Vorwurf der Einseitigkeit

Die deutsche Berichterstattung zum Nahostkrieg setzt meine Glaubwürdigkeit als Reporter aufs Spiel

Es ist das größte Krankenhaus in Gaza, von ihm und seinen Ärzten hing das Leben Hunderter Palästinenser ab, die in den vergangenen Wochen krank waren oder durch israelische Luftschläge verletzt wurden. Jetzt hat es die WHO zu einer Todeszone erklärt, offenbar wurde ein Massengrab entdeckt. Was unter dem Al-Schifa-Krankenhaus in Gaza liegt, könnte aber auch den Krieg entscheiden. Jedenfalls den medialen Krieg.

Wenn sich unter dem Krankenhaus, wie von Israel behauptet, tatsächlich eine große unterirdische Hamas-Kommandozentrale befindet, wäre dessen Aushebung nicht nur ein empfindlicher Schlag gegen die Hamas. Es wäre auch eine öffentlichkeitswirksame Bestätigung, dass sich die Hamas in der Nähe ziviler Einrichtungen versteckt und für die vielen zivilen Toten die Hauptverantwortung trägt, indem sie die Bewohner von Gaza als menschliche Schutzschilde missbraucht.

Angesichts seiner wiederholten Angriffe auf zivile Ziele und der hohen Opferzahlen – mehr als 11.000 Menschen wurden bislang getötet, zwei Drittel davon Frauen und Kinder – braucht Israel diese Bestätigung dringend. Sie könnte sogar entscheidend dafür sein, ob die westlichen Staaten Israels Militäroperation noch über längere Zeit unterstützen oder angesichts der humanitären Katastrophe auf einen Waffenstillstand drängen.

So weit so gut. Was nun folgt, geht in den Darstellungen deutscher und englischsprachiger Medien aber dermaßen weit auseinander, dass ein Leser des „Guardian“ und ein Leser der „Zeit“ (beide Medien gelten als linksliberal), die miteinander über die Ereignisse rund um das Al-Schifa-Krankenhaus sprechen, den Eindruck haben müssten, sie leben in Parallelwelten.

Wenn Journalisten zu (defekten) Kopiermaschinen werden

Am 14. November drangen Soldaten der israelischen Armee (IDF) in das Krankenhaus ein. Was nach Aussagen des Armee-Sprechers Daniel Hagari im Al-Schifa-Krankenhaus bislang gefunden wurde, sind ein Tunnelschacht, einige Waffen sowie Hamas-Symbole und-Uniformen. Am Sonntagabend wurde außerdem die Entdeckung eines 55 Meter langen Tunnels vermeldet. Am Montag wurden Aufnahmen von Überwachungskameras veröffentlicht, die zeigen sollen, wie am 7. Oktober Geiseln in die Klinik verschleppt wurden.

Auch wenn man einem Beweis in der Zwischenzeit näher sein mag – für die meisten englischsprachigen Medien waren die ersten Meldungen der IDF aus Gaza aber zunächst weit entfernt von dem, was versprochen wurde: einer großen Kommandozentrale direkt unter dem Krankenhaus.

„Die IDF-Beweise reichen bei weitem nicht aus, um das Al-Shifa-Krankenhaus als Hauptquartier der Hamas zu identifizieren”, titelte der Guardian. „Sie (die israelischen Verteidigungskräfte) müssen den Beweis für die große Befehls- und Kontrollzentrale, die sie dort vermuten, noch immer erbringen“, schrieb CNN. Angesichts der anhaltenden Suche nach der großen Kommandozentrale titelte die New York Times: „Der Druck steigt, während Israel ein Gaza-Krankenhaus nach der Hamas durchsucht”. Selbst die konservative israelische Tageszeitung Jerusalem Post kommentierte am 15. November nüchtern: „Der erwartete dramatische Kampf oder die erwarteten Ergebnisse in Schifa sind bis Redaktionsschluss nicht eingetreten.“

Meldung von CNN neben Meldung von ntv. CNN schreibt: "Was wir darüber wissen, was Israel in Al-Shifa gefunden haben will". ntv schreibt: "Israel findet Hamas-Kommandozentrum bei Al-Shifa-Erstürmung"
Screenshot: CNN / ntv

Angebracht ist also nach wie vor: Abwarten. Vorschnelle Schlüsse sind im Falle von Al-Shifa das unverkennbare Zeichen von Parteilichkeit, von fehlender Objektivität. Während die pro-palästinensische Seite nach den unzureichenden Beweisen die vermutete Hamas-Kommandozentrale schon als „israelische Lüge“ abstrafte, versuchte die pro-israelische Seite, die spärlichen Funde als Beweis zu verkaufen.

