dann lasse man den in dem Grlauben.
„Dass inzwischen die Mehrheit der rund 1,6 Milliarden Menschen auf dem afrikanischen Kontinent in modernen Großstädten lebt, ist vielen nicht bewusst. Und in der eigenen Wahrnehmung wird häufig der medialen Vermittlung die Schuld daran gegeben.“
Das scheint aber tatsächlich ein Problem zu sein. Vielleicht hat es sich in den letzten zehn Jahren auch verbessert kann ich nicht beurteilen. Aber zumindest für die Zeit davor war es problematisch. Das hat Hans Rosling in seinem Buch Factfulness von 2018 recht eindrucksvoll dargelegt.
Sehr empfehlenswert das Buch.