Das ganze Gedöns (1)

Ist es Feminismus, wenn Medien fragen, ob etwas Feminismus ist? Nicht wirklich. 

Warum diskutieren Medien so gerne, welches Verhalten feministisch ist? Ein ehrliches Interesse an weiblicher Freiheit steckt nicht dahinter, glaubt unsere Kolumnistin. Es ist vielmehr ein Trick, um Frauen weiter Vorschriften machen zu dürfen.

Was dürfen Feministinnen, welches Verhalten ist wirklich feministisch, und womit verraten Frauen den Feminismus? Medien lieben es, solche Fragen zu stellen. Eine unrepräsentative und unvollständige Schlagzeilenauswahl aus deutschsprachigen Medien:

Dürfen Feministinnen Teilzeit arbeiten? („Der Spiegel“)

Ist Intimrasur Verrat am Feminismus? („Süddeutsche Zeitung“)

Dürfen Feministinnen die Lebensentwürfe anderer Frauen kritisieren? („Tagesspiegel“)

Dürfen Feministinnen botoxen? („Der Standard“)

14 Kommentare

  1. Ich denke es ist auch immer etwas die Frage, ob eine „Aktion“, von der ausführenden Partei als feministisch deklariert wird, oder nicht. Oder ob das dann nur medial so gemacht wird. So zB gerade bei dem Weltallflug von Katy Perry. Ich denke da haben alle (gerade in Zeiten von Gleichberechtigung) ein gutes Recht, unabhängig vom Geschlecht dafür Kritik zu erhalten. Die Aktion wurde aber schon etwas vermarket, weil nur Frauen mitgeflogen sind.

  2. Sechs Jahrzehnte nach der ersten Frau im All kann die erste (?) prominente Weltraumtouristin ja nicht unbedingt als Speerspitze der Gleichberechtigung gelten. Die Frage wäre wie mein Vorredner schon sagte, ob Kate Perry selbst das als irgendwie feministisch framt. (Dass Kate Perry sich von einer Zeitung ihren Mondflug verbieten lassen würde, sei mal dahingestellt.)
    Bei anderen Dingen wie dem Wechselmodell stellt sich eher die Frage, warum es als antifeministisch gilt.
    Und der Rest ist Clickbating.

  3. Katy Perry und eine Gruppe anderer nicht-männlich gelesener Personen (oder wie man so sagt) gönnt sich einen Parabelflug ins All – im „Raumschiff“ von Jeff Bezos, dessen Liebste mit am Start war. Weltraumtourismus pur, kein Zweck als Fun für Superreiche (okay, man hat noch ein paar Wissenschaftlerinnen mitgenommen, um das Ganze fadenscheinig zu kaschieren). Luxus für eine Elite, die vielleicht 0,00001 Prozent der Weltbevölkerung umfasst. Egal welchen Geschlechts.

    Und hinterher stellt man sich hin und behauptet, es gehe um „Sichtbarkeit“ und „Empowerment“ und solche Sachen. Es gehe keineswegs um ein Erlebnis der Sonderklasse (in Sachen Dekadenz und Ressourcenverschwendung), sondern darum, allen Frauen dieser Welt zu zeigen, dass auch sie es schaffen können. Heißa, kalifornische Ideologie!

    Warum macht Übermedien den Quatsch mit, indem es in Wort und Bild Kritik an der Nummer als anti-feministisch rahmt? Ihr hättet dieses Beispiel ja auch ausklammern können, statt es extra zu betonen. Denn in diesem Fall lautet die Antwort: Nein, das ist auf keinen Fall Feminismus, das ist absurd!

    (Ohne den Katy-Perry-Frauenbefreiungsflug könnte ich den Text sicher mit weniger Schaum im Hirn lesen. Versuche es morgen nochmal.)

    Funfact: Auch William Shatner war schon mit an Bord der „New Shepard“ – sicher ein entschlossenes Statement gegen Altersdiskriminierung und für schlechten Gesang.

  4. @Kritischer Kritiker: siehe letzter Satz des Beitrags. Katy Perry wird im Text doch überhaupt nicht verteidigt.

  5. @Mr Re (#6):

    Nee, aber er sagt, dass die Frage, ob ein als feministisch verkaufter Superreichen-PR-Stunt wirklich feministisch sei, anti-feministisch ist. Durch das Beispiel mit dem Mondflug unterstellt er zudem, dass die Fragesteller eigentlich meinten, „Weiber“ hätten im All nichts verloren. Nun ja.

  6. Es ist ja beides möglich – die Kritik ist antifeministisch, aber das macht die Aktion noch nicht feministisch.

  7. @Mr. Re:
    Ja, das ist _möglich_, aber trifft das hier zu?