Zu vorschnellen Schlüssen ließen sich auch auffallend viele deutsche Medien verleiten. Nach der ersten Pressekonferenz des IDF-Sprechers Daniel Hagari am Abend des 14. November stand für sie alles schon fest. An den darauffolgenden zwei Tagen lauteten die Schlagzeilen etwa so: „‚Wir haben den Beweis‘: Israel findet Hamas-Kommandozentrum bei Al-Shifa-Erstürmung“ (n-tv), „Israelische Armee findet Hamas-Einsatzzentrum im Schifa-Krankenhaus“ („Zeit“), „Israel: Waffen im Schifa-Krankenhaus gefunden“ (ZDF). Erst nach Tagen kamen langsam Zweifel auf: „Kommandozentrale der Hamas doch nicht unter Al-Shifa-Krankenhaus?“, fragte der Nachrichtensender Welt am vergangenen Samstag.

Es ist freilich der Job eines Armeesprechers, selbst kleinere Funde als großen Erfolg zu verkaufen. Es wäre aber auch der Job von Journalisten, die Beweiskraft der Funde unabhängig einordnen zu können. Stattdessen beschränkte man sich aufs Abschreiben. Wobei eine Kopiermaschine zum Teil bessere Arbeit geleistet hätte. Denn auch Hagari ließ bei einer Pressekonferenz am 16. November zwischen den Zeilen Zweifel zu: „Wir werden weiter berichten, sobald wir bestätigte Informationen über alle weiteren Erfolge der Operation haben, und wir hoffen auf weitere Erfolge“, sagte Hagari: „Bis dahin müssen wir abwarten und geduldig sein.“

Warum schaffen es so viele deutsche Journalisten nicht, geduldig zu sein?

Die Art und Weise, wie über das Al-Shifa-Krankenhaus berichtet wurde, ist kein Ausreißer. Sie zeigt das grundlegende Muster, dem große Teile der deutschen Berichterstattung zum Nahostkonflikt folgen und das sich in folgenden Punkten charakterisieren lässt:

  • Die Berichterstattung fokussiert auf Nachrichten, die Israels militärisches Vorgehen rechtfertigen, und weniger auf solche, die das Leid der zivilen Bevölkerung und mögliche Menschen- und Völkerrechtsverletzungen zeigen.
  • Offizielle israelische Quellen und Aussagen sind deshalb die primäre Quelle von Nachrichten. Hamas-Aussagen werden dabei gerne zur Gegendarstellung zitiert. Das soll Objektivität suggerieren, es ist aber keine; denn die Hamas ist grundsätzlich keine gleichwertige Kriegspartei, sondern eine Terrororganisation.
  • Glaubwürdiger wären die Gegendarstellungen von unabhängigen Organisationen vor Ort. Diese sorgen in der deutschen Berichterstattung zum Nahostkonflikt – im Gegensatz zu anderen Kriegen – aber nur selten für Schlagzeilen.
  • Offizielle Darstellungen werden – im Gegensatz zu angloamerikanischen Medien – nicht eingeordnet, sondern einfach nur zitiert; auch dann, wenn die Ungereimtheiten offenkundig sind. Also im Falle von Al-Schifa die Diskrepanz zwischen dem, was versprochen wurde, und dem, was tatsächlich an Beweisen geliefert wurde.
  • Israelische Regierungsvertreter sind nicht nur die primäre Quelle von Nachrichten, sondern sie werden auch selektiv zitiert. Israelische Aussagen, die dem Narrativ widersprechen, dass Israel Zivilisten verschont und allein die Hamas für das humanitäre Elend verantwortlich ist, werden tendenziell ausgespart. Statements, wie jene des IDF-Sprechers – „Unser Fokus liegt auf größtmöglichem Schaden, nicht auf Präzision“ – oder jene des israelischen Verteidigungsministers – „Wir kämpfen gegen menschliche Tiere. Und wir werden entsprechend handeln“ –, sorgten beispielsweise im angloamerikanischen Raum, wie auch in israelischen Medien für Schlagzeilen, nicht aber in deutschen.
  • Wenn solche Aussagen aufgegriffen werden, dann, um sie zu relativieren. Oder, wie es „die „Zeit““ vormacht, um Israels Regierung wie einen emotionalen Teenager wohlwollend väterlich zu ermahnen. Dort schreibt Heinrich Wefing in Bezug auf die erschreckende Aussage des Verteidigungsministers: „So naheliegend solche Drohungen in einer schwersttraumatisierten Gesellschaft sein mögen, sie können nicht der Maßstab für das israelische Vorgehen sein.“

