Notizblog (46)

Die „Bild“ steht jetzt zu ihren Fehlern. Aber nur zu denen, die nicht so schlimm sind.

Die „Bild“ hat seit Kurzem einen Korrekturen-Liveticker, in dem die Redaktion kleine Pannen und größere Patzer auflistet. Damit will sie zeigen, dass sie vertrauenswürdig arbeitet – mit ihren gravierenden Verfehlungen setzt sie sich aber kaum ernsthaft auseinander.
Screenshot der Korrekturenseite bei Bild.de
Screenshot: Bild.de

„Bild“ hat seit zwei Wochen wieder eine feste Rubrik für Korrekturen, und dazu muss man zunächst mal sagen, dass dagegen zunächst mal nichts zu sagen ist. Medien leben davon, dass ihr Publikum ihnen vertraut, und um dieses Vertrauen zu gewinnen gibt es prinzipiell zwei Möglichkeiten: Entweder man schreibt zuverlässig das, was die Leute lesen und glauben und worüber sie sich ärgern wollen. Oder man versucht, möglichst genau die komplexe Wirklichkeit wiederzugeben, und wenn einem dabei Fehler passieren, vertuscht man sie nicht, sondern korrigiert sie transparent.

Insofern ist eine feste Rubrik, in der die „Bild“-Zeitung ihre Fehler sammelt und berichtigt, ein Signal, dass man als vertrauenswürdiger, grundseriöser Produzent von Journalismus wahrgenommen werden möchte. Dass das tendenziell eher keine treffende Beschreibung für die „Bild“-Zeitung ist, kann man jedenfalls nicht der Korrekturspalte vorwerfen.

Das gab es doch schon

Es ist nicht das erste Mal, dass „Bild“ sowas einführt. 1999 schaffte der damalige Chefredakteur Udo Röbel einen Platz für Korrekturen auf Seite 2 der Tageszeitung. „Wir sind auch nicht frei von Fehlern – wo gehobelt wird, da fallen Späne“, sagte er zur Einführung. Ein gutes halbes Jahr später sagte er in einem Interview mit „Horizont“, es habe kaum Reaktionen von Lesern auf die neue Rubrik gegeben, was er aber als Zeichen der Zufriedenheit deutete. „Ich glaube, der Leser nimmt dies so, wie wir es gemeint haben: Mensch, das finde ich gut, daß Sie die Größe haben, auch Fehler einzugestehen.“

Von Röbels Nachfolger Kai Diekmann wurde die Spalte erst abgeschafft und dann, 2006, wieder eingeführt. „(…) wo Menschen arbeiten, passieren auch Fehler“, sagte Diekman. „In der Korrekturspalte sollen diese schnell und unkompliziert berichtigt werden.“  

Das löste damals ein mittelgroßes Hallo aus, von einer „Kulturrevolution“ sprach der „Spiegel“. Nach der anfänglichen Aufmerksamkeit schwand aber das ohnehin selten konsequente Interesse von „Bild“, sich selbst zu berichtigen. Vor ihrem ersten Geburtstag erschien die Spalte wochenlang nicht, irgendwann entschlief sie ganz.

Vorher aber erschienen hier noch Kleinode der Berichtigungskunst wie diese Schleichwerbekorrektur:

Berichtigung In der Meldung „Deutschland fliegt auf ALDI-Urlaub“ vom Samstag hieß es, dass bereits eine Million Deutsche den Discount-Urlaub gebucht hätten. Das ist falsch! Es hatten sich lediglich eine Million Deutsche auf der ALDI-Internet-Seite über die Reisen informiert. Mauritius ist bereits ausgebucht und auch für die Kreuzfahrt und die USA-Rundreise gibt’s kaum noch Plätze.
Ausriss: Bild

Oder dieses Meisterwerk der Kryptik:

In der Meldung „Ab wie viel Kilometer lohnt sich ein Öko-Auto“ vom 3.12.2007 steht irrtümlich, dass es sich um die Laufleistung pro Jahr handeln würde. Das ist falsch.
Ausriss: Bild

Und auch eine der lustigsten Fehlerkorrekturen überhaupt:

