Muss man perfekt sein, um Kritik üben zu dürfen? Natürlich nicht. Aber es ist der eigenen Glaubwürdigkeit schon zuträglich, wenn man anderen nicht ständig Fehler vorwirft, die man gleichzeitig selbst macht.
Bei Übermedien ist das ein zentraler Leitsatz. Denn anders als bei Sport- oder Politikjournalisten, die ihre Kompetenz auf dem Feld ihrer Berichterstattung (zum Glück) niemandem beweisen müssen, kritisieren wir als Journalisten andere Journalisten. Das macht zum einen leicht angreifbar („Mach’s doch besser!“), zum anderen erzeugt es einen extrem hohen Anspruch an die eigene Arbeit.
Meistens gelingt es uns gut, diesem Anspruch gerecht zu werden. Clickbait, Schleichwerbung oder tendenziöse Kampagnen werden Sie bei uns sowieso nicht finden – und es ist vorbildlich, wie penibel die Redaktion jedes Wort eines Textes umdreht, Belege prüft und um die besten Argumente ringt.
Aber natürlich sind wir nicht fehlerfrei. Wir müssen und können das auch nicht sein, aber wir wollen zumindest transparent und offen mit Kritik umgehen.
Der Autor
Foto: Manuel Horn
Alexander Graf ist seit 2024 Chefredakteur von Übermedien. Er war Redakteur der „Rheinpfalz“ in Ludwigshafen und hat anschließend als freier Journalist mit den Schwerpunkten Wissenschaft und Medien gearbeitet. Von 2021 an war er Chefredakteur von „medium magazin“.
Der Vorwurf: Übermedien ist zu spät dran
Vergangene Woche haben wir einen Kommentar von Stefan Mey zur Berichterstattung über den Nahost-Konflikt veröffentlicht. Er argumentiert darin, dass „Angst und Vorsicht“ deutscher Medien bei diesem komplexen Thema zu „medialem Rassismus“ führten. Gerade in den sozialen Netzwerken haben sehr viele Menschen dieser These zwar zugestimmt, aber gleichzeitig kritisiert, wir hätten selbst viel zu lange gebraucht, um einen solchen Text zu veröffentlichen.
Heute veröffentlichen wir eine Recherche, an der Annika Schneider schon seit mehreren Wochen gearbeitet hat. Darin schildern sieben Journalistinnen ihre Erfahrungen mit der Nahost-Berichterstattung in verschiedenen Redaktionen. Ihre übereinstimmenden Schilderungen unterstreichen Meys These: Aus Angst, Bequemlichkeit oder Voreingenommenheit würden viele Medien bei der Berichterstattung zum Gaza-Krieg Doppelstandards anwenden oder das hochkomplexe und konfliktbeladene Thema lieber ganz umgehen.
Es wäre nun wohlfeil, so einen Text zu veröffentlichen – zumal nach der aktuellen Kritik an uns –, ohne die eigene Rolle von Übermedien zu reflektieren. Haben wir uns also auch etwas vorzuwerfen?
Was gut war – und was fehlte
Seit dem Terror-Anschlag der Hamas am 7. Oktober 2023 haben wir 15 Beiträge veröffentlicht, die sich direkt mit dem aktuellen Konflikt und der Berichterstattung darüber beschäftigen – die meisten davon sehr ausführlich. Es geht mehrmals um die hohe Anzahl getöteter Journalisten in Gaza, mangelnde mediale Empathie mit palästinensischen Opfern und um die Frage nach journalistischer Ausgewogenheit (die unsere Autoren Teseo la Marca und Andrej Reisin übrigens unterschiedlich beantworten). Alles Punkte, die auch Stefan Mey noch einmal in seinem aktuellen Kommentar nennt.
Haben wir als Magazin für Medienkritik also den Nahost-Konflikt komplett verschlafen? Nein – aber dennoch sind wir uns in der Redaktion einig, dass es rückblickend wichtig gewesen wäre, weitere Fragen zu beleuchten. Etwa wie Nachrichtenredaktionen mit israelischen und palästinensischen Quellen umgegangen sind, oder ob sie euphemistische Begriffe von Kriegsparteien einfach übernommen haben („begrenzte Operation“). Spannend wäre auch ein Vergleich von ausländischer und deutscher Berichterstattung, beispielsweise von BBC News und „Tagesschau“, gewesen.
Warum wir Themen auch mal auslassen
Das sind alles sehr konkrete Fragen, die ausschließlich journalistisches Handwerk betreffen. Denn wir haben in der Rückschau auch gemerkt, was uns in den vergangenen Monaten teilweise im Weg stand: der Wunsch, die ganz großen Fragen dieses verworrenen Konflikts in unseren Texten am besten gleich auch noch zu beantworten.
Dieser Wunsch musste scheitern. Zumal er mit einer Besonderheit von Medienkritik zusammenkam: Man kann als Medienjournalist die Dinge nur selten ausschließlich mit der eigenen Expertise einordnen. Wer bewerten möchte, ob eine Überschrift, ein Text oder die ganze Berichterstattung journalistischen Standards entspricht, kommt früher oder später nicht darum herum, sich auch intensiv mit der Sache selbst zu beschäftigen. Ob das jetzt die Schuldenbremse, das Coronavirus oder der Nahost-Konflikt ist.
Das soll nicht weinerlich klingen – im Gegenteil, das macht unsere Arbeit so spannend. Aber gleichzeitig führt das eben dazu, dass wir als Redaktion immer wieder mal Themen nicht anfassen, weil wir uns kein valides Urteil zu einer Sache zutrauen. Das ist dann frustrierend, aber für uns als unabhängiges Medium mit gerade einmal fünf Mitarbeitenden bisweilen notwendig.
Keine Angst, aber große Vorsicht
Beim Gaza-Krieg hat sich dieses Gefühl der Unzulänglichkeit in den vergangenen Monaten aber womöglich zu oft eingestellt. Nicht aus Angst, aber schon aufgrund der Vorsicht, nichts zu veröffentlichen, was sich später nicht vollständig halten lässt. Und ja, sicher hat zu dieser Vorsicht auch beigetragen, dass dieser Konflikt in Deutschland so unvergleichlich politisiert ist – und viele Formen der Medienkritik unweigerlich eine politische Positionierung suggerieren.
Behandeln wir das Thema damit also anders als andere? Wir diskutieren das intern durchaus kontrovers. Ich persönlich würde argumentieren, dass wir diesen hohen Standard an uns und unsere Texte bei jedem Thema anwenden, er uns beim Gaza-Krieg aber teilweise den Blick dafür verstellt hat, welche Recherchen man durchaus hätte umsetzen können.
Denn natürlich gilt: Das Thema ist zu wichtig, zu drängend und ja, zu komplex, um es nicht bei Übermedien noch intensiver zu verfolgen. Das muss unser Anspruch sein – und den hätten wir in den vergangenen 18 Monaten besser einlösen können.
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