„Eure Medien sind auch nicht besser als unsere“

Diese Einseitigkeit der Berichterstattung hat mich seit dem Beginn der israelischen Offensive gegen Gaza sehr beschäftigt. So sehr, dass ein Freund mir vor einigen Tagen die Frage stellte: „Warum geht dir das eigentlich so nahe? Der Nahostkonflikt ist doch nicht dein Thema?“

Das gab mir zu denken. Es stimmt, ich habe noch nie aus Gaza und Israel berichtet, ich habe noch nicht mal einen persönlichen Bezug. Ich berichte aber immer wieder aus Iran, über afghanische Geflüchtete, allgemein über Menschenrechtsverletzungen in der islamischen Welt, vor allem über jene im Namen des Islam.

Dann fiel mir ein Gespräch ein, das ich vor einem Jahr über Telegram mit einem iranischen Regimeanhänger führte. Es war der Höhepunkt der Proteste gegen die Mullah-Diktatur. In den sozialen Medien kursierten damals entsetzliche Videos, man sah, wie Regimekräfte Demonstranten mit Motorrädern überfuhren und auf sie schossen, wie sie junge Frauen mit Knüppeln niederschlugen, man sah Leichen von Demonstranten, die von den Geschossen völlig zersiebt waren. Ich wollte wissen, was diese Gewalt bei einem Regimeanhänger auslöste und sprach ihn darauf an.

Der Mann versuchte gar nicht erst, das islamische Herrschaftssystem zu verteidigen. Stattdessen argumentierte er kühl-rational mit Interessen der inneren Sicherheit, der politischen Stabilität. Die toten Demonstranten seien sozusagen ein „verhältnismäßiger Preis“ dafür. Doch sein Hauptargument lautete: „Eure westlichen Regierungen gehen doch genauso gewalttätig mit Demonstranten um.“ Als Beleg zeigte er mir mehrere Videos von Polizeigewalt in westlichen Ländern. Und weiter: „Ihr westlichen Journalisten seid nur gut darin, Menschenrechtsverletzungen anzuprangern, wenn es nicht eure eigenen Regierungen sind, die sie begehen. Legt eure doppelten Standards ab, dann kann man euch ernstnehmen.“

Die Kritik war mir bekannt, man hört solche Dinge oft, wenn man im Nahen Osten unterwegs ist. Und doch geriet ich über derart pauschale und voreingenommene Vorwürfe in Rage. Ich konterte mit dem Beispiel von Darnella Frazier, der Jugendlichen, die den Tod von George Floyd mitgefilmt hatte und dafür mit einem Pulitzer-Sonderpreis geehrt wurde. Währenddessen sitzen die zwei iranischen Journalistinnen, die als erste über den Tod Mahsa Aminis berichtet haben, im Iran noch immer im Gefängnis. Ist das nicht Beweis genug, dass die westliche Presse frei, dass sie unabhängig und objektiv ist?

Trotzdem weiß ich jetzt nicht, was ich das nächste Mal antworten soll, wenn westlichen Journalisten „doppelte Standards“ vorgeworfen werden. Denn ich sehe auch, dass Handlungen – insbesondere Kriegshandlungen – anders bewertet werden, wenn nur die Akteure anders heißen. Dass ziviles Leid unterschiedlich viel Aufmerksamkeit bekommt, je nachdem, wer dafür verantwortlich ist. Dass in der Ukraine noch von Genozid die Rede war, jetzt aber diejenigen unter Rechtfertigungsdruck stehen, die die Verhältnismäßigkeit der militärischen Antwort Israels angesichts von über 11.000 Toten und Hunderttausenden Vertriebenen infrage stellen. Dass Journalistinnen und Journalisten in diesem Krieg schließlich selbst zur Zielscheibe werden, sobald sie kritisch berichten.