Berichtigung: Auf Seite 2 der BILD-Ausgabe vom Donnerstag hieß es, der ehemalige Kanzleramtsminister Bodo Hombach sei als EU-Koordinator auf den "Balkon" weggelobt worden. Das ist falsch. Hombach wurde auf den BALKAN weggelobt.
Ausriss: Bild

Nun ist die Korrekturspalte also zurück, in Form eines Live-Tickers auf Bild.de. Auf die Frage, warum sie wieder eingeführt wurde, verweist ein Unternehmenssprecher nur auf die Seite selbst. Dort heißt es:

Wir stehen zu unseren Fehlern! Das Vertrauen unserer Leser in unsere Arbeit ist unser höchstes Gut. Doch klar ist auch, bei BILD machen wir auch mal Fehler. Trotz aller Anstrengungen. (…)

Unser Versprechen: Wir tun alles, um Fehler zu vermeiden. Passieren sie doch, listen wir sie offen und chronologisch in unserem Fehler-Ticker auf und korrigieren sie im Artikel.

Künstliche Intelligenz soll bei den Korrekturen nach Angaben des Sprechers nicht zum Einsatz kommen: „Die Fehlerseite wird durch unsere Redaktion kuratiert“, teilt er auf Anfrage mit.

Wie, „auch mal Fehler“?!

Auf der Startseite ist nun seit zwei Wochen fortwährend dieses Banner zu sehen:

Screenshot "BILD macht auch mal Fehler"
Screenshot: Bild.de

Das kann man in der Form der als Eingständnis getarnten Herunterspielerei fast schon als eine Art Ragebait sehen; ein Wutköder für Leute wie mich, die da gleich denken: Wie, „auch mal“?! – und prompt empört auf den Link klicken.

Das „auch mal“ wird aber auch durch die Liste selbst konterkariert, die innerhalb kürzester Zeit auf beachtliche Länge anschwoll. Seit dem Start des Korrekturen-Livetickers am 29. September kamen mehr als 70 Korrekturen zusammen (Stand: 15. Oktober). Ab welcher Menge von Fehlern kippt der positive Effekt einer transparenten Korrektur ins Gegenteil? 

Andererseits: Es sind zu einem großen Teil Lappalien, die hier berichtigt werden. Eine Auswahl:

  • Edith Stehfest hat sich nicht im Oktober 2025 von ihrem Mann getrennt, sondern im September.
  • Nicht Christina Dimitrou wurde bei „Promi Big Brother“ für den Auszug nominiert, sondern Karina2you.
  • In der Aufzählung der ersten sechs Kinder von Rod Stewart fehlte Liam.
  • Die Gaza-Verhandlungen zwischen Israel und der Hamas fanden nicht in Kairo, sondern in Scharm El-Scheich statt.
  • Die Giftstoffe, die Bakterien in einer Mettwurst bilden können, heißen nicht Shingatoxine, sondern Shigatoxine.
  • Der britische König, der vom Präsident des Gastronomieverbandes Fiepet Confesercenti aus Protest gegen ein Rezept der BBC nach Rom eingeladen wurde, um Cacio e Pepe „nach allen Regeln der Kunst und der Tradition“ serviert zu bekommen, ist nicht Charles II. sondern III..

Nicht nur Belanglosigkeiten

Auch kleinste Pannen werden mit großer Devotheit eingeräumt, zum Beispiel, dass man „versehentlich“ den Namen der Stadt Bocholt mit zwei h geschrieben und das „umgehend korrigiert“ habe. Man bitte, den Fehler zu entschuldigen.

Es sei ihnen verziehen.

Und dass sie Jane Goodall als Gorilla- statt als Schimpansen-Forscherin bezeichnet haben, ist auch nicht so schlimm. (Aber schon ziemlich peinlich.)