    Es schadet mittelfristig dem Feminismus, wenn selbst ein besonders teurer Urlaub als feministisch geframt wird. Dies zu kritisieren ist also eher pro- als anti-feministisch. Ebenso ist Kritik an einer Frau nicht automatisch antifeministisch, auch wenn es sicher eine Menge antifeministischer Kritik Frauen trifft.
    Klar könnte man den Text etwas eingehender analysieren, ob hier wirklich gegen „Weiber im Weltall“ oder gegen „Umweltschädlichen Luxus“ argumentiert wird, er ist aber hinter einer Paywall.

  8. @Mr Re (#8):

    Wir halten fest: Die erste Frau im Weltraum war Walentina Tereschkowa, und das ist 62 Jahre her. Sie war fast drei Tage lang im Orbit. Kurz nach Gagarin. Dutzende Frauen waren nach ihr in echten Raumschiffen unterwegs.

    Und nun kommt Katy Perry und lässt sich von Freund Bezos einen Paar-Minuten-Hüpfer ins All finanzieren. Ohne jeden wissenschaftlichen Nutzen. Sie beschäftigt eine Legion an Kostüm-Schneidern, Fotografen, PR-Agenten, etc. um das richtig gut aussehen zu lassen. Und dann stellt sie sich vor die Presse und behauptet, eine feministische Pioniertat geleistet zu haben – glatter Bullshit.

    Aber Sie bleiben dabei, dass es „anti-feministisch“ sei, den feministischen Gehalt der Aktion in Frage zu stellen?

  9. Das habe ich nie. Wenn die Kritik dahingehend ist, dass es als unnötiger Quatsch abgetan wird, wenn Frauen als Touris ins All fliegen, während das bei den Star Trek-Typen und Milliardären hingenommen oder noch als ganz goldig empfunden wurden (Star Trek, und nun wirklich im All, ist das nicht toll für ihn?), dann kann man durchaus sagen, dass der Unterschied also im Geschlecht gesehen wird, ergo antifeministisch. Aber klar, wenn Sie einen Kommentar finden, der über die Pionierinnen der Raumfahrt berichtet und das kontextualisiert mit der o.g. Aktion, wie man sich ja an Dutzende Artikel erinnert….. das wäre dann etwas anderes.

  10. Wenn Shattner-im-Weltraum seinen Flug ins All als soziale Pionierleistung anpreisen würde, bekäme er möglicherweise ähnliche Kritik. Aber da er das nicht tut, wen schert’s?
    Musks Raketenpläne jedenfalls wurden schon sehr häufig als Penisverlängerung interpretiert, es ist also nicht so, dass Männer, die ins All wollen, generell gelobt würden.

    Angenommen, eine Frau isst ein Steak, und jemand sagt völlig ohne Kontext, dass das aber gar nicht feministisch sei – ok, (vermutlich ein) er will sie wohl davon abhalten, Steak zu essen.

    Angenommen, eine Frau isst ein Steak, stellt das bei Insta ein und brüstet sich (unironisch), eine Großtat des Feminismus vollbracht zu haben, weil Steaks ja voll das Männeressen seien, und DIESES Steak wurde von einer Frau gebraten, und es saßen nur Frauen am Tisch, und auch die Kellnerin war weiblich, und die Person, die die Kuh schlachtete, und die, die den Tisch und die Stühle gezimmert hat, und alle Beteiligten sind Frauen einfach, dann ist _jeder_ Widerspruch gegen die Aussage „Steakessen einer Frau = Feminismus“ antifeministisch. Weil auch hier nicht die Aussage auf Insta bestritten würde, sondern das Steakessen. Jedenfalls dem obigen Artikel zufolge.

  11. Das ist eine ganz große Leistung von Frau Perry. So wie ich das überhaupt ganz toll finde, wie Frauen die Männerdomänen erobern. Bewundernswert, wie die in derselben Straßenbahn sitzen wie ich. In derselben Kantine essen. Dasselbe Internet nutzen.

    Das war ja nicht immer so.
    Wissen Sie, wie viele Frauen vor 200 Jahren Genderprofessorinnen waren?
    Genau, keine einzige. Damals wurde das Denken vom patriarchalen Vorurteil dominiert, Frauen können gar nicht genderprofessorieren.
    Denkste! Heute ist der Anteil der Frauen in dieser Schlüsselwissenschaft 100%.

    Für GleichstellungsbeauftragtInnen (m/w/d) gilt übrigens das gleiche.

  12. @Mr Re (#11):

    …dann kann man durchaus sagen, dass der Unterschied also im Geschlecht gesehen wird, ergo antifeministisch.

    Herrje, nein. Der Unterschied liegt darin, dass Perry und ihre Truppe den Ausflug als feministische Großtat verkauften. Wäre es anders gewesen (einfach nur blöder Weltraumtourismus), hätte man das Ganze wirklich in der „Leute-Spalte“ abhandeln können, wie Frau Vorsamer zurecht schreibt.

    Perry hat ihren Flug moralisch überhöht – und daher stammt die Fallhöhe, die sie angreifbar macht. Nicht aus dem Flug selbst.

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