Diese Einseitigkeit der Berichterstattung setzt die Glaubwürdigkeit der freien westlichen Presse aufs Spiel. Und sie setzt auch die Glaubwürdigkeit jener Reporter aufs Spiel, die aus den Krisengebieten dieser Welt berichten und dort unter hohem Risiko die Menschenrechtsverletzungen der Anderen benennen. Das, so antwortete ich meinem Freund, ist mein persönlicher Bezug. Es wäre ein irreparabler Schaden.

Es geht aber auch anders. Daran erinnerte vor kurzem der israelische Historiker Yuval Noah Harari:

„Israelis und Palästinenser versinken gerade im Schmerz, sie sind außerstande, das Leid der Anderen nachzuempfinden oder anzuerkennen. Aber von Außenstehenden, wie etwa Deutschen, erwarte ich: Seid nicht denkfaul. Seid nicht emotional faul. Schaut nicht nur auf die eine Seite dieser schrecklichen Realität.“

Eine Mahnung, die für alle gilt. Vor allem aber für Journalistinnen und Journalisten.

18 Kommentare

  1. Ich bin sehr dankbar für Ihre aufrichtige Stimme. In der letzten Zeit bin ich immer mehr auf den Guardian und andere internationale Medien ausgewichen. Das ist doch eigentlich schade.

  2. Einiges in dem Kommentar finde ich verständlich, aber einiges auch nicht. Da wird zuerst auf die unterschiedliche Berichterstattung deutscher und anglo-amerikanischer Medien hingewiesen, danach aber pauschal das olle Lied von der fehlenden Glaubwürdigeit der westlichen Medien abgesungen. Sind CNN und Guardian jetzt keine westlichen Medien mehr?

    Und selbst wenn Sie nur die deutschen Medien nehmen: Wenn Ihnen da keine bedeutenden Unterschiede mehr zu iranischen Staatsmedien oder auch halbfreien Medien wie al-Jazeera einfallen, würde sich vielleicht ein genauerer Blick lohnen. Das dämliche „Ihr seid ja auch nicht besser!!!“, das alle möglichen Drecksäcke „dem Westen“ entgegenschreien, ist erstens infantil (selber doof!!!) und zweitens meistens Quatsch.

    „Denn ich sehe auch, dass Handlungen – insbesondere Kriegshandlungen – anders bewertet werden, wenn nur die Akteure anders heißen. […] Dass in der Ukraine noch von Genozid die Rede war, jetzt aber diejenigen unter Rechtfertigungsdruck stehen, die die Verhältnismäßigkeit der militärischen Antwort Israels angesichts von über 11.000 Toten und Hunderttausenden Vertriebenen infrage stellen.“

    Oh Wunder, verschiedene Dinge werden verschieden eingeordnet! Der russische Krieg gegen die Ukraine ist halt ein grundsätzlich ungerechter, der israelische Krieg gegen die Hamas ein grundsätzlich gerechtfertigter Krieg. Die Ukraine hat nicht Russland überfallen und mehr als 1000 Zivilisten massakriert, sie strebt nicht die Vernichtung Russlands an usw. usf.

    Zum konkreten Beispiel al-Schifa-Krankenhaus: Die Schlagzeile von ntv und bedingt auch die der Zeit sind sicherlich (zumindest bislang) von den Fakten nicht gedeckt, aber die vom ZDF? „Waffen im Schifa-Krankenhaus gefunden“ entspricht doch den Tatsachen. So hab ich das übrigens auch den deutschen Medien entnommen: Es wurde was gefunden, aber bisher nicht die große Kommandozentrale, die dort vermutet wurde/wird. Aber gut, das ist nur mein persönlicher Eindruck. Aber selbst wenn dort nicht mehr gefunden wird als bisher bekannt: Dann war das ein folgenschwerer Irrtum der israelischen Sicherheitskräfte (dass die nicht allwissend sind, hat sich ja leider am 7. Oktober sehr deutlich gezeigt). Tragisch und in seiner Verhältnismäßigkeit diskutierbar, aber doch weit entfernt von dem (mindestens beim derzeitigen Kenntnisstand) blödsinnigen Vorwurf, Israel würde aus reiner Boshaftigkeit oder Rachsucht zivile Ziele attackieren.