Doch zwischen all diesen Belanglosigkeiten hat „Bild“ auch einzelne gravierende Korrekturen versteckt:

  • Ein Artikel, in dem „Bild“ (wie viele andere Medien) die Meldung einer spanischen Zeitung abschrieb, wonach der FC Barcelona dem FC Bayern noch 20 Millionen Euro aus dem Transfer für Robert Lewandowski schuldet, wurde ganz gelöscht.
  • „Bild“ hatte die Tochter des Mannes, der in München sein Elternhaus in die Luft sprengte, fälschlicherweise für tot erklärt.
  • Die verstorbenen Tochter von Reinhold Würth heißt nicht Carmen, sondern Marion. Carmen ist seine Ehefrau.

Wichtiger als die Dokumentation in Form des Live-Tickers ist, dass die Fehler auch unter den jeweiligen Artikeln bei Bild.de transparent korrigiert werden – das ist leider auch bei vielen anderen, vermeintlich seriöseren deutschen Medien noch nicht Standard.

Von wegen Fehlerkultur

Was lernen wir aus all dem über Qualität und Seriosität der „Bild“-Zeitung heute? Nicht viel. Einer ernsthaften Auseinandersetzung über ihren Journalismus verweigert sich das Blatt; auf kritische Anfragen bekommen Journalisten häufig keine Antworten oder Standardsätze, die um Verständnis bitten, dass man sich zu redaktionellen Entscheidungen nicht äußert.

Von den 88 öffentlichen Rügen, die der Presserat in diesem Jahr bislang ausgesprochen hat, betrafen 34 „Bild“, „Bild am Sonntag“ und Bild.de. In den Verfahren nimmt die Redaktion häufig nicht einmal Stellung gegenüber dem Selbstkontrollgremium.

An der „Bild“-Behauptung auf der Korrekturenseite, alles zu tun, um Fehler zu vermeiden, kann man aufgrund mehrerer spektakulärer Fälle von Falschmeldungen in den vergangenen Monaten durchaus zweifeln:

  • Ob ein Internetaccount einer angeblichen unehelichen Tochter von Wladimir Putin echt ist, über den das Blatt zunächst exklusiv berichtet hatte, kann „Bild“ bis heute nicht sagen.
  • Wegen gravierender, erfundener Falschbehauptungen über eine Berliner Polizistin musste sich „Bild“ entschuldigen und eine hohe Geldentschädigung zahlen.
  • Vermutlich mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz hat „Bild“ einen Artikel aus der Schweizer Boulevardzeitung „Blick“ abgeschrieben. Dabei hat „Bild“ aber Dinge behauptet, die gar nicht im „Blick“ standen. Wie es dazu kommen konnte, hat „Bild“ der Öffentlichkeit nicht erklärt.  

Aber nun dokumentiert sie immerhin in einem Live-Ticker, dass sie kurz „Bocholt“ falsch geschrieben hatte. Der größte Haken der neuen „Bild“-Korrekturen ist dabei der alte: „Bild“ korrigiert hier nur Fehler, die ihr versehentlich passiert sind. Nicht die Verdrehungen und Falschmeldungen, die sie mutmaßlich absichtlich produziert hat.

6 Kommentare

  1. In der Aufzählung der ersten sechs Kinder von Rod Stewart fehlte Liam.

    Hier drängen sich gleich mehrere Fragen auf: Bestand die Sechs-Kinder-Liste zunächst nur aus fünf Kindern und wurde nachträglich erweitert? Hat Rod Stewart jetzt sieben erste sechs Kinder? Oder musste ein Kind weichen, um für Liam Platz zu schaffen? Und sowas nennen Sie eine Lappalie, Herr Niggemeier!

    Spaß beiseite, echte Verständnisfrage:

    Wichtiger als die Dokumentation in Form des Live-Tickers ist, dass die Fehler auch unter den jeweiligen Artikeln bei Bild.de transparent korrigiert werden.

    Heißt „ist“ hier „machen die“ – und sind somit wirklich erstaunlich transparent. Oder ist das ein Konjunktiv-„ist“ im Sinne von „wäre“ – also, sie sollten es machen, tun es aber nicht?

  2. Na ja.
    Im softwaregestützten Journalismus macht mir das eher den Eindruck, dass man eine Meldung erst einmal rausjubelt – denn Zeit ist Geld – und korrigieren kann man dann immer noch. Und bei BILD sowieso.

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.