  3. Weil irgendein dt. Medium mal einseitig berichtet, ist ja nicht jeder dt. Journalist unglaubwürdig. Bzw., wer so denkt, will dt. Journalisten wahrscheinlich gar nichts glauben, falls Ihnen das ein Trost ist.
    Ansonsten haben Sie natürlich Recht: lieber immer etwas abwarten.

  4. Erstmal danke für den Beitrag, dem ich in vielen Punkten zustimme. Aber einen Kritikpunkt habe ich, der mir nicht ganz unwesentlich erscheint. So schreibt der Autor dankenswerterweise: „Hamas-Aussagen werden dabei gerne zur Gegendarstellung zitiert. Das soll Objektivität suggerieren, es ist aber keine; denn die Hamas ist grundsätzlich keine gleichwertige Kriegspartei, sondern eine Terrororganisation.“ Später im Text verbreitet er dann aber, „mehr als 11.000 Menschen wurden bislang getötet, zwei Drittel davon Frauen und Kinder“. Bei dieser Information, die als unzweifelhafter Fakt präsentiert wird, wäre eine Quelle spannend. Zum Glück ist da ein Link angegeben, durch den man erfährt, dass die Zahl von Gaza’s Health Ministry stammt – einer Organisation, die unter Kontrolle der Hamas steht …
    https://en.wikipedia.org/wiki/Gaza_Health_Ministry

  5. @Minh:
    https://www.zdf.de/nachrichten/politik/ausland/who-gaza-krankenhaus-lindmeier-israel-100.html

    Die Zahlen des „Health Ministry“ sind die einzigen brauchbaren Zahlen, waren in der Vergangenheit noch nie erkennbar propagandistisch relevant überhöht. Zitat:

    „Ob es jetzt 12.000 Tote in Gaza sind und 5.000 Kinder davon oder 11.000 und 4.800 Kinder – würden wir wirklich eine andere Diskus
    sion haben, wenn es dieser Unterschied wäre?
    Christian Lindmeier, WHO-Sprecher “

    Ich glaube nicht, dass das hier wirklich ein seriöser Punkt ist. Die Zahlen müssten schon Richtung 100% erhöht tendieren, bis der propagandistische Nutzen den Gesichtsverlust der Behörde ausgliche. Das war in der Vergangenheit nie der Fall.

    Auch in diesem Fall gehe ich davon aus, dass es der Sache Israels nicht hilft, wenn man mit Mutmaßungen arbeitet, die sehr wahrscheinlich unhaltbar sind.

  6. Deutschen Medien einseitige Berichterstattung zugunsten Israels unterstellen, aber mit keinem Wort das Debakel um den angeblichen Beschuss der Al-Ahli-Klinik zu erwähnen, die das genaue Gegenteil war … auch eine Art der Medienkritik.

    Und noch ein Wort zur Behauptung, dass die „Gegendarstellungen von unabhängigen Organisationen vor Ort glaubwürdiger“ sind: Woher beziehen die denn ihre Informationen, wenn sie sich im Gazastreifen aufhalten? Gibt es im Gazastreifen tatsächlich noch „unabhängige“ Akteure?

    PS: Auch interessant, dass die Angaben der (unabhängigen) Organisationen vor Ort hinsichtlich der israelischen Angaben direkt zur „Gegendarstellung“ erklärt werden. Wird damit nicht impliziert, dass die israelischen Angaben per se falsch sind? Man kann sich bei aller berechtigen Kritik an den deutschen Medien also auch fragen, ob der Autor nicht ähnlich einseitig berichtet.

  7. #6 @Christian
    Die Kritik an der einseitigen Berichterstattung wurde doch begründet, Sie hauen hier ein Schlagwort (Al-Ahli-Klinik) in die Runde und wollen damit was beweisen? Dass ARD und Co. doch objektiv und ausgewogen berichten? Dass BBC und Co unausgewogen berichten? Bringen Sie dafür bitte Beweise und kein Geraune! Was haben BBC, CNN und andere, deren Berichterstattung sich nicht darauf beschränkt, das zu berichten, was die verbündete Konfliktpartei verlautbaren lässt, beim Thema Al-Ahli-Klinik für ein Debakel erlebt?

    „PS: Auch interessant, dass die Angaben der (unabhängigen) Organisationen vor Ort hinsichtlich der israelischen Angaben direkt zur „Gegendarstellung“ erklärt werden. Wird damit nicht impliziert, dass die israelischen Angaben per se falsch sind?“
    Nein.

  8. Dieses Geplärre und Gezerre über Einzelheiten des Krieges zwischen Arabern und Juden bringt doch nichts. Kaum jemand ist neutral. Entweder steht man auf der Seite der Araber oder auf der Seite der Juden. Entsprechend holt man sich die Argumente aus den Nachrichtenschnipseln und Propagandahäppchen der beiden Seiten. Kein Antisemit sympathisiert mit Israel. Jeder Antisemit ist für ein „Freies“ Palästina vom Jordan bis zum Mittelmeer. Für Israel sind die Juden und die deutsche „Staatsraison“. Ansonsten ist es sehr einsam um Israel. Meine persönliche Meinung ändert nichts an diesen Zuständen.

  9. Erstmal vielen Dank für diesen Beitrag, er beleuchtet nochmal einen wirklich kritischen Punkt. Auch aus meiner Sicht gab es regelrecht absurde Vorverurteilungen. So wurde beispielsweise die ganze Fridays For Future Bewegung als antisemitisch bezeichnet, u.a. weil Frau Thunberg sie sich pro palästinensisch positionierte ohne eine mehrseitige Relativierung aufzusagen.
    Ich finde es allerdings auch kritisch wie hier alle deutschen Medien anhand von 3 Überschriften über einen Kamm geschert werden. Langformate wie das Heute Journal oder der NDRInfo Podcast „Streitkräfte und Strategien“ (beide öffentlich-rechtlich) sind da keineswegs unkritisch pro israelisch und erläutern immer wieder das ganze Dilemma. Im Heute Journal wurde beispielsweise der Sprecher der israelischen Armee von Herrn Sievers regelrecht vorgeführt mit genau dem im Artikel genannten Beispiel. Auch „Streitkräfte und Strategien“ geht immer wieder auf die humanitäre Katastrophe ein, die dort passiert. Aber man muss sich halt die Mühe machen die Langformate zu konsumieren statt nur Überschriften zu lesen.

  10. Nochmal zu den Opferzahlen – bei anderen Kriegen und Konflikten dauerte es eher Monate oder Jahre, bis einigermaßen unumstrittene Zahlen zustande kamen, insofern wäre es vernünftig, die 10.000 oder 11.000 mit Vorbehalt zu veröffentlichen.
    Beim sogenannten Krieg gegen den Terror waren es bei über eine Mio. zivile Opfer in 10 Jahren, also rd. 100.000 in einem Jahr oder 10.000 in 5 Wochen, also wie jetzt im Gazastreifen.
    Aber da der „Krieg gegen den Terror“ ja nicht konstantes Bombardieren war, muss es phasenweise ja noch schlimmer gewesen sein. Andererseits lebten in Bagdad bspw. auch viel mehr Menschen als im Gazastreifen.

  11. @5 Sie schreiben: „Die Zahlen des „Health Ministry“ sind die einzigen brauchbaren Zahlen, waren in der Vergangenheit noch nie erkennbar propagandistisch relevant überhöht.“
    Das ist im Fall des Raketeneinschlags auf dem Parkplatz vor dem anderen Krankenhaus aber doch so gewesen. Schnell war von 500 Opfern war die Rede. Auf Bildern waren aber lediglich drei ausgebrannte Fahrzeuge zu sehen.

  12. @#10 Die Million ziviler Opfer im „Krieg gegen den Terror “ ist auch nicht allein durch Bomardierung entstanden. Vielmehr hat die „Koalition der Willigen“ die gesamte Infrastruktur im Irak zerstört, u.a. auch alle Kläranlagen und anschließend hat man die zur Wasseraufbereitung benötigten Chemikalien auf die Embargoliste gesetzt. Wie hat es Hillary Clinton schon vor Jahren so treffend formuliert: „We think it was worth it.“

    Auch wenn solche Vorgänge in Europa nur selten thematisiert werden, in der restlichen Welt sind sie sehr wohl bekannt. Womit wir wieder bei der Einseitigkeit wären.

  13. @#14:
    Einseitigkeit zum Nachteil der Israelis oder zum Vorteil der Palästinenser?

    Ein Unterschied wäre mMn noch, dass die Iraker zu keinem Zeitpunkt al-Qaida zu ihrer Verwaltungs- oder Regierungspartei wählten, wie es die Palästinenser ja mit der Hamas taten.
    D.h., zu sonstigen Ungerechtigkeiten kommt hinzu, dass weder die Iraker je die Möglichkeit hatten, al-Qaida abzulehnen, noch dass al-Qaida-Angehörige im Irak ihre Basis hatte.

    Und der Krieg gegen den Terror wurde von vielen unterschiedlichen Leuten auf vielen unterschiedlichen Ebenen kritisiert, einschließlich der zivilen Opfer, trotzdem wüsste ich nicht, dass jemand ernsthaft forderte, mit bin Laden zu verhandeln. Im Falle der Hamas kam dergleichen schon vor.

  14. Ups!
    Aber es gibt bestimmt auch Hamasmitglieder im Westjordanland.
    Trotzdem konzentriert sich Israel – im Unterschied zu den USA – auf den Gazastreifen, wo die akute Terrororganisation – im Unterschied zum Irak – tatsächlich die Regierung stellt.
    Soll heißen, die USA waren sowohl bei der Wahl ihrer Ziele als auch bei der Entscheidung, wer als Kollateralopfer in Kauf genommen werden soll, willkürlicher und somit brutaler und grausamer als Israel jetzt. Was nicht im Umkehrschluss heißen soll, dass Israel keine Kritik verdiente, aber halt: die Proportionen.

  15. Es sagt mindestens genauso viel über den „kritischen“ Journalismus, dass er derartige Blüten treibt. Einseitige Berichterstattung kritisieren, aber von Opferzahlen auszugehen, die von einer Behörde verbreitet werden, die unter der Kontrolle von Terroristen steht nach wenigen Tagen bereits 500 Opfer und eine Krankenhausbombardierung erfunden hat. Meine Großmutter war weiter: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.“
    Dann werden Konflikte zum Vergleich herangezogen, die fatal sind. Der Irak wurde u.a. aufgrund von US-Lügen begonnen. Die 1200 getöteten Israelis und die über 200 Geiseln sind wohl kaum eine Lüge. Ziel der Hamas ist keineswegs die Befreiung Palästinas, sondern die Vernichtung von Juden. Kann man in deren Charta lesen, anders sind die Terrorakte nicht zu erklären. Das ist, auf Ukraine oder Iran bezogen, einzigartig. Es geht der Hamas nicht um Recht oder Gerechtigkeit, nicht um wirtschaftliche Vorteile o.ä., womit man die Motive Russlands, Irans, der berechtigten ukrainischen Gegenwehr oder der Protestierenden im Iran doch einigermaßen treffend beschreiben kann. Auch die Fatah steht sicher nicht für aufgeklärte Demokratie mit Gleichberechtigung der Geschlechter. Trotzdem werden sie massiv von z.B. der EU unterstützt.
    Und ja, es gibt Unterschiede. Mord, Notwehr, fahrlässige Tötung usw. – alle enden mit einem Opfer, für die Angehörigen zählt das nicht. Aber das Recht differenziert aus gutem Grund.
    Zivile Opfer wie in Dresden u.a. haben bei aller Verwerflichkeit auch zum Ende des Naziterrors beigetragen. Müßig zu spekulieren, was anderenfalls geschehen wäre.
    Im Hamas-Israel-Konflikt gibt es nicht einfach „zwei Parteien“, gar zwei „gleichberechtigte“. Wie die Dresdner letztlich Opfer des Nationalsozialismus waren, sind die palästinensischen Zivilisten Opfer der Hamas-Terroristen.
    P.
    P.S.: All diese Palästinenser, die Zivilisten und gegen die Hamas sind, wo sind die eigentlich bei all diesen Großdemonstrationen? Kann es sein, dass die anderen nicht nur lauter sind, sondern tatsächlich in der Überzahl? Aber in palästinensischen Kliniken liegen ja auch keine verwundeten Kämpfer, sondern nur Frühchen. Kein Hamas-Berichterstatter muss ein Verfahren befürchten, wenn er lügt. Das ist bei israelischen fake news nicht der Fall. Israels Regierung wird auch im Inland massig kritisiert.

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.